Wenn es hier regnet, dann regnet es richtig. Dicke Tropfen fallen auf die Dächer, es donnert so laut, dass ich meine Musik auf volle Lautstärke drehen muss und die Blitze sind so hell, dass ich meine Schlafmaske aufsetzen muss, um schlafen zu können. „Ganz oder gar nicht“ ist hier das Motto seit der Regenzeit Ende April. Und leider habe ich das Gefühl, das ist auch das Motto meines Freiwilligendienstes. Denn warum sonst bin ich auf der Intensivstation des Krankenhauses „Louis Pasteur“ in Porto Novo gelandet? Einmal bitte alle Erfahrungen mitnehmen, wenn ich schon mal hier bin, dachte sich mein Körper… Aber von vorne:
Nach einem tränenreichen Abschied am Flughafen von meinem letzten Besuch hier in Benin (meine Freunde Mick und Lutz) (zu dem Urlaub mehr im nächsten Blogeintrag), schlief ich die nächsten Nächte noch bei Emmi, Oscar und Edwin in der WG in Calavi. Sie lenkten mich etwas ab, denn wir spielten einige Runden Mensch Ärger Dich Nicht. Als ich Samstag morgens aufwachte, hatte ich so dolle Bauchschmerzen, dass ich auf die Toilette rennen und mich übergeben musste. Ich erspare euch jetzt die Details. Jedenfalls ging es mir, nachdem Simon (ein Freiwilliger aus Togo, der zu Besuch war) mir Buscopan gab, wieder deutlich besser. Das Wochenende waren wir viel unterwegs mit Simon und Oliver (auch ein Freiwilliger aus Togo), um ihnen Cotonou zu zeigen.
Als ich dann wieder zu Hause in Porto Novo war, musste ich erst mal mit den ganzen neugewonnenen Eindrücken der letzten Monate klarkommen. Ich war viel unterwegs, es ist sehr viel passiert und ich habe extrem viel gelernt. Aber wie gesagt, dazu mehr im nächsten Blogeintrag. Jetzt kommt ein nicht ganz so schöner Teil meines FSJs.
Denn die Woche danach verlief leider nicht ganz so harmlos. Ich hatte immer wieder morgens diese extremen Bauchschmerzen, musste mich immer wieder übergeben. Und weil ich weiß, dass meine Mutter alles weiß, rief ich sie natürlich an. Sie meinte ich solle ins Krankenhaus fahren, das solle mal abgecheckt werden. Nicht, dass das der Blinddarm ist.
Tja, wie gesagt. meine Mutter weiß alles. Ich ging Montag ins Krankenhaus, extra morgens nicht gefrühstückt und schon Sonntag abends nichts gegessen. Mir wurde die Patientennummer 11 in die Hand gedrückt. Ein paar Minuten warten. Der Doktor ruft mich in sein Zimmer. Stellt mir einige Fragen. Tastet meinen Bauch ab. Misst Fieber. Und schickt mich zum Ultraschall. Erstmal Geld abheben gehen, weil ich alles vorstrecken muss. Im Ultraschallzimmer wartet eine Frau auf mich, sehr nett und jung, sie macht die kalte Creme auf meinen Bauch und fährt locker 20 min mit ihrem Gerät drüber. Sagt mir, dass mein Blinddarm entzündet ist. „Das muss operiert werden.“ Ich nicke bloß, zu geschockt, um ein Wort rauszubringen. Ich ging raus, rief meine Mutter an und weinte erstmal. Ich hatte extrem Angst. Nicht nur, weil ich operiert werden würde. Es war meine erste Operation. Dann würde die auch noch in Benin stattfinden? Und meine Familie ist nicht bei mir?
Danach ging alles sehr schnell: ich wurde stationär aufgenommen, mir wurde ein Zugang für einen Tropf gelegt und dann hieß es: möchtest du dich hier operieren lassen oder willst du nach Hause? Ich dachte mir nur, dass ich doch jetzt nicht nach Hause kann. Ich hatte es fast geschafft, mir fehlten nur noch ein paar Monate. Wenn ich jetzt nach Hause fliege, ist mein FSJ vorbei. Also nein, ich bleib hier.
Ich telefonierte die ganze Zeit mit meiner Mutter, damit ich mich weniger allein fühlte. Sie setzte sich in Verbindung mit Ulla, der Zuständigen für uns Freiwillige in Deutschland. Auch sie meinte, dass es realsitisch ist, sich hier operieren zu lassen, besonders am Blinddarm. Zum Glück kam Oscar aus Calavi zu mir, er hat mir alles übersetzt, denn in diesem Zustand hat mir mein Französisch auch nicht viel gebracht. Er hat sich in Kontakt mit der Deutschen Botschaft gesetzt, um zu gucken, ob dieses Krankenhaus hier vertrauenswürdig für solche Eingriffe ist oder ob ich nach Cotonou verlegt werden soll. Die Ärzte der Botschaft versicherten uns, dass das Krankenhaus gut sei. Nach einigem hin und her entschieden wir uns, dass ich hier bleibe. Die Ärzte waren sehr nett, die Krankenschwestern lustig und alles war sauber. Der Chirurg kam extra aus Cotonou angereist für mich, meine OP war für nachmittags angesetzt. Da allerdings spontan eine Geburt stattfand, musste ich mich noch gedulden.


Um 22:30 Uhr war es dann aber soweit, ich wurde fertig gemacht und im Rollstuhl in den OP Saal geschoben. Da bekam ich etwas Panik, denn die blauen Fliesen im Keller und die gruseligen Gasflaschen im Raum machten mich nervös. Als ich auf der OP-Liege lag, wollte der Chirurg mir unbedingt sein (sehr gebrochenes) Deutsch vorstellen, was ich in der Situation ziemlich absurd fand. Deshalb schlief ich lachend ein, als die Narkose wirkte.
Die ersten vier Tage war ich komplett schwach, habe wegen der Narkose nur geschlafen und in Kombination mit zu vielen Schmerzmitteln musste ich mich oft übergeben. Das tat echt weh und war alles andere als cool. Alles schmeckte nach Krankenhaus. Nur Medikamente in mir. Antibiotika, Schmerzmittel, irgendein Neongelbes Zeugs im Tropf, was sich am Ende als Elektrolyt- und Vitamin-Mischung rausstellte. Ich durfte für eine Woche weder essen noch trinken.
Der Arzt und die Krankenschwestern waren aber alle sehr lieb. Sie gaben mir den Spitznamen „la dormeuse Matilde“ (die schlafende Matilde) oder nannten mich „ma chérie“. Eine Krankenschwester hat mir Bilder ihrer Schwester gezeigt, die andere wollte mit mir Tiktok gucken und die andere hat mir gezeigt, was sie heute gegessen hat. Wieder eine andere wollte, dass ich ihr einen Job in Deutschland besorge und ihr Deutsch beibringe und noch eine wollte Beziehungstipps von mir hören. Ich wurde also trotz der Schmerzen gut abgelenkt.
Allerdings sind auch ein paar wirklich traumatisierende Dinge passiert, auf die ich jetzt erst mal klarkommen muss (also eine Trigger Warnung an der Stelle):
Ich lag die ganze Woche über auf der Intensivstation, damit die Ärzte mich die ganze Zeit beobachten konnten. An einem Mittag kamen plötzlich acht Ärzte rein, liefen an meinem Bett vorbei zu der alten Frau, die neben mir im Koma lag. Drei Familienmitglieder folgten ihnen und weinten. Eine Frau fragte „c’est fini?“ („Ist es vorbei“) und ich brauchte die Antwort der Ärzte gar nicht zu hören. Die piependen Geräte, die mich vor einer Sekunde noch nervten, wurden plötzlich still. Das Weinen wurde lauter, jemand holte ein Tuch und lag es auf die alte Frau. Sie wurde an meinem Bett vorbei nach draußen geschoben und es herrschte Stille auf der Intensivstation. Kurz darauf bekam ich Besuch von Marlene, die genauso geschockt war wie ich, als ich ihr das erzählte.
Als wäre das nicht schon genug, wurde später ein Mädchen eingeliefert, was offensichtlich einen epilleptischen Anfall hatte und es folgte, als mich Oscar gerade besuchte und wir Karten spielten, ein Mann, der einen Schlaganfall hatte. Er hing in den Armen von zwei Ärzten, seine Augen waren gruselig nach hinten gerollt und er war weggetreten. Oscar wurde rausgeschickt und ich versuchte, das ganze Gewusel auszublenden. Das war natürlich unmöglich mit den ganzen Ärzten, die gestresst durch die Gegend rannten und versuchten, den Mann zu retten. Naja, das Mädchen und den Mann hatten sie gerettet. Doch mir geht die alte Frau nicht aus dem Kopf…
Leider wurden mir auch die ganzen Spritzen nicht erspart. Ich habe immer noch Blutergüsse von den Zugängen, die kaputt gegangen sind. Mir wurde Blut am Finger abgenommen, was extrem weh tat und in meinen Bauch wurden ebenfalls Medikamente gespritzt. Insgesamt wurde ich 12 mal gestochen. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich jetzt schmerzresistent bin.
Das erste mal einen Zitronengras-Tee zu trinken nach einer Woche ekelhaftem Krankenhausgeschmack im Mund war vermutlich das beste Gefühl seit langem. Was bei den ganzen Eindrücken eine riesen Hilfe war, war auf jeden Fall das Wissen, nicht alleine zu sein. Ich bekam fast täglich Besuch. Marlene, Père Arnaud, Abbé Julien, Père Jacques und Père Adolphe haben mich besucht. Vor allem für Oscar bin ich sehr dankbar. Er hat mir mentalen Beistand geleistet, meine Mutter auf dem Laufenden gehalten, er ist geduldig mit mir spazieren gegangen als ich langsam wie eine Oma gelaufen bin und hat alles mit der Versicherung geklärt. Mir wurde klar, wie Freiwillige zusammenhalten, dass dieses Jahr wirklich zusammenschweißt, als auch noch ein weiterer Freiwilliger (Felix) so lieb war und mir aus Cotonou Kartoffelpüree, Apfelmus und Suppe vorbeigebracht hat.
Die nächste Woche hieß es dann alle zwei Tage Pflasterwechseln und Freitag Fäden ziehen, ganz viel ausruhen, lesen und verarbeiten. Am Wochenende bekam ich Besuch von Emmi, die mich schön abgelenkt hat. Wir spielten die ganze Zeit Skyjo und jetzt bin ich keine Oma mehr, sondern wieder fit wie ein Turnschuh.

Dieser Blogeintrag ist vor allem dazu da, zukünftigen Freiwilligen Mut zuzusprechen. Mit ein bisschen Hilfe schafft man alles. Ob man das glaubt oder nicht: die Menschen hier müssen auch ab und zu operiert werden. Die Ärzte lernen das hier genauso wie in Deutschland. Auch, wenn vieles anders ist, ist es hier nicht „unmöglich“. Denn das beninische Gesundheitssystem ist vor allem in Porto Novo und Cotonou fortgeschrittener, als man in Europa denkt. Selbst, wenn man nicht erwartet, solche Erfahrungen in seinem FSJ zu machen, wächst man daran und schafft das.
Denn wie der Oscar stehts sagt: „alles wird gut, Tilly“.
Bleibt gesund, e yi zandé und bis bald!
Matilde
Tina und Frank
Oh Matilde,
vielleicht warst du die Schlafende, aber definitiv bist du eine Kämpferin, eine Löwin.
Liebe Grüße aus Lorne (Victoria)
Tina und Frank
Ulla Fricke
Liebe Matilde, ich danke dir von Herzen, dass du diesen Text aufgeschrieben hast (und das stilistisch so elegant!). Und ich werde ihn sichern und für neue Volontäre in der Vorbereitung nutzen- auch wenn eine Op wirklich nicht so oft bei uns vorkommt. Du hast einiges hinter dir und das ganz bravourös gemeistert. Ich bin ganz gerührt über den Support, den du von Don Bosco und Oscar und Emmi usw (Grüße bitte ganz ganz lieb von mir❤️) bekommen hast. Hoffentlich verläuft deine restliche Zeit jetzt in ruhigeren Bahnen… Alles Liebe von uns aus Bonn. Ulla fürs Team Don Bosco Volunteers