Mitte des vergangenen Monats wurde im ganzen Land das traditionelle mongolische Neujahr gefeiert. In diesem Eintrag möchte ich euch deshalb erzählen, mit welchen Traditionen und Bräuchen das verbunden ist und wie wir das neue Jahr gefeiert haben.
Der mongolische Begriff für dieses Fest ist „Цагаан сар” (Tsagaan sar), was so viel heißt, wie „weißer Monat“ oder „weißer Mond“. Das Datum dafür richtet sich nach dem tibetisch-mongolischen Mondkalender (übrigens nicht der gleiche, wie der chinesische, auch, wenn ihre Neujahrsfeste häufig eng beieinander liegen) und war dieses Jahr vom 18. bis zum 20. Februar. Neben dem neuen Jahr wird auch das Ende der kalten Jahreszeit und der Anfang des Frühlings gefeiert. Es liegt zwar immer noch Schnee überall, aber die Temperaturen steigen tatsächlich und es wird nachts nur noch selten kälter als -25°C.

Rahel und ich hatten das Glück, dass uns einer sogar geschneidert wurde.
Die Vorbereitungen für das Fest begannen schon zwei Wochen vorher, als sämtliche Mitarbeiter vom Caring Center sowie alle entbehrlichen Kinder Бууз (ausgesprochen: Buuz – mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) vorbereitet haben, die zum Neujahr traditionell gegessen werden. Dafür wird ein aus Wasser und Mehl bestehender Teig zu kleinen Kreisen ausgerollt, mit Schaf- oder Rindfleisch gefüllt und kunstvoll zusammengefaltet. Da ich vom Formen keine Ahnung habe, wurde mir die “einfachste” Aufgabe zugeteilt, nämlich die Teigstücke zu Kreisen auszurollen. Und das klingt wirklich einfacher, als es ist. Nach zwei Stunden war ich dann in der Lage, wenigstens in der Hälfte der Geschwindigkeit meiner „Mit-Ausroller“ einen Teigstück zu formen, das halbwegs wie ein Kreis aussah. In drei Stunden haben wir überschlagene 550 Бууз geformt, was eigentlich eine schlechte Bilanz ist, verglichen zu den rund 1000 vom Vorjahr.


Am Tag vor Neujahr haben wir dabei geholfen, zwei Riesenschüsseln Kartoffelsalat, Reis mit Rosinen, Butter und Zucker (Tsagaalga) und natürlich Milchtee (Suutei tsai) vorzubereiten. Цагаан сар ist in erster Linie ein Familienfest, weshalb alle Kinder, die konnten, über die Feiertage zu ihren Familien oder näheren Verwandten gefahren sind. Die Übrigen haben wir versucht, mit Ball spielen in der Turnhalle oder heraugezögerter Bettzeit aufzumuntern. Aber man merkt, wie sehr sie es in den Tagen beschäftigt, dass irgend etwas fehlt.



Am Neujahrsmorgen selbst sind wir allerdings nicht zu den Kindern, weil Rahels Familie uns zu sich eingeladen hat. Wie bereits erwähnt, ist Цагаан сар vorallem ein Familienfest und folgt einem festen Ablauf von Ritualen. Am Neujahrsmorgen werden zuerst die engsten Familienmitglieder mit der traditionellen Geste gegrüßt, bei der der jeweils Ältere seine Unterarme auf die des Jüngeren legt und sich beide auf die Wangen küssen, oder einen Kuss andeuten. Dabei fragt man, “Amar baina uu?”, (wortwörtlich: Hast du Frieden?) und wünscht einem mit den Worten, “Saikhan shinilj baina uu?”, ein frohes neues Jahr. Man beginnt mit dem Grüßen immer beim Ältesten im Raum und arbeitet sich zum Jüngsten herunter. Allgemein wird den alten Menschen zu Цагаан сар ein besonderer Respekt entgegengebracht. Im Gegensatz zum chinesischen Neujahr, wo die Älteren den Jüngeren Geld schenken, ist es in der Mongolei nämlich üblich, dass die Jüngeren den Eltern, Großeltern, Tanten und Onkels beim Neujahrsgruß etwas Geld geben. Ich finde es schade, dass diese Art von Respekt in Deutschland weniger gelebt wird. Jugendliche, die so ihre Großeltern würdigen, habe ich Zuhause jedenfalls noch nicht wirklich beobachtet.
Neujahr ist in der Mongolei eine eher hektische Zeit, da es sich gehört, über die Feiertage möglichst alle Verwandten und engen Freunde zu besuchen. Auch hier beginnt man mit den Ältesten. Je nachdem wie groß der Bekanntenkreis ist, werden über die drei Tage vielleicht 20-30 Haushalte besucht. Auf dem Land gehen die Besuche aufgrund der weiten Strecken deshalb auch über die drei Feiertage hinaus. Auf den Straßen drängeln sich fast noch mehr Autos als sonst schon und überall sieht man Familien in bunten Deels durch die Straßen laufen.
In jedem Haushalt grüßt man zuerst alle Anwesenden mit dem traditionellen Neujahrsgruß. Meist werden in diesem Zug auch Schnupftabakflaschen ausgetauscht. Dann wird man an einen Tisch voll mit mit Essen gesetzt und bekommt einen Milchtee angeboten. Neben den oben bereits aufgelisteten Speisen, steht traditionell immer ein ganzer gedünsteter Hammelrücken auf dem Tisch, von dem kleine Stücke abgeschnitten werden können. Außerdem ein Turm aus länglichen Gebäckstücken (Ul Boov), bestückt mit Aaruul – kleinen Plätzchen aus getrockneter fermentierter Milch. Dazu Süßigkeiten, Salate und natürlich Vodka zum Anstoßen.
Ich will Mal erinnern, dass manche Mongolen u.a. 10 Familien am Tag besuchen und dabei jedes Mal vor so einer Tafel sitzen. Und wir jammern, dass wir nach zwei Weihnachtsfeiertagen kein Essen mehr sehen können…





Für viel Menschen in der Mongolei ist Цагаан сар der einzige Tag im Jahr, wo sie mit ihren Familien zusammenkommen können. Deshalb drehen sich die Gesprächsthemen meist um vergangene Erlebnisse und Erinnerungen oder man schaut sich gemeinsam alte Fotos an.
Rahel und ich haben nur zwei Familien besucht und waren trotzdem erst am Nachmittag zurück. Aber es war eine tolle Erfahrung und ich bin dankbar, dass Rahels Familie mich so herzlich aufgenommen hat. Auch, wenn ich wirklich wenig von dem Gesprochenen verstehen konnte, habe ich mich als Teil der Familie fühlen können.




Den Rest der Feiertage waren wir meistens den ganzen Tag bei den Jungs, wo wir zusammen gespielt, miteinander gerungen, Filme geguckt und auch einen kleinen Ausflug ins Spieleland gemacht haben. Ich habe noch gefühlt hundert Mal, „Amar baina uu?“, gesagt, literweise Milchtee getrunken und mein persönlicher Bedarf an Бууз ist auch fürs erste gedeckt.





Ein kleiner Funfact noch zum Schluss: Während Цагаан сар sollte man stets darauf achten, eine ungerade Zahl an Бууз zu essen, da dies für das kommende Jahr Glück bringt.
Damit ist mein kleiner Bericht auch schon zu Ende und ich hoffe, ich konnte damit der traditionellen Vielfalt dieses Fests ein wenig gerecht werden.
Ich wünsche euch allen ein frohes und glückbringendes neues Jahr!
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