Von Marlene bis Benin

Fufu und Fernweh

Weihnachtszeit bei 30 Grad

Joyeux Noël et bonne année à tous !

Jedes mal, wenn ich einen neuen Blogeintrag beginne, lese ich mir meinen vorherigen durch, um zu wissen, wo ich in meiner Geschichte hier stehengeblieben bin. Dabei fällt mir immer erst auf, wie viel hier denn eigentlich doch passiert. Also kommt hier für euch die Schilderung meines Dezembers, so detailliert, wie es mein Gedächtnis hergibt…

Die elfte Woche haben Matilde und ich in Porto-Novo verbracht: Kaffe trinken gehen, den Musikunterricht der Kinder begleitet, Chorprobe, Messe am Sonntag. Leise zischte das Streichholz, als die erste Kerze auf dem Altar angezündet wurde. 1. Advent, Beginn der Weihnachtszeit. Leise und übertönt von den unzähligen Ventilatoren in der Kirche, um die Messe bei den 30 Grad hier erträglich zu machen. Die 30 Grad, die unsere Weihnachtsstimmung hier maßgeblich übertönten. 

Zum Mittagessen wurden wir auf eine Adventsfeier in einer Gemeinde in der Nachbarschaft eingeladen. Tanzen, essen, singen…

Woche 12:

So oft, wie in der 12. Woche, waren wir bisher noch nie in Cotonou. Montags waren wir dort mit ein paar anderen Freiwilligen zum Kaffetrinken verabredet und auch ein Einkauf im Supermarkt war nötig. Und am Dienstag waren wir in der Post, um ein Paket meiner Familie abzuholen.

Mittwochs haben wir tagsüber der Köchin der Kinder beim Bohnensortieren geholfen und sind mit Arnaud zum Rathaus in Porto-Novo gefahren, da wir uns langsam um unser Visum kümmern mussten.

Dort wurde uns allerdings gesagt, dass wir für die benötigten Dokumente nach Cotonou fahren müssten und so waren wir am Donnerstag schon wieder dort. Das mit dem Visum stellte sich leider als komplizierter heraus, als gedacht. Da uns nämlich immer noch bestimmte Dokumente fehlten, kamen wir an dem Tag nicht weit und Arnaud beschloss kurzerhand uns eine kleine Cotonou-Führung zu geben. Wir besichtigten eine Kirche, eine Bücherei und eine beeindruckende Markthalle. Danach waren wir noch gemeinsam essen und kurz am Strand bevor wir wieder nach Hause fuhren. Es ist schön jemanden wie Arnaud hier zu haben, der uns bei Sachen, wie dem Visum, hilft. Jemanden wie Arnaud, mit dem es immer witzig ist und der sich in der Schlange vorm Immigrationsbüro kichernd sein Messe-Gewand überwirft, weil „man so schneller rankommt“. Jemanden wie Arnaud, der uns Orte zeigt, die wir ohne ihn wahrscheinlich niemals entdeckt hätten. 

Am Freitag haben wir unsere Freunde in Calavi besucht, gemeinsam zu abendgegessen und die Nacht im Club am Strand verbracht. Wenn beim Einschlafen um 7 Uhr die Vögel vergnügt zwitschern und die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster strahlen, dann war der Abend gut. 

Den nächsten Morgen haben wir dafür genutzt Calavi ein wenig zu erkunden und haben dabei einen sehr süßen Obstladen entdeckt. Bevor es für uns wieder nach Porto-Novo ging waren wir noch essen und am Strand. Und wer von euch war an Nikolaus so bei 30 Grad im Meer? 

Sonntags waren wir, wie immer, in der Messe, mittags bei den Kindern und abends beim gemeinsamen Abendessen.

Woche 13:

Die Woche darauf startete leider weniger gut, da Matilde am Montag mit einer schönen Mandelentzündung aufwachte. So bestand der erste Teil der Woche aus Krankenhausbesuchen mit Matilde, Sachen für meine kranke Mausi einzukaufen und abends mit den Kindern sehr ausdauernd UNO zu spielen- bevor es mich am Mittwoch dann selber erwischt hat. Mit dicken Lymphknoten hat der weitere Ausflug nach Cotonou wegen des Visums am Freitag nur halb so viel Spaß gemacht, aber wenigstens hat das Beantragen jetzt geklappt. Außerdem hat uns Ida begleitet. Ida ist die Nichte von Arnaud, die die Woche über in der Communité zu Besuch war und mit der wir uns sehr gut verstanden haben. „Morgen kommt deine Cousine“, hatte Arnaud ihren Besuch angekündigt gehabt, was mich kurz verwirrt hatte- aber klar: die Nichte eines Pères ist für uns unsere Cousine. Ida kommt aus dem Norden Benins und macht dort gerade ihren Master in Jura. Außerdem ist sie sehr aufmerksam und kreativ und schenkte Matilde und mir selbstgehäkelte Schals gegen unsere Halsschmerzen. Vielleicht besuchen wir sie ja irgendwann nochmal in Parakou.

Am Samstag habe ich wieder einmal bei dem Musik/Tanzunterricht der Kinder mitgemacht und den Sonntag, an dem die Köchin nicht da ist, haben Matilde und ich genutzt um ein paar Sachen in der Küche zu machen. 

Das gemeinsame Essen mit den Kindern jeden Sonntagabend war an diesem Tag außerdem eine gute Gelegenheit, die deutsche Nikolaus-Tradition nochmal aufzugreifen. Da wir am eigentlichen Nikolaustag ja in Calavi und die folgende Woche krank waren, ist der Nikolaustag für die beninischen Kinder von DonBosco nun ab jetzt der 14. Dezember. Nachdem die Kinder alle ruhig waren, erzählten wir ihnen die Geschichte vom Nikolaus und warum man in Deutschland abends die Schuhe vor die Tür stellt. Und wir erzählten ihnen, dass wenn sie heute ihre Schlappen über Nacht draußen lassen würden- ganz vielleicht der Nikolaus kommen würde. Es war süß zu beobachten, wie aufgeregt die kleinen Kinder durch die Gegend hüpften und wie skeptisch die etwas älteren uns mit Fragen zum Nikolaus durchlöcherten. 

Da die Kinder abends immer noch ewig lange wach sind und Matilde und ich eigentlich vor Müdigkeit schon nicht mehr geradeaus gucken konnten, hielten wir uns eingekuschelt in meinem Bett mit einem Weihnachtsfilm nach dem anderen wach, bis es draußen um circa halb eins ganz ruhig war. Bepackt mit Lachgummis und Haribos schlichen wir durch die Gänge, in der Hoffnung, dass uns weder der nicht informierte, bewaffnete Nachtwächter, noch eines der Kinder erwischte. 

So gestresst war ich lange nicht mehr- Ich hoffe der Nikolaus wird gut bezahlt.

Zum Glück ging jedoch alles gut und unser gespieltes Staunen war groß, als die Kinder am nächsten Tag von ihren Geschenken vom Nikolaus erzählten.

Woche 14:

In der 14. Woche ging es uns gesundheitlich endlich wieder richtig gut und wir konnten die Woche nutzen wieder richtig zu arbeiten: morgens der Köchin oder dem Gärtner zu helfen, die Schulpause mit den Kindern zu verbringen, sowie die Nachmittage. 

Am Montag hat uns Jean, der Gärtner, gezeigt, wie Erdnüsse wachsen und wie man sie erntet. 

Zum Mittagessen waren wir in einer anderen DonBosco-Gemeinde, in der ein spanischer Salesianer namens Rapha seinen Geburtstag feierte und abends hat uns der Fußballtrainer der Kinder zu einem Spaziergang zum Fischmarkt Porto-Novos eingeladen und uns außerdem das Gebäude der beninischen Fußball-Nationalmannschaft gezeigt. Dabei hat er uns einige interessante Dinge über die Stadt und die Umgebung erzählt- wie es hier aussah, als er nach Porto-Novo gezogen ist, wie neu die ganzen Straßen hier sein und vieles mehr. 

Am Dienstag haben wir geholfen im Garten Palmblätter kleinzuschneiden und am Mittwoch in der Küche beim Gemüse schneiden. Außerdem wurde in der Woche fleißig das Gelände weihnachtlich geschmückt- zumindest so, wie es in Benin nunmal als weihnachtlich empfunden wird. Zwischen buntblinkenden Lichterketten und leuchtenden Diskokugeln wurde in die Bäume so ziemlich alles gehängt, was im Lager so zu finden war. Vor allem die orangenen aufblasbaren Schwimmhilfen mit Werbung zur Nikotinsuchtbekämpfung fanden Matilde und ich sehr amüsant.

Den Samstag haben wir mit zwei anderen Freiwilligen aus Porto-Novo im Schwimmbad verbracht und den Abend in einem Restaurant mit Kartenspielen ausklingen lassen. 

Und der Sonntag zeigte uns, dass man die Spontanität Benins nicht unterschätzen sollte. Als Arnaud uns nach dem Mittagessen fragte, ob wir wieder mit ihm spazieren gehen wollen, sagten wir zu- als er allerdings dann das Auto holen ging waren wir ein wenig verwirrt. Und als dann auf halber Strecke noch zwei weitere Beniner dazustiegen, fragten wir, wohin wir denn fahren würden. „Ich muss noch ein Grundstück segnen“, antwortete Arnaud. Klar. Was man sonntags halt so macht. Vier Löcher in die Erde buddeln, auf die später das Haus kommt. In jedes Loch eine Prise gesegnetes Salz aus einer Brotdose, ein Schluck Wasser aus einer Plastikflasche aus dem Späti nebenan und ein paar silberne Maria-Statuen und Kreuze aus irgendeinem Souvenirshop. Dann irgendwas aus der Bibel lesen und der Hausbau kann beginnen. Falls das jemand von euch nachmachen will. War jedenfalls auch mal eine Erfahrung.

Als Arnaud uns auf dem Heimweg noch eine Kirche zeigen wollte, haben wir zufällig andere Freiwillige aus Cotonou getroffen, die das Wochenende in Porto-Novo verbrachten. Nachdem wir etwas gegessen hatten und dabei von einer Gruppe beninischer Straßenkinder eine traditionelle weihnachtliche Tanzshow bekommen haben, beschloss Arnaud kurzerhand alle 6 Freiwillige in sein Auto zu quetschen und noch eine spontane Porto-Novo-Tour einzulegen. So brachte er uns an einen versteckten Steg an der Lagune, an dem wir den Sonnenuntergang beobachten konnten. Außerdem fuhren wir zu der Kirche, in der damals der Chorwettbewerb stattfand und zu dem Biergarten, in dem wir in unserer allerersten Woche hier in Benin mit allen Pères waren. Es war ein besonderes Gefühl nochmal an diese Orte zu kommen. Zu wissen, wie lange unsere Ankunft hier nun schon her ist. Wie viel wir schon erlebt haben. Und wie gut wir uns mittlerweile doch schon in unserer Stadt hier auskennen.

Woche 15:

Die Kinder hatten nun Weihnachtsferien. Zwei Wochen. Für die Einrichtung hieß das also Programm ohne Ende. So gab es über die zwei Ferienwochen jeden Tag Fußball-/Hand-/Basketball-Turniere auf dem Gelände. 

Begonnen hat die Woche mit dem offiziellen „Tag der beninischen Kinder“- dem 22.12. Das Gelände war voller Kinder, die für den Tag auf unser Gelände kamen im zu feiern. Es gab ein Quiz mit Fragen über die Kinderrechte, Benin und Porto-Novo und Süßigkeiten als Preis. Es wurde gegessen, gesungen und getanzt. Wie stolze Mütter saßen wir in der letzten Reihe und applaudierten kräftig, als „unsere“ Kinder, die Jungs aus dem Internat, ganz aufgeregt die beiden eingeübten Lieder und Tänze dazu aufführten, die sie so lange geprobt hatten.

Am Mittwoch war dann Heilig Abend- für Matilde und mich ein besonderer Tag, für die Beniner eher weniger, da Weihnachten hier erst am 25. gefeiert wird. Tagsüber war ich mit den Kindern auf dem Hof- dekorieren, Karten Spielen- bis unserer Freunde aus Calavi ankamen.

Als wir auf unserer Dachterasse die Kerzen des Adventskranzes, den meine Mutter mir in das Paket gepackt hatte, anzündeten, Weihnachtsmusik hörten und uns unsere Wichtelgeschenke überreichten, war ich tatsächlich für ganze 15 Minuten des Dezembers in Weihnachtsstimmung.

Dann war es Zeit für die Messe. Es war voll und heiß, aber als der Kirchenchor anfing „Hört der Engel helle Lieder“ auf Französisch zu singen und beim „Gloria“ die ganze Gemeinde mitsang und tanzte- das war schön. Weniger schön war die kleine krumme Puppe, die das Jesuskind darstellen sollte und von Père Arnaud durch die Kirche, nach vorne getragen und in die Krippe gelegt werden sollte. Auf seinen Einsatz wartend warf er uns verstohlen Blicke in die letzte Reihe zu, um einen Lachanfall aufgrund der Hässlichkeit dieser Puppe zu unterdrücken. Die Krippe war sehr groß und mit einem riesigen „Stern über Betlehem“ versehen, der mit, für Epileptiker nahezu lebensgefährlich, schnell blinkenden Lichterketten verziert war. Bei diesem Rot-Blau-Grün-Lichterterror hätte ich als Hirtin den Stall auch ohne den Engel Gabriel gefunden. Vermutlich weil ich mich entweder wegen Erblindungsgefahr beschwert hätte oder die Geburt Jesu mit einem Rave verwechselt hätte. Man weiß ja nicht, wie Maria und Joseph damals gefeiert haben. Vielleicht wurden Jesus‘ Rave-Danceskills auch nur einfach nicht mit in die Bibelgeschichte aufgenommen.

Oder Beniner haben einfach ein komisches Verständnis von Weihnachtsdeko. Die Messe war jedenfalls schön.

Bis spät nachts waren wir noch mit den Kindern auf dem Hof. Über die Musikanlage schallte ein Weihnachtslied nach dem anderen, die Kinder tanzten ausgelassen, spielten fangen…

Zwischendurch konnte ich ebenfalls kurz mit meiner Familie zu telefonieren. Es war alles wie immer: der Tannenbaum steht an der gleichen Stelle wie immer, es gibt das gleiche Essen wie immer, und man geht in die gleiche Kirche wie immer. Mein Papa bekommt, wie jedes Jahr, ein Paar Socken von meiner Mama und freut sich wahnsinnig darüber, meine Mama bekommt, wie jedes Jahr, ein Wellness-Gutschein, der noch ewig zu Hause am Kühlschrank hängt bevor er eingelöst wird, und verschenkt, wie jedes Jahr, ein Kartenspiel für die Familie, das den Rest der Ferien ohne Ende gespielt wird und dann wieder für ein halbes Jahr in Vergessenheit gerät. Alles wie immer. Und es ist jedes Jahr wunderschön. Und es ist schön, dass es jedes Jahr ist, wie es jedes Jahr ist und dass alles immer ist, wie es immer ist. Natürlich wäre ich gerne in Deutschland gewesen, aber ich glaube, es war auch mal gut so ein anderes Weihnachten zu erleben. Kein Weihnachtsessen, keine Plätzchen, keine Geschenke. Zu hinterfragen, worum es an Weihnachten eigentlich geht. Das Fest der Liebe. Die Liebe zu meinen Menschen zu Hause, die nicht weg sind, sondern nur den ein oder anderen Kilometer entfernt. Die Liebe zur Tradition, das an Weihnachten eben alles immer ist, wie es jedes Jahr ist. Aber auch die Liebe zur Neugier, Neues Kennenzulernen, Neues zu entdecken und zur Mut auch einfach mal alles ganz anders zu machen.

Am nächsten Morgen war die Festtagsstimmung dann auch auf dem Gelände endgültig angekommen. Nach der Messe um 9 Uhr stand „Caravanne“ auf unserem Programmzettel. Ahnungslos liefen Matilde und ich den Jungs hinterher, aus der Kirche auf die Straße. An Weihnachten scheint es in Porto-Novo die Tradition zu geben, einen großen Weihnachts-Umzug zu machen, wie es wir Deutschen von Karneval oder Demos kennen. Mit großen Trommeln, Tröten und Posaunen zogen wir durch die Straßen- je lauter desto besser, hieß es anscheinend. Von außen sicher ein sehr lustiger Anblick, vor allem, da unsere Schneiderei den Dezember über fleißig an einheitlicher Festtagskleidung für jeden einzelnen gearbeitet hatte. Durch den Schnitt unserer Kleider und die Farbe des Stoffes sahen Matilde und ich ein bisschen aus, wie Tannenbäume, aber passt ja wenigstens zu Weihnachten. 

Wieder auf dem Gelände angekommen gab es eine Runde Gruppenfotos und dann einen biblischen Animationsfilm für die Kinder, dessen Handlung ich genau so wenig nachvollziehen konnte, wie die Unmengen an Chilli, die in das Weihnachtsessen am Mittag eingekocht wurden. Während des Essens gab es wieder Moderation, Kinder, die etwas vorgetanzt haben, Musik…

Nachmittags waren wir auf dem Steg an der Lagune zum Kartenspielen und Sonnenuntergang angucken und haben dann abends in dem Biergarten Burger gegessen, bevor unsere Freunde mit dem Bus wieder zurück nach Calavi gefahren sind.

Ein langer Abschied war dies allerdings jedoch nicht, da wir zwei Tage Später wieder nach Cotonou gefahren sind. Dort fand nämlich am Wochenende des 27/28.12 das „Weloveya“-Festival statt, für das wir Karten kaufen konnten (15€ für zwei Tage Festival und insgesamt 40 Künstler*innen). Nach Matildes und meinen deutschen Festival-Erfahrungen sind wir also früh morgens aus Porto-Novo los gefahren, mit der Erwartung, mit einer Ankunft von drei Stunden vor dem Einlass irgendwo in der Mitte der Schlange zu landen. Dass um 13 Uhr das Festivalgelände noch gar nicht fertig aufgebaut war- hier noch Schilder gesprayt wurden, da die Stände ihre Grills aufbauten und von einer Schlange natürlich weit und breit nichts zu sehen war- damit hatten wir nicht gerechnet. So schlugen wir unsere Zeit mit Kartenspielen und Mittagsschlaf auf der Wiese tot und auch die bis dahin aufgebauten Essensstände blieben vor uns nicht sicher. Um 19 Uhr- ganze 6h später- hatten wir es durch den Einlass geschafft und uns relativ weit vorne gute Plätze sichern können. Und um 23 Uhr- mit einer beachtlichen Verspätung von 5h- stand dann der erste Künstler auf der Bühne. 50.000 Leute sind heute hier, verkündete der Moderator und die Drohnenaufnahmen dieser Menschenmasse auf dem Bildschirm neben der Bühne war beeindruckend. Und wir ganz vorne, zwischen den aufgedrehten beninischen Fans, die jeden Künstler kannten, jedes Lied, jede Lyrics. Ich kannte einen Künstler. Drei Lieder. Nach GIMS Auftritt war es 5 Uhr und wir beschlossen nach Hause zu fahren, da uns die 20 Stunden wach sein und 17 Stunden davon auf dem Festivalgelände ziemlich gut müde gemacht hatten.

Am nächsten Morgen sind wir kurz aufgestanden um etwas zu essen und beim monatlichen Zoommeeting mit den anderen DonBosco-Freiwilligen teilzunehmen- haben aber im Grunde bis 19 Uhr geschlafen- fit für die nächste Runde! 

Um 7 Uhr wurde das Festival mit einem spektakulären Feuerwerk beendet. Genauso spektakulär war es, dass wir gegen 8 tatsächlich ein Zem fanden, dass uns nach Calavi, in die WG fuhr. In Cotonou gibt es zwar wahnsinnig viele Zems, nur eben keine 50.000 für die 50.000 Menschen, die alle gleichzeitig nach Hause wollten. Um 8.30 Uhr angekommen stand die Sonne schon hoch am Himmel und so beschlossen wir, unserem Schlafrhytmus zu liebe, direkt zurück nach Porto-Novo zu fahren. Einen Stop bei der Post und beim Supermarkt und der zweistündigen Busfahrt später waren wir also mittags wieder zu Hause, wo uns die ausgeschlafenen Kinder stürmisch begrüßten.

Insgesamt war das Festival sehr aufregend. Selbst wenn ich nicht so viel mit den Künstler*innen anfangen konnte, war die Atmosphäre sehr besonders. Die tanzenden Menschen in den bunten Lichtern, der Geruch von dem verschiedensten Essen in der nächtlichen Hitze und mittendrin die riesige Amazone-Statue unter dem Sternenhimmel.

Woche 16:

Entsprechend der letzten Tage wurden die letzten Tage des Jahres ordentlich zum Ausruhen und Genießen der Ferien genutzt- Wäsche waschen, Aufräumen, Putzen, und… schon wieder Taschen packen. An den extrem kirchlich geprägten Alltag habe ich mich langsam gewöhnt, an Silvester um 00 Uhr jedoch in der Messe zu sein, reizte uns allerdings weniger und so sind wir mittags zu unseren Freunden nach Calavi gefahren. Abends haben wir Essen bestellt und ein Krimidinner gespielt, was (besonders als Mörderin) sehr Spaß macht und sind dann an den Strand gefahren. 

10,9,8… Der Sekundenzeiger wanderte der vollen Stunde immer näher

7,6,5… Schnell noch das Tshirt ausziehen und die Bikinischleife zuknoten

4,3,2… Haare hoch und Schmuck aus

1,0… Über den heißen Sand rennen und sich in die brausenden, pechschwarzen Wellen stürzen.

„Frohes neues“, Umarmungen, Untertauchen.

In der Ferne blitzte das zentrale Feuerwerk Cotonous bunt am Himmel.

Frohes neues.

Und damit war 2025 Vergangenheit.

Das Jahr, in dem so viel passiert ist. So viel geendet und so viel Neues begonnen. Das Jahr, in dem mein Abenteuer hier begann. Das letzte Jahr, in dem ich noch Kind war. Und jetzt wohne ich am anderen Ende der Welt. Das Leben ist manchmal verrückt.

Die Tage nach Silvester haben wir in Calavi und Cotonou verbracht: Essen gehen, Umgebung erkunden, auf dem Dantokpa-Markt shoppen und auf der Hausparty einer anderen Freiwilligen Karaoke singen…

Woche 17:

Damit waren die Ferien vorbei und bis Mittwoch ging unser gewohnter Alltag weiter. Zurzeit läuft der Fußball-Afrika-Cup, der hier natürlich gespannt verfolgt wurde. Benin und Fußball ist jedoch leider so eine Sache. Nachdem die Beniner letzte Woche schon 3:0 vom Senegal zerlegt wurden, war am Montag Ägypten dran. Als Benin in der 80. Minute das ausgleichende 1:1 schoss, rannten die Kinder schreiend über den Hof und waren außer sich vor Freude. Dass Benin in den letzten zwei Minuten noch zwei Gegentore kassierte und damit endgültig ausgeschieden ist, bekamen die Kinder schon nicht mehr mit, da es Zeit zu essen war.

Vom 8.-10.1 finden in Benin die „Vodoun-Days“ in Ouidah statt. Das Event, für das Benin bekannt ist. 

„Vodun heißt „Gott“ oder „Geist“ und ist zur Bezeichnung der Religion geworden. […] Der Vodun ist ein Heilungskult, der das Gleichgewicht zwischen Göttern, Menschen und Ahnen aufrechterhalten oder wiederherstellen will.

(https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/voodoo-eine-globalisierte-religion/)

Mit dem falschen Bild von „Nagelpuppen und Zombies“ hat Voodoo übrigens nichts zu tun.

„Es gibt einen Schöpfergott, mit dem man jedoch nicht kommunizieren kann. Stattdessen ist das mit seinen Kindern möglich. Mehr als 400 sollen es sein.“

(https://www.deutschlandfunk.de/voodoo-in-benin-ein-grosses-fest-fuer-eine-alte-religion-100.html)

Jeder dieser Götter hat eine bestimmte Bedeutung. 

„Donnergott Hevioso soll beispielsweise Die­b*in­nen und Lüg­ne­r*in­nen verjagen. Ogun gilt als Gott der Metallbearbeitung. In Zeremonien hat jede Gottheit eigene Gesänge und Trommelklänge und für Opfergaben ganz besondere Vorlieben.“

(https://taz.de/Voodoo-im-westafrikanischen-Benin/!5906493/)

Seit 1997 sind diese Tage übrigens offizielle Feiertage, an denen die Kinder schulfrei haben.

Wer mehr über diese Religion lesen will, dem empfehle ich diese drei Artikel im Übrigen sehr!

Für uns ging es jedenfalls am Donnerstag nach Cotonou, wo wir uns mit anderen Freiwilligen und Père Arnaud getroffen haben, und von dort aus an den Strand von Ouidah gefahren sind, an dem abends immer Programm stattfand. Es gab verschiedenste Essens- und Merchstände, eine riesige Bühne, bekannte, dort auftretende Künstler*innen und eine Menge Leute. 

Das Festival zieht eine Menge Touristen an und bedingt, dass alle Hotels und Restaurants in Ouidah schon lange im Voraus ausgebucht sind. Außerdem bedingt das, dass die Straßen nach Ouidah nachts komplett überfüllt waren und wir so spontan in der WG in Calavi geschlafen haben. 

In der ganzen Stadt Ouidah fanden an verschiedenen Orten verteilt Shows, Opfergaben oder Ähnliches statt. Nachdem wir am Freitag unser Auto geparkt hatten und mit einem Bus-Shuttle ins Zentrum gefahren sind, haben wir uns die Show des Gottes „Zangbéto angesehen. Zangbéto ist der Gott der Nacht. Mit Heuhaufen-ähnlichen Kostümen wirbeln die „Götter“ über den Platz und verscheuchen somit Diebe und Hexen. Die Kostüme und die Atmosphäre waren beeindruckend. Auch dem Gott Egungun konnten wir beim Tanzen zusehen, bevor wir nach dem Mittagessen zum Strand gefahren sind. Dort fand auf der Bühne die traditionelle Voodoo-Zeremonie statt. Außerdem konnte man Tischtennis und Tischkicker spielen, am Strand liegen…

Mit dem Auto sind wir dann nach Comé gefahren- ein Ort, westlich von Ouidah, indem Arnauds Cousine wohnt und wo wir die Nacht schlafen durften. Die Fahrt war ziemlich nervenaufreibend durch die Dunkelheit, das nicht richtig funktionierende Autolicht und die vielen Hügel auf der schlechten Straße (genau 26, wie Arnaud am nächsten Tag erzählte, der alleine auf seinem Moto vorausfahrend anscheinend ziemlich viel Langeweile hatte). Das Haus war einfach, weder Internet noch Wasser, aber mit unseren Luftmatratzen hatten wir alles was wir brauchten.

Die Gastfreundschaft der Beniner ist bemerkenswert. So gab es für jeden am nächsten Morgen einen großen Teller Spagetti und Omlette zum Frühstück, bevor es wieder zuerst in die Stadt und nach der Show des Gottes „Hounvé“ wieder an den Strand ging. Zum krönenden Abschluss des Festivals sind am letzten Tag nochmal alle „Götter“ in der Arena aufgetreten, die man an den vorherigen Tagen in der Stadt sehen konnte. Zudem gab es eine beeindruckende Trommelshow, Akrobaten, Moderation… Auch der aktuelle Präsident Talon, der uns schräg gegenüber saß, hat sich das Spektakel nicht entgehen lassen.

Besonders gut haben mir die handgemachten Pailetten-Stoffe einiger Kostüme gefallen, die mit ihren Tiermotiven und leuchtenden Farben beim schnellen Drehen eine spektakuläre Wirkung hatten. 

Die letzte Nacht des Wochenendes haben Matilde und ich bei Arnauds Eltern in Cotonou schlafen dürfen. Beim gemeinsamen Abendessen ging es um die anstehenden Wahlen am nächsten Tag. Der aktuelle Staatspräsident Patrice Talon regiert seit 2016 und wird bei den neuen Wahlen nicht mehr kandidieren. „Pour moi, il était bon“ sagt Arnaud, der ihn demnach sehr schätzte. Er habe sowohl die Digitalisierung, als auch den Tourismus und die Infrastruktur des Landes gestärkt, so Arnaud. Die nächste Zeit wird politisch also spannend.

Ich mag das Haus von Arnauds Eltern sehr gerne. Es ist riesig und läd fast zum Drin-Verlaufen ein. Außerdem zeigte uns Arnaud uns, dass man auf das Dach des Hauses kann, von dem man eine unglaubliche Aussicht über die Lichter des dunklen, aber nie schlafenden Cotonous hat. Vor allem aber ist das Haus immer gefüllt mit Menschen, Freundlichkeit und Gelächter. Als wir am Frühstückstisch saßen, schlüpften ab und zu ein paar Kinder, Neffen von Arnaud, hinter dem Vorhang zum Wohnzimmer hervor, stibitzen sich ein paar Stücke Fleisch vom Tisch und glucksten vergnügt, als wir sie dabei beobachteten. Während auf der Couch ferngesehen wird, in der Küche gekocht und im Hof gespielt wird, saßen wir- mittendrin. Als würden wir ein Teil dieser Familie sein und ganz normal frühstücken. Ein paar andere Freiwillige hier in Benin von der Organisation „Experiment“ wohnen in Gastfamilien und ich hab mich immer gefragt, wie das so ist. Es ist schön, dass ich durch Arnaud die Möglichkeit bekommen habe, das zu erleben.

Damit ging das spannende Wochenende zu Ende, bleibt aber auf jeden Fall eines der Highlights meines FSJs. 

So sind wir nun schon in der 18. Woche- wie schnell die Zeit doch auf einmal vergeht. 

Auch wenn meine Erlebnisse manchmal aufregend klingen, gibt es auch immer noch Tage an denen nichts los ist- an denen man sich fragt, was man hier überhaupt macht und was das bringt. Tage, an denen man mal lustlos ist und es große Überwindung kostet, Motivation zu finden.

Aber alles in einem tut es mir gut, so viel unterwegs zu sein. Auszunutzen, dass ich in einem neuen Land, auf einem neuen Kontinent wohne, wo es noch so viel zu entdecken gibt. 

Während meines Aufenthalts nehme ich Medikamente, die die Krankheit Malaria vorbeugen sollen. Die Nebenwirkung davon sind abstruse Träume, vor denen ich nicht unverschont geblieben bin. Dass Elyas MBarek als Herr Müller aus dem Film „Fack ju Göthe“ meinen alten Schulchor dirigiert oder ich mit Checker Tobi von Kika auf einem E-Roller durch Berlin fahre ist das eine. Aber vorgestern habe ich geträumt, in einem Flugzeug auf dem Weg nach Deutschland zu sitzen. Und das hat sich merkwürdig angefühlt.

Ich hab noch einiges vor hier, ich will noch so viel mehr sehen. Und es ist gut, dass ich dafür noch eine Menge Zeit hier habe.

Vor drei Monaten hätte ich das sicher noch nicht sagen können.

In der kommenden Woche sind wir nochmal in der Botschaft eingeladen, wir müssen uns um das Visum kümmern, begleiten Frère Eli eventuell endlich auf die DonBosco-Farm und haben für übernächste Woche ein Wochenende in Dassa mit ein paar Freunden geplant. Danach kommt Matildes Familie zu Besuch, bevor Mitte Februar zwei Wochen Ghana anstehen und auch meine Familie Benin entdecken kommt. Aber davor schaffe ich es bestimmt nochmal zu schreiben!!

Tausend Dank fürs Lesen und eine warme Umarmung ins eingeschneite Deutschland! 💗

Marlene

PS: Eine der Freiwilligen aus Calavi organisiert zurzeit eine Spendenaktion für die Operation einer krebskranken Mutter, die sie in ihrer Kirche kennengelernt hat. Auf ihrem Instagram-Account (@miralikestudanz) findet ihr mehr Informationen, schaut da gerne mal vorbei, wenn ihr noch ein paar Euro übrig habt!

https://whydonate.com/de/fundraising/gemeinsam-fur-charlise-hoffnung-fur-eine-junge-mutter?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio&fbclid=PAZXh0bgNhZW0CMTEAc3J0YwZhcHBfaWQPMTI0MDI0NTc0Mjg3NDE0AAGncEefkOHAiXeGIYl1TNkIFPltN5G9FqvaWUOWSTgCTGnCQeeIq8kRBb-iQGQ_aem_CowW1ch8R4jab3zXXN5Lbg

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  1. Anonym

    Liebe Marlene, vielen Dank für deinen anschaulichen Bericht über die aufregende Zeit und deine interessante Tätigkeit in dem doch so fremden Land. Toll, dass du das machst. Nimm soviel mit wie möglich an Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen. Weiterhin gute Begegnungen und viel Erfolg, bei dem, was du machst,
    Herzlich Irmgard und Rainer
    PS Wir warten gespannt auf deinen nächsten Bericht,

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