Hallo, ihr Lieben, ich hoffe, euch geht’s allen gut! Mir geht’s gerade super, ich bin nämlich in Benin im Urlaub aka. 3/4-Seminar. Im Moment sitze ich im Bus von Parakou nach Porto-Novo, rechts von mir sitzt Marlene und lässt sich richtig gute Chips schmecken, links von mir telefonieren Katja und Gladys mit einer Freundin. Und weil ich grad nichts anderes zu tun habe, schreibe ich Blog…1
Festival des Doufelgou
Letztes Mal waren wir bei unserem Ausflug nach Défalé am Ostermontag stehengeblieben. Unser nächster Ausflug nach Défalé fand am 18. April statt. Diesmal jedoch nicht mit den Salesianern, sondern mit Gladys F, Victor, Dany und Guénolé und auch nicht zum Baden, sondern zu einem Festival. Ich muss aber noch weiter zurückspulen:
Als wir mit den Pères in Défalé waren, hatte Père François in Erfahrung gebracht, dass dort an besagtem Wochenende ein Festival stattfinden sollte. Er meinte, da wolle er unbedingt hin. Wir luden uns darauf selber mit ein bzw. baten ihn, uns auf dem Laufenden zu halten und, wenn möglich, mitzunehmen.
Das tat er dann auch, Père Jonathan hatte uns netterweise extra freigegeben. Zusammen mit Juliette, die gerade ein Praktikum im Foyer macht, Isabelle, einer vom Kirchenchor, und ihm fuhren Gladys (A) und ich nach Siou. Wie ihr vielleicht gemerkt habt, ist das nicht der richtige Ort. Dachte ich zumindest anfangs. Es stellte sich heraus, dass es das Festival des ganzen Lanskreises Doufelgou war, zu dem sowohl Défalé als auch Siou gehören, und vormittags in Siou das Programm mit den traditionellen Tänzen stattfand. Oder besser stattfinden sollte. Es fing nämlich erst gegen Mittag an, obwohl auf dem Programm 8 Uhr Eröffnung stand. Nun ja. Schade, ich hätte sie gerne gesehen, aber wir mussten, als es gerade spannend wurde, schon wieder zurück.
Ein Fahrt wie im Film
Nach einem viel zu kurzen Mittagsschlaf fuhren wir am Nachmittag mit Gladys F, Victor und Dany mit dem Motorrad nach Défalé. Das war die schönste Motofahrt meines Lebens! Allein dafür hat sich der Ausflug schon gelohnt! Bei Sonnenuntergang durch die Berge schlängeln, Wind um die Ohren, unterwegs mit Leuten, bei denen ich mich wohlfühle – wie Père Samuel sagen würde: In dieser Motofahrt steckte ein Stück Paradies.

Le „mouton rouge“ – das „rote Schaf“
Zunächst zeigte uns Dany, wo er aufgewachsen war, denn er ist in Défalé großgeworden.
Dann gingen wir zu dem Festival, setzten uns hin, kauften uns etwas zu trinken und ein paar Spieße Hundefleisch, genannt „rotes Schaf“, der Name „Hundefleisch“ sei zu vulgär für die Delikatesse. In der Tradition ist es eigentlich den jungen Männern in Vorbereitung auf die Initiationsriten vorbehalten, denn Hunden und auch ihrem Fleisch wird eine besondere Kraft nachgesagt. Heute ist es nicht mehr so streng, auch Gladys (A) und ich haben schon probiert. Ich finde das Fleisch meistens echt lecker, vor allem mit Piment (Chili). Nur, dass es ziemlich hartnäckig zwischen den Zähnen hängenbleibt, nervt etwas.
Togoische Uhrzeiten
An diesem Abend habe ich schmerzlich gemerkt, dass ich doch noch ein europäisches Zeitverständnis habe. Zumindest gehe ich, wenn es heißt, dass das Ganze um 18 Uhr anfängt und ich um 19 Uhr da bin, nicht davon aus, dass ich noch ganze fünf Stunden (!) warten muss, bis die erste Künstlerin die Bühne betritt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so müde, dass ich von den Auftritten kaum etwas mitbekam, ich hatte einfach den Kopf auf den Tisch gelegt und geschlafen.
Ich kann inzwischen so ziemlich immer und überall schlafen, wenn es sein muss. Schlaglöcher auf der Busfahrt oder viel zu laute Musik bei einem Festival stellen kein Problem mehr dar. Ich lege den Kopf ab, mach die Augen zu und bin weg. Den Muezzin, der um kurz vor fünf mit dem wohl quäkensten Lautsprecher dieser Welt direkt gegenüber zum Morgengebet ruft, habe ich während meines ersten Monats in Kara allmorgendlich verflucht. Inzwischen wache ich davon nicht einmal mehr auf. Insgesamt hat sich mein Schlafrhythmus ziemlich an den togoischen Rhythmus angepasst. Es fällt mir nur noch mittelmäßig schwer, um halb sechs aufzustehen, um zur Messe zu gehen. Dafür werde ich spätestens gegen 15 Uhr wieder richtig müde und brauche meinen Mittagsschlaf. Kein Wunder, dadurch, dass wir erst nach 22 Uhr aus dem Foyer kommen, bin ich fast nie vor 23:30 Uhr im Bett.
Gruppenabende
Wenn wir mit Gladys F, Victor, Dany und Guénolé in die Bar gehen, was wir in letzter Zeit mehr machen, wird es selbstverständlich noch deutlich später. Das ist es mir aber wert, denn die Abende mit der Gruppe sind richtig cool. Besonders der Abend in der Bar „Renaissance“ war super, dort ist die Musik nicht so laut, dass man sich gegenseitig anschreien muss, um sich zu verstehen und wir haben tatsächlich mal ein Kartenspiel gespielt. Das hatte ich wirklich vermisst. Klar, mit den Kindern spielen wir auch, aber das ist anstrengend und absolut nicht das Gleiche!
Emmas Geburtstag
Ein weiterer sehr schöner Tag war Emmas Geburtstag.
Emma war zu Beginn unseres Freiwilligendienstes noch im Foyer gewesen, wurde dann jedoch schwanger und musste das Foyer verlassen. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann (die beiden sind zwar nicht offiziell verheiratet, aber sie nennt ihn „mon mari“, daher tue ich das jetzt auch) ganz in der Nähe vom Centre, wo wir wohnen. Inzwischen ist sie eine wirklich gute Freundin von uns geworden und wir sind recht oft bei ihr. Ich bin auch schon total gespannt, wir groß ihr Bauch bei unserem nächsten Treffen sein wird, schließlich haben wir sie aufgrund des Urlaubs jetzt mehrere Wochen nicht mehr gesehen und Ende dieses Monats soll das Baby kommen.
Jedenfalls haben wir ihren Geburtstag mit von uns mitgebrachtem Kuchen, selbstgekochtem „haricot avec huile onion, sauce tomate et gari“ (Bohnen mit Zwiebelöl, Tomatensoße und Manjokmehl) und selbstgemachtem Tamarindsaft gefeiert. Dann sind wir zum Fluss Kara gelaufen, haben im Schatten eines Baumes einen Stoff ausgebreitet, die Aussicht genießend Musik gehört und uns stundenlang unterhalten. Irgendwann konnten wir alle nicht mehr sitzen. Also haben wir kurzerhand angefangen im ausgetrockneten Flussbett herumzuklettern und zu -albern.


Auf dem Rückweg waren wir uns alle einig: Die Zeit war wie im Flug vergangen und es war ein wunder-, wunderschöner Tag gewesen!
Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an
Am 27. April 1960 wurde die Republik Togo unabhängig. Der Unabhängigkeitstag wurde ziemlich groß gefeiert. Am Vorabend fand vor dem Palais du Congrès ein großes Konzert statt, Eintritt frei. Gefühlt ganz Kara war dort, wir natürlich auch. Deshalb sind wir auch nicht zur Parade am nächsten Morgen gegangen. Wir waren schlicht und einfach zu müde.
27. April 1960. Das ist jetzt 66 Jahre her. Wenn Udo Jürgens recht hat, dann geht fängt Togo jetzt erst so richtig an, aufzublühen. Ich wünsche es den Togoern jedenfalls von ganzem Herzen und bin schon gespannt, wie sich das Land in den nächsten Jahren so entwickeln wird.
Tag der Arbeit
Übrigens hätten wir theoretisch sogar ein zweites Mal die Möglichkeit gehabt, zu einer Parade zu gehen und zwar am 1. Mai. Stattdessen waren wir den ganzen Vormittag im Foyer und haben dort geholfen, das Essen für unseren Ausflug mit den Mitarbeitenden am Nachmittag vorzubereiten.
Der Ausflug selbst war total lustig! Wir waren einfach nur in einer Art Restaurant (Essen haben wir allerdings selbst mitgebracht, nur Getränke haben dort bestellt), haben gemütlich zusammen gegessen und getrunken und dann natürlich getanzt. Frère Armand, der jüngste unserer Salesianer, hat richtig Moves ausgepackt und auch Père Cyrille, der Direktor, brauchte sich nicht zu verstecken!

Konsequenzen müssen sein
Diesen ausgelassenen Abend mit den Erziehern habe ich auch echt gebraucht, denn leider lief es die Wochen davor auf der Arbeit nicht so gut. Insbesondere die Mädchen wurden immer respektloser – nicht nur zu uns, sondern auch zur Maman und zum Père. Wir Volos waren, genau wie Maman, der festen Überzeugung, dass dies in erster Linie daran läge, dass auf schlechtes Verhalten bisher kaum Konsequenzen gefolgt waren.
Daher haben wir an einem Vormittag – um es in Politikersprache auszudrücken – mit dem Père eine Krisensitzung abgehalten und ein Maßnahmenpaket beschlossen. Will heißen, die Mädchen haben als Konsequenz für ihr schlechtes Benehmen alle Spiele weggenommen bekommen und mussten in ihrer Freizeit stattdessen Feuerholz sammeln. Außerdem ist es ihnen verboten, ins Jungsfoyer zu kommen. Und wir Volos waren eine Woche lang alle drei bei den Jungs, die Mädchen gingen leer aus. Das war für beide Seiten hart, hat aber gewirkt. Seit wir nach dieser einen Woche zurückgekommen sind, habe ich das Gefühl, dass die Mädchen auch untereinander wieder freundlicher sind, zu uns sowieso. Manchmal braucht es eben doch Konsequenzen, auch wenn es einem selbst auch wehtut.
Danke und bis hoffentlich bald
Diese Schmerzen waren jedoch schnell vergessen, denn wir bekamen Besuch… Dazu aber mehr in meinem nächsten Blog. Auf den müsst ihr allerdings wahrscheinlich noch länger warten als auf diesen hier, denn gerade bin ich im Unibewerbungsstress und habe weder die Zeit noch die Lust zum Schreiben. Falls ihr keine Lust aufs lange Warten habt, dann lest schonmal Marlenes Blog. Aber Vorsicht Spoiler!
Doch bevor ich mich fürs Erste von euch verabschiede, noch ein ganz großes Dankeschön, dass ihr mich bei meinem Jahr in Togo begleitet und unterstützt. Ich freue mich total über euer Interesse, ich hätte wirklich niemals gedacht, dass über 2000 Personen (!!!) sich meinen Blog anschauen würden!
Insbesondere eure lieben Nachrichten motivieren mich, weiterhin zu schreiben und machen mir Mut, wenn mal nicht alles so gut läuft. Vielen, vielen Dank dafür!
- Diesen Absatz habe ich vor über drei Wochen geschrieben. Hilfe, wie die Zeit rennt! ↩︎
Anne
Liebe Christine, wie schön, dass du nette Freunde gefunden hast und so viel erlebst. Genieße deine Zeit .
Liebe Grüße von uns allen aus Brüssel.
Christine Gnan
Danke, liebe Mama! ❤️