Neues aus Benin!!

32. Woche
Was als leichte Bauchschmerzen bei Matilde begonnen hatte, stellte sich zu Beginn der 32. Woche leider als Blinddarmentzündung heraus und dann ging alles ganz schnell. „Heute noch muss operiert werden“.
Die Woche bestand also auch für mich aus viel Zeit im Krankenhaus (warten, quatschten, Hand halten…), worunter meine Zeit mit den Kindern ziemlich litt – aber Hauptsache Matilde geht es jetzt wieder gut!
Außerdem war ich nochmal in Cotonou wegen meines Visums. Nach einer halben Ewigkeit im Wartezimmer wurde ich von einem Mitarbeiter zum nächsten geschickt. Schließlich sollte ich online bezahlen- im ganzen Amt ist es aber nicht gestattet sein Handy zu benutzen. Den Überweisungsbeleg sollte ich dann ausgedruckt an der Kasse abgeben- niemand von den Mitarbeitern wusste jedoch, wo sich der nächste Copyshop befand. Endlich fand ich einen auf GoogleMaps- allerdings befand sich dieser eingezäunt auf einer Baustelle, die man nicht betreten durfte. Die Frau beim nächsten Copyshop erklärte mir, sie hätte keine Druckerpatronen mehr- ja in ganz Cotonou gäbe es anscheinend Druckerpatronen-Mangel. Und als ich endlich einen Copyshop mit genügend Patronen fand- da gab‘s im ganzen Viertel Stromausfall.
Manchmal fühlt sich das Leben in Benin an, wie in dem Videospiel „Gardenscapes“. Besonders wenn es um formelle Dinge, wie Visa geht. Sobald eine Herausforderung abgehakt ist, ploppt die nächste auf dem Bildschirm auf. Immerhin hab ich jetzt schon so einige Level hinter mir.
Eines meiner Lieblingsbücher als Kind hieß „Pettersson und Findus backen Pfannkuchentorte“. Darin geht es um einen alten Mann namens Pettersson, der für seinen Kater Findus zum Geburtstag eine Pfannkuchentorte backen will. Doch zuerst stellen sie fest, dass kein Mehl mehr da ist. Als Pettersson mit dem Fahrrad ins Dorf fahren möchte, merkt er, dass er einen Platten hat- der Schlüssel zum Schuppen mit der Luftpumpe liegt jedoch im Brunnen. Aber um ihn herauszuholen, brauchen sie eine Angel. Dafür fehlt der Angelhaken, den sie erst wiederfinden müssen. Dabei geraten sie auch noch in Schwierigkeiten mit einem Stier. Nach vielen Umwegen lösen sie alle Probleme, holen die Zutaten und können schließlich die Pfannkuchentorte backen.
Ich glaube, Pettersson und Findus könnten nachvollziehen wie es sich anfühlt, ein beninisches Visum zu beantragen.

Zurück auf dem Amt fragte mich dann eine der Mitarbeiterinnen scherzend, ob ich heute auf dem Immigrationsamt übernachten würde, solange wie ich schon hier sei. Soweit kam‘s dann zum Glück nicht und ich hielt die Woche drauf (nach 8 Monaten in Benin) mehr als glücklich mein Visum in den Händen!
Am Wochenende kamen dann noch Felix und Oscar zur Unterstützung für Matilde vorbei- nachmittags schlenderten wir ein wenig durch Porto-Novo und tranken abends noch etwas an der Lagune.

Auch, wenn ich diese Woche nicht so viel Zeit mit den Kinder hatte wie sonst, habe ich es dennoch geschafft ein neues Projekt zu verwirklichen. Auf dem Zwischenseminar erzählten Gladys und Christine, zwei DonBosco-Freiwillige aus Togo, wie sehr sich ihre Kinder für Akrobatik begeisterten. Inspiriert von dieser Idee bastelte ich kleine Marmeladengläschen mit verschiedensten Menschen-Pyramiden-Grafiken auf kleinen Zettelchen. Tatsächlich hatten die Kinder einen Riesen-Spaß daran, im Sand aufeinander rumzuklettern.

Bei einer Pyramide mussten zwei der Kinder auf allen vieren Kopf an Kopf stehen und sich in die Augen blicken. Als die 6-Kinder-Pyramide gerade so stand, rief ein anderes: „Bisous“- Küsse! Vor Lachen purzelten die Kinder nur so übereinander und die Pyramide fiel wie ein kicherndes Kartenhaus in sich zusammen.



Durch die Zeit im Krankenhaus wurde mein Atelierprogramm leider etwas auf Eis gelegt- aber ehrlich gesagt nicht nur dadurch. Ich tu mich zurzeit schwer damit, die Kunstkurse fest in den Alltag der Kinder zu etablieren, was größtenteils an der Spontanität hier liegt.
Manchmal habe ich ein neues Bastel- oder Malprojekt geplant und Kinder, die sich in eine Teilnehmer-Liste eingetragen haben. Wenn ich dann aber runterkomme und die entsprechenden Kinder abholen möchte, spielen diese dann aber zum Beispiel Fußball und haben in dem Moment gar keine Lust auf das Atelier.
„Danke, dass du mich vorhin nicht gezwungen hast ins Atelier zu gehen, ich hatte so viel Spaß beim Ball spielen. Lass uns morgen ins Atelier!“, meinte dann einer von den Kleinen am Abend händchenhaltend.
Na klar. Ich bin ja hier, um die Freizeit schön zu gestalten. Und meine Projekte sollen Spaß machen und freiwillig sein. Trotzdem ist es manchmal schwierig eine Balance zu finden. Zwischen Projekten zu organisieren und nur da sein- sich immer anzupassen- und wenn die Kinder plötzlich Lust auf Projekte haben, etwas vorbereitet zu haben. Aber dass die Kinder das sehen und mir so etwas rückmelden, ist sehr schön.
Matilde hat mir aus ihrem Urlaub in Ghana vor einigen Monaten ein kleines Armband mitgebracht gehabt. Doch nicht nur ich finde es ganz schön, sondern auch die Kinder fasziniert es wahnsinnig mir dieses auszuziehen, es sich ganz genau anzugucken und auch mal selber anziehen zu dürfen. Neulich hat mich ein Kind danach umarmt und sich bedankt, dass ich ihm so vertrauen würde. „Sonst sehen uns alle immer nur als Straßenkinder und haben Angst, dass wir die Dinge verlieren oder kaputt machen.“ Von meiner Spielesammlung fehlt mittlerweile bestimmt mehr als die Hälfte und pro Tag rechne ich schon immer erfahrungsgemäß mit durchschnittlich zwei kaputten Tischtennisbällen. Aber soll ich jetzt nicht mehr mit ihnen spielen? Soll ich ihnen nicht mehr mein Armband ausleihen? Es sind doch immer noch Kinder. Zu realisieren, wie wenig Vertrauen diese Kinder in ihrem Leben erfahren haben und wie viel das für sie bedeutet, hat mich sehr bewegt.
„Weil du uns vertraust, vertrauen wir dir auch.“ Ich glaube, solche Momente sind der Sinn eines FSJs.
33. Woche
In der Woche drauf durfte Matilde wieder nach Hause, ich war in Cotonou mein Visum abholen und habe die Prénovices am Mittwoch auf die Farm begleitet. Die DonBosco-Farm liegt in Sakéte, ca 30km und eine gute Dreiviertelstunde mit dem Bus von zu Hause entfernt. „Punkt 7 Uhr ist Abfahrt“. Nach einem hektischen Frühstück saß ich auf dem Hof und als um 10 Uhr langsam die letzten Leute kamen, konnte es losgehen. Auf der Farm verbrachten wir erstmal ein paar Stunden damit, Felder umzugraben- anstrengender als gedacht bei der Hitze, aber sehr lustig. Auf der Farm gibt es Schweine, Fische, Hühner und eine Menge anderer komischer Vögel, die eine Menge komische Geräusche machen. Es gibt ein Schlafgebäude für die Erwachsenen und eines für die Kinder, wenn diese manchmal (in den Ferien zum Beispiel) da sind und sogar eine kleine Kapelle. Mittags wurde im Schatten gepicknickt- ein Teller Bohnen für jeden und eine frisch gepflückte, steinharte Papaya.
Leider sind die Prénovices jetzt nur noch zwei Wochen bei uns, aber ich hoffe, ich kann nochmal mitkommen.




34. Woche
Die 34. Woche bestand ganz typisch aus: Gitarre spielen, Singen, Karten Spielen, ein Schwung neue Pappfiguren für ein neues Schattentheater-Projekt basteln, Karten Spielen, quatschen, Räuber und Gendarm ohne Ende und noch mehr Kartenspielen.



Da im Juni nochmal Besuch aus Deutschland und somit nochmal eine gute „Import-Möglichkeit“ kommt, habe ich mir diese Woche auch ein paar Gedanken über Abschiedsgeschenke gemacht und bestellt- ein völlig surreales Gefühl, da der Abschied gedanklich noch so weit weg ist. Aber als ich mal in meinen Kalender geguckt habe, bin ich fast ein wenig erschrocken, wie wenig Zeit eigentlich nur noch bleibt. Ich kann mich noch gut an die Anfangszeit hier erinnern, in der ich das Gefühl hatte, die Zeit vergehe einfach nicht. Damals hatten mir ehemalige Volontäre gesagt, die Zeit am Ende würde rennen, was ich sehr belächelt habe. Aber sie hatten recht.
Apropos Abschied: Für die Freiwilligen von der Organisation „Experiment“, die nur 8 Monate Benin gemacht haben, waren die letzten Wochen angebrochen und zum Abschied gab es nochmal eine Einladung in die deutsche Botschaft zum Frühstücken. Es war eine schöne Gelegenheit den Botschafter selber nochmal Fragen zu stellen, vor allem aber die anderen nochmal zu sehen und Erfahrungen auszutauschen.
Da es für mich am nächsten Morgen auf große Reisen gehen sollte, checkte ich danach in ein Hostel in Cotonou ein, besorgte mir ein Busticket nach Lomé und deckte mich beim Erevan mit genug Reiseproviant ein. Dann holte ich die anderen in ihrem Airbnb ab- das Abendprogramm lautete nämlich: Abschiedsparty bei Felix, dem Kooperationsverantwortlichen der Botschaft.

Der Abend war richtig schön- Felix hatte ein paar beninische Gäste eingeladen, darunter eine Jugendzentrumsleiterin, mit der ich mich sehr lange nett unterhielt und die mich sogar einlud, sie in ihrem Projekt mal für ein Wochenende zu besuchen. Ich hoffe, ich schaffe das zeitlich.
Felix ist übrigens der Nachbar des ehemaligen Präsidenten Talons – finde ich irgendwie cool anzumerken, da man sonst nicht ohne Einladung in das militärbewachte Viertel reinkommt.
Das Highlight der Party war (neben einem sturzbesoffenen Kellner) natürlich der Pool, in dem wir bis 3 Uhr morgens herumgeturnt sind. Da das noch nicht genug war, wollten wir dann noch mit Felix und dem damaligen Praktikanten der Botschaft in den Club- dieser hatte aber leider schon zu, weshalb der Abend dann zum Sonnenaufgang an der Dönerbude nebenan zu Ende ging.
Rückblickend habe ich leider durch die Distanz nach Porto-Novo gar nicht so viel mit den anderen Freiwilligen unternommen, aber der Abend war super schön und ich hätte gerne noch mehr gemeinsame Zeit gehabt. Außerdem war dieses Gefühl von Aufbruch und Abschied seltsam. Ich habe ja noch drei Monate hier, aber natürlich macht man sich oft Gedanken über seinen eigenen Abschied- an dem Abend umso mehr.
Nach elenden 3 Stunden Schlaf machte ich mich dann auf zur Busstation. Der Plan: eine Nacht in Lomé und dann eine Woche bei Christine und Gladys im Projekt in Kara- und vor allem im Bus ganz viel Schlaf nachholen. Der letzte Teil dieses Plans wurde leider durch meinen marokkanischen Sitznachbar zunichte gemacht, der mir unermüdlich von der Scheidung seiner Ex-Frau und seiner Begeisterung für Hitler erzählte. Als er sich dann an der Grenze weigerte die übliche Korruptionssumme zu zahlen (circa 1€) und die Mitarbeiter (vielleicht sogar irgendwo zurecht) gestikulierend beschimpfte, war ich schon ein bisschen genervt. Dass er dann aber aus der Schlange in einen extra Raum gezogen wurde und behauptete „die Weiße“ würde zu ihm gehören, fand ich nicht mehr so lustig.
Nach einer langen Diskussion war ich irgendwann wenigstens die Grenzbeamten los und nach insgesamt circa sechs Stunden Busfahren auch endlich den neben mir sitzenden Kopfschmerzenmacher. Menschen gibt’s.
In Lomé wurde ich netterweise von Katja abgeholt, die dort ihr FSJ macht, eine Schulfreundin von Gladys ist und mich in Accra nach dem Zwischenseminar damals schon kennengelernt hatte. Katja hatte mir nicht nur ein Schlafplatz in ihrer WG angeboten, sondern war für die nächsten Wochen auch meine Reisebegleiterin.

Am nächsten Morgen ging es dann nämlich zu zweit mit dem Bus nach Kara, in den Norden von Togo zu Christine und Gladys ins Projekt- doch dazu im nächsten Blog mehr!!
Vielen Dank fürs Lesen und fühlt euch gedrückt! 🫂
Marlene
Ulla Fricke
Liebe Marlene, juchu- das Visum ist da:-) Schön hast du die Balance zwischen spontan und geplant beschrieben. Und auch das Thema Vertrauen der Kinder…
Hab noch eine gute Zeit (und ich freu mich imer auf den wechselnden Blogs und co von unserer afrika Truppe zu lesen die sich ständig besucht- grade las ich von Henry bei Leonie und Maria).
LG Ulla von Don Bosco Volunteers