Lilli in Indien

Don Bosco Volunteer Blog

Sommercamp mit dreißig Jungs

Da es grade Hochsommer ist, haben alle indischen Kinder zwei Monate Sommerferien. Unsere Jungs gehen nicht zur Schule, aber wir machen trotzdem ein einwöchiges Sommercamp. Mit dabei: 15 Jungs aus dem RVTC, dem Ausbildungszentrum von Navajeevan.

Freudiges Wiedersehen

Als die fünfzehn Jungs zusammengequetscht im Jeep von Navajeevan ankommen, ist die Freude bei meinen Vimukthi-Boys riesig. Viele der Jungen aus dem RVTC sind alte Freunde und Bekannte aus Vimukthi und dem Shelter- die nun auch viel Neues berichten können. Die Jungs umarmen sich und bilden wieder alte Cliquen, in denen sie nun über die Ländereien streifen um erstmal ein paar Mangos zusammen zu essen. Auch die Jungs vom RVTC sind glücklich wieder da zu sein. Das Ausbildungszentrum ist sehr klein und sie haben dort wenig Platz. Umso mehr freut es sie am Nachmittag auf dem großen Feld zuerst ein Cricketmatch und danach ein kleines Volleyballturnier zu veranstalten.

Zum Programm: Die Vimukthi-Jungs sollen jeden Morgen wie gewohnt die Duties machen und die Jungs aus dem RVTC sollen Deckenventilatoren, Lampen und sonstiges reparieren. Das zieht sich über den ganzen Morgen, aber am Nachmittag haben sie komplett frei und dürfen Games Time machen. Und abends gibt es Fernsehen: ein kleiner Fernseher- dreißig Jungs.

Kino-Abend

Ich liege mit dem Bauch auf dem Boden. Es ist so heiß, selbst die Steinfliesen fühlen sich warm an. Vor mir liegen wie die Sardellen die Jungs, und alle zusammen schauen wir auf die Glotze. Es ist wirklich süß wie sie etwas schläfrig sich aneinander kuscheln oder gegenseitig ihre Köpfe streicheln (Zärtlichkeit wird hier zwischen Männern gezeigt). Die Jungs lieben das Fernsehen, sie kennen und bewundern jeden Held von Tollywood.

Wir liegen also alle auf dem Boden und schauen einen telugischen Film. Ich habe den Anfang etwas verpasst, aber es geht die ganze Zeit um einen Mann. Ich bin mir ziemlich sicher dass er der Bösewicht ist, da er einen Mann gefoltert und dann erschossen hat. Außerdem raucht er. Rauchen und Alkohol ist hier etwas ziemlich Schlimmes- in den meisten Filmen Rauchen, Trinken und Schwören nur die Bösen, Morallosen und Dummen.

Die Ehefrau des Bösewichts hat ihm Essen gekocht, überall Rosenblätter verstreut und Kerzen angezündet. Dann hat sie etwas Kleines gefragt, und er hat sie angeschrien und sie gegen die Wand hochgehalten und gewürgt. Dann ohrfeigt er sie und lässt sie fallen. Wütend stürmt er aus dem Zimmer und will das Haus verlassen. Seine Frau rennt die Treppe hinunter und schreit ihm sehnsüchtig „I love you!“ hinterher. Ich schnalze mit der Zunge und murre impulsartig „Don’t!“

Einige Jungs drehen sich verwirrt zu mir um und Einer erklärt mir, dass sie seine Frau ist. „Abbah, i know. But he is not nice. He is a bad man.“ Kurze Verwirrung. „Sister, this is movie good man.“ Mehr Verwirrung. Es stellt sich heraus dass es beim Ermordeten ein Missverständnis gab und der „Gute“ es nun bereut (Was genau der Grund ist wieso die Todesstrafe- neben Selbstjustiz- so bescheuert ist). Was jetzt sein Fehler wieder gut macht? Und seine Frau hat er so behandelt weil sie ihn kritisiert hat. Also nach meinen Vorstellungen ist das echt kein Held.

Am Ende wurde die Frau bei einer Autobombe getötet und das einzige woran ich denken konnte war, dass wenn sie ihn verlassen hätte, sie vielleicht noch leben würde. Doch die meisten Helden in den Tollywood-Filmen sind aber zumeist zu höchst abstinent von Drogen und Alkohol, sind sehr respektvoll gegenüber den Eltern und haben nur eine einzig wahre Liebe, mit der sie zwar den ganzen Film tanzen aber KEIN EINZIGES MAL KÜSSEN???? Und natürlich verprügeln sie immer alle Bösen. Und ja, in Telugufilmen ist sehr viel Action.

Full House

Das Gefühl in Vimukthi ist die folgenden Tage komplett wie Zeltlager. Vor allem bei der Essensausgabe sind es einfach MEHR Jungs. Ich probiere schnell die Namen von den unbekannten zu lernen, ich grüße jeden einzelnen Jungen wenn ich Reis aufgebe- da kommt jeder einmal vorbei.

Nach dem Essenfassen sitzen dann alle zusammengedrängt Seite an Seite im Schneidersitz auf dem Boden- und es ist einfach so schön, alte Freunde wieder zusammen zu sehen. Sie quatschen und lachen und erzählen sich neue Geschichten. Irgendwo lümmele ich mich dann auch dazu und genieße die gemtülich-gesellige Stimmung.

Bad Boys

Ich sitze abends draußen auf der Auffahrt und streichele etwas meinen Lieblingshund. Ein paar RVTC Jungs sehen mich, kommen rüber und setzen sich zu mir auf den Boden. Ich bin ebenfalls neugierig auf die neuen Alten und fange an Fragen zu stellen. „So you like Vimukthi?“ „Oh yes, sister, I like so much. Here, there is lot of place to play and sooo silent. Here sleeping very good. And also so cool! Always in Vimukthi und Deepa Nivas, I like so much these places!“ Wir haben aber drei Außenprojekte…? Was ist mit dem Kinderdorf Chiguru? „No, Sister, that place I don’t like. There are so many college girls there, yes? All SOO beautiful looking girls. But one boy looking, nun sister(die Nonne) coming and telling ‚You bad boy! Bad, bad boy from RVTC!‘ So that’s why I don’t like that place, there i am always bad boy.“

Der Junge blickt traurig auf seine Hände. Der ist doch schon fast achtzehn! Da darf man doch mal ein bisschen Interesse an den Mädchen zeigen. Ich habe richtig Mitleid mit meinem jungen missverstandenen Freund. „Hey thammudu (kleiner Bruder)? I don’t think that you are a bad boy. I think you are a very nice and good boy. Okay?“ Der Junge blickt auf und schenkt mir ein richtig ehrliches, erleichtertes Lächeln. „Thank you, Sister.“ sagt er und schüttelt meine Hand. Ich hoffe wirklich dass der Junge mal ein ganz nettes Mädchen findet, obwohl ich mir da keine Sorgen mache; ich weiß dass die Fathers ab und zu helfen, den Jungs Ehefrauen zu finden.

Back to Jäger und Sammler

Bei den Duties morgens helfen wir Volontäre natürlich mit. Die anstrengendste Duty überhaupt war Feuerholz für den Kachelherd in der Küche sammeln. Dafür sind wir aus dem Projekt rausgegangen und sind auf der roten Sandstraße entlang des Unterholz lang gelaufen und haben nach großen toten Ästen Ausschau gehalten. Bei 40 Grad.

Ich schleppe insgesamt 5 Mal Holz von dem Fundort zurück in das Projekt und trage einmal einen großen halbvollen Wasserkannister raus zu den Anderen, die bei der harten körperlichen Arbeit auch Durst haben. Ich sehe wie sie grade mit Axt und Sichel einen herabgefallenen Ast frei schlagen und dann allemann an ihm ziehen. Auf einmal weichen alle zurück und fangen an sich komisch zu schütteln- RIESIGE FEUERAMEISEN!!!

Wir kommen zum nächsten toten Ast, grade die richtige Größe- den können wir nehmen. Ein Junge will schon die Sichel heben um den Ast freizuschlagen. „STOP!“, schreit Durgu genau in dem Moment wo die Sichel runtersausen sollte. Durgu kommt schnell an und deutet auf ein paar grüne Blätter an dem Ast. Alle Jungs schauen kurz, nicken und gehen weiter um den nächsten Ast zu finden. „What, Durgu?“ „See the leaves there? This is Banyan-Tree. Very holy tree for Hindus, this one we can`t kill.“ Banyan ist eine Flechte und hat den Ast befallen, und wenn die Blätter noch grün sind dann lebt die Pflanze ja noch und … ugh, nächsten Ast suchen.

Insgesamt hatte ich von der Duty tausend Kratzer an Füßen, Händen und irgendwie auch einen fetten Kratzer am Hals. Und natürlich Muskelkater des Todes am nächsten Tag. Am darauf folgenden Tag mussten die Jungs die Äste zerhacken, was sie aber im gnädigen Schatten der Mangobäume tun konnten.

Liebe Grüße aus Indien an alle,

Eure Lilli

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  1. Avatar

    Cara

    Ich kann nur bestätigen: ES IST HEISS. Wir versuchen weiter zu überleben und uns nicht zu bewegen. Alles Liebe aus dem Chiguru, wo ich bisher nur good boys begegnet bin!

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