Als kleines Kind vergingen die Sommerferien immer viel zu schnell. Gerade noch saß ich mit meinem Zeugnis bei der Eisdiele und durfte so viele Kugeln bestellen, wie ich wollte- im nächsten Augenblick waren die sechs Wochen schon wieder vorbei.

Sechs Wochen. 

Ich glaub‘s selber kaum, doch mein Volontariat hier in Benin geht ab jetzt auch nur noch knapp sechs Wochen. 

Noch einmal Sommerferien…

Ob die Zeit auch so schnell vergehen wird?

38. Woche

„Sommerferien“ heißt es auch für die Kinder hier jetzt. Als ich vom 3/4-Seminar zurückkam, hatten sie ihren letzten Schultag schon hinter sich. Komisch zu wissen, dass ich den Kleinen nie wieder in der Schulpause beim Spielen zusehen oder abends stundenlang Hausaufgabenbetreuung im Klassenzimmer machen werde. Aber eigentlich ist es so besser, da ich so mehr gemeinsame Zeit habe und auch die Vormittage mit ihnen verbringen kann. Und wann hatte ich hier schon eine wirklich geregelte Routine? „Normalen Alltag“ gab es sowieso noch nie und das sollte auch so bleiben: Am Mittwoch spät landete nämlich meine beste Freundin Marie am Flughafen in Cotonou!

Wir hatten über meine Zeit hier immer viel Kontakt, doch ohne hängenden Ton und verzerrtes Videobild zu reden ist nochmal was anderes. Zu merken, wie wenig sich zwischen uns trotz neun Monaten Distanz verändert hatte, hat mich sehr bewegt.

Den nächsten Tag gab es dann viel zu entdecken. Auf einem großen Porto-Novo-Spaziergang zeigte ich Marie die ganzen Orte, die hier für meinen Alltag wichtig geworden sind. Wir schlenderten vorbei an den ganzen Obstständen, Drogerie-und Stoffläden und auch der Supermarkt blieb nicht sicher vor uns. Außerdem absolvierte Marie ihre erste Zem-Fahrt zur Bank. Wie oft ich wohl schon Zem gefahren bin?

Es war so schön zu beobachten, wie interessiert Marie an den Kindern war und umgekehrt. Und wieder einmal spannend, wie gut man sich doch durch mangelnde Französisch-Kenntnisse mit Händen und Füßen unterhalten kann.

Unser Besuch verdoppelte sich dann am nächsten Tag, da meine Teamerin Gesine nach Benin kam und ein paar Tage in meinem Projekt verbrachte. Gesine hat ihr Volontariat damals mit Don Bosco in Ruanda gemacht und mich bei meiner Vorbereitung auf mein Jahr auf den Seminaren mit hilfreichen Tipps begleitet. Auch während unserer gemeinsamen Zeit in Porto-Novo sprachen wir nochmal viel über ihre Erfahrungen damals, Vergleiche und Unterschiede, und eine Menge Geschichten. Wieder einmal ein sehr wertvoller Austausch.

Gesine war dadurch mit dem ausdauernden Party-Leben der Salesianer schon ein bisschen vertraut, Marie allerdings wurde bei ihrer ersten Salesianer-Feier am Freitagabend ziemlich ins kalte Wasser geworfen. Gefeiert wurde der Abschied der Prenovices, die ganze acht Monate mit uns verbracht hatten, und Père Jacques Geburtstag. Mit hübscher Papierdeko sah unsere Dachterasse ganz feierlich aus. Kekse und Schnaps  zum Anfang, dann köstliches Essen vom Buffet. Im Anschluss das Abendprogramm: Musik, Gesang-, Tanz- und Theaterauftritte der Prenovices, berührende Reden (sogar Marie und ich haben für den Direktor zum Geburtstag ein Gedicht geschrieben und vorgetragen), hunderte Gruppenfotos zwischendurch, Geschenke… Am Ende gibt’s Torte und Champagner. Mit 4 Stunden stellte diese Feier längentechnisch einen neuen Rekord auf. 

Die Prenovices fehlen mir sehr. Insgesamt habe ich gar nicht so viel mit ihnen zu tun gehabt, aber das gemeinsame Essen sonntags war immer sehr schön und die aufgeführten Sketche über gemeinsame lustige Momente an dem Abend haben mich sehr berührt. Außerdem war das der Beginn der Abschiedsstimmung, die sich bis heute fortgewährt…

Samstag ist frei und so klapperten Matilde und ich mit den beiden Besuchern mal wieder die touristischen Porto-Novo-Orte ab: Kirche, Mosche, Lagune… Neu für mich war einer der Tempel, durch den wir eine Führung machten und spannende Sachen über die ehemaligen Herrscher Dahomeys lernten. Abgeschlossen haben wir den Tag mit einem gemeinsamen Abendessen in meinem Lieblingsrestaurant.

Am Sonntag besuchten wir morgens die Messe und wurden dann mittags zu einem Geburtstag in einer anderen Gemeinde eingeladen. Eine Feier nach der anderen- Marie und Gesine haben sich echt einen guten Zeitraum für ihren Besuch ausgesucht, um Benin in seiner Spontanität und mein Leben hier in vollen Zügen kennenzulernen. Essen, Musik, Reden, Tanz- und Singauftritte der Prenovices, Geschenke, Fotos…Torte und Champagner war unser Zeichen zum Gehen. Solche Feiern machen müde, doch das hielt uns natürlich nicht davon ab, den Abend mit den Kleinen zu verbringen. 

Marie hat nochmal einen großen Koffer mit gespendeten Spielen aus Deutschland mitgebracht (Danke vor allem an Oma und Opa!!!), die natürlich super bei den Kindern ankamen. Vor allem Domino und Memory sind zur Zeit der Renner, sowie ein neuer Fußball, den ich in Ouidah für sie gekauft hatte. 

Einer meiner Highlights in meinem Alltag hier ist das gemeinsame Essen mit den Kindern sonntagabends auf dem Hof. Marie so neben mir sitzen zu sehen und zu wissen, dass sie diese Erinnerung jetzt mit mir teilen wird, war für mich sehr besonders.

39. Woche

„Ich muss gar nicht viel von Benin sehen, mir geht es darum dich zu sehen“, meinte Marie bevor sie kam und so bestand der Hauptteil unserer gemeinsamen Zeit aus meinem normalen Alltag- nur halt, dass ich nicht mehr alleine war. Morgens spazierten wir durch die Umgebung, gingen einkaufen oder Eis essen, spielten in der Siesta Backgammon bis zum Umfallen, verbrachten die Nachmittage mit den Kindern und abends spielten wir weiter Karten zu zweit, planten Projekte für die Kinder, machten gemütliche Filmabende oder quatschten bis spät in die Nacht… 

Einer meiner Lieblingstage dieser Woche, wenn nicht meines FSJs hier, war der Mittwoch. Arnaud hatte uns am Abend vorher eingeladen, ihn auf eine Projektbesichtigung zu begleiten. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Schule für taubstumme Kinder, die auf dem Gelände im Anschluss Möglichkeiten zu einer Ausbildung haben (Schneider*in oder Friseur*in beispielsweise). Marie und ich können beide ein paar Basics auf Gebärdensprache und sind generell sehr interessiert an dem Thema, wodurch es für uns umso cooler war, mehr (und vor allem in einem Land/einer Kultur wie hier) darüber zu lernen. Die verschiedenen Gebärden für ein Wort unterscheiden sich in jeder Sprache, so lernten wir erstmal ein paar französische Gebärden, bevor wir uns in den drei Klassen der Schule bei den Kindern vorstellen konnten. 

In Gebärdensprache gibt es zwar für jeden Buchstaben eine Gebärde, trotzdem buchstabiert man selten beim Nennen eines Namens diesen ganz aus. Stattdessen formten die Kinder den Anfangsbuchstaben ihres Namens und machten dann mit diesem eine Bewegung, die ein starkes Merkmal symbolisiert. Ein Junge wurde uns von der Lehrerin zum Beispiel als Emmanuel vorgestellt. Er machte also die Gebärde des Buchstaben „E“s und dann eine kreisförmige Bewegung, weil er „so ein rundes Gesicht“ habe.

Danach saßen wir noch lange mit der Lehrerin in ihrem Büro und durften sie mit Fragen löchern, was ich mir nicht zwei Mal sagen lassen musste. Besonders interessiert hat mich die Zukunft der Kinder. Studieren sei unmöglich für diese Kinder, sagte sie. Die Ausbildungsmöglichkeiten vor Ort seien quasi alles, was den Kindern beruflich zur Wahl stünde. Besonders schockiert hat mich, dass es nur 11 solcher Schulen in ganz Benin (!) gibt. Das bedingt, dass die Kinder einen ewig weiten Schulweg haben. Manche kämen sogar aus Ouidah (über 2h entfernt) und würden vor Ort ohne ihre Eltern unter der Woche übernachten müssen. 

Außerdem sprachen wir darüber, dass die Eltern der Kinder meist keine Gebärdensprache können und wie sich das auf die Kinder auswirkt, über den persönlichen Werdegang der Lehrerin, die Finanzierung des Projektes und vieles mehr…

Zum Abschluss sangen uns die Kinder noch die beninische Nationalhymne auf Gebärdensprache vor.

Wir verließen das Gebäude teils bedrückt darüber, wie wenig Integration diese Kinder aufgrund der Armut des Landes erfahren werden, teils glücklich darüber, wie schön es ist, dass solche Projekte überhaupt existieren.

Als wäre das nicht schon genug gewesen, fuhr Arnaud  auf dem Rückweg nochmal mit dem Auto am Riviere Noir vorbei- eine schöne Gelegenheit für Marie und Gesine diesen auch nochmal sehen zu können.

Abends wollten wir, wie gewohnt, mit den Kindern spielen, wurden jedoch durch die Regenzeit von einem schlagartigen Schauer überrascht. Erst wollten wir hochgehen, doch da Marie von der Intensität des tropischen Regens fasziniert war, sprang sie freudig durch die Pfützen. Marie hat einen Knall. Aber dann ist mir eingefallen, dass ich den gleichen Knall habe und so ließen wir uns die schweren Tropfen aufs Gesicht prasseln und beobachteten, wie in Sekundenschnelle alles nass wurde. Mit kleinen Plastiktischen als Regenschirme auf dem Rücken, wie kleine Schildkröten, trauten sich die ersten Kinder mit großen Augen unter dem Dach hervor- nach kurzer Zeit war aber eh alles nass- und dann war es auch egal: Immer mehr Kinder hüpften durch die Pfützen, es wurde wild getanzt und fangen gespielt- manche Kinder holten sogar noch schnell ihre Badehosen. „Marlène, regardes-moi!“, rief eine Stimme unter mir. Eines der Kinder lag bäuchlings in einer Pfütze und machte die Schwimmbewegungen, die er in den Osterferien bei mir gelernt hatte.

Noch heute reden die Kinder davon, wie viel Spaß sie an diesem Tag hatten.

Passend zu Beginn der WM hatte ich mir ein Projekt für die Kinder für den Donnerstag ausgedacht: alle Flaggen der qualifizierten Länder malen! Es hat sehr gut geklappt und die Bilder hängen jetzt gegenüber vom Fernsehraum. Abends habe ich dort mit den Kindern an diesem Abend noch einen Filmabend gemacht.

Übers Wochenende sind Marie und ich dann nach Cotonou gefahren. Das Einchecken ins Hostel war komplizierter und länger (3h) als gedacht, weil niemand auf die Idee kam, die Adresse auf der Website anzugeben, bzw. die falsche und auch die Telefonnummer praktischerweise  nicht vergeben war. Mit der Hilfe von gefühlt halb Cotonou hat dann aber doch irgendwie alles geklappt und es war mal wieder eine wunderbare Gelegenheit meine hier erlernte Geduld anzuwenden. „Irgendwie klappt ja dann immer alles“.

Zum Entspannen haben wir dann den halben Super U leergekauft und waren lecker essen. Von unserem Hostel aus machten wir dann abends einen großen Spaziergang zu dem Don Bosco Foyer, in dem Maria und Leonie, zwei andere Freiwillige, wohnen. Hier trafen wir noch auf zwei weitere Freiwillige, sowie Gesine, die schon ein paar Tage Cotonou hinter sich hatte. Auf dem Gelände war so einiges los- an diesem Abend war eine Art „Abiball“ der Schüler*innen der Schule dort. Lauter schick gemachte Jugendliche, eine Menge Essensstände und eine Bühne mit beeindruckenden DJs und Tänzern…

Lange blieben wir allerdings nicht, da wir am nächsten Tag große Pläne hatten.

Ich hatte Marie zu ihrem 18. Geburtstag vor ein paar Wochen geschenkt, dass wir gemeinsam surfen gehen und so fuhren wir am Samstag früh morgens an den Strand. Eine kurze Einführung später, lagen wir bäuchlings auf unseren Brettern und paddelten den schäumenden Wellen entgegen. Dafür, dass es für uns beide das erste Mal war, haben wir uns gar nicht so schlecht angestellt und wenn eine Welle mal richtig Kraft hatte, hat es sehr viel Spaß gemacht. Das Einschätzen der Wellen und des perfekten Momentes zum Paddeln, fand ich dabei tatsächlich schwerer, als das eigentliche Aufstehen und Surfen. 

Nach zwei Stunden schwammen wir erschöpft zurück an den Strand, an dem Marie und ich dann noch den ganzen Nachmittag verbrachten. Schwimmen, dösen, Musik, Backgammon, Stadt-Land-Fluss, quatschen…

„Ich gehe heute Abend mit einem Freund was essen, wollt ihr mitkommen?“, schrieb Gael. Gael ist ein Franzose, den wir beim Surfen kennengelernt hatte. Gael ist 43. „Ja klar, wieso nicht?“.

So saßen wir abends mit ihm und seinen Freunden in einem teuren Restaurant und unterhielten uns nett. Wie sich herausstellte, aßen wir mit der halben Belegschaft der französischen Botschaft zu Abend, wobei Gael der Chefkoch des Botschafters höchstpersönlich ist. Die Gruppe war super nett, interessiert, humorvoll und vor allem großzügig wenns um die Rechnungen ging…

Anschließend sind wir noch gemeinsam mit dem Auto in den „Lizzard King“ gefahren, eine unfassbar coole Jazzbar. Die Band spielte auf einem alten Flugzeug IN der Bar, performte einen 80s Song nach dem nächsten und war dabei so energiereich, dass man nur beim Zusehen gute Laune bekam. Da konnten wir natürlich nicht still sitzen bleiben und tanzten bis uns die Füße wehtaten.

Entsprechend lange schliefen wir am nächsten Tag und trafen uns dann mit Edwin, einem anderen Freiwilligen, zum Kaffe trinken und Kartenspielen.

Da es die ganze Zeit regnete, war unser Plan vom Strandtag gestorben und so zogen wir abends direkt weiter in die Code-Bar, um das legendäre Deutschlandspiel gegen Curaçao zu sehen. 

Es war so schön zu dritt, dass wir sogar die Zeit aus dem Auge verloren und tatsächlich den letzten Bus nach Porto-Novo verpassten. „Irgendwie klappt schon immer alles“, erinnerte ich mich und ließ nicht locker. „Gibt’s da nicht noch irgendeine Möglichkeit?“, frage ich die Frau von der Busstation, die schon sichtlich genervt war. 

Als wir zufrieden nebeneinander im Shuttle für die letzten Mitarbeiter nach Porto-Novo saßen, mussten wir beide grinsen. Normal is ja auch langweilig.

Zu Hause angekommen wurden wir stürmisch von den Kleinen begrüßt und hörten, trotz der späten Uhrzeit, noch mit den Kindern deutsche Musik und tanzten, bis sie ins Bett geschickt wurden.

Da der Blog hier sonst zu lange wird und ihr mir vom Lesen ja nicht müde werdet, teile ich ihn hier einmal in der Hälfte. Im nächsten Teil erzähle ich von weiteren Cotonou-Erlebnissen, meiner Abschiedsfeier und auch Marie hat ein paar Worte für euch geschrieben!

Bleibt gespannt, bis gleich und fühlt euch gedrückt!

Marlene