Feminismus in Argentinien

Eigentlich würde jetzt ein österlich angehauchter Blogeintrag kommen. Über Livestreams der Osternacht aus dem Oratorio, über meine geliebte santiagueñische Wärme und die eher verünglückte deutsche Kopie, über meine Versuche „richtig“ anzukommen und über die Schwierigkeit des Kontakthaltens und Kontaktwiederherstellens.

Eigentlich. Aber eigentlich läuft in diesen Tagen ja nichts so wie geplant und so kann ich getrost über ein Thema tippen, dass mir schon lange unter den Nägeln brennt. Und über das ich – wenn nicht ein fieser kleiner Virus dazwischengekommen wäre – schon längst geschrieben hätte.

Vorab:

Vielleicht könnten sich einige während oder nach dem Lesen des heutigen Blogs angegriffen oder emotional belastet wiederfinden. Mir ist es wichtig, über dieses Thema zu sprechen, da es mir in den letzten Monaten ständig in argentinischen Medien und sozialen Netzwerken, aber auch mitten im Oratorio begegnet ist.

Und eben gerade weil mir einiges über diese Thematik erst in Argentinien bewusst geworden ist, über das ich mir in Deutschland nie Gedanken machen musste, bitte ich euch, das Folgende mit Weitsicht, Verständnis für kulturelle Unterschiede und Offenheit zu lesen und sich selbst eine Meinung aus meiner Meinung zu bilden. Dieses Thema kann (und muss) immer wieder diskutiert werden, ich will niemanden persönlich und schon gar keine soziale Gruppe angreifen, ich möchte das hier einfach gerne mit euch teilen.

Überfällig

Schon längst, das bedeutet vor gut sechs Wochen. Es ist Anfang März in Argentinien. Immer wieder stolpere ich auf Instagram und co. über Fotos, Videos und Texte, die auf den internationalen Weltfrauentag am 8. März aufmerksam machen. Klar, kennt man ja. Das ist der Tag im Jahr, an dem in der Tagesschau über Frauenquoten in Aufsichtsräten berichtet und in Talkshows über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert wird. Vielleicht dann noch ein Spielfilm über eine emotionale Erfolgsgeschichte einer Frau, die „es geschafft hat“. Am darauffolgenden Tag ist der Großteil wieder vergessen und spätestens eine Woche dannach wird kaum mehr über die gesellschaftliche Stellung der Frau diskutiert.

Anders in Argentinien

Hier ist „feminismo“ nicht nur am 8. März ein Thema, sondern so gut wie das ganze Jahr über. Und das aus verschiedenen Gründen: Immer mehr Frauen treten für ihre Rechte ein, auch weil sie mehr Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können. Sie organisieren sich in Vereinen, die es manchmal schon im kleinsten Umfang für Stadtviertel gibt und demonstrieren oder streiken. Ein kleiner Erfolg der Frauenbewegung in Argentinien ist die seit einiger Zeit andauernde Diskussion über die Legalisierung von Abtreibungen. Unter der frisch gewählten Regierung scheint das plötzlich gar nicht mehr so weit hergeholt zu sein.

Machismo – Man(n) ist mehr als Frau

Neben dem bloßen Kämpfen für ihre Rechte (was auch eine bessere bzw. gleichwertige Bezahlung am Arbeitsplatz beinhaltet), steht den Frauen in Argentinien die Rolle des „machos“ gegenüber. „Macho“, das sagt einigen von euch etwas, vielleicht auch nur durch das bekannte Lied von Reinhard Fendrich. Am besten beschreibt dieses viel verwendete Wort wahrscheinlich „männliche Überlegenheit“ und sicherlich wird es oft besonders mit dem Vorurteil des stolzen Argentiniers assoziiert.

Ganz zu anfang: Einen Macho wie aus dem Bilderbuch, hab ich in Argentinien/Südamerika nie getroffen. Es gab schon immer wieder Situationen, in der sich Männer einfach anders gegenüber Frauen verhalten haben, aber mir kam das immer sehr respektvoll voll. Vielleicht sogar noch mit mehr Respekt, als ich es in Deutschland gewohnt war. Eine richtig krasse Situation habe ich selbst also noch nie erlebt, was möglicherweise daran lag, dass die Aufsichtspflicht den „alemanes“ gegenüber immer sehr ernst genommen wurde – „Passt auf die Volontäre auf!“ hieß es da immer… 😉

Busgeschichten

Unangenehm war mir jedoch, wenn der gegenseitige Respekt in Schieflage geriet und Frauen – besonders in der Öffentlichkeit – wie eine tickende Zeitbombe oder ein rohes Ei behandelt wurden. Da gabs mehrere Momente, speziell in öffentlichen Verkehrsmitteln. Als Simon und ich einmal mit dem Colectivo (Bus) vom Stadtzentrum zurück ins Oratorio fahren wollten, standen an der Bushaltestelle nur Männer mittleren bzw. fortgeschrittenen Alters. Als dann der Bus kam, war es nicht so, dass die älteren Herrschaften als erste einstiegen, wie wir es aus Deutschland gewohnt waren. Der Vortritt wurde der einzigen weiblichen Person (mir) an der Bushaltestelle gelassen. Und so musste ich durch ein Spalier von Männern als erste in den Bus steigen.

Keine krasse Geschichte, ich weiß. Und ob jemand jetzt zwei Sekunden früher oder später in den klapprigen Bus steigt, wirft die Welt nicht aus den Fugen. Aber sowas hatte ich noch nie erlebt, dass ein so rieser Unterscheid zwischen Männern und Frauen gemacht wird. Und für mich war es auch wirklich unverständlich – wie gesagt, an der Haltestelle standen auch zwei, drei alte Herren, die locker über 70 waren.

Nein, du zuerst!

Im Laufe des Jahres habe ich auch versucht den Jungs aus der Residencia zu erklären, dass sie mich nicht immer an einer Tür vorlassen oder mir am Tisch zuerst das Essen reichen müssen. Meine Aufklärungsversuche haben fast nie funktioniert. Für die Jungs würde es bedeuten, ihre gute Erziehung über Bord zu werfen.

Ganz verständnislos erwiderten sie mir dann auf meine Aussage, dass man Frauen genauso wie Männer behandeln sollte, dass meine Ansicht ganz schön respektlos wäre und sie es eben so von ihren Eltern gelernt hätten. Denn schon ganz kleinen Kindern wird erklärt, wie das Verhalten gegenüber Männern oder Frauen zu sein hat. Deshalb begrüßen schon fünfjährige Mädchen jeden mit Wangenküsschen, was besonders für uns am Anfang schon etwas komisch war.

Friedliche Feministen

Amor en el corazón – Liebe im Herzen

Wenn ich übrigens „Femininsten“ schreibe, dann denkt nicht an das Bild, das wir in Europa von Frauenrechtlern haben. Seien wir doch mal ganz ehrlich, bei Feministen denken die meisten von uns an männer- und kirchenhassende Frauen, die vollkommen hysterisch und aggressiv auf der Straße protestieren. Verrückte, am Rande der Gesellschaft und der Realität. So wusste ich nicht ganz, was ich davon halten sollte, als sich einige Leute im Oratorio bei der ersten Begegnung als „feministas“ vorgestellt haben.

Eine Anspielung auf den Ruf des Feminismus, der auch in Argentinien in der Vergangenheit nicht der beste war. Die „schlechte Versammlung“ der Feministen in Santiago del Estero

Schnell habe ich aber festgestellt, wie anders die Idee des Feminismus hier gelebt wird. Auf Demonstrationen sind zwar vor allem junge Frauen unterwegs, immer wieder sieht man aber auch Männer, ältere Menschen und Familien. Der Feminismus wirkt hier also als etwas verbindendes. Polarisierend ist er dann aber doch, schon beim Thema „Abtreibung – ja oder nein?“ spalten sich die Meinungen, selbst im Oratorio. Über was sich alle einig sind: Jeder sollte gleich und gerecht behandelt werden

Zeichensprache, aber richtig!

Bei bestimmten Themen scheiden sich einfach die Geister und weil die Argentinier eh totale Fans von Farbdeutungen sind, wird der eigene Standpunkt gleich mal mit der richtigen Auswahl von Kleidung oder Schmuck klargemacht. So bedeutet grün beispielsweise, dass man oder frau für Abtreibungen ist, während Träger*innen von himmelblauen T-Shirts, Arm – oder anderen Stoffbändern gegen die Legalisierung sind. Außerdem impliziert lila die generelle Zugehörigkeit zum Feminismus, genauso wie die in die Höhe gestreckte Faust oder das Venussymbol (♀).

Lila oder Grün – Kleidungsvorschriften auf der Demonstration zum Weltfrauentag. Die salesianische Jugendbewegung war auch anwesend, ausgerüstet mit Mate (natürlich in lila), Lippenstift (gleiche Farbe) und Glitzergesichtsfarbe
…männliche Unterstützung war auch dabei,
der Simon hat sich nur bei den Bildern gedrückt 😉

Alles inklusive

Ein anderes Thema wäre die „lengua inclusiva“, hier geht es darum, dass die Frau auch in der Sprache ankommt. Kurzer Spanisch-Sprach-Exkurs: Die Artikel orientieren sich im Spanischen am Geschlecht. Bei einer Gruppe von Männern wäre es „los“ für „die“ und bei einer Gruppe von Frauen „las“. Wenn jetzt aber mehrere Männer und Frauen gleichzeitig auftauchen, wird immer von „los“ gesprochen. Normalerweise.

Für viele junge Menschen in Argentinien werden andere Geschlechter – besonders dass „der Frau“ – also aus der Gruppe eliminiert und sind nicht wirklich existent. Um diesem grammatikalischen Foul entgegenzuwirken steht der Vorschlag im Raum bei gemischten Gruppen einfach von „les“ zu sprechen bzw. alle o’s und a’s, die das Geschlecht normalerweise bestimmen durch ein „e“ zu ersetzen. Also jeden unabhängig des Geschlechts einzuschließen. Ungefähr vergleichbar mit dem dritten Geschlecht bei uns in Deutschland. Nur eben in einer riesigen sprachlichen Dimension.

Entschieden ist bei diesem Thema aber noch gar nichts, im Fernsehen geht es bei Grundsatzdiskussionen hoch her und manche benutzen nur noch diese Form, manchmal auch als Trotz.

Mehr als Money, Money, …

Der Feminismus in Argentinien beinhaltet also mehr als „nur“ die Frage, wie Frauen in die Wirtschaft passen, rund um „Pay Gap“ und Vereinbarkeit von Familie bzw. Beruf. Die Bewegung ist bunt, offen für neue Ideen, wie eine Gleichberechtigung erreicht werden kann und gewinnt gefühlt täglich mehr Anhänger aus allen möglichen Gesellschaftsschichten und Altersstufen. Bunt bedeutet aber auch, dass sich die Menschen nicht nur wegen einer Vermehrung von besseren Lebensumständen als Feministen bezeichnen, sondern auch für eine Verminderung der Schattenseiten der Gesellschaft kämpfen wollen.

Dieser Schatten, der über ganz Südamerika, besonders in Argentinen, zu schweben scheint, hat schon viele Opfer gefordert. Der Femizid.

Femicidio – was ist das eigentlich?

Mir hat der Begriff Femizid ziemlich wenig gesagt, wie den meisten von euch wahrscheinlich auch. Femizid wird vom europäischen Institut für Gleichstellungsfragen als „Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts“ definiert. Was sich nach einem alten Schauermärchen aus dem Mittelalter anhört, ist traurigerweise Realität. Vor allem in vielen Ländern Südamerikas ist der umgangssprachliche „Frauenmord“ ein Thema.

Und dieser Tötungsdelikt wird immer mit dem bereits erwähnten „machismo“ assoziert. Da dieser Gedanke, der männlichen Überlegenheit und Machtausübung der Männer über Frauen noch immer vorherrscht, eskaliert dies besonders in vielen südamerikanischen Ländern innerhalb der Familie. Allein in diesem Jahr wurden 90 Frauen in Argentinien von ihren (Ex-) Lebenspartnern oder anderen Familienangehörigen umgebracht. Hinzukommt die Ausgangssperre, die die Menschen dazu zwingt in ihren Häusern zu bleiben und häusliche Gewalt auf einen neuen Hochpunkt treibt. So haben schon 27 Frauen in der Zeit der vier Wochen Quarantäne ihr Leben verloren.

Der Femizid beinhalten noch mehr: In den meisten Fällen von Frauenmord sind Lebenspartner die Mörder der Frauen. Diese bekommen oft eine lange Gefängnisstrafe. So wachsen viele Kinder als Waisen auf, während eine Vater- und Mutterfigur fehlt.

Allein in Argentinien gibt es so gut wie jeden Tag einen oder sogar zwei Fälle, erzählt mir Noe, die auch im Oratorio engagiert ist. Sogar sie verliert manchmal den Überblick über die Fälle. Ich habe zwar immer wieder von der Aktualität der Frauenmorde gehört, das ganze Thema war für mich jedoch ziemlich weit weg. Bis vor wenigen Tagen, als ich auf Instagramprofilen von Leuten aus Santiago Steckbriefe und Suchanzeigen einer 15-jährigen gesehen hab.

Der Fall Priscila

Priscila M. kommt aus La Banda, der Nachbarstadt Santiago del Esteros und gleichzeitig zweitgrößten Stadt der Provinz. Seit dem 23.02. wurde sie von ihrer Familie vermisst. Nach wochenlanger Suche dann die Gewissheit. Am 15. April wird Priscila im Haus ihres Onkels tot aufgefunden, unter seinem Bett. Sie ist ein weiteres Femizidopfer, die Nummer 84 in diesem Jahr.

Nachdem klar ist, was mit Priscila geschah, verlangt die Öffentlichkeit „justicia“ (Gerechtigkeit). Auch die lokale Vereinigung der „Frauen des Mutterlands Lateinamerika“ in Santiago del Estero prangert den Notstand des Femizids an.
Eine Collage über Priscila, alles Veröffentlichungen von Argentiniern. Ihre Cousine hat Angst eine Frau zu sein (oben links), verschiedene Nutzer fordern Gerechtigkeit (oben rechts), andere meinen, dass Frauen sogar nicht mehr auf die Straße gehen können ohne in Gefahr zu sein (unten links) und immer wieder taucht auf „uns fehlt Priscila“ (unten rechts).

Ihre Geschichte ist viel mehr als ein „Familiendrama“ und bei weitem ist Priscila kein Einzelfall. Immer wieder tauchen die Namen der Opfer auf: Priscila, Soledad, Camila, Noelia, Belén, Romina, Luciana, Florencia… Alles Namen, die auch Freundinnen, Wegbegleiterinnen oder Mädels aus dem Oratorio tragen. Und irgendwie lösen die Namen etwas aus, man hat nicht nur eine Zahl von Opfern vor Augen, sondern die Menschen. Die Frauen, die Kinder und ihr Leben zurücklassen. Die Mädchen, für die Gewalt gegen sich selbst irgendwie normal war. Bei manchen kommt ihre Ermordung urplötzlich, keiner aus dem Familien- oder Freundeskreis sieht Anzeichen, es passiert auf der Straße nach dem Feiern. Andere versuchen ihren Partner der Polizei zu melden und sich von außerhalb Hilfe zu holen. Meistens vergeblich.

Macho-Virus

In Argentinien ist es aktueller denn je, die Zeitungen sind voll, berichten über jeden einzelnen Fall. Und auch im Internet gibt es Fahndungen nach Vermissten oder auch einfach nur Bilder der Opfer. Für die Feminismusbewegung ist es klar: Es gibt eine weitaus bedrohlichere Pandemie als das Coronavirus. Das Virus des „machismo“, denn auf die Zeitspanne gesehen sterben mehr Frauen bei Femidziden als Erkrankte an COVID-19.

„Überall auf der Welt sterben Menschen“

Das ist schon richtig und ich will auch nicht die Dramatik von Flüchtlingskrisen, Kriegen oder Umweltkatastrophen minimieren. Aber wie kann so etwas wie ein Femizid in der heutigen Zeit eigentlich noch passieren? Egal kann es niemandem sein. Auch in Europa/Deutschland kommt es vor, statistisch gesehen jeden dritten Tag. Traurige Zahlen. Für mich ist der femicidio noch mehr in den Vordergrund gerückt. Nie, wirklich nie, musste ich in Argentinien Angst verspüren. Für mich war Santiago eine Oase der Herzlichkeit. Die Namen der Opfer und jetzt auch der Fall von Priscila zeigen: Es kann jede treffen.

Auch in Argentinien kommt dieses Bewusstsein immer mehr zum Vorschein. Unter verschiedenen Slogans wie „alerta feminina“ (femininer Alarm) oder „ni una menos“ (nicht eine weniger) gibt es immer wieder Kundgebungen, Demonstrationen und Aktivitäten. So hat auch die salesianische Jugendbewegung (MJS) zum Weltfrauentag einen Beitrag geteilt:

Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen was näher bringen, beim Schreiben ist mir aufgefallen, wie viel ich eigentlich mitbekommen habe. Und wie privilegiert wir uns einfach fühlen können. Für mich war noch nie die Notwendigkeit gegeben, aufzubegehren oder für die Gleichheit zu kämpfen. Dass sich so viele Argentinier jeden Tag engagieren und für Gleichberechtigung in ihrem Land kämpfen erfüllt mich wirklich mit großem Stolz und Respekt. Denn Femizid, Sexismus und machismo sind Themen über die niemand gerne spricht, die zu oft auch einfach unter den Tisch fallen. Und auch für mich früher nicht an erster Stelle, zu anderen Ländern gehörten, weit weg zu verordnen waren.

Priscila hat nicht weit weg vom Oratorio gelebt. Eine gute Stunde entfernt. Ihr ganzens Leben lag vor ihr. Sicher hat sie die gleiche Musik wie die Mädels von Tejiendo Lazos gehört und sich schon auf ihr letztes Schuljahr vorbereitet. Ich habe sie nicht persönlich gekannt, genauso wenig wie meine Freunde aus Santiago, mit denen ich gerade im Kontakt bin. Trotzdem ist da eine gewisse Verbundenheit. Eine Verbundenheit in einem gemeinsamen Ziel:

Ni una menos – Nicht eine weniger

Bleibt gesund und bis bald,

Eure Martha