In ein paar Tagen wäre es soweit gewesen. Der 16. August, der Tag des Rückflugs, wäre vor der Tür gestanden. Das tut er zwar immer noch, nur eben ohne die eben erwähnte Rückkehr nach Deutschland. Seit meiner Ankunft ist einiges passiert und ich glaube, dass ich erst jetzt anfange so richtig anzukommen.

Eigentlich hätte dieses Foto fünf Monate später entstehen sollen. Am 4. April ging es mit dem Rückholflug der Bundesregierung nach Hause.

Vereinte Volontäre

Beim Versuch des „Ankommens“ hat mir auch besonders die letzte Zeit geholfen: Immer wieder konnten wir Corona-Volontäre nämlich nach Benediktbeuern ins Aktionszentrum kommen, um bei den Umbauarbeiten im Haus und bei der Renaturierung und Neugestaltung des Gartens mitzuhelfen. Endlich hatte der (persönliche) Stillstand ein Ende, der nach unserer Rückkehr nach Deutschland eingesetzt hatte.

Und es gab genügend Aufgaben für uns: Fliesen herunterbrechen, Schutt entsorgen, Zementsäcke von einem Eck zum anderen tragen, im Garten Löcher graben, Büsche und Bäume schneiden, den Unterbau für ein Pflasterlabyrinth anzulegen, und noch einiges mehr. So sind wir Freiwilligen und andere Jugendliche, die in den Ferien beim Angebot „Bock auf AZ“ teilnehmen, jeden Tag erschöpft, aber zufrieden mit uns und der Welt ins Bett gefallen. Zwar noch mit einigen Resten Schmutz unter den Fingernägeln, jedoch bereit für den nächsten Tag.

Die Volontäre auf der Baustelle, hier gleich mehrere „Kulturkreise“ vereint: Wir waren in Bolivien, Argentinien, Kosovo und Indien.
Harte Arbeit? Da sind wir dabei!
Ein bisschen Spaß darf nach getaner Arbeit aber natürlich auch sein…

Diese „Arbeitswochen“ und auch das Abschlussseminar haben mich ein wenig von meiner kleinen emotionalen Talfahrt weggebracht. Im Kreis meiner Volontärskollegen konnte ich mich richtig verstanden fühlen. Denn schlussendlich hat jeder von uns „Corolos“ (Corona + Volos) das gleiche erlebt: Eine überstürzte Ausreise, offene und unerledigte Projekte, Kinder und Jugendliche, die wir in den Einrichtungen ohne einen richtigen Abschied zurücklassen mussten, genauso wie Freunde und Wegbegleiter,…

Uns allen geht es gleich. Und obwohl wir über den ganzen Globus verstreut gearbeitet und gelebt haben, fühlen wir uns so verbunden. Verrückt, das mit Don Bosco.

Die Cronona-Volontäre – Symbolbild

11.000 km? Nur einen Klick entfernt

Außerdem hat mich der Draht nach Argentinien aufgefangen. Besonders in den ersten Tagen erreichten mich besorgte Nachrichten, wie das Wetter („Ist es sehr kalt? 19 Grad? Habt ihr nicht Sommer??“), das Essen („Waaas ihr esst so spät zu Abend? Du verhungerst doch!“) oder das strikte „deutsche“ Leben („Martha, kommst du jetzt immer zu spät?“) denn so sei. Denn unsere argentinos hatten – wie die meisten Menschen zwischen März und Juni – viel Zeit. Auch in Argentinien galt eine Quarantäne, die um einiges strikter als bei uns in Deutschland gehandhabt wurde, und auch um einiges länger andauerte.

Laptop-Misas

Besonders schön fand ich die wöchentliche Sonntagsmesse, die immer um 20 Uhr Ortszeit (bei uns um 01:00 Uhr nachts, ach wie argentinisch…) auf dem Facebook-Kanal des Oratorios ausgestrahlt wird. Ein bisschen ist dort alles wie immer: Unsere Salesianer Jesús, Alejandro und Silvio gestalten die Messe, der Ablauf hat sich auch nur in wenigen Details verändert. Das „ministerio de música“ singt die gleichen Lieder und der Spirit, der mich schon immer mitgenommen hat, geht auch durch diese Internet-Messe nicht verloren. Anders als bei uns, sind richtige Versammlungen noch lange nicht möglich, so auch keine Messen. Nur sehr kleine Gruppen sind innerhalb des Projektes zugelassen (z. B. Jugendgruppen bis zu zehn Personen sind o.k.), von der Normalität ist in Argentinien fast jeder weit entfernt.

Don Bosco goes digital

So hatte ich also einen kleinen Teil aus Argentinien unmittelbar bei mir daheim. Sogar ein paar Aktivitäten mit den Kindern aus den Samstagsgruppen sind weitergelaufen: Der „patio virtual“ (virtualer Spielhof) bot Platz für unzählige Partien Stadt-Land-Fluss (in Argentinien: Tutti frutti). Wie immer versuchen die Kids sich ein bisschen durchzuschummeln z.B. mit der Argumentation, dass Städtenamen ja auch zur Kategorie „Länder“ gehören, weil sie ja IM Land liegen. Aber es wird auch viel gemeinsam gebastelt und sich in diversen Musik- bzw. Filmquizzen gebattelt.

Weil eben jeder vor seinem eigenen Laptop oder Handy saß und es allen – den Kids, den Animadores sowie Simon und mir – einfach genau gleich ging, war in diesen nächtlichen Stunden (meist ging es bis halb zwei) Argentinien gar nicht so weit weg.

Trotzdem war und ist diese Unmittelbarkeit eben nur auf ein kurzes Zeitfenster begrenzt, denn wie wir alle wissen: Das Leben geht weiter. Und das ist auch gut so. Nur fiel es mir in den Wochen meiner Rückkehr unendlich schwer, diese Tatsache zu akzeptieren und hinzunehmen. Genauso wie der Fakt, dass ich mein Leben, so wie ich es für ein bisschen mehr als ein halbes Jahr in Santiago geführt habe, ein Stück weit aufgeben muss. Das alles zu reflektieren, zu verarbeiten und schließlich tatsächlich anzunehmen, hat mir einiges abverlangt.

Es geht weiter… tatsächlich!

Am meisten hat mir dabei eine Erkenntnis geholfen: Es muss mit deiner Rückkehr nicht alles aufhören. Ich kann noch immer Mate trinken und Empanadas essen (auch wenn sie natürlich nie an die aus Santiago rankommen werden), ich kann noch immer Kontakt mit den Menschen halten, die mir so ans Herz gewachsen sind. Ich kann noch immer Reggaeton und Cumbia-Musik anhören und vor mir die staubigen Straßen Santiagos sehen. Natürlich alles in einem gesunden Maß, das ist klar. Ein Stück Argentinien begleitet mich eben nun.

Ein bisschen Argentinien ist jetzt halt immer dabei, sogar beim Bergsteigen.

Genauso wie die Sehnsucht

Oft heißt es „Man sehnt sich immer nach dem, was man im Moment nicht hat“. Jeder kennt dieses doch so menschliche Gefühl zu gut. Auch als ich noch in Argentinien war, habe ich bestimmte Dinge aus Deutschland vermisst: Brot, grüne Wälder, Rad fahren, die bayerischen Berge, Familie und Freunde. Mir war klar, dass ich später – zurück aus Argentinien – bestimmt auch etwas vermissen würde. Trotzdem habe ich das ganze „Sehnsuchtskarussell“ ziemlich unterschätzt. Denn kaum taucht ein Gegenstand, eine Situation oder eine Stimmung auf, die mich an die Zeit in Santiago erinnert, fällt mir sofort einiges dazu ein und schwups: Schon dreht sich mal wieder alles darum. Um Argentinien.

Mit allen Sinnen

Meistens flüchte ich mich dann in die Natur. Ich fahre mit meinem Rad an der Isar entlang, lausche einem Cumbia-Hit, der so gut wie immer während der Autofahrten in Argentinien im Radio kam, und merke, wie sehr mir das Land fehlt. Ein komisches Gefühl ist das, vor allem wenn ich daran denke, wie trostlos mir Argentinien in den ersten Tagen vorkam.

Jetzt fehlen mir die Weiten, der ausgedehnte Himmel, die von der stechenden Hitze aufgeladene Luft, der Staub auf den Straßen und im berühmten „viento“ (Wind), die ausladenden Kronen der Bäume im Oratorio. Ein bisschen fehlen mir auch die argentinischen Gefrierschränke, getarnt als „Klimaanlagen“, die mit ihren 16 Grad für einen gehörigen Temperatursturz sorgen.

Aber auch das Hörerlebnis: Immer erschallt von irgendwoher ein Hauch Musik, irgendjemand schreit immer etwas auf die Straße, irgendwie hat man immer ein paar spanische Gesprächsfetzen um sich, irgendwann fährt immer ein Auto mit gruselig riechenden Auspuff und lautem (fast kaputten?) Motor vorbei. Das alles blitzt vor meinem inneren Auge in Sekundenschnelle auf und ich schmecke schon fast den bitteren Mate (seien wir doch ehrlich, in Argentinien schmeckt der Mate einfach anders), habe den erdigen Geruch vom Gras am Morgen in der Nase, wenn unser Hausmeister Coco den Rasen bewässert.

Was für eine Ironie…

Während mir all das durch den Kopf geht, muss ich über mich selbst schmunzeln. Vielleicht habe ich ja ein wenig vom argentinischen Drang zu Übertreiben sowie die überproportionale Emotionalitat übernommen. Und ausgerechnet darüber habe ich mich immer so aufgeregt.

All das

…ist verknüpft mit den Menschen, die Simon und mir in diesem Jahr begegnet sind. Denn nie hätte ich dieses Bild von Argentinien erhalten, wären nicht die unzähligen Mate-Runden, überschwänglichen Begrüßungen, Gespräche, Scherze und Erlebnisse gewesen. Durch die gute Verbindung über Whatsapp, Instagram und Facebook, sind uns die Argentinier glücklicherweise nicht ganz so fern. Und auch (mehr oder weniger regelmäßige) Videoanrufe lassen die Entfernung schrumpfen. Trotzdem vermisse ich sie natürlich allesamt.

Der 16. August – Nicht nur Rückreise

Das Vermissen mindert der kommende Sonntag natürlich nicht ab. Denn jetzt wäre eigentlich die Zeit der Abschiedsparties und Reisevorbereitungen gewesen. Zufällig ist unser geplanter Rückreisetag außerdem auch der Don-Bosco-Tag (16.08.1815 = Geburtstag von Don Bosco), der wie jedes Jahr gewaltig gefeiert wird.

Im „Monat Don Boscos“ wird das jährlich neu gewälte Motto „Gute Christen und ehrliche Bürger“ nochmal heraufbeschworen. Dieses Jahr feiern Salesianer weltweit den 205. Geburtstags des Johannes Bosco. Die Nordprovinz in Argentinien ist sehr erfolgreich auf Instagram vertreten. Einfach mal vorbeischauen 😉

Feliz cumple, papá!

Für uns war klar, dass wir nicht bei diesem Highlight dabei sein werden. Abgesehen von der Tatsache, dass wir uns am Abflugtag schon lange nicht mehr in Santiago del Estero befinden hätten können, wäre es auch so zeitlich ziemlich knapp geworden. Seit dem wir den Termin fix hatten, wurden schon immer Beschwerden an uns herangetragen, dass wir ausgerechnet an diesem Tag, an dem es im Oratorio von Kindern und Jugendlichen, Spiel und Spaß, nur so wimmeln wird, abreisen würden.

Vor einem Jahr am „día del ni~no“ (Kindertag), der passenderweise am Don-Bosco-Tag gefeiert wird. In Zeiten von Corona ein Horror für jeden Virologen.

Glück im Unglück?

Da jetzt aber in Zeiten von Corona derartige Massenaufläufe nicht möglich sind und es also unzähligen Angboten für virtuelle Treffen und Aktionen anlässlich des Festtages gibt, haben wir doch die Möglichkeit zumindest für ein paar Studen gemeinsam mit den Argentiniern zu feiern und wieder zurückzukehren. Zurück nach Argentinien. Zurück ins Oratorio.

Ob dies der letzte Blog war: Ich weiß es nicht. Wer weiß, zu welchen Arbeitswochen wir in Zukunft noch eingeladen werden und was sonst noch so in der Don-Bosco-Community geboten ist…

Bis dahin, alles Gute!

Eure Martha

P.S: Für die Umbauarbeiten in Benediktbeuern suchen wir noch immer nach finanzieller Unterstützung. Was genau umgestaltet und erneuert wird, und auch wie ihr helfen könnt, könnt ihr hier nachlesen:

https://www.aktionszentrum.de/Aktuelles/Aktuelle-Nachrichten/Umweltwoche-im-Aktionszentrum