Ich bin dann mal raus von zu Haus

Ein Jahr in Bolivien

An(ge)kommen.

Buenos dias a todos! Hiermit melde ich mich nach den vergangenen ersten zwei Wochen in meiner neuen Heimat. Vorab – es geht mir gut. Ich wohne jetzt mit meinen drei deutschen und zwei holländischen Mitvolontären in einem Haus, das direkt am Projekt steht und seit Jahren den Freiwilligen zur Verfügung gestellt wird.

Die erste Woche bestand für uns neue Volontärsgruppe vor allem aus Kennenlernen, Einführungen, Informationsmaterial und dem Empfang durch jeder Menge neugieriger Kinder.

Wie geht es denn mit der Sprache so?

Da wir die ganze erste Woche in einer der Einrichtungen zum Essen eingeladen waren, konnten wir von Tag 1 an mit den Leuten vor Ort ins „Gespräch“ kommen… wenn man die händeringenden Versuche spanisch zu sprechen als solches gelten lassen kann. Ja – das war, vor allem in den ersten Tagen, eine ganz schöne Umstellung. Es gibt natürlich Leute, die es einem einfacher machen, sie zu verstehen, indem sie bewusst langsamer sprechen. Einem Großteil der Leute war das aber nicht so bewusst und so hat man uns in schönstem hiesigen Dialekt sätzelang zugetextet um dann am Ende in ein verdutztes Volontärsgesicht zu sehen, welches dem nur die Worte „mas lento por favor“ – „bitte nochmal etwas langsamer“ entgegensetzen kann. Klar, man ist halt erst mal ziemlich überfordert, wenn man die Sprache noch nicht gewöhnt ist, beziehungsweise sie in keinster Weise flüssig zu sprechen vermag. Aber mit der Zeit das kommt schon hat man uns gesagt.

Es ist eben anfangs eine andere Art der Kommunikation als nur das Gesprochene. Ich half mir viel mit einer Mischung aus Spanisch, bestimmten Geräuschen und hier und da wilden Gesten aus, um mit den Kindern zu kommunizieren. Funktioniert auch. Mittlerweile geht es schon besser mit der Sprache. Auch wenn ich natürlich noch lange nicht alles verstehe, lerne ich bewusst und unbewusst jeden Tag neues Vokabular dazu.

Wo und was arbeiten wir denn jetzt genau? Das war die große Frage für uns Volontäre.

Wie ich schon in meinem ersten Beitrag vorgestellt habe, besteht dieses Projekt, das „Proyecto Don Bosco“ aus mehreren Häusern, die unterschiedliche Funktionen haben.

Hier nochmal der Link zu der Seite, wo man alles genauer nachlesen kann…. Es macht wahrscheinlich Sinn, diese Seite noch einmal grob durchzulesen, dann kann man mit den im folgenden Absatz genannten Häusernamen mehr anfangen.

Am Montag, fünf Tage nach unserem Ankommen standen dann die Arbeitsplätze fest. Die Holländerinnen arbeiten im Patio Don Bosco und im Mano Amiga, meine drei deutschen Mitvolontäre hingegen im Hogar Don Bosco, der größten Einrichtung, und ich arbeite bin im Techo Pinardi.

Die letzten Jahre über war der Arbeitsplatz von uns deutschen Don Bosco Volunteers normalerweise im Hogar – ich hatte mir aber bei der Besichtigung der verschiedenen Häuser, die wir in der ersten Woche alle angeschaut hatten, ganz gut vorstellen können im Techo zu arbeiten und so wurde ich dann auch eingeteilt.

Aller Anfang ist… anders!

Mein erster Arbeitstag dort war interessant. Meine Schicht beginnt um 7.30 Uhr und endet um 15.30 Uhr. Ich bekam nur sehr wenig Einweisung, was es für mich zu tun gibt – das liegt wohlgemerkt aber nicht nur an der Sprachbarriere – sondern mir wurde von den dortigen Erzieherinnen einfach sehr wenig gesagt. Es wirkte so, als wollte man mal sehen wie ich mich so mache… Gut – dachte ich mir – dann mach ich halt einfach mal.

Das in-Kontakt-treten mit den Jungs aus dem Techo war keine allzu schwierige Aufgabe. Die größtenteils 12 – 15-jährigen Jugendlichen hatten keinerlei Scheu, gleich voll durchzuchecken, was man bei mir alles machen darf und was eben nicht. Klar – das geht ganz gut bei einem neuen „Betreuer“, der nicht mal der Sprache mächtig ist… Da ich aber im Umgang mit Jugendlich diesen Alters schon einige Erfahrungen in diversen früheren Praktika und Nebenjobs hatte, war ich zum Glück nicht ganz hilflos im Umgang mit ihnen. Man wird halt gleich auf die Probe gestellt, ob man will oder nicht. Anscheinend hatte die Erzieherin nicht allzu viel auszusetzen an meinem ersten Umgang und so hat man mich ohne große Einweisung weitermachen lassen.

Da die Jungs im Laufe des Tages darauf gekommen sind, dass ich ebenfalls kein Sportmuffel bin, fingen wir bald ganz ungezwungen eine Gymnastik-Stunde an, wo vom Handstand bis zu diversen Breakdance-Moves alles dabei war. Das hat Spaß gemacht und ganz nebenbei war das erste Eis danach schon durchbrochen. „Test bestanden – der kann morgen wieder kommen.“, so hat sich das für mich angefühlt.

Am folgenden Tag hat mir dann die Erzieherin doch erst mal auf schonende Art und Weise beigebracht, dass es durchaus einen Plan gäbe, an den es sich – mehr oder weniger – zu halten gilt. Diesen und wie ein typischer Tag im Techo aussieht, stelle ich euch dann in einem eigenen Beitrag vor.

Die nächsten Tage verliefen soweit ganz gut. Ich habe zwar mittlerweile eine grobe Ahnung von der Struktur eines normalen Tagesablaufes, jedoch wird diese hier und da je nach Laune verändert und dadurch, dass ich auch noch nicht alle auf spanisch getroffene Absprachen und daraus folgende Auswirkungen aufs Wort verstehen und nachvollziehen kann, muss ich auch etwas flexibel sein, was das angeht. Was aber feststeht ist, dass ich täglich neue Wörter, Regeln und Umgangsformen dazulerne, was mir bei meiner Arbeit weiterhilft.

Noch eine, für mich interessante Erfahrung:

In den vergangenen Jahren habe ich festgestellt, dass ich bei verschiedensten Arbeiten und Tätigkeiten gerne direkt mit anpacke und gute Arbeit leisten kann, jedoch fühle ich mich hier manchmal so, als würde ich durch mein fehlendes Wissen mehr Arbeit machen, als dass ich dabei helfe… hier kann ich halt nicht gleich so in der Weise mitmachen, wie bisher. Aber solche Erfahrungen sind normal und da ich das mittlerweile akzeptiert habe und trotzdem mein Bestes gebe mich hier einzuleben, denke ich mir: „Ja, dann ist das halt mal so.“

„Hast du dich schon eingelebt?“ bekomme ich viele Nachrichten aus der Heimat…

Ich denke, da gehört mehr dazu als nur sagen zu können „Ich habe ´ne Wohnung und die Leute sind ganz nett hier… Das ist halt ein Prozess, dieses „Ankommen“.

Mittlerweile habe ich mich hier aber schon soweit zurechtgefunden, dass ich ruhigen Gewissens sagen kann: Ja, hier kann ich ein Jahr ganz gut verbringen und es wird bestimmt ein gutes Jahr. Ich denke, das ist schon mal ein großer Schritt in Richtung „eingelebt sein“.

Bevor die ersten jetzt aber vor dem Bildschirm einschlafen, weil ich so viel geschrieben habe, setze ich jetzt erst mal einen Punkt . …und verschiebe weitere Erzählungen auf ein nächstes Mal.

Bis zum nächsten Update wünsche ich eine gute Zeit – Hasta la vista!

Gabriel

PS: Ein paar schöne Bilder dürfen ja eigentlich nicht fehlen 🙂

Die Sicht vom Turm der Kathedrale von Santa Cruz
Plaza 24 de Septiembre …Sozusagen der Marienplatz von Santa Cruz
Eingangsbereich vom Hogar – der größten Einrichtung des Projekts

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  1. Avatar

    franz-peter kilian

    Hallo Gabriel,
    Deine Berichte gefallen mir wirklich, zumal Du über Deine Arbeit berichtest und nicht nur „schönes Wetter hier, gutes Essen etc“
    Überraschend für mich ist doch, daß ihr erstmal selber Lernende seid bis ihr die Sprache einigermaßen beherrscht.
    Weiterhin viel Spaß
    Peter80 aus Neubiberg

  2. Avatar

    Anonymous

    Lieber Gabriel! Was für ein buntes, neues Leben ! Das Neue weckt Neugier und für Dich Kreativität und Verantwortung und Freude an dieser Aufgabe. Wir freuen uns auf die kommenden Berichte und weiterhin Kopf hoch und ran an die Arbeit. Deine nordischen Großeltern grüßen Dich herzlich

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