Wieder zurück

Es ist so viel passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Irgendwann hat die Zeit begonnen zu rennen.
Anfang März fand das Zwischenseminar in Hyderabad statt. Dort trafen sich alle Volos aus Indien und Sri Lanka mit den Mitarbeitern von Don Bosco. Anschließend haben wir selbstständig noch einen Volourlaub in Goa organisiert. Mit dem Sleeperbus ging es zwölf Stunden lang an die Westküste Indiens. Es war der beste Urlaub, den ich bisher hatte. Wir haben uns als Gruppe super verstanden und gemeinsam viele Aktivitäten unternommen, z. B. einen Surfkurs gemacht oder Kajak gefahren. Goa ist wunderschön gelegen, hat endlose Strände und meterhohe Palmen. So ähnlich stelle ich mir auch Hawaii vor. Nach intensiven Volleyballmatches, langen Nächten und heißen Strandtagen ging es schon wieder zurück nach Vijayawada – 24 Stunden auf teilweise nicht einmal asphaltierten Straßen.

Ich hatte mir nichts dabei gedacht, wieder zurückzukommen. Jedoch stellte ich schnell fest, dass sich etwas in mir verändert hatte. Als ich das erste Mal nach dem Urlaub wieder im Deepanivas arbeitete, waren einige Jungs, die ich zuvor im Shelter betreut hatte, dorthin gewechselt. Für die Kinder ist das eine riesige Umstellung. Im Shelter sind maximal 25 Kinder. Die Jungs haben dort sehr enge Bindungen untereinander und halten zusammen. Außerdem ist es uns dort möglich, jedes Kind wirklich kennenzulernen und ein Stück seines Weges zu begleiten. Da wir ihnen individuell helfen können. Kann ein Kind beispielsweise nicht minus rechnen, ist es möglich sich mit dem Kind in eine Ecke zu setzen und zu üben.

Im Deepanivas herrscht dagegen eine ganz andere Stimmung: 80 bis 90 Kinder mit maximal fünf Mitarbeiter. Deshalb ist es, wenn ein Kind neu dazustößt, eine Art Kampf innerhalb der Gruppe. Entweder Anführer, Mitläufer oder Außenseiter. Besonders introvertierte Kinder leiden unter diesen Strukturen. Ein 6-jähriger Junge, der neu im Deepanivas war, kuschelte sich zwischen Jette und mich und wusste gar nicht, wohin mit sich. Ein weiterer Junge ist eine Woche später abgehauen.

Das hat mich sehr mitgenommen. Ich kam gerade aus einer Urlaubsbubble und wurde mit voller Wucht wieder in die Realität zurückgeworfen. Vor dem Urlaub hatte ich mich schon irgendwie an die Lebensrealitäten der Jungs gewöhnt und gar nicht mehr richtig wahrgenommen, in welchen Situationen sie sich befinden. Ich wurde ja täglich damit konfrontiert. Ich denke, man gewöhnt sich irgendwann einfach an die Schicksale. Wahrscheinlich ist das auch eine Art Abwehrmechanismus der Psyche – Die Verdrängung. Doch als ich aus dem Urlaub zurückkam, war es, als würde die Verdrängung nicht mehr funktionieren. Als wäre mir ein Schleier von den Augen gefallen. Auf einmal sah ich die Umstände klarer als zuvor.

Wir waren wieder abends wach und unterhielten uns bis tief in die Nacht – über die Ungleichheit, das Schicksal und Privilegien. Doch eine Sache war diesmal anders als zu Beginn des Freiwilligendienstes: Wir wussten nun, die uns gegeben Mittel einzusetzen. Wir haben alle vier von Don Bosco je 300 Euro für die Umsetzung eines Projektes unserer Wahl zur Verfügung gestellt bekommen. Wir beschlossen gemeinsam, im Shelter, wo die Kinder rund um die Uhr in einem Raum eingesperrt sind, damit sie nicht abhauen, ein kleinen Sportplatz zu finanzieren, damit die Kinder an der frischen Luft Volleyball, Badminton, Fußball etc. spielen können. Durch die flotte Genehmigung von Father Thambi und die schnellen Bauarbeiter, konnten wir schon Mitte April die Sportarea einweihen. Nur unsere Malereiarbeiten waren noch nicht beendet. Es war sehr emotional. Die Fathers überraschten uns mit Namensschildern, die jetzt am Eingang hängen. Am schönsten war jedoch die Freude der Kinder zu sehen. Sie waren sehr aufgeregt und konnten es kaum abwarten, dass sich die Tore öffneten. Der Moment war sehr berührend.

Wir fanden, dass es unfair war nur im Shelter ein Projekt umsetzen. Deshalb kauften wir im Dmart allerlei Bälle und Spielzeugautos, die wir in eine verschließbare Metallkiste packten, damit wir länger etwas davon hatten. Anschließend stellten wir sie ins Deepanivas. Seitdem sind die Kinder ganz verrückt nach der Gamesbox.

Ich bin dankbar, dass wir die Möglichkeit hatten, diese Projekte umzusetzen. Wir haben als WG gut zusammen gearbeitet und uns gegenseitig unterstützt. Zudem hat uns Father Thambi sehr bei der Verwirklichung geholfen und die Bauarbeiten veranlasst. Auch ohne die finanziellen Mittel von Don Bosco wäre der Sportplatz so nicht umsetzbar gewesen.

Am Ende dieses Blogeintrags möchte ich mich noch bei meinen lieben Besuchern aus Deutschland bedanken, denen ich mein Leben hier in Indien zeigen durfte. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass ihr die lange Reise auf euch genommen habt, um mich zu besuchen.

Danke an Mama und Miri sowie an Felix und Bene.

Ab morgen beginnt das Feriencamp in den Projekten, denn in Indien sind jetzt Sommerferien.

Alles Liebe <3
Marlene

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  1. Gabi Hörer

    Liebe Marlene,
    toll, was ihr da auf die Beine gestellt habt!!!
    Ein schöner und liebevoller gestalteter Platz, da könnt ihr sehr stolz auf euch sein.
    Gib bitte Bescheid, falls ihr noch finanzielle Unterstützung für Sportgeräte, Spiele oder … braucht.
    Herzliche Grüße aus dem fernen Obersöchering, Gabi

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