Ich bin dann mal raus von zu Haus

Ein Jahr in Bolivien

Darf ich vorstellen: Techo Pinardi

Hola y bienvenidos!

Die Ein- oder Anderen werden vielleicht inzwischen mitbekommen haben, was hier im Moment bezüglich Präsidentswahlen abgeht und, dass es damit zusammenhängend auch hier und da ein paar Unruhen in Bolivien gibt, die auch uns betreffen. Darüber werde ich aber ein andermal schreiben, da die Situation immer noch anhält und ich lieber dann darüber berichte, wenn alles vorbei ist.

So langsam ist es Zeit darüber zu schreiben, wie so ein „typischer“ Tag“ in meiner Arbeitsstelle, dem Techo Pinardi aussieht.

Vorab:

Das Techo ist eine Einrichtung, wo Kinder von der Straße direkt anklopfen können um dann auf freiwilliger Basis einzutreten oder von der hiesigen Institution, die wahrscheinlich vergleichbar mit dem deutschen Jugendamt ist, vorbei gebracht werden, damit das Techo sie aufnimmt. Wer auf freiwilliger Basis da ist, darf jederzeit sagen, wenn er wieder austreten – das heißt im Klartext meistens zurück auf die Straße gehen möchte. Das ist natürlich nicht das Ziel – aber es passiert erstaunlich häufig, dass die Vorzüge und das ungeregelte Leben auf der Straße den oftmals 8 – 12-Jährigen Kindern – auf den ersten Blick! – mehr zusagt, als das geregelte und umsorgte Leben im Techo, was für sie offensichtlich besser wäre, da ihnen dort ein geregelter Tagesablauf, medizinische Versorgung, drei Mahlzeiten am Tag und ein sicheres Umfeld geboten werden.

Ich habe es in den sieben Wochen, in denen ich bis jetzt dort arbeite schon öfter erlebt, dass es Jungs gerade einmal zwei oder drei Tage ausgehalten haben, um dann wieder raus auf die Straße zu wollen, wo sie Drogen konsumieren und Zeit mit ihren Freunden von dort verbringen können. So variiert die Anzahl der dort untergebrachten Jungs sehr und man hat es immer wieder mit neuen Bekanntschaften zu tun. Natürlich gibt es auch ein paar Jungs, die das vielseitige Hilfsangebot was sie dort bekommen, mit der Zeit so wertschätzen lernen, dass sie für eine längere Zeit von bis zu sechs Monaten bleiben und sich auf eine „Resozialisierung“ einlassen, bis dann – je nach Fall – im Bestfall die Reintegration in die Familie erfolgen kann oder sie in ein anderes Heim bzw. Hogar weitergeleitet werden. – – –

Genug Vorab-Info.

Vielleicht holt man sich am Besten jetzt eine Tasse Tee oder Kaffee und liest dann meine – an einigen Stellen etwas ausschweifenden Erzählungen…

Fangen wir doch vielleicht da an, wo auch für mich der Tag anfängt, nämlich morgens um 6:41 Uhr. Mein erster Wecker klingelt… den bringe ich meistens ziemlich schnell zum Schweigen und döse noch ein paar Minütchen – soweit mir das die laute Hauptstraße vor unserem Haus erlaubt, bis ich dann ca. um zehn vor sieben so elegant wie möglich aus meinem Stockbett herabsteige, um meinen Zimmerkollegen nicht aufzuwecken, der noch ein bisschen länger schlafen kann.

7:15 Uhr

Ich gehe aus dem Haus und muss keine 10 Schritte laufen, um in den“Micro“, den kleinen Linienbus vor unserer Haustür zu steigen. Der fährt mal so und mal so… es gibt keinen wirklichen Fahrplan nachdem ich mich richten muss – man wartet aber normalerweise nicht länger als 3 Minuten bis man dann auf dem Gehsteig stehend die Hand in Richtung Straße ausstreckt, um den Bus heranzuwinken. Man selbst ist also die Haltestelle, um es so auszudrücken. Dem Busfahrer drückt man beim Einsteigen 2 Bolivianos (umgerechnet ca. 26 Cent) in die Hand und kann sich damit in der ganzen Stadt herumkutschieren lassen. Dieses System funktioniert hier meiner Meinung nach ziemlich gut. Man könnte sich davon mal eine Scheibe abschneiden in der von Regeln und Plänen überfluteten „westlichen Welt“…

Na ja – jedenfalls komme ich dann nach ca. 10 Minuten Fahrzeit im äußeren Stadtzentrum an, von wo aus ich noch 5 Minuten laufe um dann einigermaßen pünktlich um 7:30 Uhr an der Eingangstür des Techo Pinardi zu stehen.

Dort angekommen…

…geselle ich mich zu den, meistens schon beim Frühstück sitzenden Jungs und Erziehern dazu und esse auch etwas mit. Zu essen gibt es morgens kleine „Semmeln“ (schmecken sehr anders hier, deshalb in Anführungszeichen), die man am besten in seinen in Wasser angerührten, sehr süßen Kakao tunkt, damit sie nicht im Hals stecken bleiben. Manchmal sind die nämlich ausgesprochen trocken. Dazu stehen manchmal Bananen oder eine Fleischpaste, vergleichbar mit Leberwurst auf dem Tisch. Mittlerweile konnte ich mich ganz gut mit dem hiesigen Frühstück anfreunden… man gewöhnt sich mit der Zeit schon dran.

Am Samstag und Sonntag morgen können die Jungs etwas länger schlafen und ich nutze die Zeit in der Küche, um für´s Frühstück Eier zu frittieren. Frittieren? – Ja, das macht man hier so gut wie mit allen Lebensmitteln. Ob Reis oder Maniok- (hier auch Yukkawurzel genannt), Hühnerbrust, Eier oder Schnitzel – all das gibt es hier in frittierter Form und schmeckt, wie ich finde, hervorragend!

Weiter geht´s nach dem Frühstück mit den „oficios“.

Das sind die täglichen Hausarbeiten, die die Jungs zwei bis drei Mal täglich erledigen um das Haus sauber zu halten. Dazu gehört es, den Garten sauber zu halten und Schlafzimmer, Essensraum und Küche, Flur und Fernseh- & Lehrsäle zu fegen und zu wischen. Jeden Tag. Und das ist auch wirklich nötig, da sich einerseits durch das meist recht windig-trockene Klima viel Sand in den Innenräumen ansammelt und andererseits, weil man hierzulande wirklich ein sehr anderes Verständnis von Nachhaltigkeit und Müllvermeidung hat. Das merkt man ziemlich schnell und es ist nicht nur eine Eigenheit von den Jungs im Techo, sondern man lässt seinen Müll einfach fallen wo man gerade geht oder steht… das, was nicht der Wind in der Zwischenzeit überall verteilt, wird ja dann sowieso bald von irgendjemand weggefegt. Fakt am Rande: Ich habe während meiner kompletten Zeit hier in Bolivien noch keinen einzigen Staubsauger gesehen… so etwas kennt man hier offensichtlich nicht oder es ist einfach ein absolutes Luxusgut.

Nach den Hausarbeiten, bei denen es mein Job ist, die Jungs immer wieder zu motivieren und ihnen auch mal zu helfen, startet die „actividad mañana“ – Vormittagseinheit. Diese variiert je nach Wochentag zwischen einer Art Unterricht in Mathe, Schreiben & Lesen, einer von mir eingeführten Englischstunde oder auch mal praktischen Aktivitäten, wie z.B. Rasen mähen oder die eigene Wäsche waschen – mit der Hand! Freitags, an meinem freien Tag, backen die Jungs meistens typisch bolivianisches Essen und machen eine Grundreinigung. Obwohl für diese Vormittagsaktivitäten eigentlich ein klarer Zeitrahmen von 9:00 bis 10:30 Uhr gesetzt ist, läuft diese Zeit in der Realität meist ziemlich nach Lust und Laune der zuständigen „Educadores“ (Erziehern). Damit meine ich, dass die festgelegten Zeiten und Aktivitäten sogar manchmal eingehalten werden. 😉 Der Tagesablauf hat auf dem Papier also eine Struktur – in der Praxis ist diese aber nicht immer so umsetzbar.

Brotzeit.

Um 10 Uhr verschwinde ich für einen Moment in der Küche und bereite für alle die sogenannte „Merienda“ vor – das ist so etwas wie ein kleiner Zwischensnack und ist in ganz Latein- und Südamerika vor und auch nachmittags recht üblich – ich schneide meistens ein paar frische Äpfel, Bananen, manchmal auch eine Papaya oder Ananas auf und serviere sie dann den Kindern zur Versüßung ihrer jeweiligen Aktivität – meistens während dem Unterricht. Ansonsten unterstütze ich die Schüler bei ihren Rechenaufgaben oder versuche ihnen etwas neues beizubringen.

Um 12 Uhr…

…oder etwas später gibt es dann das „almuerzo“ (Mittagessen), was immer in der Zentralküche des Hogar Don Bosco, also des großen Kinderheims gekocht und an alle in der Stadt verteilten Einrichtungen ausgeliefert wird. Während die Jungs noch mit ihren Aufgaben oder mit Fußballspielen beschäftigt sind, verteile ich schon mal das Essen auf die verschiedenen Teller und hole mir ein oder zwei Jungs, die mir beim Tische vorbereiten helfen. Meistens findet sich noch einer, der aus einer frischen Ananas oder Papaya einen „refresco“, ein Erfrischungsgetränk zubereitet, was dann zum Essen serviert wird.

Jede Mahlzeit beginnt und endet mit einem Gebet, was meistens auch von einem der Jungs gesprochen wird und danach beginnt das große (Fr)essen. Ja – das läuft wirklich alles etwas viel chaotischer und mit sehr dürftig ausgeprägten Tischmanieren ab, als man es von uns zu Hause so kennt. Zur Erklärung: Gegessen wird mit einem Löffel. Gabeln und Messer gibt es hier nicht, da diese in der Vergangenheit vielmehr mehr als Waffen als zum essen benutzt wurden. Erste Schwierigkeit. Wie soll man denn als ungeübter Laie so glibbrige Bandnudeln mit Soße oder ein Stück zähes Fleisch, wie es hier keine Seltenheit ist allein mit einem Löffel bewältigen? Da fängt man halt an, sich mit den Händen zu helfen. Daraus folgen dann Schlingen, Schmatzen und manchmal auch kleine Essensschlachten, bei denen ich anfangs nur recht hilflos zusehen konnte und mittlerweile immer noch keinen großen Einfluss darauf habe. Auch für die Erzieher ist eine solche Situation nur mit sehr großer Mühe unter Kontrolle zu bringen. Demnach geht es auch ziemlich laut und belebt bei Tische zu. Naja – übel nehmen kann man es den Kindern trotzdem nicht. Ich freue mich eher, wenn ein neuer Junge ins Techo eintritt, der gerade von der Straße kommt und womöglich seit Tagen keine anständige Portion, geschweige denn etwas Warmes zu sich genommen hat, einfach mal in sich hineinschlingt, was reinpasst. Das muss man immer im Hinterkopf haben – dann sieht man die ganze Essensprozedur aus einer anderen Perspektive. Klar – es wird im Techo versucht, den Jungs Manieren, Sitten und Verantwortung zu vermitteln- aber das dauert seine Zeit und kann nicht von jetzt auf gleich passieren.

Vor dem Beenden der Mahlzeit wird wie immer noch ein Junge für den Abwasch und Reinigung des Speisesaals bestimmt und für die anderen geht es in die Mittagsruhe. Das bedeutet für die Jungs ein bis zwei Stunden faulenzen, Karten spielen oder tun, was ihnen halt gerade so einfällt. In dieser Zeit steigen die Temperaturen an heißen Tagen auf bis zu 37 Grad an. Da tut es gut, einfach mal ein bisschen Ruhe zu geben. Trotzdem gibt es einige Jungs, die selbst in dieser Hitze ein Fußballspiel anfangen und oberkörperfrei, schweißtriefend etwas in der Sonne rumkicken.

Nachmittagsprogramm.

Dienstags, mittwochs und donnerstags werden die Jungs um 2 Uhr mittags von dem Fahrservice des Hogars, der auch das Essen vorbeibringt, abgeholt und zur „soldadura“, der Schweißerei des Hogars gefahren, wo sie dann eine Art Ausbildung in Sachen Metallbearbeitung und Handwerk bekommen. An den restlichen Tagen und nach der Soldadura, bietet die Nachmittagserzieherin den Jungs an, Armbänder zu gestalten und zu flechten. Das ist eine Arbeit, die hierzulande recht verbreitet ist, da sich diese schönen Unikate gut zum Verkauf oder als Geschenk eignen. Auch ich habe mittlerweile schon ein paar von diesen sogenannten „manillas“ um mein Handgelenk…

Manchmal, wenn es die klimatischen Gegebenheiten und damit zusammenhängend mein Energielevel zulassen, versuche ich auch ein Gruppenspiel anzuleiten oder mach mit ein paar von ihnen ein paar Sport- und Kraftübungen. Was sich aber als eine wirkliche Herausforderung für mich entpuppt hat, sind die eben erwähnten Gruppenspiele. Es ist echt nicht einfach die Jungs zu einem Spiel zu motivieren, was nicht Fußball heißt. So eine Gruppe von Jungs zu einer Aktivität zusammenzutrommeln hat sich als schwieriger herausgestellt, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe den Eindruck, dass solche Gruppenspiele wie ich sie aus Ministrantengruppenstunden oder Zeltlagern zu Haufe kennengelernt habe, hier bei Weitem nicht so bekannt sind. Das macht das Ganze nicht einfacher. Ich bin mir sicher, wenn eine meiner Spielideen mal so richtig gezündet hat und ein paar von den Jungs Spaß daran gefunden haben, wird das Spiel auch für die Anderen um einiges attraktiver und es kann die ganze Gruppe Spaß daran haben. Aber allein schon die Aufgabe, genügend Leute für ein Spiel zu finden, die sich nicht vom Mitspielen ihrer Kumpels abhängig machen, ist schwierig genug – nicht zuletzt durch mein geringes Durchsetzungsvermögen aufgrund der fehlenden Sprachgewandtheit.

Gut – das gehört anscheinend dazu – und ich bin mir sicher, dass sich das ich da mit der Zeit und der Hilfe der Erzieher auch noch einiges dazulernen kann. Soviel dazu.

Langsam kühlen sich die Temperaturen ab und es geht auf den Abend zu.

Die „cena“ (Abendessen) gibt es um 19:30 Uhr. Es gibt wieder ein vollwertiges warmes Essen, wie auch schon zum Mittag. Das scheint die Jungs aber in keinster Weise zu stören und auch ich habe zum Abendessen wieder kräftig Hunger. So ein Tag kann je nach Bewegungsintensität auch echt anstrengend sein. Die cena verläuft grundsätzlich gleich wie das Mittagessen, manchmal sogar noch ein bisschen chaotischer und lauter.

Mittlerweile ist es schon dunkel und es herrscht eine angenehme Atmosphäre, bei der die Jungs gerne noch einmal Verstecken spielen oder einen Film schauen dürfen. Um ca. 21 Uhr verabschiede ich mich dann und mache mich auf den Heimweg.

Bemerkung des Autors:

Wer jetzt mitgerechnet hat, denkt, dass ich einen Arbeitstag von 13,5 Stunden habe. Stimmt so natürlich nicht – das habe ich im obigen Text nicht erwähnt. Montags, mittwochs und sonntags arbeite ich vormittags von 7:30 – 15:30 Uhr. Dienstags, donnerstags und Samstags habe ich die Nachmittagsschicht von 14:00 – 21.00 Uhr. Freitag frei.

Soweit so gut!

Ich hoffe ihr könnt euch an Hand dieses Beitrags ein grobes Bild davon machen, wie so ungefär ein Arbeitstag von mir aussieht und was für eine Art Einrichtung das Techo Pinardi ist, in dem ich jetzt seit eineinhalb Monaten als Volontär mithelfe.

Macht´s gut, bis zum nächsten Mal – Chao!

Euer Gabriel

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  1. Avatar

    franz-peter kilian

    Hallo Gabriel,
    außerodentlich interessant und informativ., insbesonders mit der wunderschönen bildliche Unterstützung. Bitte dringend weiter berichten über alle möglichen Alltagsdinge, auch was außerhalb des techo pinardo so geschieht. Wir erfahren ja hier in Europa nur gefilterte Nachrichten. Du entwickelst Dich zu einem exel. Reiseberichterstatter.
    Alles Gute weiterhin
    Peter d.Ä.

  2. Avatar

    Anonymous

    Lieber Gabriel,
    ich habe das mit der Tasse Tee gleich umgesetzt und mir wirklich Zeit und Ruhe gegönnt für Deinen ausführlichen Bericht. Ja, ich kenne das auch aus einer deutschen Familie, dass man mit dem Putzen von vorne beginnen könnte wenn man fertig ist. Die hatten allerdings einen Hund, der wenigstens in der Küche diesen Part übernahm.
    Spannend fand ich den Konflikt der Kinder zwischen Freiheit auf der Strasse und Versorgungssicherheit mit Ordnung..

    Sei herzlich gegrüßt,
    Deine Sr. Hedwig

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