Messi, Mate y Merienda

Simon en Santiago

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Gegen das Vergessen

Gestern habe ich mit Elisa, einer anderen weltwärts-Freiwilligen geschrieben und sie hat mir von ihrer Angst erzählt so vieles aus dem halben Jahr, das man gerade erlebt hat, zu vergessen. Und ja es sind so viele kleine alltägliche Sachen, die man einfach gar nicht alle behalten kann. Ein Gedanke, der mich sehr traurig macht, aber so läuft das Leben.

Allerdings habe ich euch ja versprochen noch einen Artikel zu schreiben und womöglich ist das auch eine gute Möglichkeit mehr aus meinem Freiwilligendienst langfristig festzuhalten. Gegen Ende unserer Argentinien-Erfahrung haben wir auch Michael, einen amerikanischen Freund von Padre Silvio, kennen gelernt. Da sein Spanisch sich darauf beschränkte, sich vorzustellen, sich nach dem Wohlbefinden des anderen zu erkundigen und sich in Richtung Bibliothek (leider gibt es im Oratorio nicht mal eine Bibliothek) wieder zu verabschieden, wurden Martha und ich in der Zeit seines Besuches aufgrund unserer Englischkenntnisse zu beliebten Gesprächspartnern. Michael erzählte uns viel davon wie er sein Leben immer wieder reflektiert. Er meditiert sehr viel, schätzt die Stille und schreibt auch wahnsinnig viel Tagebuch. Der Stellenwert des Letzteren wurde uns immer wieder bewusst, als er nach den Gesprächen häufig mit den Worten „Ich bin dann mal Schreiben“ verschwand. Er erzählte uns, wie sehr er dieses Schreiben jedem empfehle und wie oft er auch seine Einträge nutze um noch einmal etwas nachzuschauen. Auch will er die Aufzeichnungen seinen Kindern übergeben, „vielleicht helfen sie ihnen ja einige Zusammenhänge besser zu verstehen“. Irgendwie ist mir dieses Gespräch hängen geblieben und ich find diesen Habitus auch sehr spannend. Ich selbst habe noch nie Tagebuch geschrieben und weiß auch nicht, ob ich das ansatzweise durchhalten würde und wie ich die Zeit dafür finden soll, aber ab und zu mal was schriftlich festzuhalten, das kriegt man hin.

Mit Michael und den Salesianern beim Essen

Davon profitiert ihr jetzt. Und ich habe ja auch angekündigt etwas über ein paar markante Sachen aus Argentinien zu schreiben, die ich besonders vermissen werde. LOS GEHT’S!!!

Lomito

Wenn man in Argentinien etwas essen geht, dann ist es wirklich oft ein Lomito. Es gibt echt viele Möglichkeiten sich ein solches zu besorgen. Vom einfachen Straßenstand, über die Tankstelle und den kleinen Kiosk bis zum edlen Restaurant, jeder hat ein Lomito im Angebot. Aber WAS bitte ist ein Lomito!?! Lomo (span.) bedeutet Lende. Man hat also eine großes und sehr dünnes Stück Rinderlende, das in der Pfanne angebraten wurde. Dieses wird dann je nach Wunsch entweder in ein Pan arabe (arabisches Brot – ähnlich Fladenbrot) oder ein Pan francés (französisches Weißbrot) gesteckt. Dazu kommt dann noch Käse, Salat, Tomaten, ein Spiegelei und häufig auch Speck zusammen mit Mayonnaise, Senf und Ketchup. Jedoch gibt’s sehr oft auch viele verschiedene hauseigene Varianten á la Lomito italiano, Lomito vegetariano oder ähnlichem. Eines der ersten Dinge, die ich machen werde, wenn ich hoffentlich bald mal nach Santiago zurückkehre, wird ein Besuch bei LomoIsa oder Pato sein, um mir dort ein so wunderbar saftiges Sandwich zu holen.

Secco Guaraná

In Argentinien trinkt man keine Apfelschorle, in Deutschland keine Guaraná-Limonade. Guaraná ist so ein südamerikanisches Superfrüchtchen und schmeckt ziemlich lecker, wächst aber eben auch nicht gerade im Oberpfälzer Wald. Deswegen werde ich jetzt da wohl eher darauf verzichten müssen. Ach und Secco so heißt der berühmte Limohersteller aus Santiago. Fun-Fact: Seco (span.) bedeutet übrigens auf deutsch trocken, was ein passender Name für eine Getränkemarke!?!

Cerecett-Eis

Eis essen war echt so ein festes Ritual bei uns, ob jetzt bei der Cerecett-Eisdiele im Zentrum mit hunderten Sorten oder bei der Rostock-Eisdiele gegenüber. Und in Argentinien holt man sich nicht eine Kugel in der Waffel, da gibt’s ne canasta triple (großer Waffelbecher mit drei Kugeln). Am liebsten mit den Sorten chocolate selva negra (Schwarzwälder-Kirsch, schmeckt einfach voll nach Heimat), dulce de leche granizado (Klassiker-Eis des argentinischen Frühstücksaufstrichs mit Schokostückchen versetzt) und limón granizado (die erfrischende Komponente und das ebenfalls mit Schokostückchen).

Cerecett-Eis

Tejiendo Lazos mit Panaderia-Workshop

Zweimal die Woche santiagueñische Bäckerei-Spezialitäten mit den Jugendlichen aus den Barrios herzustellen, war schon auch ein Highlight. Klar kann ich hier daheim auch backen, aber wenn mir der Thermomix meinen Hefeteig fertig macht ohne dass ich einmal kneten muss, ist es ja direkt langweilig^^. Außerdem hab ich keine Martha hier, die ich zur Schuldigen machen kann, wenn der Teig nichts wird… und keine Noelia die mich danach damit verarscht, dass „Simon siempre mejor“ ist. Ich muss wohl zugeben, dass ich wahrscheinlich die Hälfte der Zeit eh nur mit Dani und Mati untätig rumgesessen bin, fußballerische Fachdiskussionen über die zweite argentinische Liga geführt habe und dumme Kommentare über die Backergebnisse abgegeben hab… sooooo sorry Leute…. aber war auch lustig 😀 Vermissen werd ich an der Panaderia am meisten die Leute, unsere super „profe“ Lorena, die changos und changitas, die so regelmäßig da waren: Santi, Lizeth, Agustina, Rodo, Tiago, Budi etc. und auch die ach so lieben Klosterschwestern mit denen man immer so super einen Mate trinken konnte und ein wunderbares Gespräch führen konnte.

Movimiento Juvenil Salesiano (Salesianische Jugendbewegung)

„Siiiiimóóóóóóóón, jugamos con el disco?“ – Ein Standardsatz bei vielen MJS-Jungs – Ich hätte nie gedacht, dass Frisbee spielen bei den Jugendlichen so gut ankommen könnte. Das hat mich brutal gefreut, dass ich das einbringen konnte. Auch sonst waren die Samstagnachmittage etwas sehr besonderes. Man hat die ganzen Animadores wieder gesehen, die so gute Freunde geworden sind und man hat einfach eine gute Zeit mit den Kids gehabt. Und den eiskalten Tereré hab ich trotz oft mürrisch, grantelnder Antwort (das gehört halt irgendwie auch bisschen zu mir dazu und wer mich kennt, weiß auch, dass ich das nicht so meine) sehr gerne vorbereitet… für meine allerliebsten Lieblingskids und -animadores aus Santiago sowieso <3. Ach und was man hier auch noch erwähnen kann, in letzter Zeit hab ich den wöchentlichen Freitagsfußball so zu schätzen gelernt… eine Schande, dass ich dem am Anfang immer fern geblieben bin. Ich hätte euch noch so gern ein paar goles alemanes eingeschenkt, Jungs 😛

Alltagskonversationen mit den Residentes

Eigentlich warte ich schon seit Wochen darauf, dass Agustín (auch bekannt als „el bufón“, ein Schüler, der im Oratorio wohnt) um die Ecke kommt und mir entgegen ruft: „Eeeeeh paisa, que haces? Que tal con las minas?“ (ungefähr zu übersetzen mit: Hey alter, was machst duuuu? und wie läufts mit den Mädels?) und ich ihm irgendeine dumme Antwort zurückrufen kann. Oder dass Maximo (anderer Schüler), während ich ihm in meinem besten Spanisch versuche seine Aufgaben zu erklären, schmunzelnd bemerkt: „En español por favor!“ Jaaaa du mich auch, lern du erst mal ordentlich Englisch…hahaha. Es sind diese kurzen Wortwechsel, die mir besonders in Erinnerung bleiben und die mich die Jungs wohl auch nicht so schnell vergessen lässt.

Mate trinken mit Coco

Jeden Nachmittag, nach der Siesta, steigen wir die Treppen unserer Wohnung herab. Coco (unser Hausmeister, oder besser Mann für alles) sitzt schon auf einer der Bänke im Schatten der Bäume des Oratorios, schlürft seinen Mate und wartet auf uns. Es ist das alltäglichste Geschehen der Welt und vielleicht geht es mir gerade deswegen so ab. Während wir mit Coco Mate teilen und er uns argentinische Musiktipps gibt (Abél Pintos und Calle 13 hör ich auch hier in Deutschland noch ab und an), kommen langsam die Residentes von der Schule heim. Coco begrüßt sie mit einem dummen Spruch und die Jungs lächeln, der ein oder andere setzt sich zu uns dazu. Für mich ist das so ein Paradebeispiel von salesianischer Assistenz. Wie schön ist es, wenn man nach Hause kommt, jemand auf einen wartet, man sich einfach setzen kann, erzählen kann oder auch nur zuhören kann. Das macht doch ein Zuhause aus. Danke dafür Coco!!!

Rummi-Sessions

Genauso alltäglich waren die Rummi-Nächte (viele von euch kennen das Spiel vielleicht auch unter dem Namen Rummikub) nach dem Abendesssen und vor dem Gute-Nacht-Impuls. Padre Silvios Spezialdisziplin. Dann hieß es immer Argentinien gegen Deutschland. Und es waren wahre Schlachten, dagegen sind die drei WM-Finals Deutschlands gegen Argentinien ja Kindergartenspiele. Am Ende, als unser Abschied feststand, war Silvio schon ganz verzweifelt, wer ihn denn in Zukunft herausfordern solle. Aber keine Sorge, im Oratorio gibt es herausragende Nachwuchstalente: Leo, Agustín „Uyu“ ihr schafft das!!! Ihr müsst halt jetzt für Deutschland spielen, da hilft jetzt alles nix 😛

Boliche

Anfangs hörten wir immer nur spannende Geschichten über die argentinische Boliche (Nachtclub/Diskothek), dass man da bis um 7 Uhr morgens aus sei. Bis wir dann mit den anderen 5 deutschen Volos in Santiago wirklich das Nachtleben mal ausgecheckt haben und wann kamen wir heim? Natürlich war es schon hell, aber was für ein überragendes Gefühl im Hellen vom Feiern nach Hause zu gehen. Letztens waren wir dann auch noch gemeinsam mit den deutschen Volos und unseren Animadores aus dem Oratorio aus… ein absolutes Highlight. Und wir hatten uns noch so viele Wiederholungen davon vorgenommen. Es wird wohl nie eine einzige davon in dieser Konstellation geben… aber dieses eine Mal wird auf jeden Fall in unseren Köpfen und Herzen bleiben.

Fußballabende

Es gab zwei verschiedene Arten von Fußballabenden, abhängig davon, ob gerade Jungs im Oratorio waren oder nicht. Wenn die Jungs im Oratorio waren, wurde gemeinsam im Wohnzimmer der Jungs geschaut. Das Abendessen wurde immer schön so gelegt, dass es exakt in die Halbzeitpause passte. Die Atmosphäre war immer richtig aufgeladen und wenn dann ein Tor fiel, bebte das Oratorio. Wenn die Jungs nicht da waren, haben wir mit den Salesianern geschaut, was auch immer super spannend war, besonders mit den beiden Hardcore-Fans Hermano Jesús (Boca) und Padre Alejandro (River). Wenn es dann gut lief, also fast immer, besorgte Padre Silvio auch noch Pizza und kühles Bier. Was bitte kann es denn Schöneres geben?

Independencia-Kreuzung

Als wir nach unserem Abschied aus dem Oratorio mit dem Auto über die Independencia-Kreuzung gefahren sind, kamen mir noch ein mal die Tränen. Die Independencia-Kreuzung ist sowas wie das Zentrum unseres Viertels, dort sind die ganzen Geschäfte, die Tankstelle und das Fitnessstudio. Ich musste an die Supermarktkassiererin bei Super-Nataly, an unseren Obstverkäufer, an die Chinesen im China-Supermarkt, an den Mann im Copy-Shop bei dem ich meine ganzen Arbeitsblätter kopiert habe, und an Nico unseren Trainer im Fitnessstudio denken. Zu keinem dieser Menschen hatte man eine wirklich persönliche Beziehung und doch waren sie ein essentieller Teil unseres Lebens in Santiago und ich werd sie vermissen.

Man könnte noch so viel mehr schreiben, vom warmen Essen und Whiskey trinken im Fernbus (liebe deutsche Bahn, das wär doch auch mal was für euch :P) oder dass wir unbedingt noch Nico und Javi, zwei Salesianer, die uns am Anfang unglaublich geholfen haben in Santiago anzukommen und mega wichtig für uns waren, noch in Salta und Montevideo besuchen wollten, aber dann sitz ich noch ewig da und keiner wird meinen Eintrag mehr lesen :D. An alle lieben Menschen in Santiago bitte nehmt es mir auch nicht übel, wenn ihr exakt euren Namen jetzt nicht im Artikel findet.

ein kleiner Whiskey auf euch 😉

Los extraño un montón a todos!

Simon o Simón o Saimen (inglés!)

Vielen Dank auch an alle meine deutschsprachigen Leser fürs mir bis jetzt treu bleiben.

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Thema von Anders Norén.