In genau einer Woche sitze ich im Flugzeug zurück nach Deutschland. Ich freue mich darauf. Lange habe ich geglaubt, dass es mir extrem schwerfallen wird, das Leben hier zurückzulassen, doch die letzte Zeit war nicht einfach für mich. Ich bin erschöpft. Damit ihr meine Gefühlslage besser versteht, möchte ich dort weitererzählen, wo der letzte Blogeintrag aufgehört hat.
Im Mai findet als Ferienbetreuung immer das Sommercamp statt, eine Art Ferienlager, nur mit Unterricht. Wir teilten uns in zwei Teams auf. Anton und ich waren für das Chiguru, ein Heim für Jungs und Mädchen, eingeteilt. Wir beide hatten zuvor noch nicht viel Zeit zu zweit verbracht, und ich freute mich darauf, ihn besser kennenzulernen. Das Chiguru liegt außerhalb von Vijayawada, das hieß, wir mussten jeden Morgen pendeln. Dies erwies sich jedoch als Glücksfall, da es draußen auf dem Lande ein paar Grad kühler war als in der Betonstadt. Den gesamten Mai hatte es zwischen 42 und 50 Grad. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man das Gefühl solch einer Hitze nicht mehr in Worte fassen. Ich versuche es trotzdem. Stell dir vor, du versuchst, ein kreatives und abwechslungsreiches Programm mit den Kindern durchzuführen, während ein Presslufthammer in deinen Kopf eindringen will. Dieser Umstand trieb mich in den Wahnsinn. Ich war viel geräuschempfindlicher als sonst. Sobald wir Pause hatten, zog ich mich in die Küche zurück. Dort wartete immer ein Haufen Obst oder Gemüse zum Schälen auf mich. Vor diesen Haufen setzte ich mich und beobachtete, wie er mit der Zeit immer kleiner wurde. Ich schälte und schälte, bis der Haufen weg war. Unglaublich oft schnitt ich mir in die Finger, doch das war mir egal, denn ich hatte mein Ziel vor Augen. Sobald der Haufen weg war, verstummte der Presslufthammer, und ich hatte Ruhe, um nachzudenken. Der Koch war etwas verdattert über meinen Schälenthusiasmus, doch bis zum Ende des Sommercamps war mein Schälhaufen immer bereit.


Am Ende des Sommercamps bekam Anton schwere Magenprobleme, weshalb wir ihn ins Krankenhaus brachten. Es stellte sich heraus, dass er stationär aufgenommen werden musste. Im gleichen Atemzug erfuhren wir auch, dass einer von uns mit Anton im Krankenhaus nächtigen musste. In Indien werden die pflegerischen Tätigkeiten im Krankenhaus von Familienmitgliedern übernommen; das Pflegepersonal ist für die rein medizinische Versorgung verantwortlich. Also blieb ich bei Anton und kümmerte mich so gut ich konnte um ihn. Kleiner Tipp, falls ihr anstrebt, eine Person besser kennenzulernen, hilft es, wenn einer Magendarm hat und man sich ein Zimmer im Krankenhaus teilt. Danach kennt man sich auf jeden Fall besser.
Auch die Beziehung zu Jette und Lele wurde auf die Probe gestellt. Denn wir mussten aus unserer eigenen Flat ausziehen und mit den Fathers, die ja unsere Chefs sind, unter ein Dach ziehen. Das hieß konkret den Verlust unserer Autonomie und den Einzug in ein strengeres Regiment. Viele Volos lebten während ihres gesamten Einsatzes mit ihren Vorgesetzten unter einem Dach, an sich ist das ja auch in Ordnung. Wenn man jedoch mal an der Freiheit geschnuppert hat, ist ihr Verlust ein schmerzhafter. Für uns Mädels hieß es nun, zu dritt in ein Zimmer, welches der Größe eines Schuhkartons entsprach, umzuziehen. Durch den Entzug der Privatsphäre – wir hatten zuvor alle ein eigenes Zimmer – lernt man eine Person komplett kennen. Man kann nichts mehr verstecken, es fallen alle Fassaden. Es fühlte sich so an, als würde man das Tagebuch der anderen Person lesen. Ich bin unfassbar dankbar für die beiden, es hat irgendwie funktioniert. Wir haben uns nicht zerstritten, sondern im Gegenteil: Unsere Freundschaft wurde noch enger. Wir sind zu Schwestern geworden.




Als der Mai zu Ende war, ging es endlich in den Urlaub. Ich musste raus aus Vijayawada, man war ganz ausgesaugt von der Hitze und dem Alltag. Mit dem Zug ging es nach Salem zu Elisabeth. Zugfahrten sind in Indien eine ganz andere Angelegenheit als in Deutschland. Ich schwör es euch: Nach diesem Jahr schimpfe ich nicht mehr auf die Deutsche Bahn. Die Züge sind hier zwar pünktlich, aber sehr überfüllt. Wir fuhren mit dem Nachtzug. Bei uns vieren hatte jeder eine eigene Liege, da waren wir aber die Einzigen. Alle anderen Passagiere teilten sich mindestens zu dritt eine Liege. Die Leute ohne Liege schliefen im Gang, dabei ist die Zugtür immer geöffnet. Ich will mir gar nicht ausmalen, was da schon alles passiert ist.


Wir verbrachten sehr entspannte Tage bei Elisabeth, bevor wir weiter zu Leander fuhren. Irgendwie hatten wir die Distanzen bei unserer Reiseplanung gänzlich unterschätzt, weshalb unsere nächtlichen Busfahrten ein Volumen annahmen, bei dem einem ganz schwindelig wird. Als wir nun doch bei Leander ankamen, mussten Lele und ich zu unserem Ärgernis feststellen, dass unsere Köpfe voll von Läusen waren. Dieses nervige Problem ließ sich dann doch relativ schnell beseitigen. Abgesehen von den Läusen hatte ich eine richtig coole Zeit in Sayalgudi. Leander zeigte uns die Schule, in der er arbeitete. Wir aßen gutes Paratha, durften beim Unterrichten mitmachen und im Meer in eher konservativer Badekleidung schwimmen. Dabei hat uns die indische Polizei ziemlich kritisch beäugt, als wir Lele einen Astralkörper aus Sand bauten. Die umstehenden Zivilisten hingegen, waren sehr belustigt. Nach ein paar Tagen war es an der Zeit weiterzuziehen, wobei wir erst die beschwerliche Reise, bestehend aus verschiedenen vollgestopften Bussen plus Tuk-Tuk-Fahrt, zum Flughafen auf uns nehmen mussten. Unser Gastgeber begleitete uns bis dorthin, was angesichts der Tatsache, dass er den ganzen Zirkus wieder zurück auf sich nehmen musste, überaus gastfreundlich war. Wir brauchten zwei Flüge, bis wir in Sri Lanka landeten. In Chennai wurden wir an der Passkontrolle herausgezogen, weil wir angeblich mit unserem Arbeitsvisum das Land nicht verlassen dürften, was absoluter Humbug ist. Aber die Flughafenpolizei blieb standhaft. Als unsere Namen im Flughafen ausgerufen wurden, bekam ich Panik. Ich ging selbstbewusst zum Counter und sagte irgendwas von Anwälten, die wir einschalten würden, falls wir diesen Flug verpassen. Natürlich stimmte das nicht, aber was hatten wir für Optionen? Es funktionierte, und wir rannten los.










Als wir in Colombo ankamen, hatten wir noch eine sechsstündige Busfahrt vor uns. Zum Glück holte uns dort ein Brother aus Johannas Projekt ab, sonst wären wir vermutlich nicht angekommen. Um 4 Uhr morgens öffnete die verschlafene Johanna uns das Tor. Wir waren seit 22 Stunden unterwegs, und ich war einfach nur heilfroh, sie zu sehen. Wir blieben ein paar Tage in Johannas Projekt in Murunkan im Norden Sri Lankas, bevor wir mit ihr gemeinsam in den Süden nach Weligama reisten. Sri Lanka hat eine atemberaubende Natur, es war einfach nur ein Traum. Ich bin sehr dankbar, dass ich das Land kennenlernen durfte. Jedoch waren wir in der Nebensaison dort, weshalb man richtig sah, wie viel Massentourismus im Süden normalerweise stattfindet. Teilweise waren ganze Straßenzüge mit Resorts, Hotels und Surfschulen wie leer gefegt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Der Tourismus ist immer ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite bringt er Geld in die Gegend, auf der anderen Seite vertreibt er die Einheimischen aufgrund der hohen Immobilienkosten aus ihrem Wohnraum und zerstört die Natur. Was soll ich sagen, schließlich war ich ja Teil des Problems. Schlussendlich liegt die Verantwortung wohl bei einem selbst: In welche Unterkunft gehe ich, wie behandle ich die Einheimischen und wie respektiere ich die Natur?






Als wir wieder in Vijayawada ankamen, mussten wir uns von Jette verabschieden, die frühzeitig nach Deutschland abreiste. Das war Anfang Juli. Einen Tag nach ihrem Abflug wurde ich ziemlich krank und bekam hohes Fieber. Ich lag fast den gesamten Juli im Bett und hatte viel Zeit nachzudenken. In diesen Tagen wünschte ich mir, ich wäre mit Jette mitgeflogen. Denn zur Wahrheit gehört auch, durch unseren Umzug sind wir der indischen Lebensrealität noch einmal um ein vielfaches näher gekommen. Was meine ich damit? In Indien gibt es ein Kastensystem. Das heißt, das gesellschaftliche Ansehen der Kaste, welcher du angehörst, bestimmt deinen weiteren Lebensweg. Es aus deiner Kaste herauszuschaffen, ist fast unmöglich und passiert sehr selten. Konkret heißt das: Bist du der Sohn eines Gemüsehändlers, wirst du in der Regel auch Gemüsehändler. Durch Bildung den Aufstieg zu schaffen, ist prozentual fast unmöglich. Viele probieren es trotzdem. Die Familie zieht in die Stadt, nimmt einen Kredit auf, damit das Kind in ein sogenanntes „Tuitioncenter“ gehen kann, das einen auf die Aufnahmetests für das gewünschte Studium vorbereitet.


An den Tests für das Medizinstudium (NEET) nehmen jedes Jahr rund 2 Millionen Schüler teil, dabei gibt es nur wenige tausend Studienplätze. Für viele Familien hängt der soziale Aufstieg vollständig vom Bestehen dieser einzigen Prüfung ab. Dieses Jahr gab es rund um die Tests massive Vorwürfe von Fragen-Leaks (Verkauf von Prüfungsfragen im Voraus), gefälschten Top-Noten und Missständen an Prüfungszentren. Nach Bekanntgabe der Leaks wurden Prüfungen annulliert oder Nachprüfungen angesetzt. Für viele Studierende, die monatelang bis zu 16 Stunden am Tag gelernt hatten, bedeutete diese Ungewissheit weitere Schulden, Ungerechtigkeit und eine extreme psychische Belastung. Sowohl im Vorfeld der Tests, wegen des enormen gesellschaftlichen und familiären Erwartungsdrucks, als auch direkt nach Bekanntwerden der Leaks und der Testabsagen nahmen sich mehrere junge Menschen das Leben. Medien berichteten von zahlreichen Suiziden im direkten zeitlichen Zusammenhang mit den Prüfungsabsagen und Wiederholungstests. („Cockroach Protests“: theguardian.com)
Die Wut der jungen Menschen wuchs, und am 20. und 21. Juli fanden große Proteste in Neu-Delhi, Mumbai, sogar vor der indischen Botschaft in Berlin statt. Die sogenannten „Sansad Chalo“ oder „Cockroach Protests“ wurden gewaltsam von der Polizei niedergeschlagen. Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer gegen friedliche Proteste. Doch die gewaltsame Bekämpfung durch die Polizei konnte der Tragweite der Proteste nichts entgegensetzen. Die junge Generation Indiens wehrte sich gegen die Regierung. Trotz der Gewalt schreckte sie nicht zurück. Am 25. Juli trat der indische Bildungsminister Dharmendra Pradhan zurück. Die Regierung sagte zudem Hilfen und Entschädigungen für die Familien der betroffenen NEET-Suizidopfer zu. Mich hat die ganze Situation sehr ergriffen, da ich durch die Mitarbeiter nun persönliche Geschichten zu den Fakten kannte. Ich fand es inspirierend, dass die Studenten, die ja im selben Alter wie ich sind, trotz der aggressiven Exekutive nicht zurückwichen, sondern mit vollem Einsatz für ihre Rechte und die Reste der Demokratie kämpften. Wäre ich so mutig gewesen? Ich bewunderte die jungen Menschen, vor allem auf die protestierenden Frauen, die in den kommenden Tagen Gewalt- und Morddrohungen erhielten. Dabei machten sie nur von einem demokratischen Grundrecht Gebrauch. Dafür sollten sie nicht geächtet und bedroht werden, nirgendwo auf diesem Planeten, vor allem nicht in einem Staat, der vorgibt, eine Demokratie zu sein.
Doch an diesem Punkt ist das System noch nicht. Würdest du mich fragen, ob Indien eine Demokratie ist, wüsste ich darauf keine eindeutige Antwort. Ich bin dankbar, dass ich diesen Freiwilligendienst machen konnte. Ich habe Teile der indischen Kultur kennen und lieben gelernt, ich habe gelernt, meine Grenzen kennengelernt, ich habe gelernt zu diskutieren, ich habe wundervolle Menschen getroffen und ich habe neue Freunde gewonnen. Indien hat mir sehr viel gegeben, aber meine Illusionen, die von der Welt hatte, hat es genommen und mir die Realität schonungslos vor die Augen geführt. Dafür bin ich dankbar, auch wenn es schmerzhaft war, das festzustellen.



Nein, die Welt ist nicht gerecht. Vielleicht nennt man diese Realisation auch Erwachsenwerden. Doch diese Lehren haben einen Preis. Ich habe keine Kraft mehr, und wenn man keine Kraft mehr hat, kann man nicht helfen. Ich setze mich jetzt auf meinen unverdient privilegierten Arsch und fliege zurück in eine funktionierende Demokratie, wo ich keine Angst davor haben muss, verheiratet zu werden, protestieren zu gehen oder dass ich meine Kinder nicht ernähren kann. Dafür bin ich unfassbar dankbar, aber verdient habe ich das nicht. Ich hatte Glück.
Alles Liebe
Marlene <3
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