Bunt. Bunter. Benin!

Menü Schließen

Cotonou mit Sinnen erleben

Der frühe Vogel kann mich mal…

Das Kehrgeräusch unten vor unserem Fenster vermischt sich mit den Klängen des Weckers und kurz darauf ertönt ein pfeifend, glucksendes Geräusch neben meinem Ohr. Es ist Henneh, die allmorgendlich meinen zweiten Wecker spielt. Ich stelle meine Füße auf den angenehm kühlen Boden unserer Wohnung und tapse Richtung Bad. Kaltes Wasser trifft auf meine leicht verschwitze Haut und bringt ein wenig morgendliche Klarheit in mein Gehirn.

Ich öffne die knarzende Tür unserer Wohnung und mir schlägt ein noch kühler Lufthauch entgegen. Im Esszimmer riecht es nach frischem Baguette und heißem Wasser vermischt mit Mich-, Kakao-, oder Kaffeepulver. Während des Frühstücks ertönt das laute Dröhnen der Schulglocke vom College nebenan. Sekundenlang klingelt es in meinen Ohren und es scheint als wolle die Glocke für immer läuten. Verschlafen ist hier unmöglich, spätestens um sieben werden wir aus den Federn gerissen.

Auf zur Arbeit

Nach dem Frühstück geht es ab zum Auto und wir machen uns auf den Weg zur Arbeit. Das Fenster wird runtergekurbelt, denn schon jetzt ist zu spüren, dass es heute heiß wird.
Nach einem kurzen Gebet, für eine sichere Fahrt, wird die Box angemacht und die Melodien von spanischen Liedern mischen sich unter den alltäglichen Verkehrslärm. Das Hupen der Motorradtaxis, das schrille Pfeifen von jenen, die anderen Menschen mit Hilfe von Trillerpfeifen und dem Wehen einer großen roten Fahne über die Straße helfen, die Schreie von Jugendlichen, die einander schon von weitem begrüßen und der Yovo-Yovo-Bonsoir-ca-va-bien-merci-Gesang der Kinder, wenn unser Auto mit einer Kolumbianerin und zwei Deutschen an ihnen vorbei fährt.

Kolumbianischer Fahrstil trifft auf beninischen Verkehr

Oh, coeur de Hindé

Um 8:00 betrete ich das Maison de l’Esperance. Stimmen werden lauter und es wird mein Name gerufen. Hand klatscht auf Hand und die Jugendlichen und ich begrüßen einander mit dem üblichen Handschlag. Handfläche, klatsch. Schnipsen. Faust, Bumm. Daumen, poch. Finger, wisch. Und zum Schluss Hand an den Mund und ein Kussgeräusch „mutschwa“.
Beim täglichen Mot de Jour wird es kurz ganz still und so haben wir alle nochmal kurz Zeit durchzuschnaufen und uns auf den Arbeitstag einzustellen. Danach startet das geschäftige Treiben.

Aus der Küche höre ich das dumpfe „Klong“ von aufeinander prallenden Löffeln und Töpfen.
Aus der Boulangerie schwebt der Rauch zu mir herüber und lässt für kurze Zeit meine Augen tränen.
Aus der Savonnerie ertönt das Stampfen der Herstellung von Beure de Karité.
Aus  der Patisserie zieht langsam der köstliche Geruch von frischen Croissants in meine Nase.
Und von nebenan erklingt das Weinen eines Babys.

Zum Brot machen ist sehr viel Kraft gefragt

Mich begleitet für eine Weile das Tippen der Tasten vor mir, während ich alte, handgeschriebene Einträge in einer Statistik am Computer zusammenfasse.

Wir haben Hunger, Hunger, Hunger

Gegen Mittag steigt der Lautstärkepegel wieder an und ich vernehme die Klingel, die zum Mittagessen ruft. Der Duft von frischem Reis, Bohnen und Tomatensoße strömt zu mir herüber.
Ich dränge mich zwischen die Jugendlichen und reihe mich in die Schlange ein. Mich erreichen aus ein wenig Entfernung zwischen all den Rufen auf Französisch und Fon deutsche Wörter. Henneh ist eingetroffen.
Gegessen wird mit der Hand. Ich teste mit den Fingerspitzen vorsichtig die Temperatur, verbrenne mich fast und forme dann kleine Bällchen mit dem Reis. Das heiße Essen gepaart mit dem Pigment, dass bei keinem richtigen beninischen Essen fehlen darf führen zu einem kleinen Hitzeausbruch bei mir. Zum Glück legt sich der Wind des Ventilators wie eine kühlende Decke um mich und auch der Bissap (ein gekühltes Getränk aus Hibiskusblüten, Ananas, Limetten und Zucker) einen angenehmen Kontrast zu dem scharfen, heißen Essen.

Kleiner Spaziergang

Nach dem Mittagessen mache ich mich auf zur Baraque SOS.
Ein ca. 15 minütiger Weg führen mich über einen Teil des Markts. Die Sonne knallt erbarmungslos auf mich herunter und der ein oder andere Schweißtropfen bahnt sich den Weg an meinem Körper hinab. Ich genieße diesen Weg. Es riecht nach so vielem. Nach Tomaten, nach gemahlenem Pigment, dem Sand auf meinem Weg, nach frischem Fisch, nach dem Wasser des Sees, nach geschnittenen Papayas, Ananas und Orangen und leider auch ab und zu nach Urin. Aber irgendwie habe ich mich auch daran gewöhnt.

So sieht es leider auch manchmal aus

Haut streift meine Haut, als ich mich durch die Gassen des Markts dränge. Kleine Steinchen haben sich den Weg zwischen Sohle und Fuß gebahnt und piken mich in meine Ferse.

Buntes Gewusel auf den Straßen Benins

Als ich in der Baraque SOS ankomme stürmen mir einige Mädchen begeistert entgegen und zerren mich enthusiastisch in den kleinen Containerraum. Auch hier begrüße ich alle mit unserem Handschlag. Wie fast immer, bastle ich mit den Mädchen vom Markt. Das stellt des Öfteren eine kleine und manchmal auch eine größere Herausforderung für mich dar. Der Geräuschpegel ist hier allgemein lauter und viele der Mädels können sich nicht so gut in Geduld üben. So klingeln mir manchmal ganz schön die Ohren und ich verwandle mich für die Kinder in eine Gummipuppe mit super elastischen Armen oder in ein Klettergerüst.

Realität und Wunschdenken

Wenn dann alle auf ihren Plätzen sitzen, das Papier vor ihnen auf dem Tisch, dann wird es manchmal wie durch ein Wunder still in diesem wunderschön chaotischen Raum und es ist einzig und allein das Kratzen von Stiften auf Papier zu hören. Aber um ehrlich zu sein passiert das eher selten. Meistens versuche ich mir durch das Stimmengewirr hindurch Gehör zu verschaffen und lasse meine Erklärungen von einer Tata oder einem Fofo auf Fongbe übersetzen. Leider beschränkt sich mein Wortschatz darin nach wie vor nur auf ein paar Smalltalk-Floskeln.

Um 17:00 schließen wir die Baraque und ich helfe den Mädchen, die oft sehr schweren Körbe auf die Köpfe zu hieven und bin wie jedes Mal ein bisschen erschrocken und wütend über das enorme Gewicht, das schon die Kleinsten stundenlang durch die Gegend tragen müssen.

Ein Fass voller Emotionen

Zur Baraque SOS hat Henneh einen sehr emotionalen und sehr treffenden Blogeintrag geschrieben.

Danach wird gefegt und ich muss ein Husten unterdrücken, als der aufwirbelnde Staub des Tages meine Lungen erreicht. Die Fenster werden geschlossen und ich stehe für einen Moment in der Dunkelheit.

Aber nur kurz, denn dann trete ich wieder hinaus in die Sonne, in das Gewusel und mache mich auf sie Suche nach einem Motoradtaxi  für den Heimweg. Kaum stehe ich an der Straße hupt es mir von allen Seiten entgegen.
Bestimmt handle ich den Preis aus und ernte dafür öfters einen erstaunten Blick oder einen kurzen Lacher, denn viele sind überrascht, wenn Yovos (Ausländer) anfangen zu handeln.
Ich schwinge mich auf den heißen Ledersitz des Motorrads. Die Klänge des Markts ziehen an mir vorüber, ich spüre den Fahrtwind in meinen Haaren und so manchem Hubbel der Straße unangenehm an meinem Steißbein.
Diese zwanzig Minuten habe ich schnell sehr lieben gelernt. Manchmal nehme ich ganz bewusst alles um mich herum wahr und versuche das Um-mich-herum in mich einzusaugen und manchmal schließe ich einfach die Augen, genieße die Sonne auf meiner Haut und lasse meinen Tag Revue passieren.

Bleibt gesund und bis bald

Eure Heimweh-nach-Benin habende Lea

© 2020 Bunt. Bunter. Benin!. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.