Mein letzter geschriebener Blogeintrag ist jetzt schon drei Monate her. Es hat sich viel verändert und viel ist gleich geblieben. Februar, März, April kamen und gingen, ohne dass man es je bemerkt hätte. Jetzt ist schon Mai, ich bin seit fünf Monaten hier, in drei wieder weg. Dieser Blogeintrag wird wohl eine Art Sammlung an Geschichten und Dingen, die mir in den letzten paar Monaten aufgefallen sind. 

Samaipata:

Anfang April kam meine Familie zu Besuch. Wir trieben uns hauptsächlich im schwülen Santa Cruz herum, doch ein paar Tage verbrachten wir in dem circa hundertzwanzig Kilometer entfernten Bergort Samaipata. 

Samaipata ist insgesamt ein kleines Abenteuer, von der Anreise bis zum Ort selbst und seinem Umland. Die Anreise erfolgte in einem “Trufi,” einer Art Minivan, in den wir uns reinquetschen. Dann konnte die Reise losgehen. Der Fahrer kaufte sich noch an einem Stand eine grüne Plastiktüte voller grüner Blätter. Es waren Kokablätter, das ewige Lebenselixier des bolivianischen Volkes, diesmal mit RedBull Geschmack. Ein wenig unorthodox, doch eigentlich ganz lecker. Das Kauen dieser Blätter ist hierzulande eine tief verzweigte Tradition – seit tausenden von Jahren stopfen sich die Menschen Koka in die Backen. Und besonders in körperlichen Berufen oder in Tätigkeiten, die besondere Konzentration erfordern, ist der Konsum weit verbreitet. In einem Kleinbus prekäre Gebirgsstraßen zu befahren würde dazu wohl zählen, deswegen kauen viele Fahrer Koka. Der Konsum der Blätter verleiht dem Konsumenten eine erhöhte Konzentration, Aufmerksamkeit und Klarheit. Der Saft der Blätter betäubt den Mund und mischt sich mit Speichel zu einem braunen Saft, den man als Fahrer aus dem Fenster spuckt.

Wir fuhren los und der mittägliche Stadtverkehr von Santa Cruz floss dahin wie ein zäher Strom aus Melasse. Es waren ohnehin schon über dreißig Grad und der endlose Asphalt machte es nur schlimmer. Wir waren ein kleines Boot und fuhren unter Palmen auf einem Meer aus Benzin. Schwitzend saßen wir im Trufi, und von Bergen und Natur war weit und breit keine Spur. Der Fahrer machte noch einen Stopp, um zu tanken, wir mussten aussteigen. Denn die Trufis tanken Erdgas, und man will ja, falls etwas schiefgeht, keine Gringofamilie in die Luft jagen. Wir fuhren weiter raus aus der Stadt, vorbei an unendlichen ärmlichen Wohnvierteln, vorbei an geschäftigen Märkten, vorbei an den obligatorischen Massen an wartenden oder schlafenden Menschen. 

Als wir in die südlichen Vororte von Santa Cruz kamen, konnten wir am westlichen Horizont so langsam die Berge sehen, die auch aus der Ferne schon Imposant wirkten. Es wurde ländlicher und ländlicher und die Ortschaften flogen an uns vorbei. La Guardia, San Jose, El Torno, Taruma, San Luis. Schließlich kamen wir in La Angostura an, dem letzten Ort in der Ebene vor dem Fuße des Gebirges. Von hier türmen sich die Berge schon majestätisch über der Landschaft auf. Das ist der berühmte „Codo de los Andes,” der Ellenbogen der Anden. Hier macht dieses kolossale Gebirge eine Biegung nach Süden und folgt den natürlichen Konturen des Kontinents. 

Nach La Angostura beginnt dann die Bergstraße nach Samaipata, die Ruta Nacional 7. Auf zwei Spuren bewegt sich hier ein großer Teil des bolivianischen Trans-Anden Verkehrs. Wenn etwas vom Altiplano, also aus Städten wie La Paz und Sucre oder auch aus Peru oder Chile, die Anden überqueren muss, dann gibt es in Bolivien außer dieser nur eine handvoll anderer Routen. Die RN7 schlängelt sich durch das Gebirge, eng an riesigen Felsen und dicht bewaldeten Bergen hängend. Und prekär ist sie auch noch! Es half nicht, dass es viel geregnet hatte, und die Straße an vielen Stellen einfach von Erdrutschen oder Steinschlägen weggewaschen wurde. So fuhren wir dann nach Samaipata, auf einer Seite der Abgrund, auf der anderen der Dschungel, alle paar hundert Meter kleine Mahnmäler und Kreuze am Abgrund, manchmal wegen Reparaturarbeiten haltend, manchmal uns mit allem Verkehr auf einer Straßenseite durchquetschend. Die normalerweise ungefähr drei Fahrstunden dauernde Strecke schafften wir in knapp fünf.

Irgendwann kamen wir dann doch noch in Samaipata an, auf zirka 2000 Höhenmetern. Samaipata ist eine komische Mischung. Das Städtchen selbst scheint die Jahrtausendwende nie so richtig mitgemacht zu haben; die engen Straßen sind aus Sand oder Lehm, sie sind von braunen Adobe Häusern gesäumt, von braunen Häusern aus Lehmziegeln. So werden Häuser auf der ganzen Welt schon seit tausenden von Jahren gebaut. Diese altertümliche Ortschaft wird von vielen uralten Autos und umso mehr müden Straßenhunden besiedelt. Doch zwischen den Sandstraßen, den Lehmhäusern und den fahrenden Wracks treiben sich, den Umständen entsprechend, ausgesprochen uncharakteristische Menschen umher. Samaipata beherbergt nämlich eine blühende Tourismusindustrie, die hauptsächlich junge Backpacker aus dem Westen anlockt. So hat dieses eigentlich verschlafene, in der Zeit steckengebliebene Anden-Örtchen teilweise eine Atmosphäre, wie man sie aus stark gentrifizierten Vierteln in Berlin oder Brüssel, beispielsweise aus dem Prenzlauer Berg kennt. 

Ich hätte mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, dass ich in einem Ort wie Samaipata auf eine Cocktailbar namens „La Boheme” stoßen würde, in der eine Cloud-Ingineurin aus Kreuzberg (eigentlich aus Paderborn, seit sechs monaten in Berlin), ein DJ aus Melbourne und ein Barista aus Kopenhagen sitzen – und in der es auch noch Smashburger gibt! Besonders die Smashburger machten mich sehr zornig. Diese lächerliche, als Geschmackserlebnis getarnte Burgergentrifizierung, bei der der Burger immer kleiner und dünner wird, während der Preis aufgrund des Cool-Faktors steigt, ist schrecklich. Außerdem ziehen Smashburger, genau wie die des „La Boheme” in Samaipata es offensichtlich tun, ein mir höchst unsymphatisches Milieu an. 

Ansonsten war Samaipata sehr angenehm, und der Rest des Volkes, sowohl Einheimische als auch Touristen, waren eher behaglich. Wir machten eine Wanderung im Umland, auf der Suche nach Andenkondoren, dem größten fliegenden Vogel der Welt. Wir kehrten einen Tag früher als geplant nach Santa Cruz zurück, denn die Straße befand sich in einem so schlechten Zustand, dass jeder Regen ihre Schließung bedeuten könnte. Und wir wollten auf gar keinen Fall in den Bergen stecken bleiben. 

Mai:

Jetzt komme ich zu dem Titel des Blogs. Denn in der Tat macht der Mai scheinbar alles neu. Es ist kalt geworden in Santa Cruz. Bis vor ein paar Tagen dachte ich, diese Worte würde ich nie schreiben, geschweige denn überhaupt denken. Doch es ist wirklich wahr, es ist kalt geworden in Santa Cruz. Und so sitze ich nun in meinem Sessel und schreibe, ich trage zwei Pullover und eine Jacke, trage zwei Hosen und zwei Paar Socken. Nachts muss ich unter drei Wolldecken schlafen, denn mein Zimmer ist nicht gedämmt. Ich habe kein warmes Wasser zum Duschen, und wenn es windet, dann bewegen sich auch bei geschlossenen Fenstern meine Vorhänge. Doch man wage es nicht zu denken, ich würde mich beschweren! Ich begrüße meinen ersten und vorläufig letzten Tropenwinter mit offenen Armen, denn mein Drang nach der ewigen Hitze war schon lange geschwunden. Die Kälte brachte mir etwas Schnupfen, aber auch frische Energie und eine willkommene Abwechslung. 

Hier läuft der Winter sehr seltsam ab. In Zeiträumen von ungefähr drei bis fünf Tagen wird es kalt, circa 15-20 Grad, und dann genau so lange wieder warm, also etwa 27-30 Grad. Dies hängt vom sogenannten „Surazo” ab, einem kalten Wind, der aus der Antarktis und aus Patagonien nach Norden kommt. Südlich von Santa Cruz liegen für tausende von Kilometern nichts als flache, spärlich bewachsene oder ganz karge Ebenen – die paraguayischen Chacos und die berühmten argentinischen Pampas. So steht den eisigen Winden nichts im Wege. Außerdem ist die Luft hier sehr feucht, was natürlich nochmal erheblich zum Gefühl der gnadenlosen Kälte beiträgt. 

Beobachtungen nach fünf Monaten: 

Bereits in meinem ersten Blog im Januar schrieb ich ein wenig über gesellschaftliche Beobachtungen, die mein Bild von Bolivien und seinem Volk formten. Eine für mich definierende Charakteristik dieser Gesellschaft ist ihre tiefe Spaltung. Jeder Aspekt – so scheint es mir mehr und mehr –  des bolivianischen Lebens ist gespalten. In der Regel laufen diese Spaltungen auf ähnliche Faktoren aus: Arm und Reich, Gebirge und Ebene, Weiß, Indigen und „Mestizo,“ politisch links und rechts. Diese Kategorien sind nicht unbedingt voneinander abhängig, doch sie interagieren sehr oft miteinander, wie auf einem Spektrum.

Die erste Kategorie, Arm und Reich, ist zum Beispiel eng mit ethnischer Zugehörigkeit verwickelt, welche wiederum mit der geographischen Lage zu tun hat. Die indigenen Ureinwohner, von Stämmen wie den Quechua und Aymara leben hauptsächlich in der kargen, ruppigen Andenlandschaft der westlichen Hochländer, konzentriert in Städten wie La Paz, El Alto, Cochabamba und Potosí. Die indigenen Bevölkerungen sind allgemein die ärmste Schicht der bolivianischen Bevölkerung, sie werden und wurden historisch unterdrückt und ausgebeutet. Die Städte und Departements des Landes, in denen eine große indigene Minderheit oder gar Mehrheit lebt, sind Hochburgen des früheren, eher linken Präsidenten Evo Morales (dazu später mehr). Die sogenannten „Mestizen” sind das Produkt jahrhundertelanger Mischung von Europäischen und Indigenen Genen, und die mit Abstand größte Gruppe der Bevölkerung, was sie auch zur gesellschaftlich ambiguosesten macht. Die Mestizen besetzen das gesamte wirtschaftliche Spektrum und das gesamte Gebiet des Landes, sind also ein riesiger Teil der städtischen Mittelschicht. Der kleinste Teil der bolivianischen Bevölkerung sind Weiße, nur von Europäern abstammende Menschen. Diese Gruppierung ist mit Abstand die wohlhabendste und kontrolliert einen überproportional großen Teil der Finanzen und der politischen Macht Boliviens. Sie ist im Prinzip eine Bourgeoisklasse, die sich auf Kosten der breiten Massen ein dekadentes Leben leisten kann. Die weißen Bolivianer bewohnen hauptsächlich die östliche Flachebene, insbesondere Santa Cruz. Außerdem ist sie stark an rechte und neoliberalistische Politik gebunden, die ihre Existenz ermöglicht und speist. 

Dazu ein Beispiel: Im Moment wird unweit des Flughafens von Santa Cruz eine riesige neue Wohnsiedlung gebaut, Nueva Santa Cruz. Dabei handelt es sich um ein gigantisches, futuristisches Projekt, bei dem im Prinzip eine ganz neue Stadt aus dem Boden gestampft wird. Es dreht sich alles um schicke, große Wohnungen, Parks, Paläste und Hotels, moderne Sportanlagen, und alles andere, was einem solchen Prestigeprojekt nicht fehlen darf. Nur eine Sache fehlt: normale Menschen. Nueva Santa Cruz wird nämlich in seiner Gänze für die Beau Monde der Stadt gebaut. Dadurch werden dann alle sozialen und infrastrukturellen Probleme der alten Stadt beseitigt; denn wenn man sich einfach von den Problemen fortbewegt, dann gibt es sie ja schließlich nicht mehr. So kann sich die regierende Oberschicht weiter und weiter vom Rest des Volkes entfernen, bis ihre zwei Welten sich schließlich gar nicht mehr überschneiden. Dann verfällt das alte Santa Cruz endgültig – wie es ja eh schon an vielen Orten tut – und es entsteht eine Dystopie wie zum Beispiel in Dubai, ein Staat, in dem die sozialen Klassen vollkommen voneinander entfremdet sind. Offensichtlich ist das für manche auch ein völlig legitimes und erstrebenswertes Ziel, immerhin war „la Dubai de Sudamerica” ein Wahlslogan des Gouverneurskanditaten Otto Ritter, der vor kurzem knapp die wahl zum Provinzgouverneur verlor. Aber Nueva Santa Cruz ist noch nicht fertig, und damit auch nicht das Dubai von Südamerika. Doch auch im normalen Santa Cruz merkt man schon allzu oft die alarmierende Abschottung der Reichen vom Rest des Volkes. Wenn man sich mal zwischen diesen Welten bewegt, dann wird einem schnell klar, was für ein unglaublicher Unterschied es sein kann, in Bolivien zu leben. 

Meiner Meinung nach gibt es in diesem Land nur eine einzige Sache, einen vollkommen transzendenten Gegenstand, der alle Ecken und Enden des gesellschaftlichen Spektrums verbindet. Egal ob man arm oder reich ist, weiß oder indigen, ob man in Santa Cruz schwitzt oder in La Paz friert – in Bolivien gibt es immer einen Monobloc. Der Monobloc ist der Plastikstuhl, den man sich vorstellt, wenn man an einen Plastikstuhl denkt. Von dem erstmals in den 70er Jahren produzierten Plastikstuhl gibt es Schätzungen nach weltweit mittlerweile über eine Milliarden Exemplare, also etwa einen Monobloc für alle acht Menschen. Ich würde schätzen, dass es in Bolivien noch weit mehr davon gibt. Der Stuhl schert sich nicht um Klasse oder Hautfarbe oder irgendwelche erfundenen Normen und Kategorien. 

Egal ob vor einem Straßenstand der einem zusätzlich zu einem mittelmäßigen Hamburger noch E-Coli verkauft, im Speisesaal eines Kinderheims, oder auf der Terrasse eines schicken Cafes oder Restaurants, der Monobloc ist in Bolivien so omnipräsent wie die spanische Sprache oder die Berge am Horizont – und das finde ich toll. Dadurch verbindet dieses bescheidene Möbelstück doch irgendwie alle Menschen, selbst wenn es ihnen nicht bewusst ist. 

Im Moment spitzen sich die sozialen Unterschiede Boliviens immer mehr zu. Das Land kommt mir wie ein Pulverfass vor, das jeden Moment hochgehen könnte. Das hat insbesondere mit dem jüngsten Politikwechsel zu tun, der den künftigen Kurs des Landes offensichtlich um 180 Grad gewendet hat. Doch diese Kursänderung hatte für viele katastrophale Folgen und nun droht das Schiff zu sinken. Schon seit Monaten kommt es immer wieder zu Protesten, Gewalt und Straßenblockaden. Aufgrund der häufigen Treibstoffknappheiten, den steigenden Lebensmittelkosten und der liberalistischen, eher arbeiterfeindlichen Politik der neuen Regierung sind viele Menschen, besonders die Arbeitergemeinden – die Anhänger des Ex-Präsidenten Evo Morales – der westlichen Hochländer mittlerweile desillusioniert und gehen auf die Straße. Dabei werden die Demonstrationen von allen Lagern aus immer gewalttätiger. Zur Zeit sind fast alle Wege in und aus den beiden Hauptstädten, La Paz und Sucre, blockiert, es gibt große Engpässe mit der Lebensmittelversorgung. Hier in Santa Cruz merkt man vorerst nichts von dem ganzen.

Ich sitze auf einem Boot ein paar Meter entfernt vom sinkenden Schiff und schaue zu –  schaue zu, ob die Löcher noch geflickt werden können, ob die Besatzung meutert, was wohl als nächstes passiert. Beim Warten bekomme ich immer wieder Emails vom Auswärtigen Amt, die mich warnen: auf keinen Fall rüber rudern! So warte ich nach wie vor hier, während sich das halbe Land mit Steinen, Dynamit und Molotowcocktails bewirft und friere in meinem zugigen Wohnzimmer dahin.  

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