On se débrouille
Vierzig Jahre ist es her, dass das Foyer Immaculée Conception von spanischen Salesianern gegründet wurde. Damit hat es angefangen. Im Laufe der Jahre wurde das hiesige Don-Bosco-Werk immer größer: Das Foyer Jean Paul II, das Collège et Lycée Don Bosco, das Centre de Formation Professionnelle et Technique Don Bosco, das Internat und zwischenzeitlich auch das Foyer Ignace.
Das Foyer Ignace war die erste Anlaufstelle für die Straßenjungen. Dort blieben sie so lange, bis sie sich genug an einen strukturierten Alltag gewöhnt hatten, um im Foyer Immaculée zu wohnen und zur Schule zu gehen. Aus verschiedenen Gründen (u.a. Schäden an den Gebäuden und mangelnde Mittel, um genügend Personal für die Betreuung des Foyer Ignace einzustellen) ist das Foyer Ignace momentan nicht in Betrieb. Das stellt ein großes Problem dar, denn so kommen die Jungs, die noch nicht gut eingegliedert sind und oft wieder abhauen direkt zu denjenigen, die sich bereits gut eingelebt haben und haben einen schlechten Einfluss auf diese. So haut beispielsweise ein Zehnjähriger, der bisher stabil war, seit ein paar Wochen immer wieder mit seinen Freunden auf die Straße ab. Zum Glück wird bereits daran gearbeitet, das Foyer Ignace wieder nutzbar zu machen. Bis dahin heißt es: „On se débrouille.“
Spezialkommission
Vierzig Jahre, das ist schon eine lange Zeit! Dementsprechend muss dieses Jubiläum auch gebührend gefeiert werden. Es gibt extra eine „Spezialkommission“, die sich darum kümmert, übers Jahr verschiedene Aktionen zu diesem Anlass zu planen. Gladys und ich sind auch Teil dieser Kommission, der sowieso fast alle Erziehende außer Père Jonathan angehören, was meiner Meinung nach nicht besonders durchdacht ist, weil er am Ende alles absegnen muss und damit sowieso involviert wird, nur halt hinterher. Und das bedeutet insgesamt mehr Arbeit für alle im Falle von Anmerkungen seinerseits. Allgemein gilt: Sich Aktivitäten zu überlegen ist cool, aber bei den Diskussionen um Budgetfragen steigt mein Gehirn aus und ich muss mich schwer zusammenreißen, um halbwegs still sitzen zu bleiben.
Joyeux anniversaire, cher Foyer Immaculée
Zum Auftakt wurde im Foyer eine Messe mit allen Kindern, einigen Ehemaligen und einigen Unterstützern des Foyers gehalten. Und zwar nicht von irgendwem, sondern vom Provinzial höchstpersönlich. (Die salesianische Welt ist in Provinzen unterteilt, eine Provinz besteht meist aus 150 bis 250 Salesianern und der Provinzial ist eben der Chef einer Provinz und damit ziemlich wichtig. Einmal im Jahr stattet er den Gemeinschaften einen offiziellen Besuch ab und in diesem Rahmen hat er auch die Messe gehalten.)
Alle waren ganz aufgeregt und hatten sich fein rausgeputzt. Der Provinzial wurde in beiden Foyers wie ein König empfangen, mit Tänzen und Reden und allem drum und dran. Auch Père Cyrille war ziemlich nervös, er hatte extra ein Empfangsplakat drucken lassen. Für mich war das alles etwas befremdlich. Als in Trier der Provinzial zu Besuch kam, war das kein großes Ding. Zumindest nicht für die Kinder und die Mitarbeitenden. Insgesamt sind diese sehr hierarchischen Strukturen für mich noch immer ungewohnt und oftmals auch unangenehm. Ich finde es nach wie vor komisch, wenn die Kinder sich vor mir verbeugen, auch wenn ich es grundsätzlich gut finde, dass ihnen Respekt und höfliches Grüßen als zentrale Werte vermittelt werden.


Jedenfalls war die Messe sehr schön. Besonders der anschließende Erfahrungsbericht eines Ehemaligen hat mich sehr berührt. Ich frage mich, wie wohl das 50jährige Jubiläum aussehen wird. Werden dann auch einige von „unseren“ Jungs als Vorbild zurückkehren und von ihrer Zeit im Foyer erzählen? Und wie wird ihr Leben dann aussehen? Welchen Beruf werden sie ausüben? Werden sie eine Familie gründen? Werden sie weiterhin untereinander Kontakt haben? Und mit welchen Gefühlen werden sie auf ihre Zeit im Foyer zurückblicken? Welche Erinnerungen werden hochkommen? Und besonders: Welche Erinnerungen an uns?
Von Schülern für Schüler
Der Besuch des Provinzial wurde nicht nur zum Anlass genommen, den Auftakt der 40 Jahre Foyer Immaculée zu feiern, sondern auch, um ein neues Schulgebäude des Ausbildungszentrums zu segnen und einzuweihen. Ebenfalls ein ganz besonderes Ereignis!
Bisher umfasst das Gebäude drei Klassenzimmer und ein Lehrerzimmer, es soll aber noch aufgestockt und damit um drei Klassenzimmer erweitert werden. Das Besondere an dem Gebäude: Gebaut wurde es unter Anleitung eines Unternehmens von den Schülern des Ausbildungszentrums. Alle haben mitgeholfen: Die Elektriker haben die Kabel verlegt, die Schweißer haben Türen und Angeln geliefert, die Schreiner waren für die Innenausstattung zuständig und die Maurer haben am meisten geschuftet, dank ihnen steht das Gebäude überhaupt. Das nenne ich praxisorientierten Unterricht!!!


Wieder mal nach Lomé
So langsam kam das Zwischenseminar in Sicht. Darauf freute ich mich schon total. Es gab nur einen klitzekleinen (besser gesagt: sehr großen) Haken an der ganzen Sache: Das Visum für Ghana. Wir hatten extra bei der Botschaft angerufen und uns wurde gesagt, wir müssten es persönlich bei der ghanaischen Botschaft in Lomé beantragen. Also kauften wir kurzerhand Bustickets und fuhren am Sonntag, dem 25. Januar nach Lomé, um unseren Termin am Montag, dem 26. Januar, wahrzunehmen.
Schwanger?
Nach der Fahrt war Gladys etwas schlecht. Als ich das den Salesianern der Maison Don Bosco sagte, um zu erklären, warum sie nicht zum Essen erschienen war, schoben diese gleich ziemlich Panik und brachten sie nach dem Abendessen noch ins Krankenhaus. Dort wurde sie nach ihren Beschwerden befragt und es wurden ihr vorsorglich gefühlt tausend Medikamente verschrieben, unter anderem ein Entwurmungsmittel – und das, obwohl sie doch gar keine Bauchschmerzen hatte, sondern nur eine allgemeine Übelkeit empfand. Außerdem wurde ihr Blut abgenommen und ein Ultraschall gemacht. Es hinterher wurde uns klar: Die dachten wohl, sie sei schwanger. Das erklärt auch, warum die Salesianer so Panik hatten. Kleiner Spoiler: Sie ist nicht schwanger, sie hat nur einfach Eisen- und Elektrolytmangel, wie uns die Ergebnisse der Bluttests verrieten. Gladys Kommentar zum Ultraschall:
Selbst wenn ich schwanger gewesen wäre, jetzt wäre ich es garantiert nicht mehr, so fest, wie die das Ding reingedrückt hat.
Nachdem wir aus dem Krankenhaus entlassen wurden, fuhren wir noch zur Apotheke und kauften dort die tausend Medikamente. Dann ging es wieder zurück zur Maison Don Bosco und Gladys nahm äußerst widerwillig die Medikamente ein (zumindest zum Teil, bei manchen Sachen haben wir entschieden, dass es unnötig ist, z.B. bei dem Zeug gegen Bauchschmerzen, die hatte sie schließlich nicht). Manche von den Pillen sahen echt gruselig aus, eine war knallrosa und so groß wie eine Fingerkuppe…

Viel zu spät gingen wir danach endlich ins Bett. Am nächsten Morgen waren wir uns einig: Nie wieder erzählen wir, wenn es uns schlecht geht, nur wenn es echt schlimm ist oder wir erhöhte Temperatur haben, das ist nämlich eines der Symptome von Malaria.
20 Stunden Fahrt völlig umsonst
Bei dem Termin bei der Botschaft am nächsten Tag stellte sich dann nach langem Warten und einigem Hin und Her heraus, dass wir eine falsche Information bekommen hatten und das Visum gar nicht bei der Botschaft beantragen konnten, sondern es an der Grenze am Tag selbst machen sollten. Ich war stinksauer: Zehn Stunden einfache Fahrt (also 20 Stunden Fahrt insgesamt!) für nix und wieder nix und das so kurz vorm Don-Bosco-Fest! Die Lust auf Ghana war mir gehörig vergangen.
Am nächsten Tag holten wir morgens die Ergebnisse des Bluttests vom Krankenhaus ab und trafen dort Katja (wer nicht weiß, wer Katja ist, kann hier nachlesen). Zusammen fuhren wir zur Grenze und informierten uns dort, ob es möglich sei, das Visum dort zu beantragen. Die Antwort: Ja, aber der ganze Spaß kostet 250 US-Dollar. Ich musste schlucken. Wie gut, dass wir das erstattet bekommen!
Vielleicht doch nicht völlig umsonst
Nach dem Mittagessen in der Maison Don Bosco, zu dem wir Katja kurzerhand mitnahmen, zogen wir drei nochmal los. Unser Ziel: Der Strand. Einen Teil liefen wir zu Fuß, den Rest fuhren wir mit einem Taxi. Allerdings nicht „à louer“ (zu mieten, also exklusiv und damit teuer), sondern mit einem, das auf dem Weg immer wieder Leute aufgabelt und rauslässt, sodass es oft fünf oder sechs Beifahrer sind – in einem ganz normalen Fünfsitzer. Darüber beschwerten wir uns allerdings nicht, wir waren ja schon dankbar, dass der Fahrer uns mit unseren Dreckslatschen überhaupt mitnahm. Wir waren nämlich alle drei gleich zu Anfang unserer Fußstrecke unaufmerksam gewesen und mitten durch den Matsch gelaufen. Dementsprechend sahen wir aus. Wie gut, dass wir sowieso auf dem Weg zum Wasser waren.
Kaum waren wir am Strand angekommen, lief Gladys übermütig ins kühle Nass. (Keine Sorge, sie hatte sich zuvor ihre Klamotten ausgezogen und hatte ihren Bikini drunter.) Katja folgte ihr, ich blieb am Ufer und passte auf unsere Sachen auf. Es war wirklich ein wunderschöner Anblick: Die Palmen, der Sand, der strahlend blaue Himmel und das blaue Meer. Vor allem aber Gladys und Katja, wie sie im Wasser tollten. Ich habe Gladys selten so gelöst gesehen wie in diesem Augenblick.

Wir wechselten uns ab mit Aufpassen, sodass auch ich auf meine Kosten kam. Das Wasser war erstaunlich sauber und ich merkte, wie die Wellen meine Sorgen fortspülten. Der ganze Visum-Stress fiel von mir ab und ich hatte einfach nur Spaß!
Als wir bei Sonnenuntergang vom Strand aufbrachen, war meine gute Laune endgültig wiederhergestellt.

Wieder zu Hause
Am nächsten Morgen, also dem Mittwoch, ging es für uns wieder nach Kara. Als wir in Kara ankamen, dachte ich:
Endlich wieder zu Hause.
Da habe ich gemerkt: Jetzt bin ich wirklich hier angekommen.
Zu unserem Glück fuhr, gerade als wir zum Centre laufen wollten, Père François vorbei und nahm uns mit. Wir erzählten ihm von unserem Aufenthalt in Lomé und er erzählte uns, was alles in den nächsten anstehen würde. Schließlich war genau in dieser Woche Don-Bosco-Woche. Davon erzähle ich euch aber in einem neuen Blogeintrag, sonst wird dieser hier entschieden zu lang. Ich komme mit dem Erzählen echt nicht mehr hinterher, es gibt noch so viel: Die ganzen Don-Bosco-Feste, das Zwischenseminar, der Ghana-Urlaub mit den anderen Freiwilligen… Aber alles der Reihe nach, das kommt noch.
Jetzt seid ihr dran
An dieser Stelle möchte ich euch noch einmal ermutigen, zu kommentieren und mit Fragen einfach auf mich zuzukommen. Das gilt insbesondere für die neuen Volos und ganz besonders für diejenigen, die sich für Kara als Einsatzstelle interessieren. Nur keine Scheu, ich freue mich über euer Interesse!
Zu guter Letzt noch der übliche Spendenaufruf. Wer spenden möchte, kann das hier tun. Ich freue mich über eure Unterstützung, egal, wie klein oder groß!!! Und als neue Motivation: Wir bekommen alle, wenn wir mindestens 2000 Euro Spenden gesammelt haben, 300 Euro Projektgeld von Don Bosco. Mit diesem Geld können wir Projekte mit den Kindern aus unseren Einrichtungen finanzieren, z.B. Ausflüge, Bastelaktionen oder einen Schwimmkurs. Was unser Projekt sein soll, müssen Gladys und ich noch mit Père Jonathan absprechen, aber sobald wir genaueres wissen, sage ich euch Bescheid. Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte: Ein anderer Volontär hat fast 6000 Euro Spenden gesammelt und nun versucht unsere Verantwortliche zu erreichen, dass er aufgrund dieser beträchtlichen Summe mehr Projektgeld erhält. Gladys und ich würden mega gerne eine Ferienfreizeit für die Foyer-Kinder veranstalten, 600 Euro (300 pro Volontärin) reichen dafür jedoch bei weitem nicht. Daher der Aufruf an euch: Schaffen wir es, mich von 4000 Euro Spenden auf 6000 Euro hoch zu katapultieren und mir so mehr Projektgeld zu verschaffen? Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das zusammen hinkriegen, aber dafür bin ich auf eure Hilfe angewiesen!
Ein ganz, ganz großes Dankeschön schon jetzt an alle, die sich an der Aktion beteiligen!!!
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