Karas Kulturen
Wir kamen also am Mittwoch, dem 28. Januar, ziemlich fertig wieder in Kara an. Eine Verschnaufpause bekamen wir jedoch nicht, denn gleich am nächsten Tag waren wir im Collège zur Journée culturelle (also zum Kulturtag) eingeladen. Ich muss zugeben, anfangs absolut keine Lust verspürt zu haben, dorthin zu gehen. Ich war müde und hatte noch einiges zu tun und erschien nur Gladys und den Foyer-Kindern zuliebe. Rückblickend bin ich jedoch total dankbar, es miterlebt zu haben, denn der Tag hat mir gute Einblicke in einige Traditionen verschiedener an der Schule vertretenen Ethnien geliefert. Natürlich gibt es noch viel, viel mehr Traditionen zu entdecken (in Togo leben schließlich über 40 verschiedene Ethnien), aber ich beschränke mich hier auf das, was ich gesehen und erklärt bekommen habe. Vieles habe ich übrigens selbst nicht so recht verstanden, habt also Nachsicht, wenn die Informationen nur sehr lückenhaft sind.
La lutte pour la culture (Der Kampf für die Kultur)
Mit den Vorführungen begonnen haben die Kabyè, in Kara die größte Ethnie. Schon seit Beginn unserer Zeit hier versuchen wir die Sprache zu lernen, das erweist sich aber als deutlich schwerer als zu Anfang gedacht, denn dadurch, dass die Kinder Kabyè nicht von klein auf in der Schule lernen, sondern nur sprechen, können sie uns die Grammatik nicht wirklich erklären und bringen uns nur einzelne Wörter oder Sätze bei. Das aber nur nebenbei, eigentlich wollte ich euch ja von den Vorführungen erzählen.
Wie alle westafrikanischen Kulturen haben die Kabyè Initiationsriten für Männer und Frauen. Der Initiationsritus der Männer heißt Evala und die Vorbereitung dauert vier Jahre. Zumindest offiziell. Inoffiziell fangen die Jungs schon in der Grundschule an, sich darauf vorzubereiten. Auch zu uns sagen die Kleinen aus dem Foyer oft: „Luttons, je vais te gagner!“ („Lass uns kämpfen, ich werde gegen dich gewinnen!“) Die Evala sind nämlich Ringkämpfe, bei denen die jungen Männer ihre Kraft, ihre Flinkheit und ihre Ausdauer unter Beweis stellen. Es gibt mehrere Runden: Der Gewinner des Dorfes kämpft gegen die Gewinner der umliegenden Dörfer, der Gewinner der Region gegen die Gewinner der anderen Regionen und so weiter.
Die Evala finden im Juli statt. Dann ist hier in Kara richtig was los! Ich bin schon richtig gespannt darauf. Einen kleinen Vorgeschmack bekamen wir bei der Journée culturelle, aber seht selbst:
Mit der Unterstützung der Ahnen fliegen wie die Vögel
Nach den Kabyè kam die Vorführung der Ewe. Die Ewe sind im Süden Togos mit Abstand die größte Ethnie, hier in Kara jedoch eine Minderheit.
Bevor die Mädchen uns ihren Tanz, der Vögel im Flug imitiert, zeigten, beschwor ein Junge die Ahnen, um ihren Segen für diesen Tag und besonders den bevorstehenden Tanz zu erbitten. Dazu nahm er eine Schale, in die er etwas hochprozentigen Alkohol goss, hielt sie hoch, schwenkte sie leicht und sagte etwas auf Ewe. (Leider hat mir keiner übersetzt, was genau er sagte, alle waren viel zu sehr auf das Geschehen konzentriert.) Dann goss er den Großteil des Schnapps auf den Boden und trank selbst einen kleinen Schluck. Erst nach dieser Zeremonie durften die Mädchen tanzen.
Die Ahnen spielen übrigens nicht nur bei den Ewe, sondern in so ziemlich allen westafrikanischen Kulturen eine große Rolle. So gießen beispielsweise auch viele Kabyè, wenn sie von jemandem eingeladen werden und zum Empfang Wasser bekommen, erst ein wenig Wasser für die Ahnen auf den Boden, bevor sie selbst einen Schluck nehmen.
Messer und Mystik
Die Bassar, die Naoda und die Moba führten uns ebenfalls ihre Tänze vor.
Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Kotokoli: Auch bei ihrer Vorführung wurden zunächst die Ahnen beschwört, dann nahm der Ahnenbeschwörer ein Stück Papier aus seiner Tasche, zeigte es allen und goss Wasser darüber. Dann steckte er das Papier in den Mund, tat so, als würde er darauf herumkauen und zog mit großem Spektakel statt dem Papier einen Geldschein aus dem Mund. Der Teil war allerdings noch nicht sonderlich beeindruckend, es wirkte eher wie ein Trick von einem Zauberer auf dem Jahrmarkt.
Richtig krass waren die Tänze: Bei dem einen kreisten die Jungen umeinander und jedes Mal, wenn sie auf einen anderen trafen, schlugen sie die Stöcke, die sie in den Händen hielten, aneinander. Im Takt, wohlgemerkt. Den passenden Gesang lieferten die Mädchen, die sich an der Seite zu einem Chor versammelt hatten.
Bei dem anderen rutschte mir im ersten Moment das Herz in die Hose: Ein Junge zeigte ein großes Messer herum, schmierte sich eine durchsichtige Flüssigkeit auf den Bauch und began dann, mit dem Messer über seinen Bauch zu fahren, als wolle er sich selbst aufschneiden.
Die Klinge konnte seiner Haut jedoch nichts anhaben. Die Flüssigkeit schütze ihn, wurde mir erklärt. Woraus sie bestand, konnte mir keiner sagen, nur, dass sie von einem äußerst mächtigen „Charlatan“ hergestellt wurde. (Ja, Scharlatan, aber nicht im Sinne von Betrüger, sondern einer, der mit der Geisterwelt in Kontakt steht und mystische Kräfte aufweist, wahrscheinlich würde man im Deutschen Schamane dazu sagen.) Seine mystischen Kräfte bewahren den Messertänzer vor Verletzungen.
Frohes Probieren und guten Appetit!
Last, but not least: Das Essen. Zum Abschluss wurde uns von allen lauter leckeres Essen zum Probieren serviert. Gladys hatte es die Krabbe besonders angetan (als einziges von allem überhaupt nicht mein Fall), beide entdeckten wir „Djenkoumé“ für uns. „Djenkoumé“ ist eine Art herzhafter fester Maisbrei, unter den eine Tomatensoße-Palmöl-Mischung gerührt wird und auch bekannt als „Pâte rouge“. Von welchem Volk welche Speise stammt, weiß ich leider nicht mehr. Die Krabbe kam auf jeden Fall vom Meer, also aus dem Süden und damit vermutlich den Ewe. Bei den anderen Gerichten kann ich es euch beim besten Willen nicht mehr sagen.

Don-Bosco-Fest Nr. 1: Große Feier im Centre Don Bosco
Am Freitag ging’s dann erst so richtig los mit dem Feiern: Das Collège et Lycée, das Ausbildungszentrum und das Ausbildungszentrum der Don-Bosco-Schwestern feierten alle zusammen bei uns auf dem Campus ihr Don-Bosco-Fest. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass der 31. Januar der Tag des Heiligen Giovanni Boscos ist, weshalb alle Don-Bosco-Einrichtungen der Welt um diesen Tag herum das Don-Bosco-Fest feiern. Wie genau die Gestaltung dieses Festtages aussieht, ist natürlich von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich.
Im Falle des Centre Don Boscos wurde zunächst mit den knapp 3000 (oder 2000 ? -> nachfragen) versammelten Schüler*innen und den ganzen Mitarbeitenden eine Messe gefeiert. Hauptzelebrant der Messe war Père Cyrille, der Direktor, aber natürlich waren alle Salesianer und auch die Schwestergemeinschaft anwesend. Es war mal wieder eine richtig schöne Messe mit Partystimmung und einer tollen Predigt darüber, was die Don-Bosco-Pädagogik ausmacht.

Auf die Messe folgten alle möglichen Vorführungen: Rap, Poetry Slam, Musik… Die Vorführungen gingen bis zum Mittagessen. Gegessen wurde im Klassenverband ein von den Schülerinnen oder den Lehrerinnen zuvor vorbereitetes Festmahl. Das scheint hier bei jedem Fest so gehandhabt zu werden, jedenfalls war es bisher bei allen Feiern in der Schule so. Gladys und ich wurden erst ins Lehrerzimmer und dann von allen Foyer-Kindern in ihre Klassen eingeladen. Ich hatte bereits seit dem Frühstück einen flauen Magen und musste schon nach dem ersten Klassenzimmer ablehnen, was mir total unangenehm war, weil es hier echt unhöflich ist, Essen abzulehnen. Aber meine Gesundheit war mir dann doch wichtiger als Höflichkeit.

Vorbereitung für den großen Tag
Nachmittags wurde dann noch getanzt. Leider konnten Gladys und ich nicht mehr dabei sein, denn wir hatten Roberta, der Sekretärin des Foyers, versprochen, eine Stunde früher zu kommen, um eine Schnitzeljagd als Aktion für das Don-Bosco-Fest im Foyer vorzubereiten. Für die Schnitzeljagd funktionierten wir kurzerhand die Hausrallye von meinem letzten Vorbereitungsseminar um. Dann halfen wir beim Dekorieren des Foyers für das Fest am nächsten Tag. Der restliche Nachmittag unterschied sich nicht wesentlich von anderen Freitagnachmittagen.
Don-Bosco-Fest Nr. 2: Don-Bosco-Tag im Foyer
Der eigentliche Don-Bosco-Tag, der 31. Januar, fiel dieses Jahr praktischerweise auf einen Samstag, sodass wir im Foyer am Tag selbst unser Don-Bosco-Fest feiern konnten. Auch diesmal sollten die Feierlichkeiten mit einer Messe beginnen und zwar um 8:30 Uhr. Den Kindern hatte Père Jonathan jedoch „huit heures zéró zéro“ (also Punkt 8 Uhr) gesagt, weil sie ja immer trödeln und zu spät kommen würden. Zu spät waren dann jedoch nicht die Kinder, sondern wir. Soviel also dazu. Zum Glück hatten Roberta und Celestine (mit Abstand die beste Sängerin unter den Erziehenden) die Wartezeit mit dem Proben der Lieder für die Messe überbrückt.

Spiel und Spaß – Feiern ganz im Sinne Don Boscos
Anschließend an die Messe gab es für die Kinder „Génie en herbe“, eine Art Quiz-Spiel mit lächerlich einfachen Fragen. Ich hätte gerne gewusst, wie die Erzieher reagiert hätten, wenn ein Kind auf die Frage „Soll man seine Eltern respektieren?“ mit „Nein!“ geantwortet hätte. Aber gut. Gladys und ich waren sowieso nicht involviert, wir mussten nämlich noch letzte Vorbereitungen für unsere Hausrallye treffen, die gleich im Anschluss an das Quizspiel stattfand.
Am Anfang hatte so manches Kind die Spielregeln nicht verstanden, aber nach einer Zeit lief es dann. Im ganzen Foyer rannten Kinder herum und suchten nach den von uns versteckten Zetteln. Hatten sie den Zettel mit der richtigen Nummer gefunden, mussten sie schauen, welches Symbol darauf abgebildet war und es uns sagen. War die Antwort richtig, bekamen sie eine Aufgabenstellung von uns, z.B. „Singt uns ein Don-Bosco-Lied vor“ oder „Stellt das Don-Bosco-Symbol als Akrobatikfigur dar“. War die Aufgabe erfüllt, durften sie würfeln und ihre Spielfigur auf unserem selbstgebastelten Spielbrett vorbewegen und nach der neuen Zahl, auf der sie gelandet waren, suchen. Ziel war es, einmal das ganze Spielbrett zu umrunden und wieder an seine Startposition zurückzukommen.
Manche Teams gaben relativ schnell auf, aber andere ließen nicht locker und nach gut drei Stunden Spielzeit hatte eine Gruppe tatsächlich gewonnen. Wir beendeten also das Spiel und gingen zur Siegerehrung über. Alle Kinder bekamen als Mitmach-Preis bzw. als Geschenk zur Feier des Tages eine kleine Packung Kekse und ein Süßgetränk. Die Sieger bekamen dazu noch ein kuchenartiges Gebäck in Donutform. Sie strahlten über das ganze Gesicht und waren sich einig: Die Mühe hatte sich gelohnt.
Mangeons! („Lasst uns essen!“)
Dann gab es endlich Mittagessen! Wobei „Mittagessen“ das falsche Wort war, denn es war bereits nach 15 Uhr. Erstaunlich, wie gut gelaunt die Kinder dafür noch waren! Das Gericht selbst entschädigte jedoch die Verspätung, denn es gab „Pâte de riz“ (eine Art riesiger Reiskloß) mit Erdnuss-Ingwer-Soße und Hühnchen. Für die Kinder, die nur zu besonderen Anlässen Fleisch bekommen, ein absolutes Highlight!


Nach dem Essen wurde, wie es sich für eine ordentliche Feier gehört, die Musik auf maximale Lautstärke aufgedreht und getanzt.
Don-Bosco-Fest Nr. 3: Gemeindefest
Am Sonntag war das Gemeindefest, denn Don Bosco ist ihr Namenspatron. Die Kirche komplett überfüllt (deutlich voller als zur Christmette!) und als Père Cyrille während der Predigt alle unter 30 bat, aufzustehen, erhoben sich ca. 80 % der über 3000 Anwesenden. 80% das muss man sich mal vorstellen! In Europa ist man ja schon froh, wenn die Gemeinde nicht mehrheitlich aus Rentnern bzw. aus Rentnerinnen besteht. Aber hier wächst die Kirche tatsächlich, sie ist jung und lebendig, was wirklich wunderschön ist!
Nach dem anschließenden Essen und einigen Vorführungen tanzten wir gute zwei Stunden Kamou, einen traditionellen Ernte-Dank-Tanz, der den ganzen Januar über getanzt wird. Es war ein „Ball poussière“ („Staubball“) erster Klasse, der von den Tanzenden aufgewirbelte Staub hing wie Nebel in der Luft.
„Après la fête, c’est la défaite“ („Nach der Feier kommt die Niederlage“)
Abends fiel ich nach der zwingend notwendigen Dusche wie ein Stein ins Bett und war einfach nur froh, dass der nächste Tag ein Montag und damit für uns frei war. Ich Dummkopf habe den Montag dann jedoch gar nicht so sehr zum Schlafen genutzt (Gladys war da schlauer), sondern lieber den Großputz meines Zimmers zu Ende gebracht. Es ist wirklich unglaublich, welche Mengen an Staub sich hier in kürzester Zeit ansammeln! Und mit Staub meine ich nicht Hausstaub, sondern ganz fein pulverisierte trockene Erde. Wie Sand, nur halt nochmal deutlich feiner. Und dieses Zeug ist wirklich noch viel hartnäckiger als Hausstaub und legt sich wie ein bräunlicher Film über alles, was auch nur ansatzweise eine gerade Fläche darstellt. Man kommt mit Kehren und Wischen einfach nicht hinterher!
Jedenfalls hat mir die Putzaktion wohl die letzte Kraft genommen, am nächsten Tag war ich nämlich prompt krank. Nichts Schlimmes, nur Schnupfen und Kopfschmerzen, aber ich bin dennoch nicht ins Foyer mitgekommen. Mein erster Krankheitstag hier in Togo und auch das erste Mal, dass ich hier Langeweile verspürt habe. Ich konnte nachmittags nämlich nicht einschlafen, aber selbst zum Musikhören war ich zu fertig bzw. dann meldeten sich meine Kopfschmerzen zu Wort. Nun ja, erst verreisen, dann vier Tage am Stück feiern und dann noch Großputz war vielleicht doch etwas zu viel für meinen Körper. Vor allem, weil ich durch diese ganzen Aktivitäten mehr als eine Woche keinen Mittagsschlaf gemacht hatte und damit unter massivem Schlafmangel litt. Zum Glück war ich schon am nächsten Tag wieder halbwegs fit.
Spenden-Challenge
Ich hoffe, auch euch geht’s gut und ihr vergesst nicht, mal Pausen einzulegen. Sonst ergeht es euch wie mir nach den Don-Bosco-Festen. Was ist denn bei euch gerade so los? Erzählt es gerne in den Kommentaren!
Und wie immer freue ich mich über Spenden!!! Den Link dazu findet ihr hier. Übrigens kann man auch regelmäßig spenden. Wer also sagt: „Viel habe ich nicht, aber fünf Euro im Monat, das kriege ich hin.“ Fünf Euro im Monat ist super! Das macht über die sechs Monate, die mir noch bleiben, 30 Euro! Und selbst, wenn es nur einmalig fünf Euro sind: Fünf Euro sind immer noch mehr als nichts. Es müssen wirklich keine großen Beträge sein, ich freue mich über jede Unterstützung! Und: Die Summe macht’s. Wenn ganz viele von euch ein kleines bisschen spenden, dann kommt am Ende trotzdem viel dabei heraus.
Ich habe eine Challenge an mich selbst gestellt: Ich möchte mindestens 5000 Euro Spenden sammeln. Dafür brauche ich eure Motivation und Unterstützung! Ich bin mir sicher, dass wir das gemeinsam schaffen werden!!!
- Name zum Schutz des Kindes geändert ↩︎
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