In der Ferne leises Knallen. Immer wieder vereinzelte Lichter am Himmel. Die Musikbox dröhnt laut, es geht ein leichter Wind. Wir sind zu viert auf dem Dach unserer Flat und stoßen auf das neue Jahr an. Weit entfernt von Freunden und Familie. Ein ungewöhnliches Gefühl. Als wir nach Stunden voller Nostalgiegespräche wieder vom Dach steigen, müssen wir noch unser Krimidinner beenden. Ich habe natürlich den Mörder enttarnt – es war, wer hätte es gedacht, Lele. ; ) Als wir ins Bett gehen, hat sich der Himmel schon wieder orange gefärbt.

Als ich ein paar Stunden später meine Augen aufschlage, merke ich gleich, irgendetwas stimmt nicht. Mir ist kalt, was in Indien schon sehr ungewöhnlich ist. Das kann nur eins bedeuten: Fieber. 39,4 Grad. Fuck. Ich sage Elisabeth, die uns die letzten Tage besucht hat, dass wir unsere Pläne über den Haufen werfen müssen.

Dann weiß ich eigentlich gar nichts mehr, nur dass ich die ganze Zeit unglaublich schwitze und dann gleich wieder friere. Als ich wieder aufwache, sehe ich Elisabeth und Lele neben meinem Bett stehen. Ist heute schon der 02.01.? Elisabeth verabschiedet sich von mir, sie fährt zurück zu ihrem Projekt. Es hat unfassbar viel Spaß gemacht, ihr Vijayawada zu zeigen. Sobald sie weg ist, muss ich erst einmal mein durchgeschwitztes Shirt wechseln. Seit gestern schlafe ich in Pulli und Stricksocken bei über 30 Grad. Als am nächsten Morgen das Fieberthermometer fast 40 Grad anzeigt, beschließen wir, ins Krankenhaus zu fahren. Das wollte ich eigentlich vermeiden, denn na ja – wer geht schon gern ins Krankenhaus?

Zum Glück habe ich Lele an meiner Seite. Sie muss mir helfen, mich anzuziehen, weil ich überhaupt keine Kraft mehr habe. Sie bringt mir Kotzbeutel, holt mir mein Lieblingsessen und – am wichtigsten – leistet mir seelischen Beistand. Die nächsten beiden Tage verbringen wir nämlich zwischen dem Wartefoyer der Klinik und unserer Flat. Das Foyer ist einfach der Eingangsbereich der Klinik, zu Stoßzeiten sind dort circa 150 Leute. Hochschwangere Frauen, alte Leute und Kinder. Alle sitzen auf Metallbänken und warten. Blutabnahme, warten, mit dem Doktor reden, warten, Testergebnisse abholen, warten, Rezepte abholen, warten. Mir dröhnt richtig der Schädel, am liebsten würde ich mich mitten auf den Boden legen und schlafen. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wie es den alten Leuten gerade geht. Diese Situation hätte ich ohne Lele wohl nicht überstanden.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass ich keine Tropenkrankheit habe und ein paar Paracetamol sollen die Situation schon klären. Stimmt auch. Die Tabletten wirkten, ich habe wieder Appetit und kann meinen Shirtverbrauch erheblich reduzieren. Nach gut einer halb Woche bin ich wieder bei Kräften und kann wieder arbeiten.

Am darauffolgenden Wochenende laden wir unseren indischen Freund Kumar zum Essen ein. In ein eigentlich richtig gutes Restaurant, aber nachts werde ich von einem flauen Gefühl in meinem Magen wach. Die Details erspare ich euch – auf jeden Fall habe ich eine Lebensmittelvergiftung. Diese haut mich wieder aus der Bahn. Mittlerweile ist der Großteil des Januars schon vergangen. Ein Dankeschön geht an dieser Stelle an meine Mama, die in meinen Krankheitstagen oft von mir angerufen wurde.

Als ich wieder bei Kräften bin und Jette von ihrem Urlaub mit ihren Eltern zurück ist, haben wir eine Schnapsidee: Lass doch einfach mal zum Strand fahren, der 80 km von Vijayawada entfernt ist. Ihr müsst wissen, 80 km sind in Indien eine ganz andere Angelegenheit als in Deutschland – es dauert einfach länger. Ohne Plan, mit nur einer Google-Maps-Suche und ohne Unterkunft stehen wir am nächsten Morgen um 5 Uhr am Bahnhof und kaufen uns ein Ticket nach Bapatla. Anton ist zu Hause geblieben, ich glaube, er war von der Idee nicht so überzeugt.

Natürlich hatten wir keine Sitzplatzreservierung, deshalb verbrachten wir die nächsten beiden Stunden auf dem Boden des Zuges in der General Class. Das ist auf jeden Fall eine Erfahrung. Ich muss sagen, durch die offene Zugtür weht ein angenehmes Lüftchen, aber man könnte halt auch rausfallen. Als wir am Bahnhof ankommen, müssen wir feststellen, dass unsere dreiminütige Recherche am Vorabend uns nicht gezeigt hat, dass Bapatla zwar einen Bahnhof hat, aber 20 km vom Strand entfernt ist. Wir überlegen, die Aktion abzubrechen, aber die Abenteuerlust überwiegt. Wir schildern einem jungen Mann unser Problem und zeigen ihm auf der Karte die Unterkunft, die wir uns soeben auf Maps herausgesucht haben. Wir verhandeln einen Preis und er fährt uns. Es geht durch dichten Nebel auf den Landstraßen entlang. Neben uns sind nur Reisfelder zu sehen.

Als wir unser Ziel erreichen, stehen wir vor einem vertrauenswürdig aussehenden Motel. Wir suchen die Rezeption und fragen, ob sie noch ein Zimmer für uns drei frei haben. Das Zimmer ist sehr sauber und hat im Gegensatz zu unserer Flat sogar eine richtige Dusche. Einziger Nachteil: Es gibt nur ein Bett. Wir nehmen das Zimmer. Sogleich gehen wir zum Strand. Da sind wir erst einmal baff: kilometerweiter Sandstrand, kleine Fischerboote am Horizont und riesige Palmen. Viele Menschen sind im Wasser und planschen. Was auffällt: Alle sind mit ihren Alltagsklamotten im Wasser.

Wir wandern am Strand entlang und schlagen etwas abseits der Menschenmassen unser Lager auf. Sofort springen wir in die Wellen. Das Wasser ist richtig angenehm. Zwar ist es ungewohnt, mit Klamotten zu baden, aber wir haben einfach Freude am Meer. Ich muss an das kalte Deutschland denken, von dem meine Schwester mir erzählt hat, und muss schmunzeln. Ob es bei dir gerade auch so schön ist, Miri? Am Strand gibt es sehr schöne Muscheln, die wir fleißig sammeln.

Leider vergesse ich dabei, dass sich mein Handy in meiner Hosentasche befindet, und bevor ich realisiere, was gerade passiert, fällt es mir ins Meer. Für einige Sekunden verschwindet es aus meinem Sichtfeld, bevor ich es aus dem Wasser angeln kann. Zuerst denke ich mir nichts Böses, da alles einwandfrei funktioniert. Ja, falsch gedacht. Aber erst einmal kann ich diesen Vorfall vergessen, denn wir stellen fest, dass wir alle einen fetten Sonnenbrand haben, um den wir uns kümmern müssen. Abends beim Essen gibt dann mein Handy den Geist auf – mitten irgendwo auf dem Land in Indien. An der Rezeption geben uns die Mitarbeiter einen Sack Reis, in dem ich mein Handy dann versenke. Das soll angeblich helfen, die Flüssigkeit zu absorbieren oder so. Der Service dort war echt top.

Anschließend legen wir uns zu dritt in unser Bettchen und ziehen uns einen Horrorfilm rein. Kann ich nicht weiterempfehlen, aber Lele und Jette fanden es wohl ganz amüsant. Am nächsten Tag geht es zurück nach Vijayawada. In der Tasche ein kaputtes Handy, dafür aber auch schöne Muscheln und im Gesicht ein Sonnenbrand.

Mein Handy bleibt für eine Woche in einer Werkstatt und wird repariert.

Am 26.01. wird in Indien der Republic Day gefeiert. Lele und ich wurden zwei Tage zuvor gefragt, ob wir nicht einen Tanz vorführen wollen. So eine Möglichkeit darf man sich natürlich nicht entgehen lassen. Die nächsten beiden Tage übten wir fleißig unseren Tanz zu dem Telugusong „Vibe unti“. Die Feierlichkeiten fanden im Deepanivas statt. Ich war schon vor unserer Aufführung ziemlich nervös, aber wir haben es durchgezogen und es hat Spaß gemacht.

Der Januar war bisher in meinem Freiwilligendienst der härteste Monat. Das viele Im-Bett-Liegen und gegen die Decke starren war schon hart, und dann nach zwei Tagen wieder krank zu werden, hat mir einiges abverlangt. Es hat mir aber auch gezeigt, dass ich die Situation nicht ändern kann und Geduld mit mir haben muss. Auch kein Handy mehr zu haben und nicht mehr mit Freunden oder Familie telefonieren zu können, stand nicht auf meiner Bucket List. Jedoch fand ich unseren Strandausflug trotzdem wunderschön, denn wir haben gelernt, uns eigenständig durch Indien zu bewegen. Die Tanzperformance gehört auch zu meinen Highlights, weil ich es durchgezogen habe, obwohl ich eigentlich immer sage, ich könne gar nicht tanzen.

In unserer Flat hängen Bilder von jedem Volo, der hier schon einmal gelebt hat. Unter dem Bild steht immer ein Spruch, den die Person während ihres Einsatzes besonders oft gesagt hat. Bei Simons Bild steht: „Pain is temporary, quitting is forever“. Ich kenne Simon zwar nicht und der Spruch ist auch etwas kitschig, aber irgendwie hat er mir geholfen, positiv zu bleiben.

Alles Liebe <3

Marlene