Die Morgensonne scheint uns in der kleinen, heimeligen Seitenstraße entgegen, als wir drei Mädchen von unserem Frühstück wieder in die Flat zurückkehren. Wir tragen alle ganz brav Punjabi und Chunni. Ja, sogar die Haare haben wir uns geflochten. Na gut, meine waren vor drei Tagen mal geflochten. Bevor wir jeweils uns auf zur Arbeit machen, haben wir noch eine halbe Stunde Zeit.

Vorbereitung auf den Tag

Cara und ich, manchmal auch Swaan, nutzen die Zeit für einen Morgenimpuls. Wir singen zum Anfang ein Lied, dann lesen wir einen Bibelausschnitt, beten frei für was uns grade beschäftigt- gefolgt von einem Vater Unser- und schließen mit einem Lied. Ich genieße es sehr diese Momente mit Cara zu haben, einerseits sind es einfach zehn Minuten die man sich an Zeit für den Anderen nimmt und gleichzeitig einen kleinen Zwischencheck macht ob alles okay ist. Außerdem sehe ich die eigeninitiierten Impulse als eine Chance an, mich jeden Tag neu auf Gott und die Lehren des Neuen Testaments zu besinnen- und diese so gut wie es mir gelingt in meinen Alltag und meine Arbeit mitzunehmen. (Kommentar zu diesem Abschnitt von Cara: „Wow, wow, wow, da hören wir uns ja richtig religiös an hehehe“)

VERKEHRSCHAOS zur Arbeit

Um 9:30 schwinge ich mich also auf mein Fahrrad. Mein Herrenrad- das gar nicht mehr so viel zu hoch ist- habe ich inzwischen richtig zu lieben gelernt. Das gleiche gilt jedoch nicht für die anderen Verkehrsteilnehmer. Einmal ist mir ein Riksha-Geisterfahrer auf meiner Spur deutlich zu nah gekommen und der Fahrer hat auch noch gelacht. Mein erster Gedanke war ob ich schon wieder auf der falschen Straßenseite fahre, weil der Kerl einfach auf meiner Spur blieb und weiter auf mich zufuhr. Der hat erstmal ein saftiges „Ni amma!“ bekommen. Ein älterer Mann, der hinter mir sein Fahrrad fuhr, hüstelte erschrocken bei dem Kraftausdruck. Aber wenigstens ist die Riksha gefahren- ganz im Gegensatz zu zahlreichen anderen Fußgängern, Radfahrern und Autos, die mich querkreuzen wollen aber aus lauter Überraschung erstmal anhalten und glotzen. Und voll im Weg stehen. Letztens bin ich deswegen in ein Auto reingefahren. Na ja, lieber so als anders rum…

Das Shelter

Nach zehn Minuten radeln komme ich im Shelter an. Schließe mein Fahrrad ab und trete durch die schmale Tür in den spärlich beleuchteten Vorraum. Der Boden ist aus Stein, und sobald ich meine Schuhe ausgezogen habe, spüre ich die angenehme Kühle an meinen Fußsohlen. Die Jungs begrüßen mich freudig. „Good morning, boys! Subo daiam! Pagunara?“ (Tel. Guten Morgen! Wie geht´s?) Euphorisch watschele ich barfuß durch den großen Hauptraum nach vorne zum White Board. Richtig Old School mäßig steht es auf einer Art Staffelei. Ich schreibe „English Class“ an. „Sister, no! Dancing Class!“ sagt einer meiner Jungs und hüpft lachend auf und ab. Da gibt es doch gar keine Diskussion, ich komme jeden Tag und zuerst gibt es Englisch und dann Mathe, aber ein Versuch ist es ja immer wert. „No thammudu (kleiner Bruder), English Class!“ probiere ich meinen Kollegen mit einem Zwinkern zu überzeugen. Ein zweiter hoffnungsvoller Versuch… „Sleeping Class?“ Ich lache und drücke ihm Buch und Stift in die Hand. Erste Stunde beginnt.

Englisch Unterricht

Ich habe vor sechs Monaten mein Abi gemacht und schon bin ich zurück in der Schule. Na ja, so richtig Schule ist es ja nicht- die Kinder bleiben im Shelter im Regelfall nicht sehr lange und der „Unterricht“ ist eher dafür gedacht das sie sich an das Lernen gewöhnen und die Basics bekommen. Mit meinen Jungs ist es aber anders, weil sie schon etwas älter sind- dementsprechend können sie schon etwas. Personalpronomen zum Beispiel. Auch wissen die Jungs viele Verben, allerdings nur im progressive (Verb+ ing; bsp. dancing, going).

Ich weiß nicht wieso, aber die Leute benutzen hier nur diese Form des Verbs, deswegen bringe ich den Jungs present progressive und past progressive bei (i am walking, i was walking). Auch Fragestellung darf nicht fehlen. Als ich gefragt habe welche Fragewörter die Jungs denn schon kennen, wussten sie aber leider nicht was ich meine. Aber da hilft mir mein Telugu… „Boys, ekkada in english?“ Ein großes Aaaah. Jetzt sprudeln die Wörter nur so aus ihnen heraus. Ziel bei Englisch ist es für mich das die Jungs sich verständigen können- perfekte Grammatik muss es jetzt aber nicht sein. Mein bester Schüler ist 19 und hat schon seinen Highschool Abschluss, er langweilt sich meistens in Englisch. Deswegen bekommt er von mir jede Stunde drei Wörter, die dann Schlagwörter für eine Geschichte sein sollen (zum Beispiel Mädchen, Hund und Apfel). Diese schreibt er dann während der Stunde und dann korrigiere ich sie. Bei dieser Aufgabenstellung ist mein Kumpel voll mit dabei, meistens schreibt er Geschichten wie Stärkere die Schwachen beschützen oder ihnen helfen. Immer sehr lieb zu lesen. 🙂

Mathe Unterricht

Nach einer kleinen Pause(mit Chai) kommt Mathe. Mathe fand ich manchmal ganz cool aber ab und zu auch einfach nur ätzend, vor allem in der Oberstufe. Mit den Jungs, die übrigens alle in meinem Alter sind, mache ich zurzeit Kopfrechnen. Mit den beiden Besten mache ich sogar einfache Flächenberechnung. Immer wieder finde ich aber auch Jungs, die das ein oder andere noch gar nicht können; zum Beispiel multiplizieren. „Okay, eight times four- you can write it like that- or you say fourplusfourplusfourpusfloplforforppfrlorp…” Ich schreibe beide Varianten an und breche mir die Zunge, während die Jungs sich auf dem Boden kugeln vor Lachen. Das kleine Einmaleins ist schnell gelernt.

Schulschreck

Generell genieße ich die Arbeit im Shelter sehr. Das Unterrichten ist so gut wie nie anstrengend, da die Jungs schon älter sind und deswegen auch (meist) relativ konzentriert und kooperativ sind. Auch mit Autorität gibt es keine Probleme; ich bin nicht befehlerisch und die Jungs ermahnen sich gegenseitig wenn es einer zu weit treibt. Und im Großen und Ganzen probieren sie ja sowieso es mir recht zu machen- ein Prinzip der Gegenseitigkeit. Aber eine „coole“ Lehrerin zu sein ist echt nicht schwer, wenn man von den Jungs die Geschichten von manchen früheren Lehrern gehört hat. Kurze Anmerkung: Die folgenden Sachen beschreiben nicht das indische Schulsystem, es sind lediglich Erfahrungsberichte meiner Jungs. Ich lade an dieser Stelle meine Leser dazu ein mit Vorsicht folgende Handlungen auszuprobieren.

„Sister, you teaching is different from school teaching.“  Ich verziehe das Gesicht. Klar, ich bin keine Lehrerin, ich mache hier aber immer noch relativ okayen Unterricht. „No, sister! See, in school. When two pupils not knowing answer, pupils have to do this.“ Er verschränkt seine ausgestreckten Finger mit den Fingern seines Kumpels. Ein dritter Junge drückt nun einhändig die ausgestreckten Finger der beiden Jungs zusammen. Die beiden schreien scherzhaft im Schmerz, lassen los und lachen. Mir wird übel. „Sister, teacher are also taking ruler, then you have to show hands.“ Er zeigt beispielhaft seine Hand mit dem Handrücken nach oben und schlägt sich dann mit der scharfen Kante eines Lineals selber auf die empfindliche Stelle der Finger direkt hinter den Handknöcheln. „Also when children behaving bad, they stand in line and then slapping.“ Die Jungs erzählen mir noch von mehr; lachend, scherzend und schmunzelnd. Nach einer Weile bin ich ziemlich traurig. Von dem Schlagen an sich bin ich gar nicht so sehr geschockt- eher davon, dass sie diese Prozeduren als normal wahrnehmen.

Spiel und Spaß

Nach dem Unterricht habe ich noch einanhalb Stunden Anwesenheit und sorge ich für einen kleinen Ausgleich vom vorherigen Unterrichten: ich lasse mir von den Jungs ein bisschen Telugu beibringen. Hier werde ich regelmäßig für meine Aussprache getriezt und für mein „r“. Aber so habe ich wenigstens eine annehmbare Aussprache. Wenn ich genug Telugu gelernt habe, verbringen wir etwas Freizeit zusammen. Wir basteln, knüpfen Freundschaftsbänder, arbeiten etwas draußen am Haus, spielen Carrum Board, quatschen oder machen laut Telugu Musik an und tanzen. Ab und zu besucht uns auch ein Sponsor und gibt uns Snacks, wie Bananen oder Gebäck. Einmal waren wir auch alle müde und haben einfach eine Stunde ein Nickerchen zusammen auf dem Boden gemacht- was soll ich sagen? Ich verstehe halt den Geist der Jugend… Nach drei Stunden packe ich dann zusammen und treffe mich mit Cara und Swaan in YB zum Mittagessen. Hier reden wir immer über die erste Hälfte unseres Arbeitstages und was sonst nicht, wir finden ja immer was zum quatschen.

Liebe Grüße nach Hause,

Eure Lilli