Lukas in Indien

Ein Jahr in Vilathikulam

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Die lange Reise nach Vilathikulam

Hallo,

einige Zeit ist jetzt doch vergangen, seit dem letzten Beitrag. Deutlich mehr Zeit, als beabsichtigt, was aber schlichtweg daran lag, dass meine Abreise aus gesundheitlichen Gründen  verschoben werde musste. Vier Wochen blieb ich noch zuhause, um mich zu schonen und zu genesen. Jetzt ging es dann aber endlich los. Am 8.Oktober hob der Flieger endlich ab. Und seit kurz nach Mitternacht des 9.Oktober befinde ich mich nun auf indischem Boden. Wenn es da auch ein kleines Hindernis gab. Aber alles von Anfang an.

Auf nach Paris

Mein erster Flug sollte von Frankfurt abfliegen, um 07.10Uhr. Gepäck abgeben, noch ein letztes Croissant zum Frühstück gegessen und dann durch die Security. Mit dem Schuttlebus ging es dann zum Flugzeug. Doch als wir am Flugzeug waren, standen wir da dann erstmal eine ganze Weile, bis das Flugzeug soweit war und sich die Türen des Busses öffneten. Mein Blick schweifte dabei immer wieder über die Flugmaschine. Um mich herum Franzosen, die gut drauf waren und viel und laut lachten und unglaublich schnell redeten. Als mein Blick über das Flugzeug schweifte und bei den Flügeln hängen blieb, erinnerte ich mich daran, wie ich mich beim online CheckIn einige Plätze nach hinten versetzt hatte, um nicht direkt neben dem Flügel zu sitzen und mehr sehen zu können. Ich fragte mich, wen ich da wohl weggesetzt hatte. Bestimmt irgendein Pärchen, das jetzt einen Gang zwischen sich hat und mich dann fragen wird, ob ich nicht Plätze tauschen möchte, sie würden gerne nebeneinander sitzen.

Dann öffneten sich die Türen, und die Menschen strömten ins Flugzeug. Ich setzte mich auf meinen Platz und begann meine Kopfhörer zu entknoten. Im Augenwinkel bekam ich mit, wie sich ein junger Herr mit stolzem Bart neben mich setzte und einen leicht traurigen und auffordernden Blick von seiner Freundin zugeworfen bekam, die sich auf den Platz auf der anderen Seite des Ganges setzte. „Verdammt ich wusste ich“, dachte ich mir nur, bevor die Frage auch schon kam. Mit einem freundlichen Lächeln willigte ich selbstverständlich ein, innerlich lachte ich jedoch hämisch. Während ich mich auf meinen Gangplatz setzte, wurde ich von der Freundin noch einmal glücklich angestrahlt, und dann war ich auch schon vergessen und ihr Liebesurlaub in Paris begann. Die neue Frau neben mir war schon halb eingeschlafen, doch während des Startes wachte sie wieder auf und machte daraufhin das Fenster dunkel, und schloss die Augen wieder. Ich lehnte mich also auch zurück und schloss ebenfalls die Augen. Kurz vor der Landung öffnete die Stewardess dann die Abdunklung wieder und so sah ich wieder mal den Eifelturm und andere Sehenswürdigkeiten Paris‘ aus der Luft, während das Pärchen nach eben jenem suchend auf die Lande um Paris blickte. Dann die erste Landung und ich war in Paris, ein toller, wenn auch ganz normaler Flughafen,

Der Flug nach Mumbai

Etwa neun Stunden dauerte dann der Flug von Paris nach Mumbai. Vorbei am, von Wolken bedeckten Straßburg und quer über den Rhein, der nur gerade so als blauer Strich durch die Wolken hindurchtrat. Vorbei an Freiburg und weiter, quer durch Süddeutschland.  Klar war der Himmel über dem Bodensee und den darauf folgenden österreichischen Alpen. Dann unaufhaltsam weiter über den Balkan, doch auch auf eine dicke weiße Wolkendecke zu und bald war unter uns nur noch ein endloses, niemalsgleiches Meer, aus weißem Wasser zu sehen. Erst auf Höhe des Schwarzen Meeres löste sich die Decke, oder eigentlich ja der Boden, wieder ein wenig auf, und die Küste der Türkei war zu erahnen. Doch da wurden alle Passagiere gebeten, die Fenster zu verdunkeln, und langsam verdunkelte sich dann auch das Licht im Flugzeug. Als es im Flugzeug dann wieder heller wurde, war es draußen dunkel. Ganz vereinzelt waren kleine Lichtpunkte weit unten zu erkennen, irgendwo zwischen dem Schwarzen Meer und der Arabischen See befanden wir uns nun. Dann irgendwann verschwand auch das letzte Licht am Horizont, wir waren vollständig über dem Arabischen Meer. Erst nach einiger Zeit vollkommender Dunkelheit, die nur immer wieder vom Blinken der Lichter am Flügel des Flugzeugs durchbrochen wurde, waren dann auf einmal wieder Lichter voraus am Horizont zu erkennen und es wurden schnell immer mehr. Und dann wich das dunkle Meer, einem Meer aus Lichtern, fahrenden und stehenden, Mumbai. Doch abseits der hellen Stadt, und den ewig graden Straßen, die sich aus ihr entwinden, erstreckte sich wieder über große Flächen Dunkelheit, nur ganz vereinzelt waren wieder kleine Lichtflecken zu sehen.

Eine nacht in Mumbai

Dann Landung, aufstehen, der Crew ein nettes Dankeschön gesagt, raus aus dem Flugzeug, einen ewigen Flur entlang, immer den Schilder ‚Immigration‘ hinterher.
Dann Zettel ausgefüllt, in Schlange gestellt, den Pass an den Beamten gereicht, in Kamera geschaut, Stempel bekommen, das kleine Tör öffnete sich, … und auf einmal war ich dann in Indien, mit Stempel im Reisepass. Zumindest fast, denn noch war ich jetzt erstmal in der Gepäckhalle. Mein Blick wanderte über das große Display, das Gepäck unseres Fluges lag auf Band 5 und alles Gepäck sollte wohl bereits dort liegen. Dort angekommen wanderte mein Blick dann über die vorbeiziehenden Taschen. Nachdem der gleiche Koffer zum dritten Mal an mir vorbeizog, doch meine Tasche nicht zu sehen war, wurde mein Blick etwas kritisch. Im Augenwinkel bekam ich mit, wie eine Frau einen angestellten halb hysterisch, halb verzweifelt anfuhr, einer ihrer Koffer fehlt. In Frankfurt und Paris hatten wir leichte Verspätungen, aufgrund technischer Probleme beim Gepäck beladen und ich erinnere mich, wie ich in Paris aus dem Flugzeug beobachtet hatte, wie ein Gepäck-Container-Wagen lange Zeit unbewegt am hinteren Ende unseres Flugzeugs stand, an der Flugmasche gegenüber, mit der Aufschrift „South China“ aber immer mehr Container auf dem Boden verstreut standen, ohne eingeladen zu werden, bis plötzlich einer der Wagenfahrer dort kehrt machte, in Richtung des Wagens fuhr, der bei unserem Flugzeug unbewegt stand, ihn (vermutlich) anraunte und wild in Richtung des anderen Flugzeugs gestikuliert und schlussendlich sich beide auf den Weg zu besagtem Flugzeug machten. Zuletzt als wir losrollten, hatte dann ein Mitarbeiter die ganzen Container dort noch einmal von Hand abgescannt. Wer weiß also, wo meine Tasche vielleicht war. Ich ging daher auch zu vorhin genanntem Angestellten und wurde zum Gepäckservice der Fluglinie am anderen Ende der Halle weitergeleitet. Um die Spannung herauszunehmen, der verlorene Koffer der Frau, die ich aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, lag nur auf einem Band weiter links und sie ist darauf hin, zwar vermutlich etwas durch den Wind, aber glücklich wieder nach Hause gefahren. So leicht war meine Tasche leider nicht aufzutreiben.

Ich schilderte also mein Problem einem der Angestellten dort und die große Suche begann. Zuerst wurde im Computer geguckt, auf das kritische und leicht fragende Blicke folgten, dann gingen wir jedes Band ab, schauten, ob es auch auf einem anderen Band nur lag, nur erfolglos. Dann wieder blicke in den Computer, gerede mit den Kollegen, mehrere Telefonate gleichzeitig. Die Blicke aller Angestellten bekamen den gleichen Ausdruck, skeptisch mit einem leicht fragenden Farbton. Wieder ging es durch die Halle, vorbei an allen Gepäckbändern, ein kurzer Abstecher zum Gepäckband für Großes- und Spezialgepäck, dann wieder zurück zum Schalter. Währenddessen wurde weiterhin das Telefon glühend geredet und mit zich Mitarbeitern direkt gesprochen. So ging das eine ganze Zeit lang, dann wurde mir am Schalter aufgetragen, jetzt hier einfach etwas zu warten, der Computer zeigte wohl an, dass das Gepäckstück hier am Flughafen irgendwo war. Ich war fast ein wenig betrübt, dass meine Tasche wohl doch nicht in Hong Kong gestrandet sei. Nach einiger Zeit kam man wieder auf mich zu und meinte, die Tasche war wohl noch irgendwo in den Tiefen des Flughafens gewesen und sie würden jetzt versuchen, sie ans Licht der Oberwelt zu befördern.

Ich wartete also wieder, bis man erneut auf mich zukam, jemand träge sie jetzt manuell nach oben, ich könne ein bisschen herumlaufen, durch die Läden und derlei, und in zwanzig Minuten wieder kommen. Ich schlenderte also von dannen, da ich aber keine Lust auf die vollen Geschäfte dort hatte, lief ich zwischen den vielen Gepäckbandreihen hin und her. Als ich sah, das auf dem gleichen Band, auf dem meine Tasche hätte liegen sollen, jetzt das Gepäck einer Lufthansa-Maschine ebenfalls aus Paris entladen wurde, blieb ich dort ein wenig stehen. Als dann die zwanzig Minuten aber um waren, machte ich mich wieder auf den Weg zum Serviceschalter. Auf dem Weg dorthin lief ich noch einem der Mitarbeiter des Gepäckservices über den Weg, der mir, glaube ich, aufmunternd zulächeln wollte und nochmal verdeutlichte, ich konnte jetzt wieder zum Schalter kommen. Dort angekommen wurde ich von den Mitarbeitern freundlich empfangen und mit einem wieder anderen Mitarbeiter mitgeschickt. Wir gingen zum Sondergepäckband, über das meine Tasche jetzt wohl nach oben kommen sollte. Dann standen wir da, das Band rödelte vor sich hin, aber nicht mal ein Staubkorn kam durch den Vorhang des Bandes. Also standen wir jetzt da und starrten auf das leere Band. Der Mitarbeiter setzte sich auf einen Stuhl neben dem Band und begann mit der Lüftungsanlage des Motors, der das Band vermutlich antreibt, zu spielen, in dem er immer wieder seine Hand auf das Gitter legte und wieder wegnahm und somit zwei verschiedene Pustetöne erzeugte. Daneben, auf einem zweiten wackeligen Stuhl, war ein Sicherheitsbeamter in sich zusammengesunken und döste vor sich hin, während aus seinem Funkgerät immer wieder rauschendes Gerede kam. Um mich herum lagen Haufen von eingestaubten Kinderwägen, Rollatoren, anderen Metallkonstruktionen, Schlafsäcken und anderen Taschen. Ich bekam mit, wie ein Stück abseits von mir, an einem anderen Schalter, ein Geschäftsmann wütete, sich lauthals beschwerte, wo denn sein Gepäck sei und dabei immer wieder wild und nicht gerade leise auf Deutsch vor sich hin fluchte. Ich musste etwas schmunzeln, „glaubt wohl, niemand würde ihn hören“. Als nach einiger Zeit, immer noch nichts durch das Band nach oben gebracht wurde und dem Mitarbeiter selbst das Spiel mit der Lüftung zu viel wurde, stand er auf einmal auf, deutete mir hier zu warten und ging von dannen. Blieben also nur noch ich, das rödelnde Gepäckband und der schlafende Sicherheitsbeamte. Jener wachte dann auch auf einmal auf, stand auf, setzte sich auf den anderen Stuhl und schlief sofort wieder ein. Dann rödelte das Band etwas lauter und brachte zwei LED-Fernseher und eine Kaffeemaschine zum Vorschein, die dann kurz darauf von einer Mitarbeiterin umständlich auf einen Gepäckwagen gestapelt wurden, nochmal umgestapelt wurden und dann abtransportiert wurden. Dann kam mein Mitarbeiter wieder, bedeutete mir, ich solle ihm folgen. Als wir in Richtung des Gepäckservices gingen, deutete er in Richtung des Schalter und aus der Ferne konnte ich auf einem Wagen meine blaurote Tasche entdecken, endlich. Auf ihr auf dem Wagen standen noch eine Reihe leerer Koffer, die ich erst vom Wagen runter räumen musste, dann aber hatte ich sie aber endlich wieder, meine Tasche, zwar etwas schmutzig, aber unversehrt. Ich bedankte mit ganz herzlich, für den unglaublich freundlichen und bemühten Service, man sagte mir noch, sie wurde jetzt wohl gänzlich manuell nach oben getragen, dann ging ich meiner Wege.

Ich stellte mich in der kurzen Schlange „Nichts zu verzollen“ an. In der Schlange neben mir, am Zoll stehend, sehe ich einen älteren Herrn, mit zwei LED-Fernseher und einer Kaffeemaschine und ich konnte es mir nicht verkneifen, den Mann einmal anzugrinsen, bevor ich dann noch einmal meinen Rucksack durchleuchten lassen musste und dann stand ich 24Stunden, nachdem ich mein Heim ein letztes Mal verlassen hatte, mitten in Indien, oder zumindest mitten im Flughafen nach Mumbais, wobei selbst das ist etwas übertrieben, denn wirkte es eher wie eine kleine Nebenhalle.

Sofort gab ich mein Gepäck wieder auf und ging direkt weiter durch die Security und fand mich dann im Terminal für Inlandsflüge wieder, in einem fast Menschenleeren Terminal, denn es war ja mitten in der Nacht. Mit Ausnahme von zwei oder drei anderen Passagieren, standen nur noch einige Verkäufer vor den vielen Geschäften im Zentrum des Terminals Spalier und warteten. Doch mit Ausnahme von einem kurzen Blick schenkte ich diesen keine weitere Aufmerksamkeit, sondern folgte den erst besten Schildern, die Wartegelegenheiten anzeigten, denn bis mein Flug abheben sollte, standen noch über neun Stunden Wartezeit auf dem Plan, länger als der Flug nach Mumbai selbst. Daher hatte die Ablenkung durch die Gepäcksuche eigentlich nur gutes, denn so waren gleich zwei Stunden weniger zu warten.

Daher verbrachte ich nun die nächsten Stunden damit, Musikzuhören und dem Flughafen dabei zuzusehen, langsam aufzuwachen und immer voller zu werden. Das war unteranderem auch daher interessant, da sich Inder in Kleidungen, wie wir sie auch in Deutschland kennen, in gleicher Anzahl, wenn nicht gar größerer Anzahl, unter Inder, mit mehr traditioneller Kleidung, wie man es vielleicht Beschreiben könnte, mischten. Nebenbei war wohl gerade Großputz angesagt, zumindest wuselten überall Putzkolonnen hin und her. Und selbst die Museumsstücke hinter einer großen Glaswand wurden mit einem Hochdruckstaubsauger, dessen Rohr an einer sehr langen Metallstange befestigt war, waghalsig abgestaubt. Schneller als gedacht war es dann aber Zeit für mich, zum Gate zu laufen, das schöner Weise in der Richtung war, in die ich auch gelaufen bin, als ich zu den Sitzgelegenheiten lief , was ich da aber noch nicht gewusst hatte.

Die letzte Flugetappe (nach Tiruchi)

Im Flugzeug sitzend schweifte mein Blick über das Gelände des Flughafens, das ein gleiches Bild wie auch schon in der Nacht bat, nur vielleicht etwas weniger orange, da ja nun die Sonne als Lichtquelle diente und keine Lampen von Nöten waren. Doch als das Flugzeug dann losfuhr, zeigte sich die Stadt um den Flughafen nun in einem ganz anderen Licht. Denn wo in der Nacht nur Dunkelheit herrschte, waren nun Slums zu sehen, wie sie in jedem Schulbuch hätten abgebildet werden können. Hunderte kleine Hütten, die aus verschiedensten Dingen zusammengezimmert waren, Kinder die auf Schlamm und Müll, keine hundert Meter von der Startbahn entfernt spielten, rennend eine Art Drachen steigen ließen und gepanzerte Polizeiautos die an den Mauern des Flughafengeländes Patrouille fuhren. Doch erhoben sich auch kleine, im Vergleich zu den Hütten, aufwendig gebaute und gepflegte Tempel, ein Ort des Glaubens, der Stärke und Hoffnung. Zumindest wirkte es so auf mich, als Außenstehender, der gerade für nicht wenig Geld nach Indien geflogen ist. Ein Ruck riss mich aus meinen Gedanken, das Flugzeug startete, hob ab. Aus der Luft war erst das ganze Ausmaß der Slums zu erkennen, der ganze Flughafen war weit davon umringt. Dahinter dann ein immergleiches Stadtbild. Überall ragten gleichaussehende, graue, höhere Gebäude, eine Art Mehrfamilienhäuser denke ich, in die Höhe, daneben standen viele kleinere Gebäude, dazwischen immer wieder grün, ein ganz anderes Stadtbild als noch in der Nacht. Denn was in der Nacht noch so vielfältig, durch die verschieden hellen Lichter, teils bewegend, teils feststehend, aussah, war nun fast schon eintönig und stumpf, zumindest von oben her betrachtet. Immer höher stieg das Flugzeug, hinein in eine dichte Wolkendecke. Zuletzt waren noch viele kleine Boote auf dem Meer zu erkennen, dann nur noch weiß. Das Flugzeug macht eine 180° Kurve und nahm Kurs auf Tiruchi. Erst nach etwa der Hälfte des Fluges, lichtete sich die Wolkendecke wieder.

Im ganz groben kann man eigentlich sagen, dass Indien, oder Tamil Nadu von oben nicht viel anders aussieht, als Deutschland. Viele Felder, neben verschieden großen Wäldern oder Wäldchen und dazwischen immer wieder kleine Ansiedlungen. Nur nicht ganz so hügellich, wie Süddeutschland, sondern sehr flach. Ein weiterer Unterschied ist vielleicht, dass die Farbvielfalt nicht so hoch ist. Wo in Deutschland Felder in verschiedenen Farben zu sehen sind, dominieren hier nur sehr wenige Farben.

Die ersten Felder die wir dann überflogen, waren sehr trocken und grau, bis auf einmal, ein stark ausgetrocknetes und sehr großes Flussbett auftauchte, auf das dann Felder in saftigem grün und voller Wasser folgen. Daraufhin kamen dann immer wieder größere und kleine Flüsse und Kanäle voller Wasser in Sicht. Auf den Feldern waren Maschine und Traktoren, genauso häufig am Arbeiten, wie von Rindern gezogene Pflüge.

Ein einziges Mal erhob sich nach einer Ewigkeit der flachen Lande, steil eine hohe Anhebung empor, die dann eine Zeitlang als Hochebene blieb, ehe es wieder genauso steil nach unten ging und es wieder gleichbleibend Flach war. Kurz nach dieser Anhebung kam dann eine sehr große Stadt in Sicht, die wir aber links liegen ließen. Ein kurzes Stück später begann dann der Sinkflug des Flugzeugs und Tiruchi war nun in greifbarer Nähe.

Eine letzte Landung, und ich war an meinem ersten Ziel angekommen.

Tiruchirapalli (Tiruchi)

Eine kleine Straße in Madurai

Kurz nach der Landung war ich dann zum ersten Mal direkt mit der Luft Indiens in Kontakt, ohne Klimatisierung der Flugzeuge und Flughäfen. Und ich muss sagen, mit T-Shirt und Pullover, den ich aufgrund der doch recht kalten Flughäfen und Flugzeuge nochmal sehr liebgewonnen hatte, ließ sich die Temperatur sehr gut ertragen. Nach wenigen Schritten war ich dann aber auch schon wieder im Flughafen, am Gepäckband, diesmal auch mit meinem Gepäck und machte mich dann auch schon auf den Weg Richtung Ausgang, um die Salesianer in Tiruchi zu treffen. Am Flughafen wurde ich dann von Father Arul Maran (dem Executive Director) und einem Mitarbeiter der Salesianer abgeholt, die schon auf mich zukamen, als ich gerade erst aus der Tür des Flughafens getreten bin und freundlichen Damen mitgeteilt hatte, das ich kein Taxi brauche. Dann ging‘s mit dem Auto durch die Stadt zum Provinzialhaus. Und ich muss sagen, Autofahren, oder besser als Beifahrer Autofahren, macht unglaublich viel Spaß in Indien. Da so viel um einen zu sehen ist. Das Problem ist nur, dass ich nicht weiß, wie ich diese indischen Städte und Dörfer und den Verkehr beschreiben könnte, aber ich will mein bestes probieren.

Ich glaube, was das ganze Bild ganz gut beschreiben könnte wäre “so wies halt funktioniert und passt”. Zumindest wirkt es im ersten Moment so. Das gilt sowohl für Gebilde, wie auch für den Straßenverkehr. Es wird im Prinzip auf der linken Seite gefahren und es gibt auch Schilder, die beschränken sich aber meist auf Richtungsangaben und Ampeln gibt’s nur an sehr großen Kreuzungen in großen Städten. Jeder bahnt sich eben seinen Weg durch die Straßen und hat dies zur Folge, dass man mal ein Stück auf der anderen Seite fährt oder andere zum Bremsen zwingen muss, dann ist dies eben so. Auch ist es außerhalb von Ortschaften nicht wirklich wichtig, auf welcher Seite man überholt. Ein wichtiges Instrument im Straßenverkehr ist daher auch die Hupe: Achtung, ich bin irgendwo Neben dir und überhole; Achtung, biege nicht ab, ich bremse nicht oder Achtung lauf nicht auf die Straße. Aber die Methode scheint hier sehr gut zu funktionieren.

Genau nach dem Motto ist dann wohl auch das Stromnetz aufgebaut. Durch eigentlich jede Straße in den Ansiedlung zieht sich eine Reihe steinernder Strommasten, meist sogar auf beiden Straßenseiten und mit ihnen einige Stromleitungen. Von jedem der Masten geht dann eine ganze Reihe an Kabeln durch die Luft zu den nächsten Häusern. Immer wieder reihen sich dann in die Reihe der Strommasten Konstruktionen ein, die eigentlich so aussehen wie kleine, baufällige Umspannwerke. So etwas wie Bürgersteine gibt es auch nur in den wirklich großen Städten, ansonsten läuft man einfach am Rand der breiten Straßen oder über Staub und Stein daneben.

Die Häuser hier sind meist, entgegen dem, wie Mumbai von oben aussah, sehr bunt gehalten. Ein helles grün, neben einem Gelb, beispielsweise. Und kein Haus gleicht eigentlich dem anderen. Was hier genauso wie in Deutschland ist, hier hat’s auch überall Baustellen. Entlang den Straßen im untersten Stockwerk der Häuser reihen sich dann Läden, die sehr oft wie Kiosk aussehen, oder sehr schmal und dann sehr lang sind. Und dort wird dann alles verkauft, was man braucht und weitaus mehr. Sehr viele dieser Häuser und Kioks würden, wenn sie so in westlichen Ländern auftauchen würden, als baufällig oder Ruinen bezeichnet werden und argwöhnisch beguckt werden. Aber das sind sie auf keinen Fall, mehr eben “so wie’s halt passt und mit dem, was ich zur Verfügung habe” und dadurch haben sie eben ihren ganz eigenen besonderen Charme. (Das “so wies halt passt” mag auf den ersten Blick vielleicht etwas böse und abwertend  klingen, so ist das aber auf keinen Fall gemeint, ganz im Gegenteil. Das ist nur die beste Bezeichnung, die mir eingefallen ist, um dieses ganz besondere Stadt und Straßenbild zu erklären.)

Eine Straße bei uns in Vilathikulam

Und es macht eben sehr viel Spaß, durch dieses Tohuwabohu Indiens zu fahren. Nach geschätzt keinen zwanzig Minuten, waren wir dann in eben genanntem Provinzialhaus. Nach einer Begrüßung, wie sie hier wohl üblich ist, bei der man ein Tuch umgehängt bekommt und eine Schale mit einer Flüssigkeit und verschiedenen Früchten, Gewürzen und derartigem vor einem hin und her geschwenkt wird, wurde mein Gepäck auf mein Zimmer gebracht und mir gesagt, ich könne bis 18Uhr rasten und das tat ich dann, nach einer kleinen Stärkung durch frisches Obst und frisch gepresstem Saft, auch. Um sechs ging es dann mit dem Provinzial, dem Economer und Father Arul Maran zum üblichen Willkommensessen in ein Restaurant in einem Hotel. Ich bekam verschiedenste indische Köstlichkeiten vorgesetzt und genoss meine erste indische Mahlzeit und erlebte meinen ersten Stromausfall. Irgendwann kam dann eine größere indische Gesellschaft ins Restaurant hinzu, die wohl irgendwas zu feiern hatten. Ansonsten waren neben uns vieren, noch eine indische Familie und zwei Vietnamesen oder Koreaner, die Salesianer waren sich da glaube ich nicht ganz so sicher, als sie über sie sprachen, im Etablissement. Als ich einmal die Speisekarte in der Hand hielt und durchblätterte, viel mein Blick auf die Preise und da ich da noch keine Ahnung, über den Umrechnungskurs der Rupis hatte, fragte ich mich, für wie viel Geld ich hier eigentlich gerade esse. Als ich den Kurs dann später kennen lerne, erfahre ich, dass umgerechnet in Euros, wir vielleicht in irgendeiner Imbissbude ums Eck in Deutschland hätten essen gehen können. Hätten wir aber ein vergleichbares Etablissement in Deutschland besucht, hätten wir ein Vermögen in Euros ausgeben müssen und genauso, sind die Preise des Restaurants für indische Verhältnisse vermutlich auch nicht gerade billig.

Die Fahrt nach Vilathikulam

Nach einem wunderschönen Abend fiel ich dann ins Bett und konnte schönerweise ausschlafen, Frühstück gab‘s erst um acht. Nach dem Frühstück besuchte ich einen älteren Father in seiner Werkstadt und bekam von ihm viel gezeigt und erklärt. Dann noch eine kurze einer Unterredung mit dem Economer und Father Arul Maran, bei der mir gezeigt wurde, wie die Arbeit der Salesianer in Tamil Nadu aussieht, auf was ich achten sollte und das sie immer ein offenes Ohr und Haus für mich und alle Volontäre haben. Daraufhin, etwa gegen elf, ging es los, auf nach Vilathikulam. Und ich muss sagen, ich habe die Autofahrt unglaublich genossen. Denn Indien ist in manchen Dingen, wie aus dem Flugzeug heraus auch schon beschrieben so viel anders als Deutschland, aber einige Dinge sind auch gleich, da sie eben auf der ganzen Welt zu finden sind.

Wie schon beschrieben, besteht Indien auch „nur“ aus Feldern, Wäldern, Ansiedlungen und einigen Naturgelassenen Gebieten, genauso wie Deutschland. Nur das auf den Feldern andere Dinge angebaut werden und sie sich daher farblich etwas unterscheiden, das hier eben andere Bäume wachsen und wie sich die Städte unterscheiden, habe ich ja bereits versucht zu beschreiben. Ein großer Unterschied ist noch, das alles sehr viel staubiger und steiniger ist und überall sind Berge von Müll zu entdecken. Und Tiere, Kühe, Ziegen, Hühner und wilde Hunde, die überall frei herumstreifen und gerne auch mal auf der Straße stehen oder liegen.

Auf unserem Weg kamen wir immer wieder an Ziegenherden vorbei, die von ihren Hütern entlang den Straßen geführt werden. In den Städten waren immer wieder Imbissläden zu erkennen, die ihre lebenden, kleinen Hühner zu Massen in engen Käfigen auf der Ladentheke halten und direkt verarbeiten. Ein einziges Mal während der Fahrt war eine Erhebung von der flachen Landschaft zu erkennen. Dafür ein sehr beeindruckendes Naturwerk, es wirkte wie unglaublich große Kieselsteine die auf einem noch viel größeren Orangenen lagen und einen steilen, glatten und runden Berg formten.

Nach etwa drei Stunden erreichten wir dann einen Zwischenstopp. Eine neue Schule der Salesianer, die gerade gebaut wurde. Der Father, mit dem ich am Vormittag gesprochen hatte, ist für den Bau zuständig und muss ab und an die Baustelle besichtigen. Mir wurde ein Zimmer gezeigt, in dem ich währenddessen weiter rasten konnte. Ein Zimmer, in dem ganz Zufällig zwei Kartons zweier LED-Fernseher standen. Dann gab es zusammen mit dem Direktor und den anderen Salesianern Mittagessen und kurz darauf ging es weiter, den Direktor der Schule nahmen wir gleich mit. Da ein Treffen der Direktoren in Tiruchi anstand und er mit zurückfahren würde. Eine halbe Stunde später erreichten wir dann plötzlich und unerwartet unser Ziel, Vilathikulam. Auf dem Hof stand eine große Menschenansammlung zur Begrüßung. Der Direktor des Projektes empfing mich quasi direkt aus dem Auto heraus und hieß mich herzlich willkommen, dann wieder das übliche Willkommensritual, wie auch in Tiruchi. Viele Hände der Mitarbeiter und Salesianer wurden geschüttelt, erste Fotos, auf die die nächsten Wochen noch etliche folgen sollten, wurden mit mir gemacht, dann führte mich Benni zu unserem Zimmer, mein Gepäck wurde mir wieder nachgetragen, und dann war ich angekommen. Angekommen in Vilathikulam, im Projekt Vembu, angekommen in meinem neuen Zuhause.

Jetzt bin ich also endlich hier und lebe mich ein, und bin gerne hier, und lebe mich gerne ein.

Auf bald,

Lukas


Fußnote:
Mittlerweile bin ich schon seit drei Wochen hier. In diesen Wochen ist schon jede Menge passiert und ich hatte nicht immer Zeit / Lust, sofort an dem Blog zu arbeiten, weshalb es diese lange Zeit gedauert hat, über die Reise zu schreiben. Mehr über diese ersten Wochen hier in Indien wird dann hoffentlich bald textlich folgen. Auch habe ich den Text nicht an einem Stück und schon lange nicht von oben nach unten verfasst. Immer dann, wenn ich mal Zeit und Lust hatte, habe ich ein Stück daran geschrieben. Und beispielsweise das Ende, war schon lange Zeit so fertig, da haben weite Teile des Mittelteils noch nicht mal ansatzweise existiert. Auch hat der Artikel (noch) keine Bilder, da ich auf meiner Reise keine gemacht hatte, sondern die Reise ganz genossen hatte. Es kann aber gut sein, das in den kommenden Tagen einige Bilder hinzukommen.

Das wollt ich nur noch gesagt haben.

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Thema von Anders Norén.