Allmählich kehrt bei uns so eine Art Alltag ein, nachdem wir seit 3 Wochen wieder in Delhi sind und auch sicher sein können, dass wir hier das ganze Jahr bleiben. Als wir in Delhi angekommen sind, wurden wir stürmisch begrüßt und nun haben alle auch endlich verstanden, dass wir ein ganzes Jahr für sie da sind. So werden sie immer zutraulicher. Für die Kinder ist der Alltag extrem anstrengend. Denn sie müssen 6:30 Uhr aufstehen und der Tag wird 22:00 beendet. Deshalb passiert es jeden Abend, dass die Köpfe der kleineren Jungs nach Vorn, zur Seite oder nach Hinten fallen und sie das Abendgebet schlafend verbringen. Jeden Tag gehen sie zur Schule (außer Sonntag), spielen und toben herum. Apropos Toben und Spielen: In unserem Projekt ist nicht viel Platz für so viele Kinder und Aktivitäten. Das ist für alle eine Herausforderung. Es gibt einen kleinen Hof mit zwei Basketballkörben. Dort spielen die Kinder Fußball, Cricket, Basketball, andere Ball-oder Fangspiele, fahren auf Rollschuhen, spielen Verstecken und seit Neustem haben wir auch zwei Fahrräder. Dies geschieht aber alles parallel und bei 150 Kindern kann man sich dann denken, wie chaotisch alles ist. Zumal die Fahrräder dann auch gefährlich werden, wenn mal ein kleines Kind im Weg steht.

Die Study Hall, wo eigentlich Hausaufgaben gemacht werden, wird aber auch umfunktioniert für Indoor-Spiele und zum Toben. Auch als Schlafplatz für die Kinder, die neu ins Projekt kommen wird dieser Raum genutzt. Es gibt zwei Schlafsäle, in denen aber nur die Kinder schlafen, die schon länger da sind. Die Neuen bekommen eine 24-Stunden Betreuung, denn direkt neben der Study Hall, wo die Neulinge schlafen, befindet sich das „Childline-Office“. Die Childline ist eine Art Sorgentelefon für alle Fälle, die Kinder angehen. Die Kinder selbst oder Verwandte, Beobachter, Nachbarn, also eigentlich jeder, kann dort rund um die Uhr anrufen, wenn es einem Kind schlecht geht. Es werden dann direkt Mitarbeiter losgeschickt, um das Kind aufzusuchen. Suchen heißt auch manchmal suchen, denn wenn Kinder schlecht behandelt werden, wollen die Eltern natürlich ihre Kinder vor den Sozialarbeitern verstecken. Es werden also alle Fälle geprüft und entschieden, wer ins Projekt kommt. Aber die Mitarbeiter sind auch am Bahnhof unterwegs, wo jeden Tag unzählige Kinder aus ganz Indien mit dem Zug ankommen. Diese Woche ist z.B. ein Junge ins Projekt gekommen, der allein am Bahnhof herumstreunend gefunden wurde. Man weiß nicht, wohin er gehört, wie er heißt oder wie alt er ist. Aber man schätzt ihn auf 4 Jahre und hat ihn Amit genannt. Er hört nur noch nicht so ganz auf diesen Namen…Den letzten Monat war das Projekt überfüllt, denn 30 Kinderarbeiter im Alter von 14 bis 18 Jahren wurden von der Polizei hierher nach Don Bosco Ashalayam geschickt. Um Geld zu verdienen, schicken die Familien ihre Kinder oft in Fabriken arbeiten, wo die Jugendlichen aber unmenschliche Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten, sowie geringer Lohn erwartet hat. Der Prozess gegen die Arbeitgeber läuft, nachdem die Kinder aus den Fabriken geholt wurden. Dass die Arbeitgeber zu den Kinderarbeitern keinen Kontakt aufnehmen können, um deren Familien zu erpressen mit dem Ziel ihr eigenes Strafmaß zu mildern, werden die Jungs in unser Projekt geschickt.

Das sind Kinderarbeiter, die momentan noch im Projekt sind

Das sind Kinderarbeiter, die momentan noch im Projekt sind

Neue Jungs dürfen aber prinzipiell das Projekt nicht verlassen. Darauf achtet der Sicherheitsmann am Tor. Die Gefahr, dass sie weglaufen, weil sie die Freiheit auf der Straße vermissen, ist zu groß. Die kleineren Schulkinder werden also immer zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Dennoch kommt es manchmal vor, dass Kinder verschwinden. Die Kinder, die nicht zur Schule gehen, können also wochen- oder monatelang nichts anderes als das Gebäude sehen, in dem sie leben. Aber das ist immer doch viel angenehmer als ein Leben auf der Straße. Vor allem was das Essen betrifft werden die Jungs richtig verwöhnt und bekommen so viel Leckereien, dass sie es selbst gar nicht schaffen und uns dann anbieten.

Bei der Essensausgabe (was die Sponsoren sebst machen dürfen)

Bei der Essensausgabe (was die Sponsoren sebst machen dürfen)

Morgens gehen die Jüngeren zur Schule und die Älteren (die nachmittags bis abends zur Schule gehen) machen Hausaufgaben. Wir machen mit denjenigen, die nicht zur Schule gehen, Programm wie z.B. Staffelspiele. Schule ist vor allem für die Kleinen nur eine nervige Alltagsbeschäftigung. Wie wichtig Bildung ist, versuchen die Älteren und auch die Fathers (die Salesianer) den Kindern immer wieder nahe zu bringen. Aber das vorrangige Ziel von der Einrichtung ist eigentlich die Kinder wieder mit ihren Familien zu vereinigen – auch wenn sie arm sind. Aber die elterliche Liebe können weder die älteren Jungs (die von klein an im Projekt leben), noch die Fathers oder wir ersetzen. Wir versuchen unser Bestes zu geben für die Jungs immer da zu sein und es klappt vor allem auch durch die zunehmenden Sprachkenntnisse auch immer besser. Jeden Tag haben wir nun eine Stunde Hindi-Unterricht von einer Mitarbeiterin des Projekts. Es ist zwar mühsam, weil sie auch keine korrekten englischen Sätze bildet, aber es geht gut voran. Ich bin sehr motiviert und kann jeden Tag Fortschritte sehen.

Am 11.11. war Diwali- das Lichterfest. Für die Hindus im Norden Indiens, ist das das wichtigste Festival. Die Bedeutung wird unterschiedlich interpretiert: Gut gegen Böse, Licht gegen Dunkelheit, Leben gegen Tod…Schon die Tage vorher hat man gemerkt, dass etwas Großes ansteht. Das Internet war vollkommen überlastet (wir hatten also 10 Tage kein Internet), die Verkehr war noch chaotischer und der Shoppingwahn noch größer. Janina und ich haben uns endlich einen eigenen Sari zulegen können.

Unser Outfit (Janina hat unsere Saris selbst gebunden)

Unser Outfit (Janina hat unsere Saris selbst gebunden)

Doch das Einkaufen war katastrophal. Obwohl der Markt wie eine Fußgängerzone gemacht war, waren die Gassen auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer zugänglich. Das bedeutete dann, dass unsere Füße mehrmals fast überfahren wurden, dass mir eine Rikscha gegen die Schulter gefahren ist, dass man ewig Schlange stehen musste, bevor man sich an den Autos vorbei schlängeln konnte und dass man seine Augen nach allen Seiten offen halten musste, um sicher die Straße entlanglaufen zu können.

So war die Straße schon Tage vorher geschmückt

So war die Straße schon Tage vorher geschmückt

Wir haben die kompletten Vormittage der Woche damit verbracht, Dekoration für Diwali zu basteln. Unser Mitvolontär (der allerdings jetzt doch nicht im gleichen Projekt ist), hat uns dafür extra Transparentpapier aus Deutschland mitgebracht. Wir haben mit den Jungs, die nicht zur Schule gehen, kleine Leuchten gebastelt, wo wir dann Teelichter reingestellt haben. Muster haben wir z.B. mit Nadeln eingestochen, sodass dann Sterne, Fische, auch Hasen 😀 und Namen zu Diwali erleuchtet sind.

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FB2

FB3

Mit den Größeren haben wir etwas kompliziertere Leuchten gefaltet und außerdem haben wir auch Sterne als Fensterbehang gebastelt. Allerdings mussten wir auch einige Don Bosco Broschüren, die uns geschenkt wurden, zerschneiden, weil es an Kartonpapier gefehlt hat. Die Kinder waren wirklich überraschend konzentriert und ausdauernd dabei und waren am Ende auch stolz auf ihr Ergebnis. Zu Diwali selbst gab es in Don Bosco Ashalayam am Abend erst ein Gebet, wo jeder eine Kerze bekommen hat und die Stimmung war sehr besinnlich.

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Gespannt warten die Kinder darauf, dass es endlich losgeht

Gespannt warten die Kinder darauf, dass es endlich losgeht

Die Kerzen sind ein Symbol, um das Gute herbeizuwünschen. Das komplette Gegenteil war der Rest des Abends. Nach sehr gutem Essen (Das Essen mit den Händen auf dem Boden im Sari war etwas schwierig), ging es an den spaßigen Teil des Abends. 4 Gruppen haben jeweils einen Tanz vorbereitet und es wurde auch ein Sketch aufgeführt, der die Jungs durchgehend zum Lachen gebracht hat, wir aber leider nicht viel verstanden haben.

Die Jungs stellen sich zum Essen an

Die Jungs stellen sich zum Essen an

Das Festmahl wird natürlich auf dem Boden verzehrt

Das Festmahl wird natürlich auf dem Boden verzehrt

 

Ein traditioneller Tanz aus Südindien

Ein traditioneller Tanz aus Südindien

Es wurden viele Knaller gespendet. Die Knaller sollen die bösen Geister vertreiben. In manchen Jahren werden keine gezündet aus Solidarität zu den Kinderarbeitern, die in den Fabriken sterben oder verletzt werden, weil sie die Knaller explodieren, die sie herstellen. Dieses Jahr hatten die Jungs aber einen riesigen Spaß daran ihre Wunderkerzen hin-und her zu wedeln, in den funkensprühenden Kreisen, die sich auf dem Boden winden, barfuß herumzuspringen und die Knaller in ihren Händen zu halten, wenn diese losgehen. Das war auf dem kleinen Hof extrem gefährlich und ich musste immer schauen, dass neben mir nicht gleich irgendwas losgeht. Die Böller hier sind so viel lauter als in Deutschland und daher habe ich öfters mal aufgeschrien, weil ich so erschrocken bin. Der Smog, der schon seit 2 Wochen über Delhi schwebt, hat sich an diesem Abend nur noch verstärkt und Delhi hat gerade die höchste Luftverschmutzung der Welt. Ich habe auch ein Loch in meinem Sari, weil mir ein Böller ans Bein gesprungen ist.

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Mundschutz muss natürlich sein

Mundschutz muss natürlich sein

Mit Wunderkerzen haben die Jungs in die Luft gezeichnet

Mit Wunderkerzen haben die Jungs in die Luft gezeichnet

Oh, wie das leuchtet!

Oh, wie das leuchtet!

im Feuerwerk auf dem Boden herumspringen

im Feuerwerk auf dem Boden herumspringen

Die Bomben in der Hand zünden

Die Bomben in der Hand zünden

So schnell wie möglich wegrennen, nachdem der Knaller gezündet wurde!

So schnell wie möglich wegrennen, nachdem der Knaller gezündet wurde!

Auch getanzt wurde ausgelassen

Auch getanzt wurde ausgelassen

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Die Nonne aus dem Mädchenprojekt hette ihren Spaß einen Knaller nach dem anderen zu zünden

Die Nonne aus dem Mädchenprojekt hette ihren Spaß einen Knaller nach dem anderen zu zünden

Für manche war es einfach zu laut

Für manche war es einfach zu laut

Den Knaller zünden in der einen Hand und mit der anderen sich das Ohr zu halten! Das waren uns die liebsten

Den Knaller zünden in der einen Hand und mit der anderen sich das Ohr zu halten! Das waren uns die liebsten

Farbenfroh waren die Wunderkerzen auch

Farbenfroh waren die Wunderkerzen auch

Auf den Boden wurden alle Reste der Knaller geschmissen

Auf den Boden wurden alle Reste der Knaller geschmissen

Die Luft war natürlich ganz sauber...

Die Luft war natürlich ganz sauber…

Diesen Jungen konnte ich an dem Abend nicht aufmuntern. Er hat seine Familie vermisst

Diesen Jungen konnte ich an dem Abend nicht aufmuntern. Er hat seine Familie vermisst

Am nächsten Tag kam ein neuer Junge ins Projekt, der sich eine Gesichtshälfte durch einen Knaller komplett verbrannt hat.

Die Verbrennung ist schon gut am Abheilen

Die Verbrennung ist schon gut am Abheilen

Silvester konnte ich also dieses Jahr schon im November feiern!

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Bis Bald, Alinde