„Du bist bist Ruanderin!“, höre ich in letzter Zeit oft, und die Kinder zeigen auf mein Gesicht oder meinen Arm. Vielen ist aufgefallen, dass meine Haut durch die Sonne ein wenig dunkler geworden ist, als sie im September noch war. „Aber hier bist du Deutsche“, damit ist dann meistens die Innenseite meines Arms gemeint. Mit dieser Diversität muss ich mich dann wohl abfinden. 😉

Mit dem Verstreichen der Wochen hat sich aber nicht nur mein Hautton verändert. Alles ist viel vertrauter geworden; mein Alltag, die Umgebung, die Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe. Nach wie vor bin ich jeden Nachmittag im Oratorium und lerne die Kinder immer besser kennen. Wir erfinden viele Handschläge und geben uns gegenseitig kreative Spitznamen. Gerade haben die großen Ferien angefangen, die bis Januar dauern werden. Deshalb sind jetzt jeden Tag noch mehr Kinder und Jugendliche da, und obwohl ich mir schon wirklich viele Namen (und Spitznamen) gemerkt habe, kommen jeden Tag wieder neue dazu. Wenn wir vormittags ein bisschen Zeit haben, gehen wir oft in Rango oder Tumba spazieren und treffen Kinder, die uns dann begleiten, uns verschiedene Sachen zeigen wollen oder sich mit uns unterhalten.

Jeden Sonntag besuchen wir die Messe in der großen Kirche in Rango zu der immer sehr viele Leute kommen. Die Messe dauert meistens etwa zwei Stunden. Es werden viele Lieder gesungen, dazu wird geklatscht, viele Leute strecken ihre Arme aus und bewegen sich im Takt zur Musik. Ich habe schon ein paar der Lieder gelernt, kann bei den meisten aber leider noch nicht mitsingen, weil ich mir die Texte auf kinyarwanda nur schwer merken kann. Die Stimmung im Gottesdienst finde ich aber trotzdem total schön. Um euch mal einen kleinen Einblick in die Sprache zu geben: Hier ist der Refrain von einem meiner Lieblingslieder:

Uko impala ya hagira / ishaka amazi afutse / niko nanjye ngushakashaka / kuko ngufitye inyota.
Wie die Gazelle außer Puste ist / wenn sie nach Trinkwasser sucht / so bin auch ich auf der Suche nach Dir / denn ich habe Durst.

Auch wenn wir unter der Woche die Messe in der kleinen Kapelle der Kommunität feiern, singen wir viele Lieder auf Französisch und Kinyarwanda, teilweise auch mehrstimmig, und haben so immer einen musikalischen Start in den Tag.

Kinyarwanda zu lernen geht im Moment schneller, als ich am Anfang gedacht hatte. Ich kann inzwischen meistens verständlich ausdrücken, was ich sagen möchte – wenn auch oft noch holperig. Das Verstehen ist leider noch ein bisschen schwieriger. Wenn Leute schnell reden, verstehe ich nur einige Wörter, meistens aber nicht, worum es geht. Was die Kinder mir sagen möchten, verstehe ich meistens nach mehrfachem Wiederholen und Nachfragen. Zum Glück haben wir jeden Tag Kinyarwanda-Unterricht, sodass ich immer mehr dazu lerne. Mit unserem Lehrer verstehen wir uns wirklich gut und haben viel Spaß im Unterricht. Er bringt uns nicht nur die Sprache bei, sondern erzählt auch von Politik, Kultur und Geschichte Ruandas.


Umuganda

Jeden letzten Samstag im Monat findet in ganz Ruanda Umuganda statt, ein Tag, an dem alle Ruander*innen gemeinnützige Arbeit leisten sollen. Ende Oktober waren Cili und ich zum ersten Mal dabei. Wegen unserer hellen Haut haben wir beim Arbeiten leider ziemlich viel Aufmerksamkeit auf uns gezogen, konnten aber auch mit ein paar Leuten ins Gespräch kommen und so ein bisschen am Dorfleben teilhaben. Koordiniert von den Ortsvorsteher*innen haben wir alle zusammen mit Hacken und Schaufeln einen großen Berg aus Erde und Steinen sortiert und umgeschichtet. Danach gab es noch eine Versammlung, in der allen die Neuigkeiten vom Dorf mitgeteilt wurden, diese wurde aber von einem starken Regenguss unterbrochen und alle haben sich schnell einen Platz zum Unterstellen gesucht oder sind nach Hause gegangen.

Beim November-Umuganda waren wir dann wieder dabei, dieses Mal wurde eine Wiese von Büschen und Unkraut befreit und eine Rinne am Straßenrand freigelegt, damit Wasser ins Tal fließen kann.


Kibeho

Der 28. November ist ein Feiertag: In Kibeho, einem Dorf, das mit dem Auto etwa eine Stunde von Rango entfernt liegt, ist mehreren Schülerinnen die Jungfrau Maria erschienen; erstmals am 28. November 1981, dann noch insgesamt acht Mal in den folgenden Jahren. Deshalb ist Kibeho heute ein großer und bekannter Pilgerort und am Jahrestag der ersten Erscheinung wird das Fest „Notre Dame de Kibeho“ gefeiert.

Zu diesem Anlass sind wir mit der Gemeinde von Rango, aufgeteilt auf mehrere Busse und Autos, nach Kibeho gefahren, um dort die Messe mitzufeiern. Schon auf dem Hinweg im Auto wurde der Rosenkranz gebetet und viele Lieder gesungen. Dort angekommen habe ich dann erstmal gestaunt, wie unglaublich viele Menschen extra angereist sind, um die Messe mitzufeiern. Der Anzahl der Menschen entsprechend haben wir dann leider nur sehr weit hinten einen Stehplatz gefunden. Die über 200 Bischöfe und Priester konnten wir also kaum sehen, vor allem wegen der vielen Regenschirme, die zu Sonnenschirmen umfunktioniert wurden. Trotzdem konnten wir zuhören, es wurde sogar auf englisch und französisch übersetzt, und bei den Liedern mitsummen. Als wir am Abend sehr müde zurückkamen, wurden wir von den Priestern noch wegen dem Sonnenbrand belächelt, den Cili und ich – als Einzige der Kommunität – aus Kibeho mitgebracht haben. So bleibt mir neben einem blauen Rosenkranz bis heute immerhin noch ein anderes Andenken.

Gerade deshalb, weil die Temperatur sich immer zwischen 25 und 30 Grad bewegt und an Schnee, Mützen und Handschuhe dementsprechend nicht zu denken ist, ist es für mich im Moment sehr surreal, dass die Adventszeit kurz bevorsteht. Umso mehr freue ich mich natürlich auf mein erstes Weihnachten ohne Winterjacke – und den ersten Advent mit Sonnenbrand im Gesicht.

Viele liebe Grüße an euch alle und eine schöne Adventszeit!

Maria

 

(Ich füge noch ein paar Bilder ein, sobald das Internet dafür ausreicht)