Ready for Togo

über meinen Auslandsfreiwilligendienst in Kara

Menü Schließen

kommen & gehen

Hallo an all meine Leser und Leserinnen,

Weihnachten rückt immer näher. Ich bin unglaublich gespannt, wie es sich anfühlt mit einem schönen Kleid und Sandalen in die Kirche zu gehen, anschließend mit 22 Mädchen zu essen und eine kleine Bescherung in Form von „Wichteln“ zu machen. Die letzten Jahre habe ich dieses Fest doch eher anders gefeiert.

3 kleine Geschichten vor Weihnachten

Um meine Mädchen ein bisschen auf Weihnachten vorzubereiten, habe ich unsere Tradition des Adventskalenders nach Togo geholt. In Klopapierrollen habe ich jeweils eine Tüte Haribo, einen Lolli und einen bunten Feinliner versteckt und mit buntem Stoff umwickelt. Vor meinem Fenster baumeln jetzt noch 5 kleine Geschenke. Jeden Morgen, wenn ich mich zum Toraufschließen rausschleiche, nehme ich mir einen Stift mit, und schreibe auf die danebenhängende Liste, wer heute das „Türchen“ suchen darf. Nachdem der Erste dann entdeckt hat, dass der Auserwählte schon auf der Liste steht, dauert es nicht lange, bis alle es wissen und das Geschenk vom Fenster gerissen wird.

In meiner freien Zeit vormittags, habe ich zusammen mit ein paar Jungs aus dem Ignace-Foyer, die noch nicht zur Schule gehen, Don Bosco– Girlanden als Dekoration gebastelt. Da es in der Trockenzeit ja wirklich niemals regnet, ist es kein Problem, dass sie zwischen unseren Mangobäumen im Wind hin- und her wehen.

Weihnachten ist immer ein guter Anlass für einen neuen Stoff, ein neues Kleid. Ganz exklusiv kam eine Stoffverkäuferin ins Foyer und hat jedem Mädchen einen schönen, bunten Stoff verkauft. Bei mir im Schrank verstaue ich gerade noch sechs davon und täglich klopft es bei mir an der Tür: „Sophie, ich will zur Schneiderin gehen, kannst du mir meinen Stoff geben.“ Na gut, meinetwegen (am liebsten würde ich alle behalten, weil sie so schön sind).

Oh, Don Bosco

Am 08. Dezember 1841 traf Johannes Bosco in einer Kirche in Turin einen Jungen. Dieser Junge konnte nicht lesen und schreiben, Gott war ihm fremd. Aber er konnte eines, er konnte pfeifen. So lud Johannes Bosco den Jungen zu sich ein und bat ihn, noch mehr Freunde mitzubringen. Schnell wuchs die Anzahl der Kinder, die zum Lernen und Spielen kamen.
Das ist der Ursprung des „Oratoriums“ (ganz grob zusammengefasst) und dem Jugendwerk, was sich als Ziel gesetzt hat, weltweit benachteiligten jungen Menschen in Risikosituationen zu helfen. So auch hier in Kara.

177 Jahre später feiern wir diesen besonderen Tag:

Morgens um sieben Uhr startet die Messe für alle Kinder und Jugendliche der Foyers und des Don Bosco Gymnasiums. Durch ein Schauspiel wird uns das Ereignis von diesem Tag nochmal ins Gedächtnis gerufen und die Messe gestaltet sich spannend und kurzweilig. Anschließend müssen die GrundschülerInnen den Heimweh antreten, während im „großen Saal“ der Schule, Präsentationen in Form von Tanz und Singen stattfinden. Auch meine Mädchen tanzen auf die absoluten Hits von Dadju und Fally Ipupa.

Den Jüngeren bieten wir am Nachmittag ein Alternativprogramm mit Spielen und der Möglichkeit, Preise zu gewinnen. Bonbon’s, Hefte, Stifte und T-Shirts werden an unsere, als auch an Kinder von außerhalb, verlost.

Die große Feier beginnt um 18 Uhr mit einem kurzen Gebet und dem anschließenden, gemeinsamen Essen. Zum ersten Mal erlebe ich mit, dass meine Mädchen Salat essen. Als Überraschung wird zum Nachtisch ein Mango-Drink serviert, der auf jeden Fall bei allen gut ankommt. Während dem Essen trudeln immer mehr Kinder ein und ich erkenne so manches Gesicht. „Ist das nicht der Junge, der immer vor dem Fahrradladen schläft?“. Genau so hätte es sich Don Bosco gewünscht: es kamen Kinder von der Straße um mit uns zu essen und zu tanzen. Keiner hat sie komisch angeguckt, als sie ohne Schuhe und mit zerrissenen Oberteilen eintraten, denn so viele von unseren Jungs & Mädchen wurden an jenem Tag im Foyer aufgenommen und hatten genau so wenig. Die Stimmung war ausgelassen, zum 6. Mal läuft der Song „Victoire“ auf den wirklich jeder tanzen kann und zwischendurch werden vorbereitete Sketche oder Choreografien vorgetragen. Auch Julienne, Meheza und Nadege tragen zwei Tänze vor, die ich mit ihnen über zwei Monate einstudiert habe. Alle klatschen laut und jubeln, als die drei auf die Hits „Havana“ und „One Dance“ performen. Ich stehe ganz hinten und bin stolz wie Oskar, um ehrlich zu sein, hätte ich nicht gedacht, dass es so gut wird. Jeder genießt diese Ausnahmesituation, bis gegen 22 Uhr die Musik ausgeht und wir müde ins Bett fallen – der Tag war lang.

Tschüss Togo, hallo Benin

Nein, keine Angst, wir sind nicht umgezogen in unser Nachbarland, wir haben nur mal vorbeigeschaut. Um uns für die Weihnachtszeit noch einmal zu stärken, nahmen wir uns für drei Tage Urlaub und besuchten zwei Volontäre in Benin. Max und Toni sind ebenfalls durch „Don Bosco Volunteers“ ins Ausland entsandt worden, gehören aber zur zweiten Vorbereitungsgruppe aus Bayern und Baden-Württemberg. Die beiden wohnen und arbeiten in Parakou, der drittgrößten Stadt des Landes und helfen in einer Grundschule und im Internat. Wir konnten durch unseren Besuch einen kleinen Einblick in deren Arbeit bekommen, die Kommunität kennenlernen, die Stadt besichtigen und uns unglaublich viel, über alles Mögliche, austauschen – auf Deutsch.

Uns beiden hat dieser kurze Trip sehr gut getan: für drei Tage sind wir ausgestiegen aus unserem Alltag, konnten mal abschalten und andere Stimmen hören. Wir mussten „Projektfremden“ über unsere Arbeit erzählen und haben unseren Aufenthalt in Kara und die Aufgaben noch einmal schätzen gelernt. Auch bei Schwierigkeiten war man nicht alleine, konnte sich austauschen und um einen Rat bitten. Zusätzlich zu drei beninischen Stoffen, Erdnusskeksen und einigen Bildern auf dem Handy, nahmen wir in unseren Gedanken zwei tolle, neue Freunde mit zurück nach Togo. Und worauf wir uns jetzt alle ganz besonders freuen: auf das Wiedersehen in Ghana!

(von links: Ich, Max, Jeremias, Toni)

Tschüss Benin, hallo Togo

Zu Beginn war das Ankommen im Projekt komisch; nachdem mich aber alle Mädchen unglaublich glücklich empfangen haben, konnte ich schnell wieder in meinen Alltag einsteigen. Naja, „Alltag“ ist übertrieben. Kein Tag gleicht dem anderen, irgendwie gibt es immer Überraschungen, vor allem kurz vor Weihnachten und kurz vor den Ferien. So zum Beispiel, dass ich um 6 Uhr morgens erfahre, dass die Schule ausfällt, alle zuhause bleiben und am liebsten den ganzen Tag mit mir tanzen wollen oder wenn die spontane Idee kommt, einen Abend auf dem naheliegenden „Foire-Festival“ zu verbringen.

Diese Kleinigkeiten machen die Zeit hier so spannend.

Für die Ferien habe ich zusammen mit Jeremias und Roberta (unsere Erzieherin im Mädchenheim) ein Programm zusammengestellt. Es soll unter anderem Geländespiele, Bastelaktionen, einen Schwimmbadbesuch, einen Neujahrsbrunch und einen Kinoabend geben. Für mich heißt das momentan planen, Materialien einkaufen und so gut wie möglich umsetzen. Ich werde euch Mitte Januar sicher davon berichten.


Zum Schluss möchte ich einige von euch noch schnell beruhigen. „Sag mal Sophie, vermisst du eigentlich dein Zuhause, weil Weihnachten ansteht und man in dieser Zeit immer bei seiner Familie ist?“
Nein, tue ich nicht und das ist das beste Gefühl, was ich haben kann. Wie oft werde ich noch mit 22 Mädchen Weihnachten in Togo, bei Sonne feiern können? Wahrscheinlich nicht so oft, wie ich mit meinen Eltern und Pauline unterm Weihnachtsbaum in Mainz sitzen werde. Und auch hier habe ich eine neue Familie, denn ich bin die große Schwester von so vielen Mädchen geworden, die in dieser schönen Zeit nicht bei ihren Eltern sein können. Auch das macht das Fest hier so besonders.

All meinen Lesern und Leserinnen wünsche ich ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Joyeux Noel! Sophie

und da stehe ich am 18. Dezember im T-Shirt in Togo – unglaublich!

 

© 2019 Ready for Togo. Alle Rechte vorbehalten.

Thema von Anders Norén.