emma in ruanda

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Was hätte sein soll’n

Heute ein eventuell leicht melancholischer Beitrag. Ich muss das aber loswerden, um mit dem Thema Freiwilligendienst besser abschließen zu können. Es muss raus.

Was hätte sein soll’n?

Ich hätte noch knapp fünf Monate hier sein sollen. Knapp 21 Wochen. Mit meinen Kindern, den Schülern und Schülerinnen, mit den Jugendlichen, mit meinen Freunden, den Novizen, den Aspiranten und der Kommunität. Spielen, lachen, singen, tanzen. Lernen und lehren. Die Pläne umsetzen, die wir hatten. Meinen Englischunterricht ausbauen, den Schülerinnen und Schülern wenigstens ein bisschen die Sprache beibringen.
Wir hatten eine Idee, wie wir das Straßenkinderprojekt umstrukturieren wollten. Die ersten Schritte wurden getan, der Grundstein gelegt. Ich wollte sehen, wie das neue Schulgebäude gebaut wird. In den Chor wollte ich auch, jetzt wo es langsam anfängt, mit dem Kinyarwanda zu klappen. Wo ich doch langsam immer mehr verstehe, erste eigene Sätze bilden kann.

Ich wollte in der Kirche lesen. Auf Kinyarwanda. Eigentlich wollte ich das nicht, aber ich sollte. Ich hab mich geziert, hatte Angst. Hätte ich mich mal schneller getraut. Aber ich dachte doch, ich hätte noch fünf Monate. Ich dachte, ich hätte noch so viel Zeit.

Ich wollte Gespräche auf Kinyarwanda führen. Mit den Kindern, mit den Schülern, mit den Erwachsenen. Ich wollte es schaffen, diese beschissen schwere Sprache zu lernen. Und mich nicht mehr auslachen lassen müssen, sondern Freude zu sehen, dass ich mich verständigen kann.
Auf dem Markt war ich letzte Woche Donnerstag zum ersten Mal ganz alleine. Und es hat geklappt. Mit gebrochenem Kinyarwanda. Und halben Sätzen, Händen und Füßen. Mit gutmütiger Hilfe der Marktfrauen. Aber ich hab’s geschafft. Es sollte doch nicht das letzte Mal gewesen sein!

Es sollte nicht das letzte Mal unterrichten am Freitag gewesen sein! Nein man! Ich hatte noch so viel vor. Wollte mit ihnen noch so viele verschiedene Methoden ausprobieren, die hier einfach keiner kennt. Ich wollte für meine Schüler besser Kinyarwanda sprechen, damit sie mich verstehen können. Und mir so auch Respekt erarbeiten, damit nicht mehr alle so viel labern in meinem Unterricht. Autorität zulegen. Die erste Klausur habe ich doch schon fertig konzipiert! Und jetzt? Jetzt ist die Schule zu, die Schüler weg. Verabschieden? Wie denn bitte? Ist ja keiner mehr da!

Im Oratorium hatte mich eine kleine Gruppe Mädels gefragt, ob ich ihnen deutsch beibringen könnte. Ein anderer Junge lernt doch mit mir Englisch! Ich sollte und wollte meine Volleyball-Skills ausbauen. Mit lachen uns Spaß. Wie immer. Denn mich selber ernst nehmen, fällt mir doch sehr schwer. Ich wollte noch so viel lachen, so viel drücken und zuhören. Noch so viel Nähe und Liebe geben.

Und dann wollte ich mich verabschieden. Die Kinder und mich darauf vorbereiten können. Das ging nicht. Wir konnten keinen drauf vorbereiten. Die meisten wissen es nicht mal. Denn das Oratorium, die Schule und die Kirche sind zu. Und somit konnten wir nicht mal auf Wiedersehen sagen. Ich konnte meine Kinder, meine Schülerinnen und Schüler, die Kirchenfrauen nicht ein letztes Mal in den Arm nehmen, denn es war keiner da und selbst wenn, hätten wir sie nicht drücken dürfen.

Was ich noch hätte sehen wollen

Natürlich wollte ich noch an den Kivu See. Urlaub machen. Den Touri raushängen lassen. Und dann die Familien der Aspiranten sehen. Den Jungs nochmal Tschüss sagen, denn sie sollten vor uns in große Ferien fahren. Wir wollten ihre Geschwister und Eltern kennenlernen. Ihr Leben, dass sie für das Salesianer Dasein zurücklassen würden. Im Kivu See baden und die Städte rundherum anschauen. Die Inseln im See besuchen.

Wir wollten in den Nationalpark, der hier bei uns um die Ecke liegt. Dort waren wir noch nicht, weil wir dachten, wir hätten noch so viel Zeit. Wir wollten dort wandern gehen, ein Mal die Wanderschuhe nutzen, die wir extra mitgebracht hatten.

Wir wollten nach Kibeho pilgern, mit den Novizen. Am einzigen Wallfahrtsort in Afrika waren wir noch – spontan am Samstag noch mit dem Bruder und den Aspiranten. Es war nicht so krass wie ich erwartet habe, aber trotzdem noch mega cool. Einfach nur sagen zu können: „Ich war da!“ Die große Kirche, in der im Genozid so viele Menschen starben, war leider zu. Das wäre bestimmt auch eindrucksvoll gewesen – ein Teil der Kirche wurde nicht neu gemacht, als Gedenkstätte.
Trotzdem war der Plan ursprünglich, mit den Jungs von gegenüber zu Fuß dahin zu gehen und nicht mit dem Auto fahren. Wir wollten doch allen zeigen, dass wir das schaffen – als Mädchen, als Weiße, als nur wenig trainierte. Aber nein, wir mussten nach Hause.

Wir wollten noch in die Uni von Huye. Das große Gelände, an dem wir so oft vorbei fahren, auf dem wir aber nur einmal im Dunkeln waren. Wollten sehen, wie die ganzen Studies, die bei uns so täglich ein- und ausgehen so lernen. Wie sieht denn eine Uni in Ruanda aus? Wie die Vorlesungssääle, die Versuchsräume? Ich weiß es nicht.

Ich könnte noch ewig so weitermachen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Dinge fallen mir ein. Der Rike fällt bestimmt auch noch was ein, was ich hier vergessen habe. Impore cyane – Es tut mir leid ; ) Aber es hilft ja keinem. Trotzdem musste ich es ganz kurz ansprechen.
PS: #CoronaisnefuckingBITCH!

Jetzt ist eh zu spät. Wir sind in Deutschland. Gestern gelandet. Knapp 5 Monate zu früh. Und eigentlich wollte ich doch eine Rückkehrerparty feiern zusammen mit meinen Freunden, vielen Fotos, Geschichten und ganz viel Lachen. Aber nein. Danke Corona!

Ein Beitrag kommt noch. Ich lasse das ganze hier nicht mit einem negativen Beitrag enden. Einmal schreiben, wofür ich dankbar bin. Denn da gibt es so viele Dinge. Der kommt bald. Ich hab ja jetzt viel Zeit und gutes Internet : ) Übrigens auch etwas, das anders geplant war. Ich wollte noch viele Beiträge schreiben.

Bis dahin
Emma

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