Ekel

Wir lassen gerade den Abend gemütlich beim Fernseher ausklingen, ich sitze auf einem braunen Plastikstuhl und verfolge milde interessiert das Cricketmatch zwischen Indien und England. Und da kommt sie. Zwischen meinen Füßen krabbelt eine RIESIGE Spinne hindurch. Ich rede Ekelhaftigkeitsgrad, Bau und Größe von einer wirklich SEHR großen Wolfsspinne. Ein großer platter Körper und stabile Beine, alles in hellgrün. Nur dass ihre Beine beim Laufen komplett ausgestreckt sind. „WAaah-hUi-HäL-wÄH“ artikuliere ich ungeschickt, während ich meine Füße in Sicherheit zu mir auf den Stuhl ziehe. Die Spinne krabbelt weiter auf einen Jungen zu, der sie unbeeindruckt wegwischt- wieder unter meinen Stuhl!

„Iuuh, not to me!“ lamentiere ich. Die Spinne läuft wieder auf den Jungen zu. Der Junge kichert, packt ein Bein dieser monströsen, ekelhaften Spinne UND WIRFT SIE AUF MICH. Die Spinne trifft mich auf meiner Brust und landet dann auf meinem Schenkel. Sofort strecke ich meine Beine wieder auf den Boden, und schaue für eine Millisekunde dieses fette Viech mit seinen acht langen ausgestreckten Beinen auf meinem Oberschenkel an. Dann schüttele ich mich kreischend wie eine Verrückte, hüpfe von der auf den Boden gefallenen Spinne weg und schreie: „I can’t believe you just did that!“ , und stürme aus dem Zimmer. Zugegeben kein besonderer Glanzmove von mir.

Draußen schaut mich Tabea alarmiert an, „Was ist los?“. „Er hat eine riesenfette Monsterspinne auf mich geworfen!“ sage ich und nehme die Treppen nach oben. Die Jungs, die mit Tabea Karten gespielt haben, schauen mich besorgt und verwirrt an, aber ich brauch kurz Zeit und etwas Privatsphäre um mich von diesem tiefen Ekel in mir zu beruhigen, und gehe hoch in mein Zimmer. Dort mache ich meinen inneren Ekel verbal und schüttele mich immer und immer wieder. Tabea kommt mir nach und streift symbolisch meinen Körper ab um „die Spinne“ mental abzustreifen.

Nach zwei Minuten bin ich schon wieder gefasst und gehe zurück nach unten, wo ein sehr schuldbewusster Junge steht und mir kaum traut in die Augen zu sehen. Die anderen Jungs haben ihr wohl doch ziemlich ausgeschimpft, „Why you doing so with our sister? This sister is good sister! Why do you do?“höre ich einen Jungen sagen. Sie beobachten aufmerksam die Szene, als ich auf den Übeltäter zugehe.

Ich blicke dem Jungen ernst in die Augen. „Don’t you EVER throw a spider on me again.“ Ich schnalze mit der Zunge und lächele ihn an. „I mean, just …. Gluhahöh-huh-huh-huh was that dis-GUSTING, my GOD and those legs…“ Dann hüpfe ich vom einen Bein aufs andere, schüttele mich ein bisschen, und die Stimmung ist wieder gelockert. Die Jungs lachen alle über mein Schauspiel und auch der Spinnenwerfer kann sich sein Lachen nicht verkneifen und versteckt sein Gesicht -in gespielter Scham versunken- in seinem Tshirt. Ich schlage ihm freundschaftlich lachend auf die Schulter, dann schauen wir uns alle zusammen das Ende vom Cricketmatch an- es war sowieso grad Werbepause.

Das ABC

Bei der Study time bringe ich grade zwei 16-jährigen Jungs das Lesen bei, im Unterricht kann ich leider nicht individuell fördern. Telugu können die Jungs alle makellos und fehlerfrei lesen und schreiben, aber bei Englisch Fehlanzeige. Der eine meiner Jungs hat sogar ein richtig gutes Englisch im Vergleich zu den anderen Jungen in Vimukthi; großes Vokabular, gute Verständigung, tolle Aussprache- aber halt nur Sprechen- kein Lesen. Meine beiden Burschen können von sich aus alle Buchstaben in Groß und Klein, und können Sie vom Schriftbild auseinander halten.

Ich gehe so vor: Ich schreibe das ganze Alphabet auf und nehme jeden Tag fünf Buchstaben durch. Ich unterscheide bei den Buchstaben zwischen ihrem Namen („double-yu(w), zett(z), jemm(m), bee(b), yiaa(a)“) und wir wir sie beim Reden aussprechen. Zu jedem Buchstaben suche ich mit den Jungs Wörter raus. „The Name of this letter is ‚Bee‘, but when we speak it, we say ‚b-uh‘, sarre?“ Dann suche ich mit den Jungen Wörter mit B: Buh-read, Buh-ody, Buh-iriyani. Die Jungs haben dabei auch viel Spaß Wörter zu finden, die sich wie Schimpfwörter anhören; beach, fog, bus stop. Diese Wörter kurz und mit leichtem indischen Akzent aussprechen… und schon hat man höchst interessierte Jungs.

Ich kann kein Telugu schreiben

Im Unterricht muss ich mir auch was überlegen, mein Telugu hilft mir zwar sehr viel- ich kann den Kindern Sachen in ihrer Muttersprache beibringen, aber ich kann nicht schreiben. Also muss der Tafelanschrieb komplett auf Englisch erfolgen. Leider können viele Kinder nicht das Alphabet lesen und schreiben. Und ich finde das ganz ehrlich okay, ich will das sie Motivation und Spaß beim Lernen haben.

Diese Woche habe ich mit den Kleinen die verschiedenen Wirbeltiergruppen durch genommen: Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische. Und das einzige was ich geschrieben habe waren diese fünf Wörter. Dann habe ich die Kriterien gezeichnet: Säugetiere haben Fell (=haariger Arm), säugen ihre Babys (=Muttertier mit Baby) und ihre Babys werden lebend geboren (=schreiendes Baby). Die Jungs sind begeistert, sie malen alles brav in ihre Hefte. Unter jede Gruppe haben wir dann Tiere gesammelt und natürlich gemalt. Hier hatte ich vor allem die Möglichkeit, Jungs zu loben die meistens eher „schlecht“ im Unterricht sind: ich lobe sie für einen gemalten Löwen für den sie sich besonders viel Mühe gegeben habe oder für ihren besonders ordentlichen Eintrag.

Am Ende haben wir dann ein Spiel gemacht: „Wo gehöre ich dazu?“. Ein Huhn, hat das Kiemen und Schuppen wie ein Fisch? Hat das Haare wie ein Säugetier? Ein paar der Jungs sagen verunsichert „Ja, Hühner haben Haare.“. Als Strafe male ich ein albernes Huhn mit einer Lockenpracht bis zum Boden. „So our Chicken look like this???“, frage ich die Jungs, die sich auf dem Boden kugeln bei so viel Blödsinn. Aber überraschenderweise merken sich die Jungs doch relativ viel, so zählt mir ein Junge aus meiner Klasse bei jedem Tier was uns in Vimukthi über den Weg läuft die Bestimmungsmerkmale auf. „This buffalo is hair, baby milk drinking, baby crying. Buffalo is mam-mal-mal. This bird feathers and laying egg: this bird is bird.“

Oh, ich habe meine Jungs so lieb. Dabei bin ich bei allen in ihrer Weise mächtig stolz auf sie. Auf die Jungs die an einem Tag mal richtig optimistisch und freudig mitgemachen und dann wieder einen schlechten Tag haben, die anderen Kindern in der Class Sachen erklären, die Burschen die massiv aufgetaut und offen geworden sind, die jeden Tag brav und ruhig in der Class sitzen, die Jungs die kein Interesse an keiner unserer Classes haben aber dafür unsere Bastelzeit lieben und dort die tollsten Sachen erfinden und basteln… Und natürlich bin ich stolz auf die vier Jungs, die sich für die Open 10 angemeldet haben; ca. das Äquivalent zu dem Realabschluss im der Abendschule nachzuholen. Damit können Sie dann nämlich aufs College und sogar auf die Uni- auch alles mit der Unterstützung von Navajeevan.

Sick of being sick

Ich hatte ja vor drei Wochen eine Lebensmittelvergiftung, und es wurde die ganze Zeit nicht besser, meine Verdauung hatte sich einfach nie komplett eingependelt und dann, nach zwei Wochen… Bauchkrämpfe des Todes, Diarrhö, heftige Kotzeritis mit der Kombination seit der Lebensmittelvergiftung ordentlich Gewicht verloren zu haben. Mir ist schwindelig und ich schlafe 16 Stunden, bis mich Tabea am nächsten Tag überredet einen Tag früher von Vimukthi in die Stadt zu fahren, damit ich einen Arzt sehen kann. Ich lasse mich in das Krankenhaus einweisen und bleibe vier Tage stationär dort und dann muss ich die folgende Woche (also diese vergangene Woche) zuhause in der Flat bleiben. Ich bin durchgehen müde und muss mich meistens nach dem Aufstehen wieder hinlegen, weil ich davon wieder erschöpft bin. Von meinem Abenteuer „Weiß in einem indischen Krankenhaus“ erzähle ich euch im nächsten Beitrag, diese Woche habe ich einfach NICHTS geschafft.

Aber mir geht es schon wieder besser, denn ich hatte ja jetzt auch eine Woche Erholung und alle meine Volontärsmitbewohner in der Flat haben sich ganz liebevoll um mich gekümmert.

Liebe Grüße,

Eure Lilli