Lilli in Indien https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/ Don Bosco Volunteer Blog Fri, 16 Aug 2019 08:23:03 +0000 en-US hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.4 Abschied nehmen- meine letzte Woche in Vimukthi https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/08/16/abschied-nehmen-meine-letzte-woche-in-vimukthi/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/08/16/abschied-nehmen-meine-letzte-woche-in-vimukthi/#comments Fri, 16 Aug 2019 08:22:52 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=272 Ich weiß nicht ganz was ich fühlen soll. In meiner letzten Woche in Vimukthi bin ich etwas stumpf geworden. Ich wusste, dass ich nur noch 4, 3, 2 Tage in Vimukthi habe und das ich meine Jungs bald nicht mehr sehen werde. Ich glaube ich habe mich einfach nicht getraut mir selber zuzugestehen dass ich […]

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Ich weiß nicht ganz was ich fühlen soll. In meiner letzten Woche in Vimukthi bin ich etwas stumpf geworden. Ich wusste, dass ich nur noch 4, 3, 2 Tage in Vimukthi habe und das ich meine Jungs bald nicht mehr sehen werde. Ich glaube ich habe mich einfach nicht getraut mir selber zuzugestehen dass ich GEHE. Tabea ist zurzeit auf Urlaub, so dass ich in meiner letzten Woche alleine in Vimukthi war, was irgendwie auch gut war. Aber nun, hier mein Eintrag über die letzte Woche Vimukthi.

Der Monsun

Vimukthi ist wunderschön zurzeit, der Monsun hat endlich eingesetzt. Die vertrockneten Stellen kahler, roter Erde sind endlich zugewachsen. Die Büffel sind zwischen den Mangobäumen und grasen. Ich helfe zum letzten Mal bei der Buffalo-Duty mit. Ich wische mit dem Reisigbesen die Gülle von der Liegefläche der Tiere, als mir ein starker Wind ein paar Strähnen aus dem Dutt zupft. Der Monsunregen kündigt sich immer durch eine starke Böe an, und 10 Minuten später öffnet sich der Himmel und tränkt die rissige Erde mit Wasser.

Die Jungs und ich sind nicht rechtzeitig mit der Duty fertig geworden, und die Büffel sind noch draußen in der Plantage als der Regen einsetzt. Die Jungs rufen in die Bäume hinein, und langsam trotten die schwarzen Büffel durch den Starkregen auf uns zu. Hinter ihnen die Gestalten von den Jungs die gerade hüten müssen, sie sind klitschnass. Fluchend stellen sie sich zu uns unter das trockene Vordach und fangen leicht an zu zittern, dabei hat es immer noch um die 30 Grad. Der Blick eines Junges gleitet durch den Stall und … “Ni amma.” Die Büffelbabys sind angeleint unter einem Mangobaum, unter dem sich langsam eine Pfütze bildet. Ihre großen Segelohren hängen miserabel hinab. Der graue Himmel grollt unversöhnlich und gibt noch mehr Regenschauer, als eine kleine hitzige Diskussion entbricht, wer raus in den Regen muss und die Kälber holt.

Ich gehe mit zwei Jungs hinaus in den Regen, jeder packt jeweils ein Kalb. Eine Hand am Strick, eine Hand am Ohr. Nur zu brav trappeln die Kleinen neben uns her, in die Trockenheit des Stalls. Mit 16 Büffeln, 3 Kälbern, 5 Jungs und mir ist der Stall doch schon ordentlich voll. Doch es breitet sich schon bald dieses heimelige Gefühl aus, im Trockenen zu sitzen, während es draußen stürmt und regnet. Wir reden nicht, sondern schauen alle nur still in den Regen.

Von dem Wellblechdach des Stalles tropft das Wasser in kleinen Rinnsalen zu Erde. Der Regen fällt draußen peitschend auf die Erde und formt in der Luft komische Formen, dort wo er vom Wind weiter getragen wird. Die knorrigen Mangobäume wiegen sich unter dieser Naturgewalt, die grünen Äste biegen sich bedrohlich gen Boden. Der Rhythmus des Regens ist wie Musik. Das Wasser sammelt sich in kleinen Pfützen, dann laufen sie über. Rot-schlammige Flüsschen rinnen durch die Grasfläche und verschwinden hinter dem Haus… wir reden nicht, sondern schauen alle nur still in den Regen. Ich denke über Deutschland nach und die Menschen die dort auf mich warten. Mir fällt auf, dass es dort viele Menschen gibt, die ich seit einem Jahr vermisse und endlich wieder in den Arm nehmen will. Und dass ich mit ihnen gerne Sachen zusammen erlebt hätte, wie zum Beispiel das Gefühl von einem Monsunregen.

Wir warten 20 Minuten bis der Regen aufgehört hat und treten dann hinaus ins Freie. Die Luft ist klar und riecht nach nasser Erde und Gräsern. Der Boden ist aufgeweicht, und die Jungs und ich laufen zurück zum Haupthaus, neben uns in den hohen Gräsern sind die Schafe von Vimukthi, ihr fleißiges Knabbern hat wieder eingesetzt. Auch sie sind durchnässt, aber mit ihrer dicken Wolle stört es sie anscheinend gar nicht. An ihren dicken Zotteln fallen glitzernde Wassertropfen in den roten Schlamm.

Das ist das Bild das ich von meiner letzten Woche in Vimukthi behalten werde.

6 Monate

Ich war 12 Monate in Indien, und die längste Zeit war ich in Vimukthi. 6 Monate war ich in hier. In meinem Blog schreibe ich “die Jungs”, aber ich weiß dass “die Jungs” K, A, R, N B und so weiter heißen. Ich weiß dass K wegen den kleinsten Sachen an die Decke geht, im Affentempo beschuldigt und mit seinem Zeigefinger auf die Anderen fuchtelt- und das sein Kumpel R immer neben ihm steht und seine Art parodiert, was alle schließlich zum Lachen bringt, auch K. Ich weiß das V aus dem Slum kommt, und R auch. N B hat Angst vor seinem Onkel, weil der ihn immer geschlagen hat. Und P vermisst seine Mutter, aber sie will ihn nicht bei sich haben weil er anstrengend sein kann. Ich habe nicht nur in Vimukthi gearbeitet, sondern dort auch gelebt. Ich kenne die Jungs.

Die ganze Woche über habe ich mich gewundert, wieso ich nicht rumheule. Ich hätte die Woche viel Grund zum Weinen gehabt: Drei von meinen Jungs sind in meiner Abwesenheit weg gelaufen und mein Hund in Vimukthi ist gestorben. Aber ich habe nicht geweint. Ich habe auch nicht geweint, als ich am Mittwochabend ein letztes Mal mit den Jungs im Kino im Dorf war. Ich hatte etwas dazu gesponsert, so dass wir auch mal in den bequemen Sitzen den Film schauen können und alle zwei Snacks bekommen, anstelle nur einen. An dem Abend war ich glücklich. Ich war auch glücklich bei meiner letzten Class, bei der alle Jungs ganz leise und andächtig zugehört haben. Ich war die ganze Woche glücklich und habe die Zeit mit den Jungs genossen.

Farewell-Party

Meine Farewell war am Donnerstag Morgen, bevor ich ging. Meine Sachen waren schon größtenteils gepackt, mein Zimmer fast leer. Den vorherigen Abend habe ich nicht geweint. Die Feier war im Klassenzimmer, die Jungs hatten die Tafel bemalt und “Happy Farewell!”, “Safe journey!”, “Good life!” und “I love you!” geschrieben und kleine Blumen gemalt.

Die Jungs haben viel vorbereitet. Ein selber geschriebenes Theaterstück, ein Lied und drei eigene Tänze. Ein Junge hatte sogar eine Rede vorbereitet. Dann kamen sie alle nach einander nach vorne und sagten mir, was sie an mir mochten, an Momente die wir zusammen hatten und alles, was sie mir einfach noch so sagen wollten. Was sie mir gesagt haben, will ich für mich behalten, denn es gehört nur den Jungs und mir. Ich habe wirklich probiert die Feier nicht zu dramatisch zu nehmen, nicht theatralisch zu sein. Aber Abschiede sind nur schmerzhaft wenn man sich nie wieder sieht, und da meine Jungs am Ende ihrer Laufbahn in Navajeevan stehen, ist es möglich, dass wenn ich in zwei Jahren vielleicht zu Besuch komme, keiner meiner Jungs noch hier sein wird. Und das dieser Abschied damit sehr wohl schmerzhaft ist.

Als alle Jungs fertig gesprochen hatten, durfte ich mein Wort an sie richten. So gut wie ich konnte, habe ich auf Telugu gesprochen. Dass ich hier in Vimukthi glücklich war, jeden Tag mit ihnen zu essen, und ihnen ein “Good Morning!” zu wünschen, wenn ich ihnen das Essen austeilte. Dass ich es geliebt habe, mit ihnen im Unterricht zu scherzen und zu lachen (auch wenn ich mal streng war) und dass die Bastelstunde meine Lieblingszeit des Tages war. Dass ich sehen kann, wie aus ein paar von meinen Jungs schon junge Männer geworden sind. Und dass ich sehr dankbar bin diese Momente und diese Zeit mit ihnen geteilt zu haben und mich das glücklich macht.

Aber dass ich an diesem Tag auch traurig bin, weil ich in Zukunft ein paar Momente mit den Jungs verpassen werde. Ich werde nicht da sein wenn sie ihre Ausbildung geschafft haben und dann zusammen mit Navajeevan feiern. Eines Tages werden die Jungs Männer sein, und vielleicht heiraten und eine Familie gründen und wer weiß noch was Tolles anstellen, und ich werde nicht da sein um es mitzuerleben. Ich bin so stolz auf die Jungs, weil ich weiß, dass sie noch viel weiterwachsen werden- auch wenn ich es nicht sehen werde. Aber Andere werden da sein, die Fathers, Mitarbeiter von Navajeevan, neue Volontäre, ihre Freunde und Familie. Ich weiß, dass obwohl ich jetzt gehe, die Jungs keineswegs allein sein werden. Und dass ich ihnen viel Liebe und Segen wünsche für ihre Zukunft, und sie weiterhin in meinen Gedanken und in meinen Gebeten bleiben werden.

Es war mir eine Ehre in Vimukthi mit diesen tollen Jungs arbeiten und leben zu dürfen

Jetzt weine ich endlich doch, und es ist auch nicht mehr aufzuhalten. Und es gerät außer Kontrolle als Durgu, der Caretaker, kommt und sich vor mich stellt. Er faltet meine Hände wie zur Hostienausgabe, senkt dann seinen Kopf und drückt mir sanft einen Kuss in meine gefalteten Hände. Ich spüre seine warmen Lippen auf meinen Handflächen und seine harten Bartstoppeln an meinen Fingerspitzen. In Vimukthi gab es immer große körperliche Distanz zwischen uns Volontärinnen und den Jungs,

Ich war nicht erwärmt oder berührt durch diese Geste- sondern vollkommen erschüttert. Die Jungs, einer nach dem Anderen, standen auf, traten langsam vor mich und legten einen kleinen Kuss in meine offenen Hände. Die Tränen strömten nun unaufhaltsam über meine Wangen, ein Junge hält vor mir kurz inne, lächelt mich mit trauriger Gewissheit an und sagt leise: “Sister, please stop crying, you eyes will fall out.” Ich spüre ihre weichen Lippen auf meinen Handflächen. Manche haben schon einen kleinen Bart, ihr warmer Atem auf meinem Handballen. Mein kleiner “Phillip” weint ein bisschen in meine Hände. Ich weine ein bisschen auf seinen Kopf. Ich habe davor noch nie so ein Zeichen der Zuneigung von den Jungs erhalten, auch weil es ein bisschen gegen die Vorschriften ist. Aber jetzt gehe ich, also wen interessiert es?

Nach der Feier gehe ich in mein fast leeres Zimmer und sammele mich kurz, damit ich aufhören kann zu weinen. Ich packe meine letzten Sachen zusammen, schließe die Fensterläden damit es nicht reinregnet und schau ein letztes Mal herum, bis ich meinen großen Rucksack schultere und die Tür schließe. Unten warten alle, ich gebe ein letztes Mal meine Telefonnummer an alle die sie haben wollen. Dann nehmen mich die Jungs an der Hand. Sie gehen mit mir gemeinsam bis an das große eiserne Eingangstor von Vimukthi. Dort ein letztes Mal Händeschütteln, keine großen Worte mehr; “Good bye, Sister!”, “Safe Journey Sister!”. Und dann drehe ich mich um und gehe. Die ganze lange Straße an den Ländereien von Vimukthi vorbei, bis ich das hinterste Zipfel von Vimukthi Gardens erreicht habe. Ich schaue noch einmal zurück, die Mangobäume wiegen sich leicht im Wind. Dann gehe ich weiter.

Meine Arbeit in Indien ist zum Ende gekommen.

Eure Lilli

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Ein Fall für das Krankenhaus https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/08/13/ein-fall-fuer-das-krankenhaus/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/08/13/ein-fall-fuer-das-krankenhaus/#comments Tue, 13 Aug 2019 13:04:53 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=269 So, wie immer am Ende, rennt die Zeit schneller als ich schreiben kann. Schon in einer Woche fliege ich nach Hause und die Ereignisse überschlagen sich und ich habe in dem ganzen Trubel öfters Schwierigkeiten mich hinzusetzen und einfach aufzuschreiben. Hier mein Krankenhaus-Abenteuer! Wie alles anfing… Ich hatte im letzten Beitrag das Krankenhaus angedeutet, in […]

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So, wie immer am Ende, rennt die Zeit schneller als ich schreiben kann. Schon in einer Woche fliege ich nach Hause und die Ereignisse überschlagen sich und ich habe in dem ganzen Trubel öfters Schwierigkeiten mich hinzusetzen und einfach aufzuschreiben. Hier mein Krankenhaus-Abenteuer!

Wie alles anfing…

Ich hatte im letzten Beitrag das Krankenhaus angedeutet, in welchem ich zur Behandlung war, wegen den Folgen einer Lebensmittelvergiftung. Die Lebensmittelvergiftung wurde von einem Arzt im Krankenhaus bahandelt, Medikamente wurden eingenommen und wieder abgesetzt und mir hätte es besser gehen sollen- aber nach einem Monat Durchfall, Bauchschmerzen und zum Ende drei Tagen Erbrechen ging es mir GAR NICHT gut. Ich hatte sofort wieder angefangen zu arbeiten, am Anfang ging es noch gut, aber nach drei Wochen Durchfall geht einem physisch echt nicht mehr so prächtig…

Schon beim Unterrichten konnte ich nur noch sitzen, Games Time hatte ich seit ein paar Tagen gemieden- ich dachte es würde nach ein paar Tagen (Wochen?) schon wieder selber weg gehen. Ich bin ein starkes Mädchen, ich bin NIE krank. Tabea hat mir dann sehr deutlich gesagt dass DAS nicht eine normale Grippe ist und ich echt nochmal in das Krankenhaus sollte. Tabea und ich fahren zusammen einen Tag früher von Vimukthi heim, die 2 stündige Fahrt zurück in die Stadt wäre für mich alleine vielleicht zu viel gewesen.

Einlieferservice

Ich lasse mich in das Krankenhaus einliefern, Tabea begleitet mich treu auf Schritt und Tritt. Sie bestellt sofort einen Rollstuhl für mich, da ich schon wieder etwas geschwankt habe beim Gehen. Ein viel zu glücklicher Pfleger springt mit einem Rollstuhl herbei und rollt mich dann mit einem Affentempo -über die weißen Fliesen, unter dem grellen Neonlicht, vorbei an tausend Schwestern und neugierigen Blicken, durch das ganze Krankenhaus- in einen Gemeinschaftsschlafsaal. Dort werde ich dann auf ein sauberes Pritschenbett verlegt.

Selfie aus dem Krankenhaus, damit ich ein Bild für meinen Blog habe!

Nach einer Weile kommt ein Arzt, ich darf auf meiner Pritsche weiterliegen und Tabea muss Fragen beantworten. Sie beantwortet alles richtig, und ich höre aufmerksam zu. Ich vermeide es zu sprechen, wegen der Übelkeit, aber in meinem Kopf mache ich auf jede Frage des Doktors bissige Antworten: Nein, meine Familie hat keine Erbkrankheiten. Nein, ich habe keine Familienangehörigen in Vijayawada, Tabea ist grad meine Angehörige. Nein ich hab keine Allergien! MEINE GÜTE kannst du jetzt mal herkommen und mir Drogen geben damit mein Bauch nicht mehr weh tut??? Und überhaupt?

We are going on a trip

Mein letzter Wunsch geht bald in Erfüllung, denn kaum sind alle wichtigen Fragen des Doktors beantwortet, dreht sich mir mein Magen um. Ich liege auf die Seite gedreht röchelnd über einer Plastikschüssel, während viele meiner indischer Mitleidenden neugierig zu mir rüber schauen. Ein Inder macht schon ein Selfie mit dem kotzenden weißen Mädchen hinter sich. Genießt die Show, da kommt noch mehr. Der Doktor tritt an mein Bett und checkt mich durch. Wie einen Gegenstand checkt er mich durch; Augenlider heben, in Augen leuchten, Zunge zeigen, Atmung hören, … ich lasse alles über mich ergehen, mach die Augen zu und lass mich einfach schlaff. Ich bin SO müde. Als er fertig ist sagt er der Schwester etwas auf Telugu und ich verstehe nur das Wort “Schmerz”. Dann verschwindet der Doktor und eine kleine zierliche Schwester kommt an mein Bett. Tabea sitzt auf der linken Seite von meinem Bett und hält meine Hand, die Schester hantiert zu meiner Rechten herum.

Die Schwester nimmt mir Blut ab und sticht mir dann eine dicke Nadel (Holy Guacamoly das tut weh!) in meinen Unterarm, eine Kanüle. Dann werde ich an den Salzwassertropf gehängt, und die Schwester jagt mir durch einen zweiten Eingang der Kanüle vier kleine Fläschchen von IRGENDWAS in meinen Körper. Ja, ja, hau rein das Zeugs. Schlimmer wird es bestimmt nicht mehr. Tabea schnappt sich meine Krankenakte und fängt fleißig an zu googeln. Der Doktor hat ein komplettes Blutbild, eine Stuhlprobe, eine Urinprobe und einen Ultraschall verordnet. Die verordneten Medikamente, die mir die Schwester rein gehauen hat, sind ein starkes Schmerzmittel, Antibiotika (standardmäßig), etwas gegen das Erbrechen und etwas gegen Durchfall… Nach zwanzig Minuten geht es mir gut. Wiiiiiiirklich gut.

Schmerz ist weg, der Verstand auch

Nach einer Zeit kommt Cara, doppelte Tropenkrankheit-Bezwingerin, Krankenhausexpertin und Flat-Sister, in das Gemeinschaftszimmer reingestampft. Sie kommt um Tabea abzulösen, da bei indischen Krankenhäusern immer jemand bei dem Patienten sein muss. “Caraaaaa!” rufe ich erfreut und strecke in meinem Bett kichernd die Arme aus. “Ah, sie haben sie schon vollgepumpt? Was hat sie bekommen?” Cara schnappt sich meine Krankenakte und studiert mit grimmigen Blick was der Doktor aufgeschrieben hat. Ich maaaag Cara. “Ich habe mit der Versicherung geredet, sie übernehmen ein Privatzimmer. Sister! My friend going Private room.” Uuuuh fancy, danke Caraschnuckiduzi. Kurze Zeit später werde ich in ein kleines Zimmer verlegt, das nur für mich ist, jetzt werde ich auch nicht mehr angeglotzt. Tabea verabschiedet sich für die Nacht und Cara schlägt auf der zweiten Pritsche in meinem Zimmer ihr Nachtlager auf. In den folgenden Tagen schauen ALLE meine Mitvolontäre im Krankenhaus vorbei und übernehmen abwechselnd Tages- und Nachtschichten bei mir im Krankenhaus. Cara hat mir sogar beim Duschen geholfen (da meine Hand mit der Kanüle nicht nass werden darf) und meine Unterwäsche gewaschen. Ein neues Level an Freundschaft.

Schwanger oder nicht schwanger?

Am nächsten Tag werden alle möglichen Tests gemacht. Der Arzt besucht mich jeden Tag zwei Mal und erzählt uns Neuigkeiten, und Cara fragte gleich am nächsten Morgen nach schwächeren Schmerzmitteln. Spielverderberin. Aber sie hat schon recht. Bei den Tests musste ich eine Stuhlprobe und eine Urinprobe abgeben, was doch irgendwie eklig war. Vor allem als ich dann die kleinen durchsichtigen Behälter einem anderen Menschen überreichen musste. Am witzigsten war der Ultraschall, ich wurde in meinem kleinen Rollstuhl in den Bereich der Radiologie hingerollt. Vorne an der Tür zu der Station ist ein großes Plakat, worauf steht: “IT IS FORBIDDEN FOR THE PARENTS TO SEEK KNOWLEDGE ABOUT THE SEX OF THE CHILD. THE CRIMINAL OFFENCE CHARGES UP TO 40.000 RUPEES. PLEASE LET THE DOCTOR KNOW IF YOU ARE (POSSIBLY) PREGNANT.

Ich muss kurz warten bevor ich rein darf, und schaue mir die anderen Wartenden an. Die Frauen vor der Radiologie sind alle schwanger, neben ihnen ihre Ehemänner. Eine alte Frau sitzt auch da und schaut mich an als wäre ich der moralische Untergang, während ich alleine auf meinen Ultraschall warte. Ja, schau nur, ich bin aber nicht schwanger und wenn ich schwanger ohne meinen Partner hier wäre, dann könntest du mich- Mein Pfleger, der die ganze Zeit verträumt aus dem Fenster geschaut hat, schiebt mich in die Radiologie. Meinen Pfleger mag ich wirklich gerne.

Ich lege mich hin und eine Schwester macht mich bauchfrei. Dann kommt ein Arzt herein. Zur Sicherheit gebe ich ihm Bescheid dass ich nicht schwanger bin. Er klatscht kalten Glibber auf meinen Bauch und sagt dann allen Ernstes “We will see.”. Ich wusste nicht ob ich lachen soll oder nicht, aber ich war schon abgelenkt von dem Schauspiel auf dem Monitor. Whärend der Doktor mit dieser kleinen Sonde auf meinem Bauch rumfährt kann ich alles sehen, meinen Magen, meine Leber, meinen Darm und noch weiter tiefer mein Organ, welches SEHR LEER ist.

Es gibt kein Entkommen

Ansonsten ist es im Krankenhaus sterbenslangweilig. Gottseidank habe ich meinen eigenen kleinen Raum, aber selbst da war ich nicht 100%ig sicher vor den neugierigen Blicken. An einem Nachmittag werden zwei kleine Kinder in meinen Raum geschubst. Ihnen folgt eine Putzkraft des Krankenhauses. Sie zeigt stolz auf die Kinder und stellt sie mir vor. Ich lächele höflich, da die Kinder da sind und fordere sie dann sanft auf wieder zu gehen. Ein anderes Mal kommt ein fremder Pfleger(die Schwestern und Pfleger stellen sich immer vor, und das war keiner von meinen) zu mir rein und macht Small Talk mit kleinen Flirtversuchen; den jungen Herren schmeiße ich eher unsanft aus meinem Zimmer. Nach vier Tagen werde ich entlassen: Ich hatte ein Bakterium in meinem Darm dass meine Verdauung ordentlich gestört hat und jetzt durch die folgenden Medikamente weg sein sollte. Und bis jetzt geht es mir auch wieder besser.

Fazit

Ach Gott war ich glücklich wieder aus dem Krankenhaus raus zu kommen. Das indische Krankenhaus war echt nicht so eine tolle Erfahrung, aber ich war dennoch positiv von den Ärzten, meinen Schwestern und Pflegern und dem Krankenhausservice überrascht, SO übel war es jetzt auch nicht. Wo von ich gar nicht überrascht war, aber tausendmal glücklicher geworden bin, waren die regelmäßigen Besuche von den Menschen aus meiner Flatfamily. Die haben mich immer aufgeheitert und mich nie allein gelassen.

Gut ist, das ich aus dem ganzen Schlamassel auch wieder heile raus gekommen bin. So dass ich, in nicht mal mehr einer Woche, nach Hause fliegen kann. Ein Blogeintrag über meine letzte Woche und Abschied von meinem geliebten Vimukthi folgt in Kürze.

Liebe Grüße,

Eure Lilli

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WAaah-hUi-HäL-wÄH und das ABC https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/07/14/waaah-hui-hael-waeh-und-das-abc/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/07/14/waaah-hui-hael-waeh-und-das-abc/#comments Sun, 14 Jul 2019 03:57:11 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=265 Ekel Wir lassen gerade den Abend gemütlich beim Fernseher ausklingen, ich sitze auf einem braunen Plastikstuhl und verfolge milde interessiert das Cricketmatch zwischen Indien und England. Und da kommt sie. Zwischen meinen Füßen krabbelt eine RIESIGE Spinne hindurch. Ich rede Ekelhaftigkeitsgrad, Bau und Größe von einer wirklich SEHR großen Wolfsspinne. Ein großer platter Körper und […]

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Ekel

Wir lassen gerade den Abend gemütlich beim Fernseher ausklingen, ich sitze auf einem braunen Plastikstuhl und verfolge milde interessiert das Cricketmatch zwischen Indien und England. Und da kommt sie. Zwischen meinen Füßen krabbelt eine RIESIGE Spinne hindurch. Ich rede Ekelhaftigkeitsgrad, Bau und Größe von einer wirklich SEHR großen Wolfsspinne. Ein großer platter Körper und stabile Beine, alles in hellgrün. Nur dass ihre Beine beim Laufen komplett ausgestreckt sind. “WAaah-hUi-HäL-wÄH” artikuliere ich ungeschickt, während ich meine Füße in Sicherheit zu mir auf den Stuhl ziehe. Die Spinne krabbelt weiter auf einen Jungen zu, der sie unbeeindruckt wegwischt- wieder unter meinen Stuhl!

“Iuuh, not to me!” lamentiere ich. Die Spinne läuft wieder auf den Jungen zu. Der Junge kichert, packt ein Bein dieser monströsen, ekelhaften Spinne UND WIRFT SIE AUF MICH. Die Spinne trifft mich auf meiner Brust und landet dann auf meinem Schenkel. Sofort strecke ich meine Beine wieder auf den Boden, und schaue für eine Millisekunde dieses fette Viech mit seinen acht langen ausgestreckten Beinen auf meinem Oberschenkel an. Dann schüttele ich mich kreischend wie eine Verrückte, hüpfe von der auf den Boden gefallenen Spinne weg und schreie: “I can’t believe you just did that!” , und stürme aus dem Zimmer. Zugegeben kein besonderer Glanzmove von mir.

Draußen schaut mich Tabea alarmiert an, “Was ist los?”. “Er hat eine riesenfette Monsterspinne auf mich geworfen!” sage ich und nehme die Treppen nach oben. Die Jungs, die mit Tabea Karten gespielt haben, schauen mich besorgt und verwirrt an, aber ich brauch kurz Zeit und etwas Privatsphäre um mich von diesem tiefen Ekel in mir zu beruhigen, und gehe hoch in mein Zimmer. Dort mache ich meinen inneren Ekel verbal und schüttele mich immer und immer wieder. Tabea kommt mir nach und streift symbolisch meinen Körper ab um “die Spinne” mental abzustreifen.

Nach zwei Minuten bin ich schon wieder gefasst und gehe zurück nach unten, wo ein sehr schuldbewusster Junge steht und mir kaum traut in die Augen zu sehen. Die anderen Jungs haben ihr wohl doch ziemlich ausgeschimpft, “Why you doing so with our sister? This sister is good sister! Why do you do?”höre ich einen Jungen sagen. Sie beobachten aufmerksam die Szene, als ich auf den Übeltäter zugehe.

Ich blicke dem Jungen ernst in die Augen. “Don’t you EVER throw a spider on me again.” Ich schnalze mit der Zunge und lächele ihn an. “I mean, just …. Gluhahöh-huh-huh-huh was that dis-GUSTING, my GOD and those legs…” Dann hüpfe ich vom einen Bein aufs andere, schüttele mich ein bisschen, und die Stimmung ist wieder gelockert. Die Jungs lachen alle über mein Schauspiel und auch der Spinnenwerfer kann sich sein Lachen nicht verkneifen und versteckt sein Gesicht -in gespielter Scham versunken- in seinem Tshirt. Ich schlage ihm freundschaftlich lachend auf die Schulter, dann schauen wir uns alle zusammen das Ende vom Cricketmatch an- es war sowieso grad Werbepause.

Das ABC

Bei der Study time bringe ich grade zwei 16-jährigen Jungs das Lesen bei, im Unterricht kann ich leider nicht individuell fördern. Telugu können die Jungs alle makellos und fehlerfrei lesen und schreiben, aber bei Englisch Fehlanzeige. Der eine meiner Jungs hat sogar ein richtig gutes Englisch im Vergleich zu den anderen Jungen in Vimukthi; großes Vokabular, gute Verständigung, tolle Aussprache- aber halt nur Sprechen- kein Lesen. Meine beiden Burschen können von sich aus alle Buchstaben in Groß und Klein, und können Sie vom Schriftbild auseinander halten.

Ich gehe so vor: Ich schreibe das ganze Alphabet auf und nehme jeden Tag fünf Buchstaben durch. Ich unterscheide bei den Buchstaben zwischen ihrem Namen (“double-yu(w), zett(z), jemm(m), bee(b), yiaa(a)”) und wir wir sie beim Reden aussprechen. Zu jedem Buchstaben suche ich mit den Jungs Wörter raus. “The Name of this letter is ‘Bee’, but when we speak it, we say ‘b-uh’, sarre?” Dann suche ich mit den Jungen Wörter mit B: Buh-read, Buh-ody, Buh-iriyani. Die Jungs haben dabei auch viel Spaß Wörter zu finden, die sich wie Schimpfwörter anhören; beach, fog, bus stop. Diese Wörter kurz und mit leichtem indischen Akzent aussprechen… und schon hat man höchst interessierte Jungs.

Ich kann kein Telugu schreiben

Im Unterricht muss ich mir auch was überlegen, mein Telugu hilft mir zwar sehr viel- ich kann den Kindern Sachen in ihrer Muttersprache beibringen, aber ich kann nicht schreiben. Also muss der Tafelanschrieb komplett auf Englisch erfolgen. Leider können viele Kinder nicht das Alphabet lesen und schreiben. Und ich finde das ganz ehrlich okay, ich will das sie Motivation und Spaß beim Lernen haben.

Diese Woche habe ich mit den Kleinen die verschiedenen Wirbeltiergruppen durch genommen: Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische. Und das einzige was ich geschrieben habe waren diese fünf Wörter. Dann habe ich die Kriterien gezeichnet: Säugetiere haben Fell (=haariger Arm), säugen ihre Babys (=Muttertier mit Baby) und ihre Babys werden lebend geboren (=schreiendes Baby). Die Jungs sind begeistert, sie malen alles brav in ihre Hefte. Unter jede Gruppe haben wir dann Tiere gesammelt und natürlich gemalt. Hier hatte ich vor allem die Möglichkeit, Jungs zu loben die meistens eher “schlecht” im Unterricht sind: ich lobe sie für einen gemalten Löwen für den sie sich besonders viel Mühe gegeben habe oder für ihren besonders ordentlichen Eintrag.

Am Ende haben wir dann ein Spiel gemacht: “Wo gehöre ich dazu?”. Ein Huhn, hat das Kiemen und Schuppen wie ein Fisch? Hat das Haare wie ein Säugetier? Ein paar der Jungs sagen verunsichert “Ja, Hühner haben Haare.”. Als Strafe male ich ein albernes Huhn mit einer Lockenpracht bis zum Boden. “So our Chicken look like this???”, frage ich die Jungs, die sich auf dem Boden kugeln bei so viel Blödsinn. Aber überraschenderweise merken sich die Jungs doch relativ viel, so zählt mir ein Junge aus meiner Klasse bei jedem Tier was uns in Vimukthi über den Weg läuft die Bestimmungsmerkmale auf. “This buffalo is hair, baby milk drinking, baby crying. Buffalo is mam-mal-mal. This bird feathers and laying egg: this bird is bird.”

Oh, ich habe meine Jungs so lieb. Dabei bin ich bei allen in ihrer Weise mächtig stolz auf sie. Auf die Jungs die an einem Tag mal richtig optimistisch und freudig mitgemachen und dann wieder einen schlechten Tag haben, die anderen Kindern in der Class Sachen erklären, die Burschen die massiv aufgetaut und offen geworden sind, die jeden Tag brav und ruhig in der Class sitzen, die Jungs die kein Interesse an keiner unserer Classes haben aber dafür unsere Bastelzeit lieben und dort die tollsten Sachen erfinden und basteln… Und natürlich bin ich stolz auf die vier Jungs, die sich für die Open 10 angemeldet haben; ca. das Äquivalent zu dem Realabschluss im der Abendschule nachzuholen. Damit können Sie dann nämlich aufs College und sogar auf die Uni- auch alles mit der Unterstützung von Navajeevan.

Sick of being sick

Ich hatte ja vor drei Wochen eine Lebensmittelvergiftung, und es wurde die ganze Zeit nicht besser, meine Verdauung hatte sich einfach nie komplett eingependelt und dann, nach zwei Wochen… Bauchkrämpfe des Todes, Diarrhö, heftige Kotzeritis mit der Kombination seit der Lebensmittelvergiftung ordentlich Gewicht verloren zu haben. Mir ist schwindelig und ich schlafe 16 Stunden, bis mich Tabea am nächsten Tag überredet einen Tag früher von Vimukthi in die Stadt zu fahren, damit ich einen Arzt sehen kann. Ich lasse mich in das Krankenhaus einweisen und bleibe vier Tage stationär dort und dann muss ich die folgende Woche (also diese vergangene Woche) zuhause in der Flat bleiben. Ich bin durchgehen müde und muss mich meistens nach dem Aufstehen wieder hinlegen, weil ich davon wieder erschöpft bin. Von meinem Abenteuer “Weiß in einem indischen Krankenhaus” erzähle ich euch im nächsten Beitrag, diese Woche habe ich einfach NICHTS geschafft.

Aber mir geht es schon wieder besser, denn ich hatte ja jetzt auch eine Woche Erholung und alle meine Volontärsmitbewohner in der Flat haben sich ganz liebevoll um mich gekümmert.

Liebe Grüße,

Eure Lilli

Der Beitrag WAaah-hUi-HäL-wÄH und das ABC erschien zuerst auf Lilli in Indien.

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Krise, Geburtstag und Urlaub- und viele Bilder! https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/06/29/krise-geburtstag-und-urlaub-und-viele-bilder/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/06/29/krise-geburtstag-und-urlaub-und-viele-bilder/#comments Sat, 29 Jun 2019 20:28:01 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=230 So, Long time, no see! Ich hoffe ihr habt gutes Internet, denn in diesem Beitrag sind EIN HAUFEN Bilder. Wieso habe ich so lange nichts veröffentlicht? Es gab einen Fatherwechsel wegen dem wir rund zwei Wochen nicht besonders viel im Projekt waren, wegen den ganzen Abschieds- und Willkommensfunctions, also nicht viel zum schreiben. Unser leitender […]

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So, Long time, no see! Ich hoffe ihr habt gutes Internet, denn in diesem Beitrag sind EIN HAUFEN Bilder. Wieso habe ich so lange nichts veröffentlicht? Es gab einen Fatherwechsel wegen dem wir rund zwei Wochen nicht besonders viel im Projekt waren, wegen den ganzen Abschieds- und Willkommensfunctions, also nicht viel zum schreiben. Unser leitender Father, Father Balashowry hat uns verlassen, der neue Executive Director heißt Father Ratna. Auch Father Alex hat uns  leider verlassen. Man kann sie hier mit Blumenketten sehen. Ich würde ja jetzt sagen “Probiert mich mal im Gruppenfoto zu finden!”, aber das ist hier wohl doch eher einfach. Übrigens, alle Volontäre stehen auf einem Stuhl, außer Tabea; Tabea steht einfach… Tabea ist zu cool für uns.

Dann haben wir an einem Wochenende als WG einen Ausflug übers Wochenende gemacht, an dem ich keine Zeit zum schreiben hatte und dann war ich mal- nach 4 Monaten- wieder auf Urlaub. Dieser Eintrag hat lange zum Erarbeiten gebraucht, wegen den ganzen Fotos, aber ich hoffe der Aufwand war es wert! Also hier, die drei größten Highlights der letzten Wochen: eine gruselige Krise in Vimukthi, mein Geburtstag und meine Reise in den Norden!

Die weiße Dame

Die kühle Abendluft ist erfrischend, als wir ein paar Minuten draußen tot schlagen bis es Zeit für das Abendessen ist. Wir reden, hören Telugu Musik, manche Jungs tanzen. Ein paar Jungs sind noch drüben beim Waschhaus und duschen noch.

Das Grillen der Zirpen wieder jäh von aufgeregten Rufen vom Garten durchbrochen, die Jungs inklusive Durgu rennen alle Richtung Waschhaus. Tabea und ich bleiben diskret mit den verbleibenden Jungs beim Haupthaus. Wir können da natürlich nicht hingehen… Nach einer Weile kommt eine Menschentraube zurück, in ihre Mitte stützt Durgu einen taumelnden Jungen. Weiter hinten folgt eine zweite Gruppe Jungs, in ihrer Mitte zwei zitternde, weinende Burschen. Komplette Verwirrung.

“The white lady is there! This boy saw her and he falling to shock! Me also see her! Her shadow in the tree…” Sofort wird der Junge hin gesetzt, ein hilfsbereiter Bursche drückt ihm einen Rosenkranz in die Hand. Dessen Perlen dreht er nun wild in seinen Fingern, während er mit tränennassem Gesicht ins Leere starrt. Ein zweiter Junge kommt mit der Bibel und fängt an wahllos verschiedene Passagen stotternd vorzulesen.

Durgu kümmert sich um den ohnmächtig gewordenen Jungen, der schon wieder halbwegs lebendig ist. Tabea und ich bleiben draußen bei den Jungs, die sich wie verängstigte Schafe zusammengedrängt haben. “Boys, Ghosts don’t exist. It is psychological, you think there is something, and then your mind tricks you. It was just a bird, or a light from a passing motorcycle-” “I saw her. Over there, lemon garden. Once, there living a woman, she kill herself because money problems. There is now ghost living…” “It is the devil!” Die Jungs schauen sich erschreckt an, immer mehr wollen nun den Rosenkranz berühren. Ein paar Jungs haben schon einen Gebetskreis gebildet. An diesem Punkt lohnt es sich nicht mehr zu argumentieren, für die Jungs ist da draußen nun etwas, was ihnen Angst macht.

Die Jungs sind bei dem Abendessen wenig später immer noch beunruhigt. Die Lage wird langsam heikel, wenn sich die Jungs hier nicht wohlfühlen oder Angst haben, laufen sie auch eher weg. Die Jungs stehen in einer Reihe für das Abendessen an. Durgu übernimmt das Wort und fängt an auf Telugu zu beten. Voller Inbrunst fängt er mit geschlossenen Augen an zu beten; mal laut protestierend- dann leise, fast wimmernd. Dann nimmt er ein zuvor bereitgestelltes Glas Wasser und bespritzt damit die Jungs. Als die Sonderprozedur vorbei ist, beten wir wie immer das Vater unser.

Nach dem Abendessen schaut Durgu mit allen Jungs lustige YouTube Videos auf seinem Handy- dabei lacht er besonders laut. Tabea und ich haben die Idee, das Zimmer der Jungs mit unseren Yasmin-Räucherstäbchen auszuräuchern. Die helfen gut gegen Moskitos, vielleicht ja auch gegen böse Gedanken? Ein paar Jungs haben sich vom Handy abgewandt und schauen uns jetzt neugierig zu wie wir mit den Stäbchen seichte Rauchkringel über Betten, Fenster und Türen ziehen.

Die Jungs haben sich einigermaßen beruhigt und Tabea und ich ziehen uns zum Feierabend in unseren Volontärstrakt zurück. Nach einer halben Stunde gehen die Jungs ins Bett, Tabea und Ich sitzen in meinem Zimmer und quatschen noch ein bisschen. “Hörst du das?” Aus dem Schlafzimmer der Jungs kommt leises Gemurmel, sie beten eigenständig vor dem Schlafengehen alle zusammen nochmal das Vater Unser.

In den folgenden Tagen gibt es immer wieder ein paar kleine Erinnerungen, aber die beste Eigenschaft des Menschen ist wohl manchmal das Vergessen- so dass inzwischen wieder Ruhe in Vimukthi herrscht.

Mein Geburtstag

Mit meiner Wohngemeinschaft mache ich ab und zu Wochenendausflüge, im Laufe des Jahres waren wir schon in Hampi in Karnataka, Hyderabad in Telangana, Puri in Odisha, Viskapathnam, Arakku und Rajahmundry in Andra Pradesh und Bangalore. Da einer meiner lieben Mitbewohner, Flo, jetzt als erster der sieben 12-Monate-Volontäre geht, durfte er entscheiden wohin unser letzter Trip hingeht: ein zweites Mal nach Hampi! So ein wunderschöner Ort…

An dem gleichen Wochenende hatte ich auch Geburtstag, so dass ich an meinem Geburtstag mit allen beim Brunch war und meine Mitbewohner es sogar eingefädelt haben dass es am Restaurant eine kleine Überraschung für mich gibt!

Auch das Paket von zuhause habe ich mit auf den Ausflug genommen, weil ich es wirklich AN meinem Geburtstag aufmachen wollte und ich muss sagen, am meisten habe ich mich doch über die Karte gefreut. Ich saß draußen mit den ersten verschlafenen Frühaufstehern, die meines Leidens alle Jungs waren, weswegen sie zu nichts zu gebrauchen waren, als ich beim Lesen ein bisschen angefangen habe zu schniefen. Aber dann habe ich auch wieder aufgehört, denn ich habe mich mindestens nochmal so viel gefreut über die ganzen lieben Geschenke die ich auch noch im Paket gefunden habe!

Mein Geburtstag im Projekt war ebenfalls erste Sahne! Nachmittags haben Tabea und ich eine Schnitzeljagd für die Jungs gemacht und abends gab es eine Function: drei Jungs haben jeweils einen eigenen Tanz aufgeführt und alle Jungs haben gesagt was sie bei mir mögen oder welche die besten Momente mit mir waren. Teilweise hat es mich wirklich getroffen, was für kleine Sachen sich die Jungs merken: “sie hat mir singend das Einmaleins beigebracht”, “Sister hat bei den Duties mitgeholfen”, “sie hat meinen Fuß verarztet”, “sie kommt immer mit zum Tellerwaschen wenn ich nicht allein ins Dunkel will”.

Tabea hält auch eine Rede für mich und richtet noch ein paar Worte an mich in unserer gemeinsamen Geheimsprache- unglaublich wie schnell man zusammenwächst, ich bin richtig froh mit Tabea in Vimukthi zu sein. 🙂 Natürlich kommen mir bei all diesen lieben Worten wieder die Tränen und bei meiner eigenen Rede muss ich mir erst mal kurz Zeit nehmen bis ich wieder Stimme habe. Tabea hat sogar eingefädelt, dass ein Schokokuchen gekauft wird, der viel besser schmeckt als der Vanillekuchen mit der Creme, die nach Kinderzahnpasta schmeckt. Wir haben zusammen Kuchen gegessen, getanzt und einen Film geguckt. Ich liebe Vimukthi einfach von ganzem Herzen.

Meine Reise in den Norden

habe ich mit Cara und einer Freundin von zuhause angetreten. Am liebsten will ich diese Reise mit vielen Bildern zeigen…

Kolkata

Von Vijayawada nach Kolkata sind wir 22 h Zug gefahren, der Zug war schrecklich überfüllt und überall saßen, lagen und schliefen die Leute auf den Gängen. Als ehemalige Hauptstadt während des britischen Raj, hat Kolkata viel Kolonialerbe: hier der Queen Victoria Memorial Park (man beachte das wir während der ganzen Reise keine Chunnis tragen!!!).

Wofür Kolkata natürlich auch berühmt ist, dass hier Mutter Teresa ihr Wirken an den Armen und Kranken begonnen hat und hier auch ihr Gründungshaus steht. Wir hatten die besondere Ehre dass Haus zu besichtigen, Mutter Teresas Grab zu besuchen und mal wieder in die geborgene und sanfte Atmosphäre der Schwestern eintauchen zu dürfen.

Nach Kolkata fuhren wir durch die westbengalische Ebene gerade auf das Himalaya-Gebirge zu!

Darjeeling

Nach drei Stunden Busfahrt Schlangenstraße kommen wir in Darjeeling an. Dort ist es so schön, ich gehe sogar wandern, immer mit dem Blick auf den Kanchenjunga, (dem dritthöchsten Berg der Welt) – den ich mir immer von etwas kleineren Bergen angeschaut habe! Hier stehe ich in einer Teeplantage vor der gleichnamigen Bergkette. Leider war es dort auch 20 Grad kälter als ich es gewohnt bin, weswegen ich mir erstmal einen Schal und einen Wollpunjabi gekauft habe…

In Darjeeling gab es auch ganz viele buddhistische und hinduistische Klöster, die alle versteckt im nebligen Urwald liegen. Aber bunte Gebetswimpelketten zwischen den Bäumen und das Klingeln der Glocken (mit dem die Götter gerufen werden) sind gute Wegweiser!

Und je näher man dem Kloster kommt…

Auch die lokale Küche haben wir sehr genossen: Momos sind im Prinzip Maultaschen mit Fleisch drin, aber irgendwie sind sie geiler- oder wir waren einfach hungriger…

Varanasi

Von dem Himalayagebirge runter- nach Zentralindien… Varanasi, einer der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt, liegt am Ganges und ist super heilig. Viele Leute kommen hier her um zu sterben, da man dann nicht schon wieder wiedergeboren wird. Viele trinken auch das Gangeswasser… wir haben einen Spaziergang über die Ghats(“Stufen”) gemacht, die Treppen hinunter zum Wasser sind. Da grad der Sommer  vorbei ist und praktisch alles nur auf den Monsun wartet, ist der Wasserstand des Ganges zurzeit extrem niedrig.

Je nach Ghat machen die Leute andere Sachen am Fluss; sich rituell waschen, Schwimmunterricht, Wäsche waschen, Fischmarkt, Bootsfahrten für Touristen, religiöse Zeremonien oder Krematorien (die unter bestimmten Bedingungen aufgrund der Religion manche Leichen nicht verbrennen, sondern einfach so in den Fluss werfen; wie etwa die Leichen schwangerer Frauen, Menschen die an einem Kobrabiss oder Windpocken gestorben sind… ). Wir haben uns für eine Bootsfahrt bei Sonnenuntergang entschieden. Ich durfte unseren rudernden Leiter sogar mal ablösen- ich kann ganz toll im Kreis fahren.

In Varanasi gab es in einem Tempel auch eine riesige, beeindruckende Relief-Landkarte von Indien, die noch von Gandhi eingeweiht wurde und bei der Pakistan und noch zu Indien gehört haben…

Khajuraho

Die kurze Geschichte: Khajuraho liegt in Zentralindien in der Pampa. Im Mittelalter wurde es fluchtartig verlassen, tausend Jahre lang vergessen und dann von den Briten “wiederentdeckt”- solche Kolonisten. Hier  seht ihr wunderschöne Pampa.

Die Berichte der Briten, die für die Kolonialherren eigentlich nur Land vermessen wollten, sind sehr amüsant zu lesen: denn es dreht sich eigentlich alles nur darum, wie empört sie über diese unverblühmt-erotische Steinmetzkunst der hinduistischen Tempel im Urwald sind. Natürlich waren sie beim Aufregen sehr britisch; schreibend, dass sie den “Anblick dieser Frivolitäten nicht ertragen können”. Das Schöne ist, dass die Tempel alle gestreut verteilt sind, so dass die Briten immer wieder von der feinen Kunst antiker Steinmetzer, welche heute UNESCO-Kulturerbe ist, geflasht wurden. Hehehe.

In Khajuraho gibt es auch einen Nationalpark, in dem wir eine Safari gemacht haben, im gussartigen Monsunregen. Aber wir konnten trotzdem viele Rehe, Pfauen, Wildschweine, Affen und sogar ein Krokodil sehen!

Wir wurden spontan auch von Locals auf eine indische Hochzeit eingeladen! Es gab super leckeres Essen und wir Volontäre haben erstmal mit den Kindern ein bisschen abgedanct!

Dann sind wir nach 13 Reisetagen wieder unsere lange Heimreise per Zug nach Vijayawada angetreten, und ich damit einer meiner bis jetzt räudigsten Stunden in Indien. Ich hatte mir in Khajuraho eine Lebensmittelvergiftung geholt: 12 Stunden Zugfahrt und mein Ort des Leidens?

Aber wenigstens hatte ich die Schererei am Ende der Reise, richtig? So, jetzt aber Mal Schluss.

Liebe Grüße nach Hause,

Eure Lilli

 

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Sommercamp mit dreißig Jungs https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/05/17/sommercamp-mir-dreissig-jungs/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/05/17/sommercamp-mir-dreissig-jungs/#comments Fri, 17 May 2019 10:41:47 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=225 Da es grade Hochsommer ist, haben alle indischen Kinder zwei Monate Sommerferien. Unsere Jungs gehen nicht zur Schule, aber wir machen trotzdem ein einwöchiges Sommercamp. Mit dabei: 15 Jungs aus dem RVTC, dem Ausbildungszentrum von Navajeevan. Freudiges Wiedersehen Als die fünfzehn Jungs zusammengequetscht im Jeep von Navajeevan ankommen, ist die Freude bei meinen Vimukthi-Boys riesig. […]

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Da es grade Hochsommer ist, haben alle indischen Kinder zwei Monate Sommerferien. Unsere Jungs gehen nicht zur Schule, aber wir machen trotzdem ein einwöchiges Sommercamp. Mit dabei: 15 Jungs aus dem RVTC, dem Ausbildungszentrum von Navajeevan.

Freudiges Wiedersehen

Als die fünfzehn Jungs zusammengequetscht im Jeep von Navajeevan ankommen, ist die Freude bei meinen Vimukthi-Boys riesig. Viele der Jungen aus dem RVTC sind alte Freunde und Bekannte aus Vimukthi und dem Shelter- die nun auch viel Neues berichten können. Die Jungs umarmen sich und bilden wieder alte Cliquen, in denen sie nun über die Ländereien streifen um erstmal ein paar Mangos zusammen zu essen. Auch die Jungs vom RVTC sind glücklich wieder da zu sein. Das Ausbildungszentrum ist sehr klein und sie haben dort wenig Platz. Umso mehr freut es sie am Nachmittag auf dem großen Feld zuerst ein Cricketmatch und danach ein kleines Volleyballturnier zu veranstalten.

Zum Programm: Die Vimukthi-Jungs sollen jeden Morgen wie gewohnt die Duties machen und die Jungs aus dem RVTC sollen Deckenventilatoren, Lampen und sonstiges reparieren. Das zieht sich über den ganzen Morgen, aber am Nachmittag haben sie komplett frei und dürfen Games Time machen. Und abends gibt es Fernsehen: ein kleiner Fernseher- dreißig Jungs.

Kino-Abend

Ich liege mit dem Bauch auf dem Boden. Es ist so heiß, selbst die Steinfliesen fühlen sich warm an. Vor mir liegen wie die Sardellen die Jungs, und alle zusammen schauen wir auf die Glotze. Es ist wirklich süß wie sie etwas schläfrig sich aneinander kuscheln oder gegenseitig ihre Köpfe streicheln (Zärtlichkeit wird hier zwischen Männern gezeigt). Die Jungs lieben das Fernsehen, sie kennen und bewundern jeden Held von Tollywood.

Wir liegen also alle auf dem Boden und schauen einen telugischen Film. Ich habe den Anfang etwas verpasst, aber es geht die ganze Zeit um einen Mann. Ich bin mir ziemlich sicher dass er der Bösewicht ist, da er einen Mann gefoltert und dann erschossen hat. Außerdem raucht er. Rauchen und Alkohol ist hier etwas ziemlich Schlimmes- in den meisten Filmen Rauchen, Trinken und Schwören nur die Bösen, Morallosen und Dummen.

Die Ehefrau des Bösewichts hat ihm Essen gekocht, überall Rosenblätter verstreut und Kerzen angezündet. Dann hat sie etwas Kleines gefragt, und er hat sie angeschrien und sie gegen die Wand hochgehalten und gewürgt. Dann ohrfeigt er sie und lässt sie fallen. Wütend stürmt er aus dem Zimmer und will das Haus verlassen. Seine Frau rennt die Treppe hinunter und schreit ihm sehnsüchtig “I love you!” hinterher. Ich schnalze mit der Zunge und murre impulsartig “Don’t!”

Einige Jungs drehen sich verwirrt zu mir um und Einer erklärt mir, dass sie seine Frau ist. “Abbah, i know. But he is not nice. He is a bad man.” Kurze Verwirrung. “Sister, this is movie good man.” Mehr Verwirrung. Es stellt sich heraus dass es beim Ermordeten ein Missverständnis gab und der “Gute” es nun bereut (Was genau der Grund ist wieso die Todesstrafe- neben Selbstjustiz- so bescheuert ist). Was jetzt sein Fehler wieder gut macht? Und seine Frau hat er so behandelt weil sie ihn kritisiert hat. Also nach meinen Vorstellungen ist das echt kein Held.

Am Ende wurde die Frau bei einer Autobombe getötet und das einzige woran ich denken konnte war, dass wenn sie ihn verlassen hätte, sie vielleicht noch leben würde. Doch die meisten Helden in den Tollywood-Filmen sind aber zumeist zu höchst abstinent von Drogen und Alkohol, sind sehr respektvoll gegenüber den Eltern und haben nur eine einzig wahre Liebe, mit der sie zwar den ganzen Film tanzen aber KEIN EINZIGES MAL KÜSSEN???? Und natürlich verprügeln sie immer alle Bösen. Und ja, in Telugufilmen ist sehr viel Action.

Full House

Das Gefühl in Vimukthi ist die folgenden Tage komplett wie Zeltlager. Vor allem bei der Essensausgabe sind es einfach MEHR Jungs. Ich probiere schnell die Namen von den unbekannten zu lernen, ich grüße jeden einzelnen Jungen wenn ich Reis aufgebe- da kommt jeder einmal vorbei.

Nach dem Essenfassen sitzen dann alle zusammengedrängt Seite an Seite im Schneidersitz auf dem Boden- und es ist einfach so schön, alte Freunde wieder zusammen zu sehen. Sie quatschen und lachen und erzählen sich neue Geschichten. Irgendwo lümmele ich mich dann auch dazu und genieße die gemtülich-gesellige Stimmung.

Bad Boys

Ich sitze abends draußen auf der Auffahrt und streichele etwas meinen Lieblingshund. Ein paar RVTC Jungs sehen mich, kommen rüber und setzen sich zu mir auf den Boden. Ich bin ebenfalls neugierig auf die neuen Alten und fange an Fragen zu stellen. “So you like Vimukthi?” “Oh yes, sister, I like so much. Here, there is lot of place to play and sooo silent. Here sleeping very good. And also so cool! Always in Vimukthi und Deepa Nivas, I like so much these places!” Wir haben aber drei Außenprojekte…? Was ist mit dem Kinderdorf Chiguru? “No, Sister, that place I don’t like. There are so many college girls there, yes? All SOO beautiful looking girls. But one boy looking, nun sister(die Nonne) coming and telling ‘You bad boy! Bad, bad boy from RVTC!’ So that’s why I don’t like that place, there i am always bad boy.”

Der Junge blickt traurig auf seine Hände. Der ist doch schon fast achtzehn! Da darf man doch mal ein bisschen Interesse an den Mädchen zeigen. Ich habe richtig Mitleid mit meinem jungen missverstandenen Freund. “Hey thammudu (kleiner Bruder)? I don’t think that you are a bad boy. I think you are a very nice and good boy. Okay?” Der Junge blickt auf und schenkt mir ein richtig ehrliches, erleichtertes Lächeln. “Thank you, Sister.” sagt er und schüttelt meine Hand. Ich hoffe wirklich dass der Junge mal ein ganz nettes Mädchen findet, obwohl ich mir da keine Sorgen mache; ich weiß dass die Fathers ab und zu helfen, den Jungs Ehefrauen zu finden.

Back to Jäger und Sammler

Bei den Duties morgens helfen wir Volontäre natürlich mit. Die anstrengendste Duty überhaupt war Feuerholz für den Kachelherd in der Küche sammeln. Dafür sind wir aus dem Projekt rausgegangen und sind auf der roten Sandstraße entlang des Unterholz lang gelaufen und haben nach großen toten Ästen Ausschau gehalten. Bei 40 Grad.

Ich schleppe insgesamt 5 Mal Holz von dem Fundort zurück in das Projekt und trage einmal einen großen halbvollen Wasserkannister raus zu den Anderen, die bei der harten körperlichen Arbeit auch Durst haben. Ich sehe wie sie grade mit Axt und Sichel einen herabgefallenen Ast frei schlagen und dann allemann an ihm ziehen. Auf einmal weichen alle zurück und fangen an sich komisch zu schütteln- RIESIGE FEUERAMEISEN!!!

Wir kommen zum nächsten toten Ast, grade die richtige Größe- den können wir nehmen. Ein Junge will schon die Sichel heben um den Ast freizuschlagen. “STOP!”, schreit Durgu genau in dem Moment wo die Sichel runtersausen sollte. Durgu kommt schnell an und deutet auf ein paar grüne Blätter an dem Ast. Alle Jungs schauen kurz, nicken und gehen weiter um den nächsten Ast zu finden. “What, Durgu?” “See the leaves there? This is Banyan-Tree. Very holy tree for Hindus, this one we can`t kill.” Banyan ist eine Flechte und hat den Ast befallen, und wenn die Blätter noch grün sind dann lebt die Pflanze ja noch und … ugh, nächsten Ast suchen.

Insgesamt hatte ich von der Duty tausend Kratzer an Füßen, Händen und irgendwie auch einen fetten Kratzer am Hals. Und natürlich Muskelkater des Todes am nächsten Tag. Am darauf folgenden Tag mussten die Jungs die Äste zerhacken, was sie aber im gnädigen Schatten der Mangobäume tun konnten.

Liebe Grüße aus Indien an alle,

Eure Lilli

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Hitze- 36 Grad und es wird noch heißer… https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/05/10/hitze-36-grad-und-es-wird-noch-heisser/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/05/10/hitze-36-grad-und-es-wird-noch-heisser/#comments Fri, 10 May 2019 10:15:19 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=219 Diese Woche ist es hier richtig heiß geworden. Wir alle kennen ja einen heißen Sommer, aber inzwischen hat es bei uns täglich über 40 Grad- seit einer guten Woche. Das schlaucht einen richtig dahin; was sonst noch so bei der Hitze passiert… Ameisen Du stehst in der Tür, sitzt unter einem Baum und du wartest […]

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Diese Woche ist es hier richtig heiß geworden. Wir alle kennen ja einen heißen Sommer, aber inzwischen hat es bei uns täglich über 40 Grad- seit einer guten Woche. Das schlaucht einen richtig dahin; was sonst noch so bei der Hitze passiert…

Ameisen

Du stehst in der Tür, sitzt unter einem Baum und du wartest keine Minute- zack!- sind sie schon da. Egal wo man hintritt sind diese kleinen Mistviecher, die einem ständig die Füße verätzen. Und normalerweise bewegen sich Ameisen ja zügig-gemütlich, aber die Ameisen hier sind einfach hyperaktiv bei dieser Hitze. Überall haben sie ihre versteckten Löcher, aus denen sie bei Gelegenheit zu Hunderten ausströmen. Ich habe aber inzwischen eine (zugegeben etwas grausame) Methode, um diese Löcher zu schließen- wenigstens die in meinem Zimmer.

Ich sprühe mein Deo in das Ameisenloch damit sie fern bleiben und ich in Ruhe hantieren kann. Dann vermische ich mein Waschpulver mit etwas Wasser und vermatsche es zu einem Brei, den ich dann großzügig in und um das Ameisenloch kleistere. Anschließend lasse ich alles trockenen und die Sache hat sich gegessen.

Große NAchfrage

Ich sitze abends draußen mit ein paar der Betreuer und quatsche ein bisschen. Aus dem Dunkel kommt ein Junge und gibt Durgu sein Handy. Die Frage nach den Wieso wird sogleich beantwortet. “Arre Dubai, my Phone is free now.” Dubai springt von seinem Sitzplatz unter den Arkaden auf und läuft auf dem Kies unter den Mangobaum hindurch, springt über zwei Mauern und kommt schlittern bei uns an. “Nummer?” “Five-seven-three-eight-six-seven-nine-one.” antwortet Dubai wie aus der Pistole geschossen(Zahlen frei ausgewählt). Durga gibt alles brav ein und lässt dann wählen. Dubai nimmt das Telefon eilig entgegen und entfernt sich von der Gruppe. “Chelli?” höre ich ihn noch sagen. Er ruft seine kleine Schwester an.

Am nächsten Morgen erzählt er mir, er hätte zuerst seine kleine Schwester angerufen- und dann seine Freundin. So ein Frauenheld.

Von den Guten und den Schlechten

Das Gute ist das durch die große Hitze die vielen kleinen Mangos langsam reif werden, die in großer Zahl an den vielen Mangobäumen hängen. Jeden Tag essen Tabea und ich zwei oder drei kleine Mangos. Sooo lecker! Meistens bringen uns die Jungs die Mangos vorbei, manchmal gehen wir auch selber los und pflücken uns selbst welche. Die Mangos hier sind sehr klein und grün wenn man sie vom Baum holt, zuerst muss man sie waschen (wegen dem staubigen Film und dem klebrigen Mangosaft, bei uns wird nicht gespritzt) und dann fünf Tage liegen lassen im Schrank.

Nach dieser Zeit sind sie ein bisschen schrumpelig und gelb. Es gibt nun zwei Methoden diese Mango zu essen. Entweder man knetet und drückt sie eine Weile und macht dann oben ein kleines Loch rein, aus dem man dan zuerst den Fruchtsaft und dann auch ganz einfach das Fruchtfleisch raussaugen kann(Siehe Ich). Oder man schält die saftigen Mangos einfach komplett und beißt rein (Siehe Tabea).

Zu dem Geschmack: Himmlisch. Die Mangos sind süß und leicht säuerlich. Eine kleine Note von Ananas und Kokosnuss ist auch mit dabei. Meistens wenn man sie ist sind sie etwas warm und dann sind sie am besten. Die Mangos sind super saftig und haben sehr viele Fasern, die einem bei der Saugmethode gar nicht stören, aber bei der Schälmethode arg zwischen den Zähnen hängen bleiben. Außen sind sie Grün-gelb, und innen drin safrangelb.

Das Schlechte an der Hitze ist, dass ein Cyclon über dem indischen Ozean entstanden ist, der nun den nördlich von mir gelegenen Bundesstaat Odisha verwüstet. Wir haben von den weitesten Ausläufern des Cyclones eine Hitzefront, Wolken, Gewitter und starke (und vor allem plötzliche) Windstürme bekommen- alles aber nicht so wild. Wofür ich die Hitze ganz persönlich zur Verantwortung ziehe, ist der Hitze Ausschlag, den ich nun seit ein paar Tagen auf Rücken, Brust und Bauch habe. Die kleinen, leicht rosa Punkte jucken wie Flöhe und werden auch nicht weniger. Ich kann aber damit leben.

kleiner Vogel

Ich sitze mit den Jungs bei der Crafts Class unter einem Deckenventilator und male wie jede Woche ein neues Bild. Eine Farbe, ein Pinselstrich, ein Atemzug- fast ein bisschen wie Meditation(und ja, das war ein Anspielung auf Beppo von “Momo”). Ich unterhalte mich mit den Jungs und schaue ab und zu auf wenn sie mir ihre Kunstwerke zeigen wollen. Ist das Bild fertig wird es mit Kleber an die Wand des Esszimmers geklebt. Manchmal weiß ich nicht wer mehr Spaß an der Bastelzeit hat, ich oder die Jungs.

Seit ein paar Minuten  kann ich nun in der Crafts Class das laute Zwitschern eines Vogels hören. An den offenen Fenstern stehen Mangobäume, er sitzt dort bestimmt… Schließlich schaue ich doch auf und bin überrascht den Kleinen im Zimmer zu finden. Er hat sich auf einem aufgehängten Faden niedergelassen und schlägt nun immer wieder mit den zierlichen Flügeln, da der Faden im Wind des surrenden Deckenventilators hin und her schwingt.

Dubai, der Hirtenjunge, hat den kleinen Spatz ebenfalls bemerkt und bittet Tabea lässig ob sie die Tür öffnen kann, damit der Vogel rausfliegen kann. Gesagt, getan. Der Piepmatz fliegt davor aber noch etwas in den Raum und -clonk- mitten in einen der Deckenventilatoren.

Der Vogel schafft es nicht sich in der Luft zu fangen und fällt Flügel schlagend zu Boden. Dubai springt sofort auf und nimmt den Vogel in die Hände. Kundig untersucht er schnell den fedrigen Freund, der ganz klein und braun gesprenkelt ist. Mit offenem Schnabel hechelt er uns zu. Als der Doktor mit seinem Gutachten fertig ist und den Vogel als dumm aber okay befindet, wird der Federling bei der Wasserstation draußen in den Schatten gesetzt- und kurze Zeit später fliegt er weg. Glück gehabt!

Volleyball

Also, ich spiele ja in Vimukthi ziemlich viel Volleyball, obwohl ich mich bei der brütenden Hitze auch gerne davor drücken würde. Es versteht sich dass ich wahnsinnig schlecht bin, aber es ist ja auch noch kein Meister vom Himmel gefallen.

So eine Sache sind zum Beispiel die Aufschläge. Ich habe echt Schwierigkeiten diesen Ball auf die andere Seite des Netzes zu bringen. Egal ob es an Technik oder Kraft liegt, ich hab den Bogen einfach noch nicht raus. Einmal jedoch habe ich es geschafft. Es war pures Glück, als der Ball großzügig über das Netz zu der anderen Mannschaft gesegelt ist. Die Jungs waren genauso verblüfft wie ich. Was hat die Sister an diesem Tag anders gemacht, dass ihr so ein schöner Aufschlag gelungen ist … ? Es muss das gute Hühnercurry von der Amma gewesen sein! Nun ja, diese Entdeckung hat nun die Folge, dass die Jungs nun jedes Mal, wenn ich den Aufschlag versemmele, enttäuscht die Köpfe schütteln und “Today No Chicken Power” sagen. Auch drohen sie mir an mir ihr Abendessen (und das Frühstück!) zu überlassen, damit ich genug “Power” für einen Aufschlag habe.

Sonstige Sprüche die beim Spielen fallen:

  • *Ball kommt* “ohshitohshitohshitohshit” *Ball wird erfolgreich angenommen* “Nice Ball, Lilli! But don’t say bad words!”
  • Jay Ballea! (“gesegneter Ball”, vor allem bei Aufschlägen)
  • “Lilli, you are an angel!” “… no, I am a flower.”
  • Ich habe einen Aufschlag absurd schlecht abgeliefert und laufe nun leicht beschämt an meinen Platz zurück, Tabea lacht scherzhaft “Shame on you!”. Ein Junge checkt den Witz nicht und sagt zu mir “No! No shame on you … you… woman you.” Mehrere seiner Kumpels drehen sich verwirrt zu ihm um. Ich fande das sehr liebenswürdig.

Im Spielen bin ich aber deutlich besser als beim Aufschlag. Bei dem Match heute stand mir ein relativ guter Gegenspieler hinter dem Netz gegenüber. Er nimmt einen schnellen Ball an und springt kraftvoll nach oben- und tippt dann den Ball ganz sanft an. Dieser fällt nun direkt vor mir herunter, beinahe am Netz entlang. Ich reagiere und schlage den Ball fast im neunzig Grad Winkel nach oben, so dass er bei meinem Gegner auf die gleiche Weise im Spielfeld landet (seeehr viel Glück). Dieser nimmt den Ball an und gibt ihn mir wieder rum auf die gleiche Art zurück. Ich bemerke einen kleinen Unterschied zu den vorherigen Bällen- und bewege mich nicht.

Meine Mannschaft schreit, ich soll den Ball nehmen. Seelenruhig schaue ich dem Ball zu, wie er an mir vorbeifliegt und einen knappen halben Meter neben der Linie auf den Boden schlägt- außerhalb des Spielfelds. Das Schreien der Jungs wird ein Johlen. Wären wir in Europa würden sie wahrscheinlich einen Menschenhaufen machen. In Indien stürmen die Jungs auf mich zu- und schütteln mir jubelnd die Hand. Das Gefühl war trotzdem umwerfend.

Liebe Grüße an alle Zuhause,

Eure Lilli

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Von Schach, Volleyball und dem Anecken https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/05/03/von-schach-volleyball-und-dem-anecken/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/05/03/von-schach-volleyball-und-dem-anecken/#respond Fri, 03 May 2019 10:46:47 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=212 Ich präsentiere meine Highlights der Woche in Vimukthi, in der ich wie immer  veräppelt wurde, nach langen acht Monaten immer noch kleine Kulturschocks hatte, kleine Kreaturen sich immer noch zu mir angezogen fühlten und mir, neben Volleyball, ein zweites Spiel beigebracht wurde… Auf eigene Faust Wenn Die Jungs das sechsmonatige Programm im Vimukthi absolviert haben, […]

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Ich präsentiere meine Highlights der Woche in Vimukthi, in der ich wie immer  veräppelt wurde, nach langen acht Monaten immer noch kleine Kulturschocks hatte, kleine Kreaturen sich immer noch zu mir angezogen fühlten und mir, neben Volleyball, ein zweites Spiel beigebracht wurde…

Auf eigene Faust

Wenn Die Jungs das sechsmonatige Programm im Vimukthi absolviert haben, können sie entweder nach Hause gehen oder eine Ausbildung im Residential Vocational Training Center (RVTC) abschließen als Elektriker, Fahrradmechaniker oder Klempner. Manche von den Jungs warten schon gespannt auf ihre Versetzung ins RVTC. Manchmal müssen die Jungs auch länger in Vimukthi bleiben, etwa wenn es noch nicht wieder neue Plätze im Center gibt oder sie noch nicht bereit sind wieder in die Stadt zu gehen, da sie dort wieder versucht sein könnten Alkohol, Drogen und Zigaretten zu kaufen oder wieder das Leben auf der Straße aufzusuchen.

Nach den Classes kommt Felix breit lächelnd zu mir und teilt mir mit das er jetzt endlich ins RVTC gehen darf. Da kommen mir schon fast die Tränen des Abschieds, bis ich erfahre das Felix grade einfach alle seine Sachen gepackt hat, um sich nun einfach selber auf eigene Faust zu versetzen. So geht das aber nicht! Mein lieber Felix ist erst in zwei Monaten dran, aber nächste Woche werden drei von meinen Jungs versetzt- und wir bekommen ein paar neue Kinder aus dem Shelter…

Um die Wette

Jeden Tag spiele ich zwei Stunden Volleyball in der heißen Nachmittagssonne und ich werde langsam besser! Vor allem auch, weil Tabea mir Nachhilfe gibt, da sie selber eine lange Zeit gespielt hat. Die Jungs powern sich beim spielen richtig aus; da wird geschmettert,  in die Luft katapultiert und sich aufopfernd in den Sand geworfen. Da ich doch relativ schlecht im Spielen bin, bekomme ich den Ball eher selten zugespielt, was für mich aber voll okay ist. Nicht unoft fliegt im Spiel der Ball weit weg, durch die grasenden Schafe hinüber zu den Mangobäumen. Meistens läuft einer der Jungs los, aber wenn ich schnell genug reagiere, kann ich auch loswetzen. Wenn ich grade eine Weile den Ball nicht bekomme habe ist es besonders angenehm sich jetzt mal wieder zu bewegen. Und da ich von den Jungs weg laufe muss ich mir auch keine Sorgen machen wegen meinem ~Chunni~ .

Ich sprinte zu den Bäumen hinüber um den Ball zurück zu holen, bis ich Rascheln hinter mir höre. Ich schaue beim Laufen über meine Schulter und sehe Dubai, den muskulösen Hirtenjungen, hinter mir rennen. Es wird ein knappes Wettrennen, bei dem ich um Haaresbreite verliere. Das Spiel geht weiter bis der Ball ins Out geschmettert wird und im hohen Bogen wegfliegt. Dubai und ich grinsen uns gegenseitig an und drehen uns um. Zeit für eine Revenge.

Wo ich anecke

Nach dem Volleyballspielen laufe ich gemeinsam mit Durgu, einem der Betreuer, zurück zum Haupthaus. Da bemerke ich eine seltsame Narbe auf seinem Oberarm. „What is this scar?“ frage ich. Durgu erzählt mir, das er schweigend geboren wurde. Um sicher zu gehen dass er lebt, hat man ein Eisen erhitzt und ihn damit nach der Geburt am ganzen Körper verbrannt. Zur Bestätigung zieht er sein nassgeschwitztes T-Shirt hoch und zeigt mir unzählige Narben auf Bauch, Brust und Rücken- wie die auf seinem Oberarm, „After 64 burns, i cried so loud.“ sagt er lachend und läuft weiter. Ich starre ihm mit offenem Mund nach.

Ich frage einen meiner Burschen was er mal werden will. „I want to go to army, sister. Reinforcement Border Control. Last Month, Kashmir there, there are lot of us members killed with Pakistani.” Auf meine Frage, wieso er denn dahin will, zuckt er nur mit den Schultern. „It is for India. India needs me.“ „And your Parents? What do they think?“ “They don`t like. That is why I am going. Last month, my cousin was selected, he go in November. Soon I am 18, me is also going.” Ich habe dazu eine ganz andere Meinung, aber nach ein paar gescheiterten Denkanstößen gebe ich auf.

Ich sitze abends nach dem Essen manchmal noch eine Weile auf der Auffahrt und kraule die Ohren von Gerti, der sandfarbenen Mischlingshündin. Sie liegt dort immer hechelnd und bewacht das Haus. Ich setze mich immer fünf Meter von ihr entfernt im Schneidersitz auf den Boden, worauf sie aufspringt und schwanzwedelnd zu mir trabt. Dann legt sie ihren kleinen Kopf auf meine verschränkten Beine und lässt den Rest ihres Körpers irgendwie fallen um mir ihren Bauch zu präsentieren. Ich spiele sie dann wie ein Instrument, wenn ich gleichzeitig ihren Bauch kraule und ihre Ohren knete. Ganz entspannt und fast hypnotisiert, sabbert sie langsam auf meine Hose. Ein Mitarbeiter des Projekts schlendert an und grüßt mich. Gerti  springt ruckartig auf, zieht den Schwanz ein und weicht geduckt ein paar Meter zurück. Im Halbdunkel macht sie sich klein und knurrt meinen Kollegen leise an. „Wieso hat der Hund Angst vor dir?“ frage ich.

Es kommen öfters Leute an wenn ich Gerti grade kraule, aber nie erschrickt sie sich. So reagiert sie nur mit Leuten die sie öfters mal schlagen. Auf meine Frage bekomme ich nur ein schiefes Lächeln und ein Schulternzucken.  Aber ich kenne ja die Antwort.

Kleine Viecher

In Vimukthi gibt es allerlei Viecher. Schlangen, Insekten jeglicher Art und Größe, Ratten. Abends bei der Studytime sitzen wir alle zusammen. Wir haben mal wieder Stromausfall, weswegen der rote Traktor in der Auffahrt mit seinen Scheinwerfern die einzige Lichtquelle im dunklen Haus ist. Ich male ein Mandala aus, als plötzlich die Jungs um mich herum aufgeregt rufen. „Sister, careful!“ Ein Junge zieht eins der Schreibbretter hervor und schlägt es durch die Luft wie einen Cricketschläger. Etwas kleines Braunes fliegt durch die Luft und landet einige Meter mit einem patsch in der Dunkelheit. Eine große, hässliche Kröte ergreift die Flucht. Leider ist das Viech etwas dumm und findet nicht den weg raus, weswegen einer der Jungs das Tier mit den bloßen Händen anfasst. Dabei pinkelt die Kröte, worauf der Junge die Kröte raus in den Garten wirft.

Ein anderes Mal sitze ich bei der Studytime draußen unter den Arkaden und beobachte ein Schachspiel zwischen zwei Jungs, als ich ein leichtes Pieksen auf meinem Knie spüre. Eine Gottesanbeterin, relativ groß sogar, hat sich auf meinem Knie niedergelassen. Dort wippt sie nun nach vorne und hinten, als wollte sie keck fragen was denn jetzt wohl mein Plan sei. Mein Plan? Gar nichts tun. Soll sie doch auf meinem Knie chillen.

Analogie des Schachs

In letzter Zeit habe ich das Schach spielen angefangen. Ich bin super schlecht, aber ich genieße trotzdem das Training, obwohl ich weit öfters verliere als gewinne. Ich habe immer mehr Spaß daran über dieses Spiel nachzudenken, vor allem weil Schach eine wundervolle Analogie zu anderen Bereichen hat, wie zum Beispiel dem Argumentieren.

Der König könnte die These sein. Die These ist eine der schwächsten Aussagen der Argumentation, aber wenn sie fällt, dann ist die Argumentation vorbei. Dann gibt es die Kräfte; wie Königin, Springer, Läufer oder Turm. Sie können Argumente sein, die verschieden wirken und eingesetzt werden. Und die Bauern, das sind die verwendeten Fakten. Man sollte zum Beispiel niemals ein Argument (z.B. Springer) auf einen riskanten Platz setzen ohne es durch Fakten(Bauern) stützen zu können. Sonst  verliert man das Argument. Auch die Regel, dass wenn der Opponent alle seine Bauern(Fakten)  verloren hat und ab dann nur noch eine bestimmte Zahl  Züge(Sätze) stattfinden darf, finde ich sehr übernehmenswert. Der einzige Punkt an dem die Analogie massiv hinkt, ist das dem zufolge alles schwarz und weiß ist.

Kleiner Hinweis: Wenn irgendeine Regel hier falsch stehen sollte, dann liegt das daran, dass hier beim Spielen (Schach oder Volleyball) nur die wichtigsten Regeln behalten werden und der Rest eher Richtlinien sind.

Vielleicht liegt mein Misserfolg im Schach weniger daran dass ich lernunfähig bin, als dass ich während dem Spiel über solche Sachen nachdenke. Viele der Jungs spielen aber auch schon seit Ewigkeiten mehrere Partien Schach am Tag, so dass ich auch mit richtigen Profis lernen kann. Manchmal helfen sie mir auch bei meinen Matches und erklären mir ihre Ratschläge- woraus ich hoffentlich noch viel lernen werde.

Ich bin schon gespannt auf die neuen Jungs nächste Woche!

Liebe Grüße an alle zuhause,

Eure Lilli

 

 

 

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Schafe hier, Mäuse dort und Jungen überall https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/04/27/schafe-hier-maeuse-dort-und-jungen-ueberall/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/04/27/schafe-hier-maeuse-dort-und-jungen-ueberall/#respond Sat, 27 Apr 2019 11:39:16 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=204 Schauerromane Ich sitze nachts alleine in meinem Zimmer und lese im Sessel mein Buch. Alles ist leise, ab und zu blättere ich eine Seite um, während die Kerze wirre Schatten an die Wand wirft.  Ich lese bei Kerzenlicht, da meine Lampe vor ein paar Tagen kaputt gegangen ist und Kerzenlicht vor dem Einschlafen entspannend ist. […]

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Schauerromane

Ich sitze nachts alleine in meinem Zimmer und lese im Sessel mein Buch. Alles ist leise, ab und zu blättere ich eine Seite um, während die Kerze wirre Schatten an die Wand wirft.  Ich lese bei Kerzenlicht, da meine Lampe vor ein paar Tagen kaputt gegangen ist und Kerzenlicht vor dem Einschlafen entspannend ist. Dann höre ich es. Ein dumpfes Rumpeln aus der hinteren dunklen Ecke meines Zimmers. Nein, das ist Einbildung. Das Buch, das ich schon seit letzter Woche lese, ist ein Schauerroman. Ich bin einfach paranoid. Ein weiteres Rumpeln aus der Ecke- genauer- aus dem Schrank. Ich stehe auf und trete näher. Die Schranktür ist angelehnt. Was …? Noch ein gedämpfter Stoß. Die Tür öffnet sich leicht. Ich quieke und schlage die Tür zu.

„Tabea, da ist etwas in meinem Schrank!“ sage ich zu Tabea, die grade noch ihren Unterricht für die nächsten Tage vorbereitet. „ Echt? Was denn?“ Sie kommt mit in mein Zimmer. Ich räume den Unrat vor meinem Schrank weg und überlasse das Feld Tabea. Mit Taschenlampe bewaffnet, öffnet sie die Tür einen spaltbreit. „Oh, eine ganz kleine süße Maus!“ Geblendet durch die Taschenlampe, sitzt mucksmäuschenstill eine graue Maus im in der vierten Etage vom Schrank.

Tabea senkt die Taschenlampe, worauf die Maus die Flucht ergreift. Sie probiert runterzuspringen, aber es ist zu hoch, weswegen sie in der Hast probiert nach oben wegzuklettern- auf eine leere Klebertube. Die Tube fällt um und rollt mitsamt der Maus aus dem Schrank. Die Maus rappelt sich auf, läuft einmal im Kreis, klettert meinen Schreibtischstuhl hinauf, hüpft auf meinen Schreibtisch, raus auf mein Fensterbrett, von dort erkennt sie keinen Ausweg, und klettert mein Fenstergitter hoch, bis auf meine Fensterläden. Dann ist sie komplett weg. Arme kleine Maus.

Anleitung wie man Schafe unglücklich macht

Als wir am Montag, nach dem Ostersonntag, zurück nach Vimukthi fahren, sind die Jungs alle verschwunden. Das Haus ist komplett leer. Hinten bei den Buffalos werden wir fündig. Die Jungs planschen in dem großen Wasserbecken, das wir benutzen um die Büffeltränken zu füllen. Mit dabei? Fünfzehn blökende Schafe. Die Schafe werden heute gebadet, und dafür wurden sie allesamt in den seichten Pool geschmissen. Die Mauern sind so hoch das die Schafe nicht selbstständig raushüpfen können. Zusammengedrängt stehen die Schafe in einer Ecke und warten auf ihr grausames Schicksal, von einem von den Jungs gepackt zu werden.

Die Jungs haben unterdessen den Spaß ihres Lebens. Sie greifen sich die Schafe raus, die daraufhin in eine Art Schockstarre fallen, in der sie alle vier Beine von sich wegspreizen. Die Jungs haben große Steine ins Wasser geworfen, auf denen sie jetzt hocken können. Die Schafe werden auf dem Rücken über`s Knie gelegt und die Jungs bürsten mit Bürste und Seife das dichte Bauchfell der Schäfchen durch.

Zwischendurch wird das Schaf getunkt um es auszuwaschen, und mehr als einmal ist der Kopf auch mit unter Wasser, wenn auch nur für wenige Sekunden. Wenn der Bauch fertig ist, wird der Rücken geschrubbt, dann der Hals und der Kopf. Spätestens beim Kopf verlieren die Schafe die Geduld. Hier merkt man wer Erfahrung hat und wer nicht. Der Ziegen und Büffelhirte klemmt das Schaf selbstbewusst zwischen die Beine und putzt Hornansatz und Ohren (man beachte den sehr unzufriedenen Gesichtsausdruck vom Schaf).

 

Der kleine Phillip hingegen probiert einen Bock am Hinterbein festzuhalten und wird – infolgedessen- auf dem Hosenboden von dem Tier quer durch das -inzwischen braun trübe- Wasser gezogen. Ein paar braune Köttel schwimmen auch mit drin. Wenn die Schafe fertig sind, werden sie unter dem Ächzen der Jungs aus dem Pool gehoben, wo sie klitschnass von Durgu, dem Betreuer, entgegengenommen werden und wieder auf den Boden gesetzt werden.

Witzige Beobachtung: Nasse Schaffe schütteln sich wie nasse Hunde.

Ich wäre natürlich auch reingehüpft, aber mein Punjabi ist weiß. Er wird durchsichtig wenn er nass wird- und ich habe keine Lust dass mein schöner Punjabi sich verfärbt. Außerdem hatten mir die Jungs das gleich am Anfang strikt verboten. Ich begnüge mich also damit vom Beckenrand aus die Köpfe der Schafe zu putzen, zuzuschauen und den Jungs von Zeit zu Zeit einen Krug mit Wasser aus dem Haupthaus zu holen. Später wird alles Wasser aus dem Pool gelassen, der Pool geschrubbt und dann neu befüllt.

Oka kottha abbayi! (Ein neuer Junge!)

Wir haben einen neuen Jungen! Sein Name ist M., wie Markus. Das erste Mal habe ich Markus getroffen beim Volleyball spielen. Gut gelaunt quatsche ich ihn auf Telugu an. „Hallo, ich bin hier Volontärin. Du bist ein neuer Junge, oder? Mein Name ist Lilli, oder Lilli Sister. Wie heißt du?“ Markus schüttelt meine Hand und blinzelt sehr oft hintereinander. Ups, ich glaube das war zu viel. Er hört nicht auf meine Hand zu schütteln, bis er sagt: „ Ich heiße Markus.“ „Nice Name, i like it!“ sage ich auf Englisch, um rauszufinden ob er es versteht. Er blickt auf seine Füße und sagt: „Thank you, Madam.“

Markus kommt zu mir in die untere Mathe Klasse, da er Addieren, Subtrahieren und Multiplizieren kann- damit ist es dann aber auch schon wieder vorbei. Englisch kann er leider so gut wie gar nicht, einzelne Wörter und Phrasen gehen schon, aber ganze Sätze kann er nicht formulieren. In solchen Momenten bin ich froh dass ich etwas Telugu kann, weil sonst die Kommunikation ziemlich hängen würde. Was sie auch so tut, aber na ja; C´est la vie.

Gespräche

Markus spricht schon immer mal wieder mit mir, er scheint etwas schüchtern zu sein. Er hat mir anvertraut dass er Hostels (Orte wo Kinder untergebracht werden, wie Deepa Nivas oder Vimukthi) nicht mag. Und das er wieder nach Hause will. Er hat zwar Geld von seiner Familie geklaut, ist von zuhause abgehauen, nicht zur Schule gegangen und hat (nur) eine Woche auf der Straße gelebt; aber er würde sich ändern, er will doch nur zurück nach Hause.

Ich frage ihn ob er überlegt von hier wegzurennen. Und nein, damit bringe ich ihn nicht auf dumme Ideen. Die Jungs reden alle offen über „Drop-Out“, und wenn einer wirklich weg will, dann schafft er das auch. Da ist es besser offen zu sein so dass man Bescheid weiß. Also ehrlich fragen. Bei der Antwort senkt er den Kopf und schaut wieder auf seine Füße. „Mein Vater hat mich hier her geschickt, ich soll hier bleiben. Ich darf noch nicht wieder nach Hause kommen.“ Sagt er leise. Jetzt habe ich richtig Mitleid mit dem jungen Mann, der vielleicht grade 16 oder 17 ist.

Ich hoffe wirklich dass Markus lernt Vimukthi zu lieben, es ist ein guter Ort. Wer weiß, es sind ja auch noch seine ersten Tage, der gewöhnt sich bestimmt noch ein. Bis dahin: liebe Grüße an alle!!!

Eure Lilli

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Mein indisches Ostern https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/04/27/mein-indisches-ostern/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/04/27/mein-indisches-ostern/#respond Sat, 27 Apr 2019 11:15:17 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=197 Erstmal frohe Ostern euch allen! Genau wie mein Weihnachten, war auch mein Ostern etwas anders als erwartet. Karfreitag Karfreitag bin ich brav mit fast allen Volontären zur Kirche bei den Lilly Moggas gefahren. Es gab dort eine riesige Prozession mit geschätzt 200 Menschen. Bei der Kirche gab es einen kleinen Auftakt, ein Theaterstück von seiner […]

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Erstmal frohe Ostern euch allen! Genau wie mein Weihnachten, war auch mein Ostern etwas anders als erwartet.

Karfreitag

Karfreitag bin ich brav mit fast allen Volontären zur Kirche bei den Lilly Moggas gefahren. Es gab dort eine riesige Prozession mit geschätzt 200 Menschen. Bei der Kirche gab es einen kleinen Auftakt, ein Theaterstück von seiner Erniedrigung von den Soldaten, seiner Verurteilung und seinem Aufbruch mit dem Kreuz zu seiner Hinrichtung. Danach sind wir zwei Stunden in der prallen Sonne durch die engen Straßen des Viertels gelaufen. In der Mitte vom Menschenzug war ein echtes Holzkreuz, das abwechselnd von Männern getragen wurde. Die Soldaten vom Theater sind neben her gelaufen. Wir sind alle zwei Minuten stehen geblieben und haben gebetet oder gesungen. Viele Frauen hatten weiße Saris an und viele haben auch geweint. Die Prozession war schon ziemlich anstrengend, aber es war mir eine Freude daran teilzunehmen.

Der OStersonntag

An Ostersonntag wurden die Fathers und die Volontäre von den Schwestern Mutter Theresas eingeladen, bei ihnen zu feiern. Anscheinend machen sie das jedes Jahr. Wir bekommen den Sonntag frei, um mitfeiern zu können. Die Schwestern haben auch ein Projekt in Vijayawada- aber was mich erwarten würde, konnte ich nicht ahnen. Was wusste ich über den Orden? Alles Frauen, blaue Streifen und Hilfe für die Ärmsten der Armen. Soweit so gut. Wir Volontäre; oder genauer gesagt, wir Mädels, stehen um sechs Uhr morgens auf und schmeißen uns in unsere schönsten Saris- an so einem Tag wird von uns erwartet, dass wir uns in Schale schmeißen. Cara hat Familienbesuch und ist auf Urlaub, was bedeutet, dass ich alle Mädchen alleine in ihre Saris helfen darf…

Ostergottesdienst

Wir stiegen um acht Uhr morgens picobello in ein Share Auto und fahren zu dem Projekt. Wir kommen an und fühlen uns sofort etwas deplatziert. Die Schwestern haben auch an diesem Tag ihre schlichten Kutten mit den drei blauen Streifen nicht abgelegt. Die Menschen, die in dem Projekt leben, sind alle ziemlich alt und manche scheinen auch geistig behindert zu sein. Die Frauen tragen alle rosa Kleider, die Männer blaue Hemden mit Hosen. Die Kleidung sieht ein bisschen wie Krankenhauskleidung aus.

Wir sitzen in dem kleinen Innenhof, und der Father fängt an die Messe zu halten. Alles ist auf Telugu, nur manchmal übersetzt er ein paar Sätze auf englisch. Ist aber okay so, ich bin jedes Ostern in der Kirche, so viel Neues kann der da vorne gar nicht mehr reden. Am Ende des Gottesdienstes sollen wir Volontäre ein Lied vorführen, und ich packe die Gitarre aus. Die Alten freuen sich total, sie klatschen im Rhythmus mit und ein alter Opa springt sogar auf und fängt an vor uns zu tanzen, wobei er von einem Bein auf das andere hüpft.

Das Projekt der Schwestern

Als der Gottesdienst vorbei ist, zeigt uns eine der sechs Schwestern das Projekt. Es ist ein Ort, an den obdachlose, geistig behinderte und kranke, alte Menschen hinkommen können, um in Friede und Würde zu sterben. Ich feiere Ostern immer wenn der Apfelbaum in voller Blüte steht, mit meiner Familie. Bei Oma und Opa sehe ich dann meine kleinen Cousins, die sich im Garten im Gras balgen. Dieses Jahr feiere ich es mit Sterbenden.

Die Schwester führt uns ruhig durch das Haus. Inzwischen bin ich körperlich und geistig Behinderte so gewohnt, so dass ich ganz entspannt mit allen Anwohnern umgehen kann. Viele wollen meine Hand schütteln, uns berühren. Ich bemühe mich, allen ein Lächeln oder ein Hallo zu schenken. Ihnen allen in die Augen zu schauen. Durch die großen Fenster scheint goldenes Sonnenlicht in die großen Schlafsäle. In manchen Betten liegen noch Menschen, die nicht aufstehen können um draußen zu sitzen. Obwohl die niedrigen Betten alle gemacht sind und der Boden blitz blank ist, kann man trotzdem deutlich den Geruch von menschlichen Fäkalien und alten Menschen wahrnehmen. Wie komisch ich mir grade vorkomme, im eleganten Sari durch dieses Haus der heiligen und armen Arbeit zu gehen.

Eine alte Frau ist aus ihrem Bett gefallen. Als ich sie sehe kommen mir Tränen in die Augen. Sie ist abgemagert wie ich es noch nie gesehen habe, ihre Augen liegen tief und dunkel in ihren Höhlen und am Kopf hat sie eine kleine Wunde, die sich nicht mehr schließen wird. Sie hat die Augen geschlossen und wimmert leise. Mit ihren Händen greift sie schwach in der Luft nach etwas. Zwei Schwestern kommen und heben die Frau sanft zurück in ihr Bett. Die Frau beruhigt sich etwas und tastet nach der Hand der Schwester. Sanft nimmt diese ihre Hand an und streichelt sie, während sie leise auf Telugu mit ihr redet.

Ein besonderes Ostern

Jesus hat gelitten. Er wurde verraten, erniedrigt, ausgelacht, verurteilt, verleumdet von seinen Freunden. Gestorben am Kreuz. Und er war nicht furchtlos, er hatte die Hoffnung verloren. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ waren seine letzten Worte, aber  sie scheinen auch im Angesicht des Elends der Menschen hier ein Echo zu finden. Und die Jünger? An Karfreitag ist ihre Welt zerbrochen. Sie stürzten sich in die Trauer, als sie Zeugen dieses Leides wurden. Ja, sie haben sogar Glaubenskrisen durchlebt. Sie haben sich verängstigt in ihre Häuser eingeschlossen.

Somit ist Ostern, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, ein Fest, dass aus tiefster Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit heraus gefeiert wird. An dem man Tod und Schmerz kennt, ja, sogar noch frisch im Gedächtnis hat. Es ist ein Fest, an dem man nicht den Tod und das Leid ignorieren kann, sondern sich wieder einmal bewusst wird, dass es nicht das Ende ist: weil Jesus auferstanden ist. Und in schwierigen Zeiten, in Angesicht von Tod und Elend, können auch wir sicher sein, dass die Hoffnung wiederkommt, dass die Freude wiederkommt. Und für mich ist diese Hoffnung und diese Freude, trotz des Angesichts von Tod und Schmerz, an diesem Ort der Schwestern von den Seiten der Schrift mitten in das Leben geflossen.

Der Gottesdienst war auf Telugu und ich habe sehr wenig  verstanden, aber dennoch scheint es mir, als hätte ich noch nie so klar gefühlt und erkannt, was Ostern für mich wirklich bedeutet. Im Haus der Schwestern kam es mir so vor, als würde Jesu Geist mitten in der liebevollen Pflege der Schwestern leben. Diese Liebe, in ihrem Handeln zu erleben und zu spüren, hat mich tief berührt. Ich hoffe, ich konnte gut beschreiben, wie meine Ostern dieses Jahr für mich war.

Euch allen nachträglich ein schönes Ostern und ganz viel Liebe nach Hause,

Eure Lilli

 

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Meine Erlebnisse der Woche aus Vimukthi https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/04/20/meine-erlebnisse-der-woche-aus-vimukthi/ https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/2019/04/20/meine-erlebnisse-der-woche-aus-vimukthi/#respond Sat, 20 Apr 2019 13:06:03 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/lilliinindien/?p=192 Gott sei Dank, war diese Woche wieder ein bisschen gechillter als die letzte. Aber natürlich nicht langweilig! Hier meine Erlebnisse der Woche aus Vimukthi: Klein und Flauschig Ashish, der salesianische Bruder der zurzeit zu Besuch ist, hat ein ganz besonderes Hobby. Ich habe im Gang des Volontärtrakts grade meine Wäsche auf gehangen, und sehe den […]

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Gott sei Dank, war diese Woche wieder ein bisschen gechillter als die letzte. Aber natürlich nicht langweilig! Hier meine Erlebnisse der Woche aus Vimukthi:

Klein und Flauschig

Ashish, der salesianische Bruder der zurzeit zu Besuch ist, hat ein ganz besonderes Hobby. Ich habe im Gang des Volontärtrakts grade meine Wäsche auf gehangen, und sehe den Brother am Ende des Flures bei seinem Zimmer selig lächeln. Er blickt auf. „Oh, Lilli, i didn`t see you there. Do you want to meet my pet?“ Ich komme näher und sehe nichts- bis ein kleines Köpfchen mit schwarzen Knopfaugen mich anblinzelt. Ein Streifenhörnchen! Wir haben hier keine Eichhörnchen, sondern nur die etwas kleineren Streifenhörnchen mit ihren schwarzen Streifen auf dem Rücken.

Sanft krault der Salesianer das Hörnchen hinter seinen Ohren, während er mir erzählt, wie das kleine Tierchen in einem Park als Baby zu ihm gelaufen ist; ein Verhalten was auch hilfsbedürftige Eichhörnchen bei uns zeigen. Der Brother hat es mit einer Pipette und Wasserbüffelmilch großgezogen. Jetzt ist „Don“, benannt nach Don Bosco, 2 Monate alt und ist zutraulich und total verschmust. Der Brother lässt es über seinen Rücken, Kopf und Schultern klettern; und wenn es gekrault werden will, setzt es sich in seine Hand. Ich darf den kleinen Nager auch mal halten: ruhig sitzt er in meiner Hand, dann setzt er seine kleine knochige Hand an meinen Zeigefinger und wupps, ist es wieder rüber gesprungen zu seinem Papa.

 Pain no coming

Es ist hier nicht selten einen Menschen mit Annomalien zu sehen. Pigmentstörungen, Blindheit, fehlende Körperteile- oder ein paar zu viel- sind hier vollkommen normal. So hat auch Kilian, einer meiner Jungen, an einem Fuß einen extra Zeh neben seinem kleinen Zeh. Wir sitzen im Unterricht, alle arbeiten an ihren Aufgaben. Ich laufe grade wieder nach vorne zur Tafel und stupse versehentlich leicht Kilians Fuß an. Ich entschuldige mich sofort bei ihm. Kilian zuckt mit den Achseln und sagt: „This Toe, no pain, Sister.“  Ach komm, von wegen „kein“ Schmerz. „Yes Sister, this extra Toe, no pain coming. See.“ Und bevor ich was tun kann, nimmt er sein Holzbrett und schlägt es mit der Kante mit Kraft auf seinen sechsten, leicht abstehenden Zeh. Ein dumpfer Schlag, phump. Ich schaue ihn erschrocken an und er kichert. „No pain, sister.“

Ich bin immer noch geschockt, das ist doch ein Köper, mit dem man ganz  liebevoll umgehen muss und um den man sich kümmern muss! Ich probiere nach der Stunde kurz diesen Aspekt vorzustellen, und er nickt. „Okay, okay, sister. But toe accident coming, pain is no coming.“ Und mit einem grinsen spaziert er davon.

Familienangelegenheiten

Ab und zu bekommen die Jungs Besuch von ihrer Familie, aber irgendwie ausschließlich von weiblichen Familienmitgliedern. Immer wieder süß zu sehen wie die Jungs sich verändern wenn sie vor ihren Müttern, Schwestern oder Tanten stehen. Plötzlich sind sie ganz vorbildlich, still und schüchtern…

Der kleine Phillip bekommt am häufigsten Besuch von seiner Familie. Seine Oma und seine Tante unterstützen ihn viel. Der kleine Phillip scheint früher echt ein Anderer gewesen zu sein. Seine Oma erzählte mir traurig -auf Telugu und gebrochenem Englisch- wie er war. Gefühlt lag in ihrer Stimme keine Anklage oder Vorwurf, sondern einfach nur Traurigkeit. Er hätte immer Schimpfwörter gesagt, rumgeschrien, Solution genommen (Weichspüler), hat alle beleidigt und sich oft mit Anderen geschlagen. Phillip steht daneben und schaut auf seine Füße. Ein paar der Sachen die seine Oma aufzählt macht er immer noch(die Geschichte mit Felix), aber nur vereinzelt. Er scheint seit damals wirklich ruhiger geworden zu sein.

Aber als seine Oma angefangen hat, über ihn zu reden, wie er jetzt ist… da war sie so gerührt, dass sie anfing zu weinen. „Er ist jetzt ein anderer Junge.“ sagte sie. Er sieht viel besser aus, sie hat den kleinen lieben Jungen von früher wieder. Sie fragt mich auch was Phillip hier so tut, wie er sich so macht. Phillip schaut mich erschrocken an, aber ich achte darauf, nur die guten Seiten aufzuzählen- und die Sachen auszulassen, an denen wir noch feilen könnten Ich erzähle dass er sehr aufgeweckt ist und, von Telugu wortwörtlich übersetzt, „die Freude in seinem Herzen wohnt“. Dass er seine Aufgaben in Mathe fleißig beendet und gerne seine Kleidung repariert. Der Kleine strahlt, und in den nächsten Tagen ist er extra brav.

Andere Familienangelegenheiten: Ein paar meiner Jungs sind sogar schon richtige Onkels. Ein Junge, der normalerweise eher schroff und ein bisschen abweisend ist, ist richtig aufgetaut, als er das Baby seiner Schwester zum ersten Mal in den Armen hielt. Mit dem eingewickelten Kindchen eilte er vorsichtig unter den Mangobäumen auf mich zu. Vorsichtig strich er das Wickeltuch vom Köpflein seines Neffen und zeigte mir stolz das Kind. „This is my sister child. I am oka babai (ein Onkel) now.“ sagt er leise, während er grimmig-zärtlich auf das schlafende Baby lächelt.

Grundausbildung

Die Jungs sind dazu angehalten sich ordentlich zu kleiden. Sie duschen zweimal am Tag und man wechselt zweimal pro Tag das Hemd. Die Hemden und Hosen sind aber alle schon ziemlich alt, und viele der Jungs haben kein Geld um sich neue Klamotten zu kaufen. Hosen reißen an der Naht, Knöpfe fallen ab, kleine Löcher hier und da. Und dann werden sie ermahnt dass sie nicht ordentlich rumlaufen.

Tabea und ich haben uns schon länger an diesem Missstand gestört. Vormittags geben wir Mathe und Englisch Unterricht, auch generelles Grundwissen ist mit dabei; wie etwa Astronomie, Biologie, Physik, Sozialkunde, Wirtschaft, etc. Aber könnten wir nicht auch praktisches Wissen vermitteln? Wie das Nähen? Gedacht, gesagt, getan. In der Studytime haben wir immer Zeit, die Jungs auch anders und spielerisch sinnvoll zu beschäftigen. So gibt es jeden Abend zahlreiche Partien Schach- und jetzt auch ein komplettes Nähset mit Nadeln, Garn, Knöpfen, Stecknadeln usw. Viele Jungs bringen jetzt jeden Abend ihre zerschlissenen T-Shirts mit, deren Fetzen ich ordentlich zusammenstecke, und die Jungs dann zusammennähen dürfen. Auch Hosen, die besonders beim Volleyballspielen oft zwischen den Beinen reißen, werden von den Jungs selber genäht und geflickt. Und ENDLOSE Hemden mit fehlenden Knöpfen sind auch mit dabei.

Dem kleinen Phillip musste ich das Knöpfe-Annähen erst noch beibringen; viermal vernähen, Knopf einfädeln, dreimal durch jedes Knopfloch, prüfen, vernähen, fertig. Er hat so eine unglaubliche Freude bei jedem neu angenähten Knopf. Es ist so schön zu sehen, wie die sich die Jungs hinsetzen, winzige Nadeln durch ihre Kleidung führen. Wie sie währenddessen quatschen und sich am Ende freuen dass sie etwas fertig gemacht haben- und wieder heile Kleidung haben!

Nationalhymne

Jeden Morgen um Punkt 9 Uhr versammeln sich alle Leute in Vimukthi zum Morgenappell. Es wird der National Pledge (Schwur der Nation)aufgesagt und die Nationalhymne gesungen. Ich habe natürlich ab und zu Ohrwürmer von der Nationalhymne, manchmal singe ich sie sogar leise bei einseitigen Aufgaben vor mir her. Das einzige Problem: ich kann den Text nicht.

Es ist Hindi, und für mich zudem eine lose Ansammlung von Silben. Manchmal weiß ich eine Passage oder einen Laut, der bei bestimmten Melodien gesungen wird. Ich singe also die Nationalhymne eher „ Janna ganama jakka dsha jakka jayahe“ (richtig: Jeherana Gaaa Mana Adhinayaka, jaya he’), “dschajaka dadilitata“( bhArata-bhAgya-vidhAtA). Ich habe grade zum ersten Mal den Text gegoogelt, aber dass ich mit meiner Version ziemlich weit ab von Schuss bin, sagen mir die Jungs schon immer wenn sie mich beim Singen ertappen. Meistens lachen sie sich dann zu Tode und lassen mich das ganze Lied Stück für Stück nach singen. Ich werde mich wohl mal dran setzen und das lernen.

Nationalhymne lernen ist dann mein Plan für die nächste Woche. Diese Woche war wirklich eine schöne Abwechslung im Vergleich zu den Anstrengungen der letzten Woche, so dass ich mich nun gut und gerne auf das indische Ostern einlassen kann. Mehr dazu im nächsten Beitrag! 🙂

Liebe Grüße an alle,

Eure Lilli

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