Von Marlene bis Benin

Fufu und Fernweh

Nochmal Kind sein- Von Wochenendtrips und Alltagsgedanken

Endlich wieder ein langersehnter Blog aus Benin! Mittlerweile ist es schon April, die Zeit rennt und das Blogschreiben kommt leider oft zu kurz. In meiner Notiz-App habe ich aber noch ein paar folgende Worte aus dem Januar gefunden, also kommen jetzt mehrere Blogs zur letzten Zeit so bald es geht!

Lang ist es hier, war viel los: Wochenendtrip nach Dassa, Zwischenseminar und Urlaub in Ghana, Besuch meiner Familie und ganz viel Zeit mit den Kindern- ich fang am besten da an, wo ich zuletzt aufgehört habe und versuche die Ereignisse und Gedanken des Januars zu sortieren.

Nach den trubeligen letzten Tage, von der Weihnachtszeit über Silvester bis zum Voodoo-Festival kamen erstmal ein paar entspanntere Wochen.

Am Freitag der 18. Woche waren wir nochmal in Cotonou, eingeladen auf der deutschen Botschaft für einen Austausch mit Beniner/innen zum Thema Umweltschutz- eine spannende Runde und Inputs, besonders in diesem Land. 

Und das Wochenende der 19. Woche verbrachten wir mit ein paar Freunden in Dassa, ein Ort in Zentral-Benin in einem Hotel. Von dort aus machten wir eine geführte Wanderung auf den circa 300m hohen Berg „La Arigbo“. Unser Guide erzählte uns spannende Voodoo-Geschichten, zeigte uns, wie man Baobab und Cashew erntet und führte uns zum Abschluss zur „Grotte Notre-Dame“. 

Die restliche Zeit versuchten wir die 38 Grad im Pool des Hotels zu kompensieren und ließen es uns mit Massagen und guten Essen gutgehen.

In der 21. Woche kam dann Matildes Familie zu Besuch, was für mich viel Zeit alleine bedeutete, aber auch viel Zeit in Cotonou wegen meines Visums (dazu später mehr).

Ansonsten verlief der Januar recht ruhig, viel Alltag, jeden Tag die selben Routinen. Darum möchte ich diesen Blogeintrag gerne nutzen, diese genauer zu erläutern und ein paar Gedanken aus dem Alltag und zu Benin zu teilen.

Unsere Tage beginnen hier mit dem gemeinsamen Frühstück mit den Pères um 8 Uhr. Für die Kinder beginnt zu dieser Zeit die Schule, in der wir jedoch nicht tätig sein können. So haben wir die Morgene für uns und kommen dann um 10.30 Uhr zur Schulpause dazu. In dieser kaufen sich die Kinder mit ihrem täglichen Taschengeld (100 CFA Franc‎ = 0,15 Euro) etwas zum frühstücken, etwa kleine Tüten mit gekochtem Reis oder eine Packung Kekse. Ansonsten wird wild Fußball gespielt. Manchmal bringen Matilde und ich Kartenspiele mit oder machen mit den Kleinen eine Runde Yoga- oftmals sitzen wir jedoch nur auf den Bänken und quatschen mit den Kindern, die keine Lust auf Spielen haben. Die Pause ermöglicht es uns ebenfalls Zeit mit den Mädchen aus dem Viertel zu verbringen, die die Schule besuchen, aber nicht im Internat wohnen. 

Danach schlagen Matilde und ich oft zwei Stunden Zeit mit großen Spazierrunden tot, um am Tag mal aus dem Gelände rauszukommen. Das ist wohl die Hassliebe auf seiner Arbeit zu wohnen. Wir sind dadurch sehr nah an dem Leben der Jungs und Pères, was toll ist und uns zum Teil einer Gemeinschaft macht, aber manchmal vermisse ich einen Arbeitsweg- eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatem. In Berlin bin ich früher immer eine Stunde lang zur Schule gefahren. Das ich das mal vermisse, hätte ich selber nicht gedacht.

Nach dem Mittagessen um 14 Uhr und der, bei der müde machenden Hitze nötigen, Siesta, beginnt dann unser eigentlicher Arbeitstag. Von unserer Dachterasse aus kann man gut beobachten, wann die Kinder von ihrem Mittagsschlaf erwachen und anfangen, auf dem Hof durch die Gegend zu flitzen. Eine feste Uhrzeit gibt es nicht- das ist die Spontanität Benins.

Dann sitze ich mit den Kindern auf dem Hof, große Aktionen und Projekte sind das meistens nicht- Quatschen, Rumalbern, ab und zu Ballspielen. Am besten klappen spontane Spiele ohne viel Vorbereitung, wie Schere-Stein-Papier (sehr ausdauernd), Fangen, Klatschspiele, Buchstaben auf die Rücken der Kinder zu malen, Schweinchen in der Mitte, …

Mit der Zeit und dem wachsenden Vertrauen kommen auch immer öfter Kinder um tiefgründigere Gespräche zu führen. Manche reden über ihre Träume, was sie gerne mal werden möchten, wohin sie mal reisen wollen, andere setzen sich neben mich und fangen an, von ihrer Vergangenheit zu reden. Von ihren Familien, schweren Schicksalsschlägen und den Gründen, wieso sie hier leben. Oft fällt mir darauf keine gute Antwort ein. Eigentlich nie. Was soll ich denn auch sagen? Aber ich habe das Gefühl, das erwarten die Kinder auch gar nicht. Es reicht schon, dass ihnen jemand zuhört und in den Arm nimmt. Mehr kann ich auch nicht machen. Manchmal ist es schwer, den Kloß im Hals herunterzuschlucken und zu akzeptieren, dass das Leben unfair ist. Aber das wissen die Kinder wahrscheinlich besser als ich.

Um 18.00 Uhr wird der Hof gefegt, geduscht, dann gibt es auf dem Hof eine Kleinigkeit zu essen und um 19.00 Uhr ist Zeit für Hausaufgaben im „Salle d‘étude“. Auswendiggelerntes abfragen, sich über Unterrichtsinhalte unterhalten, ab und zu aus Kinderbüchern vorlesen…

Die Stimmung abends ist irgendwie besonders. Während die Kinder sonst immer wahnsinnig aufgedreht und kaum still zu kriegen sind, ist es abends selbst ohne Aufsicht mucksmäuschenstill beim Lernen. Am schönsten finde ich es zu beobachten, wenn sich die Kinder gegenseitig Sachen erklären, tief versunken in ihre Hefte oder vorne an der Tafel zum Lesenlernen für die kleinen.

Mittwochs gibt es um 19.00 Uhr statt den Hausaufgaben die Tradition des „Geschichtenkreises“. Aus Plastikstühlen wird ein großer Kreis aufgebaut, ein Kind setzt sich in die Mitte und erzählt den anderen eine Geschichte. Märchen, bekannte Erzählungen, manchmal auch spontan ausgedachte Geschichten. Es wird viel gelacht, teilweise schlafen die Kleinen dabei ein- eine sehr schöne Tradition.

Sonntags ist Messe, bei der ich meistens im Kirchenchor mitsinge und nachmittags kommen Kinder von überall her zum öffentlichen Fuß- und Basketballtraining aufs Gelände.

Manchmal habe ich das Gefühl, auf dem Gelände kann ich nochmal Kind sein. Oder das Erwachsenwerden prokastinieren. Den ganzen Tag spielen, den ganzen Tag Quatsch machen. Keine Pflichten, keine Termine.

Ich habe mir bei den Vorbereitungsseminaren immer vorgestellt, ich muss in meinem Jahr hier ganz viel machen. Ganz viele Projekte und Aktionen, hier das und dort das. Aber es reicht auch einfach da zu sein, den Alltag zu begleiten. Ein offenes Ohr zu haben, eine Hand zum halten.

Anfangs fand ich es schade, dass ich nicht in der Schule arbeiten kann, doch mittlerweile bin ich sehr glücklich darüber. Denn dadurch habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu den Kindern. Ich bin nicht „höhergestellt“, wie die Lehrer*innen. Es ist aber auch nicht das gleiche Verhältnis wie das zwischen den Salesianern und den Kindern. Ich bin nicht nur für die Probleme da, wie die Psychologin hier, ich bin nicht nur für Nachmittagsbetreuung da, wie die Trainer. 

FSJler sind irgendwo dazwischen. Ein bisschen was von allem.

Ein bisschen, wie eine große Schwester.

Ehrlich gesagt fühlt es sich komisch an, diesen Blog so unveröffentlicht drei Monate später zu lesen. Nachempfinden zu können, wie man sich gefühlt hat, aber rückblickend auch festzustellen, wie viel sich doch verändert hat.

Ich weiß noch, dass ich sehr glücklich war, endlich eine Art Alltag gefunden zu haben, auch wenn dieser manchmal so eintönig war, dass ich einmal an meinem freien Tag ausversehen „arbeiten“ gegangen bin.

Ich weiß aber auch noch, dass der Januar viele Schwierigkeiten mit sich gebracht hat, die nunmal auch zu einem FSJ dazugehören und transparent gemacht werden können.

Ich weiß noch, wie extrem die männliche Belästigung auf den Straßen teilweise war. Die ständigen Heiratsanträge, Reduzierung auf die Hautfarbe, übergriffige Vorfälle- so extrem, dass ich manchmal keine Lust hatte, das Haus zu verlassen. Doch selbst auf dem Gelände kam/kommt es immer wieder zu unangenehmen Situation durch bestimmte Mitarbeiter.

Zudem kamen andere Aspekte, vor allem aber der Prozess für das Visum für Benin und für Ghana fürs anstehende Zwischenseminar war unfassbar ermüdend. 

Um sein Einreisevisum für Benin verlängern zu können, braucht man eine Aufenthaltskarte, die durch unerklärlichen Gründen (an einem Tag hieß es, es sei ein technischer Fehler, am nächsten Tag, dass es einfach vergessen wurde…) bei mir statt einer Woche letztlich drei Monate brauchte. Ohne Aufenthaltskarte, kein Beninvisum, ohne Beninvisum kein Ghanavisum. Die Zeit wurde immer knapper, ich hatte kaum Unterstützung, wurde auf den Ämtern nicht ernst genommen und war im Grunde maßlos überfordert mit dieser Machtlosigkeit gegen die beninische Arbeitsmoral. Auf der ghanischen Botschaft wurde mir beispielsweise einmal die Tür vor der Nase zugeknallt, weil die Mitarbeiterin gerade „müde sei und jetzt nunmal schlafen wollen würde“. 

Dass ich zu den Botschaften/Immigrations-oder Bürgeramt fast zwei Stunden hin und zwei wieder zurück brauche, machte die Zeit nicht leichter.

Umso erstaunter und überglücklich waren Matilde und ich, als wir einen Tag vor geplanter Ausreise ziemlich spontan doch unser Ghana-Visum in den Händen hielten. Ich hatte schon nicht mehr mit der Teilnahme am Zwischenseminar gerechnet und am Morgen alles wieder storniert gehabt. 

Für ein Togo-Transit-Visum reichte die Zeit dann nicht mehr, also buchten wir noch in der Nacht für den nächsten Morgen einen Flug nach Ghana. Neues Hostel buchen, Rucksack packen, Aufräumen…- die Nacht war lang.

Rückblickend merke ich richtig, wie mir nach einem halben Jahr so einiges zu Kopf gestiegen war, wie gut es war, einmal „rauszukommen“, wie unfassbar wertvoll der Austausch auf dem Zwischenseminar war und wie viel dieses für den weiteren Verlauf meines Jahres hier geändert hat.

Doch dafür müsst ihr euch leider noch etwas gedulden und bis auf meinen nächsten Blog zur Zeit in Ghana warten…

Bis dahin: fühlt euch gedrückt! 🫂

Marlene

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  1. Sabine

    Der lang ersehnte Blog;-) Januar kommt mir auch schon sehr lange her vor, aber wie du den Alltag beschreibst ist schön, vor allem weil wir das ja jetzt ein bisschen kennenlernen durften und wissen, wie sich die Mittags- Siesta anfühlt, die kleine kleinen Kinderhände, die sich ständig in die eigenen Hände schieben , das Sitzen im Geschichtenkreis und die Gemeinschaft auf dem Gelände. Freu mich schon auf die Fortsetzung…

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