Vom Shelter aus fahre ich gemeinsam mit Amar und einer Mitarbeiterin nach Dharavi. Der Verkehr ist chaotisch, die Luft ist stickig, die Sonne kaum sichtbar durch den Smog. Die Hauptstraße, welche den Slum durchkreuzt, ist voll von kleinen Läden, Hühnerkäfigen und Ziegen, ab und zu gibt es Kühe, die hoffnungslos versuchen im Müll Essen zu finden. Und genau da hält das Taxi, wir steigen aus und ein Geruch von Duftstäbchen gepaart mit verbrannten Kabeln kommt mir entgegen. Ich versuche Menschen auszuweichen, die auf Köpfen Körbe mit Obst tragen, während ich fast von Motorradfahrern überfahren werde.
Amar ist gut gelaunt, für ihn geht es heute zum jährlichen Hausbesuch. Er nimmt mich bei der Hand und führt uns von der Hauptstraße weg, hinein in den größten Slum Asiens. Wir passieren letzte kleine Geschäfte und biegen in eine schmale Gasse ein. Hier spielen viele Kinder, alle schauen mich mit großen Augen an, rufen begeistert:“Didi!!“. Amar führt mich an ihnen vorbei – weiter in die Tiefen des Slums. Rechts-links-links-rechts-links. Die Gassen werden immer schmaler, kaum Platz für eine Person. Wenn mir jetzt jemand entgegen kommt, dann muss ich in eine andere Gasse ausweichen. Die meist zweigeschossigen Häuser verdecken die Sicht auf den Himmel und es wird immer finsterer. Unter den Platten über die ich laufe schwimmt Dreck und menschliche Exkremente. Plötzlich läuft eine Ratte an mir vorbei, ich weiche erschrocken zurück. Amar bekommt von meinen neuen Erfahrungen wenig mit. Er ist hier geboren, es ist seine Heimat.


Amar ist 14 Jahre alt und mittlerweile seit 4 Jahren im Shelter, seine Eltern sind bei einem Unfall gestorben.
Auf einmal hält er vor einem Haus an. Wir ziehen unser Schuhe draußen aus und treten in den Raum ein. Hier sitzt Amars Großmutter im Schneidersitz auf dem Boden. Sie freut sich über den Besuch, bietet uns höflich Chai und Kekse an. Nun wird auf Marathi über Geld, Wohnung, Einkommen und Ausgaben geredet, über Familienmitglieder und deren Abschlüsse. Alles wird von meiner Mitarbeiterin notiert. Währenddessen habe ich Zeit, mir das Haus genauer anzuschauen: Ein Raum, in dem 7 Personen wohnen. Kein Badezimmer, nur eine Waschecke, die gleichzeitig die Küche zu sein scheint. Betten gibt es keine, es wird auf dem Boden geschlafen. An der Wand hängen verschiedene Gemälde hinduistischer Götter, daneben ein Bild von Amars Eltern. Amars Großmutter freut sich sehr über seine Anwesenheit, sie hat ihn lange nicht mehr gesehen und nimmt ihn in den Arm. Nachdem das Formular ausgefüllt ist und ein paar Bilder geschossen wurden, machen wir uns wieder auf den Rückweg.
Amar steuert wieder voran, glücklich darüber, in seinem Zuhause gewesen zu sein. Stolz zeigt er mir die Häuser seiner Freunde. Viele Schulkinder kommen uns entgegen, die nach Hause gehen. Man kann in viele Häuser hineinschauen, da die Türen meistens nicht verschlossen sind, oder es nur einen Vorhang gibt. Oft kochen die Frauen oder machen Wäsche. Viele kennen Amar noch aus alten Zeiten und winken ihm zu. In diesem Moment wird mir klar, dass diese Menschen glücklich in ihrem Zuhause sind, was vorher für mich kaum vorstellbar war. Sie leben in Dharavi, haben ein Dach über dem Kopf, die meisten haben Elektrizität und fließend Wasser. Viele Kinder gehen zur Schule und auch viele Frauen gehen arbeiten. Und plötzlich kommt mir der Slum nicht mehr vor wie eine andere Welt, sondern wie ein ganz normales Viertel. Natürlich sind die Umstände schwer, es fehlt überall an allem und die Menschen sind arm. Aber trotzdem leben sie in einer Gemeinschaft zusammen und helfen sich gegenseitig.

Traurig von der Armut und gleichzeitig zufrieden mit der Erfahrung, die ich gesammelt habe, steige ich wieder ins Taxi ein und wir fahren zurück zum Shelter. Ein Ort, in dem Amar geborgen ist, zur Schule gehen kann, Platz zum Spielen hat und fünf mal täglich Essen bekommt.