„Tata Barbara, Bonjour! Hast du gut geschlafen? Und sag, in welchem Atelier bleibst du heute?“

Ganz lieb werde ich von den Jugendlichen begrüßt, wenn ich im Ausbildungszentrum „Maison de l’Esperance“ ankomme. Hier werde ich für die ersten Monate bleiben und ich fühle mich echt wohl dort! Ich verbringe viel Zeit mit den Jugendlichen und werde von ihnen super aufgenommen, und auch mit den anderen Tatas und Fofos komme ich gut klar. Das Schöne daran ist auch, dass ich durch die vielen Unterhaltungen noch besser in das Französisch hier reinkomme, und natürlich, dass ich ganz viele Leute in meinem Alter kennenlerne!

Das Maison de l’Esperance bietet eine kostenlose Ausbildung für Jugendliche zwischen ca. 14 und 22 Jahren, die die Schule nicht geschafft haben, die das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten oder die nie in der Schule gewesen sind. Die Lehre in den Bereichen Bäckerei, Konditorei, Seifenherstellung oder Küche dauert kurze neun Monate, danach schließt sich ein dreimonatiges Praktikum an. Finanziell unterstützt wird das von einer italienischen Organisation . Und so läuft der Tag dort für mich ab:

Um acht Uhr komme ich an, und die ca. 60 Jugendlichen sind schon bei der Arbeit: in der Bäckerei wird der Teig fürs Baguette gemacht, in der Küche werden Sandwiches mit Fisch und Gemüse vorbereitet, die später auf dem Markt verkauft werden. Die Jugendlichen aus der Seifenherstellung und der Konditorei sind mit Putzen dran und schaffen in den Räumen und draußen Ordnung. Um neun Uhr versammeln sich dann alle zum „Wort des Tages“, das von den Tatas oder einer Schwester angeleitet wird. Es wird gebetet, gesungen und den Jugendlichen wird ein Gedanke mit in den Tag gegeben.

Danach helfe ich manchmal ein bisschen im Büro mit, sonst ist meine Aufgabe für den restlichen Vormittag dann erst mal einfach nur da zu sein. Ich kann ja schlecht Unterricht im Seifenherstellen oder im Brot backen geben, und deshalb bin ich-mit Schürze und Kopftuch bewaffnet-in den verschiedenen Ateliers mit dabei.

Blick in die Küche 

Die Jugendlichen sind ganz normal und erinnern mich oft an meine Schulzeit: da gibt es die Klassenclowns, die Unauffälligen, die Mädels, die kurz vor dem Test noch fleißig lernen, die Romantiker, die Ruhigen, die Coolen,… es wird auch mal verbotenerweise Fongbe geredet, sobald die zuständige Tata kurz nicht da ist, oder versucht, während einem Test zu spicken. Jeden Monat finden nämlich schriftliche und theoretische Prüfungen statt, auch in Französisch und Verwaltungstechnischem.

Die Jugendlichen haben also zusätzlich noch mehrmals die Woche Unterricht in diesen Fächern. Obwohl die Tata, die unterrichtet, auf jeden Fall als Respektsperson angesehen wird, würde ich das Verhältnis zwischen ihr und den Schülern als locker beschreiben.

Die Stunden sind lebendig, die Jugendlichen machen motiviert mit („Hier, Tata, hier, ich weiß die Antwort!“). Die meisten von ihnen haben vor der Ausbildung eine Schule besucht, aber es gibt auch ein paar, die davor nie Unterricht hatten. So lernt z.B. der 18-Jährige Luc*, der fast nur Fongbe spricht, die Buchstaben in Schreibschrift aufzumalen, während die 16-Jährige Marie*lernt, wie man schriftlich multipliziert. Das zu sehen ist erstmal echt ziemlich unglaublich. An was ich mich auch erst gewöhnen musste, war der Anblick des hochschwangeren Mädchens aus der Seifenherstellung, das nicht älter als 15 Jahre ist. Sie wohnt jetzt schon im Maison du Soleil, und wird dort auch mit ihrem Baby und weiteren minderjährigen Müttern, die eine Ausbildung im Maison de l’Esperance machen, untergebracht sein.

Die Jugendlichen aus der Küche draußen bei der Arbeit

Die Ausbildungsräume sind alle mit einer kleinen Tafel ausgestattet, wo z.B. Rezepte aufgeschrieben werden, die die Jugendlichen dann in ihre Hefte übertragen. Und dann wird ganz viel praktisch geübt: Baguette und süßes Brot in der Bäckerei, Kokosseife und Pflegebutter in der Seifenherstellung, Muffins und Torten in der Konditorei, Reis mit Hähnchen und Maisbrei in der Küche.

Dabei werden so gut wie keine elektrischen Geräte zur Hilfe genommen. Die meisten Waagen sind mechanisch und den Eischnee schlägt man mit dem Schneebesen anstatt mit dem Rührgerät. Die großen Kochtöpfe werden über Grills mit heißen Kohlen erhitzt. Was auch noch anderst ist: Wir benutzen Milch- und Joghurtpulver, da es Milchprodukte hier nur sehr teuer zu kaufen gibt.

Am Nachmittag findet am Montag eine Versammlung mit dem ganzen Maison de l’Esperance-Team statt. Das sind ca. 20 Leute, ein bunter Haufen aus Lehrern, Psychologen, Krankenschwestern und Sozialarbeitern. Es werden aktuelle Themen besprochen, manchmal wird auch über einzelne Jugendliche geredet. Am Dienstag, Donnerstag und Freitag (mittwochs bin ich am Nachmittag im Foyer) bleibe ich mit den Jugendlichen bis 17 Uhr im Ausbildungszentrum. Manche haben noch Unterricht, mit den anderen spiele ich dann Karten- oder Würfelspiele, freitags wird auch mal gemalt oder gebastelt. Und wir haben viel Zeit zu reden! Die Jugendlichen sind ganz motiviert, mit Fongbe beizubringen, ich habe also immer mein Vokabelheft dabei und schreibe fleißig mit. Ich lerne von ihnen viel über Benin, aber ich werde auch viel über meine Familie und über Deutschland gefragt (ein paar von ihnen hatten auch Deutsch in der Schule, womit ich irgendwie gar nicht gerechnet hatte).

Und die schönsten Fragen gibt’s hier noch zum Ende des Eintrags:

  • Wie funktioniert das bei euch, wenn ihr keine Zems (Mofataxis) habt?
  • Sterben bei euch die Menschen wegen der Kälte?
  • Hast du schon Kinder und wo ist dein Ehemann?
  • Welche Stammessprachen gibt es bei euch?
  • Wie um alles in der Welt konntest du nur deine Haare abschneiden?
  • Dürfen wir dich in den Ofen stecken, damit deine Haut genauso schwarz wie unsere wird?

Diese Bazis… 🙂 Aber es ist echt schwierig, sich das Leben in einem so fremden Land vorzustellen, weil dann doch alles ganz anderst ist.

Viele liebe Grüße,

Eure Barbara

 

*Namen aus Datenschutzgründen geändert