Eine Plastiksammelaktion

Letzten Samstag sind wir mit einer bunt gemischten Gruppe, bestehend aus anderen Volontär*innen, Schwester Anna, Schwester Veronika und ein paar Kindern aus unserem Projekt an den Tbilisi Sea aufgebrochen, um dort Plastik aufzusammeln.

Wir hatten Glück mit dem Wetter: Ein wunderschöner Sonnentag, der sich (schicksalhaft?) in eine Reihe sehr kalter windiger Tage gemischt hat.

Dort angekommen waren wir alle selig angesichts der wärmenden Sonne und dem wirklich schönen Ausblick auf den See. Ich weiß nicht, ob ich je zuvor schon mal so intensive Farbkontraste gesehen habe, wie dort am blauen See mit seinem herbstlich gelben Ufer. Die Schwestern haben sehr fürsorglich an alles gedacht und teilten zu Beginn eine Runde Chatschapuri aus.

Von Tee und Sonne gewärmt konnten wir dann Tüten und Handschuhe auspacken und mit dem Sammeln loslegen. Erst waren wir fast ein bisschen enttäuscht, weil wir an jenem Ufer des Sees waren, das im Vergleich zu den anderen sehr aufgeräumt und gepflegt war. Fast dankbar – aber auch geschockt – waren wir, als wir dann doch sehr viel Müll in einem kleinen Gebüsch gefunden haben. Dieses Gebüsch reichte aus, um sieben volle Tüten zu füllen.

Diese Plastiksammelaktion war ein erster spärlicher Versuch meinerseits, ein bisschen etwas zu verändern. Dank der leidenschaftlichen Unterstützung der Schwestern und der Bereitschaft der anderen Volos, war es dann auch echt easy, die Aktion umzusetzen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass wir das nochmal machen werden.

Gleichzeitig fühle ich mich – auch hinterher – so machtlos: Das bisschen Müll, was wir aufgesammelt haben ist nichts im Vergleich zur Menge des Mülls, die am gesamten Seeufer liegt. Geschweige denn zur Menge, die man hier einfach mal in einem kleinen Waldstück findet. Hier in Tbilisi gibt es große Müllcontainer, in die jeder seinen privaten Müll hineinwirft. Wenn dann ein Windstoß kommt, dann ist – zack – die ganze Straße voll mit Mülltüten, die wieder hinausgeflogen sind. Ab und zu findet man auch mal ein paar Plastiktüten im Baum über einem.

Das Problem liegt einerseits an sehr ausbaufähigen Abfallsystemen (von Mülltrennung kann man hier nur träumen), andererseits natürlich auch am Plastikkonsum. Hier werden bei jedem Einkauf etwa drei bis vier Plastiktüten verwendet. Das paradoxe daran ist, dass es sich hier viel einfacher unverpackt einkaufen ließe als in Deutschland. Im Gegensatz zu Deutschland ist hier alles – Gemüse und Obst, oft sogar Nüsse, Süßigkeiten und Kekse – unverpackt in den Geschäften. Wenn man beim Einkauf seine Taschen selbst mitbringen würde, könnte man hier so viel leichter Müll sparen.

Von außen kann man wenig ändern. Ich glaube, dass der Wille etwas zu verändern, von innen kommen muss. Hier in Georgien ist das Umweltbewusstsein deutlich geringer als zuhause. Vegetarier*innen habe ich zum Beispiel hier (außer andere deutsche Volos) noch nicht getroffen. Der Grund dafür ist naheliegend: Die Menschen hier haben ihre eigenen Probleme. Armut, Inflation, eine korrupte Politik, ein nicht funktionierendes Justizsystem. Viele Studierende, die man hier trifft, sind völlig ausgebrannt, weil sie neben ihrem Studium noch zwei Jobs haben (teilweise nachts), um ihr Studium überhaupt finanzieren zu können. Wie uns unser Georgischlehrer erklärt hat, ist es unter jungen Menschen hier oft uncool, über Politik zu sprechen. Oft hört man dagegen, wie junge Menschen überlegen, später in die EU zu ziehen: „Ach, ihr kommt aus Deutschland? Da wollte ich studieren!“. Die Perspektive in Georgien ist für junge Menschen selten vielversprechend.

Ich glaube, dass wir in Deutschland sehr privilegiert sind, dass wir uns überhaupt Gedanken über große und globale Probleme wie Klimaschutz machen können. Dass wir eine Demokratie haben, die Diskussion fördert. Gleichzeitig ist so vieles grotesk: In Deutschland, wo – wie ich jetzt behaupte – eine größere politische Motivation ist, könnte man nicht so gut Müll sammeln gehen, da fast alle innerhalb Deutschlands alle Orte ziemlich „clean“ sind. Dabei sind wir in Deutschland für so viel Müll (im weitesten Sinne) verantwortlich, nur dass Verschmutzung und Entversorgung meistens in andere Länder ausgelagert werden und es dadurch sehr schwer scheint, als einzelne Person anzupacken.

Was kann man tun? Ich muss mir mal wieder eingestehen, dass das mit dem „Weltverbessern“ echt nicht einfach so geht. Man hört so viel schlechtes in den Nachrichten und fühlt sich so ohnmächtig – und auch ein soziales Jahr kann die Welt nicht großartig verändern. Man braucht viel Energie und wahrscheinlich vor allem Geduld (die ich momentan nicht habe), um überhaupt ein bisschen was zu bewegen.

Aber es gibt so viele Menschen, die bereit sind, etwas gutes zu tun und zu bewegen. Überall auf der Welt. Ich habe schon ein paar Gespräche geführt mit jungen Georgier*innen, die sich sehr wünschen, etwas zu verändern und das auch mit beeindruckender Motivation angehen – sei es im Justizsystem hier vor Ort.

Aber auch bei unserer Plastiksammelaktion waren viele wirklich motiviert dabei und zwei haben mir hinterher gesagt, dass sie wirklich traurig sind, dass sie es nicht geschafft haben, mitzumachen. Die Mädels aus dem Projekt sind tief ins Gebüsch gekrochen, um die Flaschen rauszuholen. Andere Volos saßen stundenlang auf dem Kiesboden, um mühselig einzelne Kippen aufzuheben.

Wenn es auch unmöglich ist, große Probleme zu lösen – möge die Motivation bleiben, kleine Schritte zu tun und die Hoffnung zuletzt sterben. Lasst uns dranbleiben! ;))

PS: Liebe Mitvolos all over the world, wie geht es euch eigentlich so mit dem Thema?

* an dieser Stelle möchte ich erwähnen – das gilt für den ganzen Blog! – dass ich natürlich mit einem sehr subjektiven und unvollständigen Blick auf die Dinge blicke. Daher können Thesen/ Gedanken hier auch mal weiter weg von der Wahrheit liegen.