Sonntag:

In Santa Cruz regnete es in Strömen. Es waren 28 Grad, aber es regnete und mir war kalt. So fuhr ich an diesem Morgen frierend zum Busbahnhof. Es hatte zuvor tagelang nicht geregnet und ausgerechnet als ich fuhr, musste es regnen, vielleicht ein böses Omen für die kommenden neun Tage, vielleicht auch nicht. Ich traf mich mit Mario, einem Erzieher – er verspätete sich um eine Stunde – und wir liefen durch den Regen, um unseren Bus nach San Carlos zu suchen. Und als wir das „Trufi” nach San Carlos fanden, waren wir wieder durchnässt und froren.

Wir kamen an und setzten uns, insgesamt waren es neun Leute in einem alten Minivan – mit nur acht Plätzen. Ausgerechnet ich durfte ganz hinten in der Mitte sitzen, auf einem Platz, der eigentlich nicht existierte, zwischen zwei normalen Sitzen. Und so fuhren wir los an diesen unbekannten Ort im Regenwald. Die Fahrt war alles andere als kommod. Fahrer und Beifahrer kauten fleißig Kokablätter, in der Mitte unterhielt man sich laut und der Mann neben mir wollte nicht aufhören zu beten und sich zu bekreuzigen. All dies verlieh mir ein leicht mulmiges Gefühl, das dann jedoch schnell verflog, als der Fahrer die Fenster aufmachte, sodass es nun tierisch windete und hineinregnete. So fror ich wieder, war wieder nass, und vor allem war ich ziemlich genervt.

Nach ein paar Stunden kamen wir dann auch in San Carlos an. Dort gab es erst einmal Mittagessen – wie immer Reis. Doch gerade diesen öden, alten Reis würde ich in den nächsten paar Tagen noch mit Herz und Seele vermissen. Nach dem Essen machte ich mich mit den Räumlichkeiten des Ferienlagers vertraut, kein besonders langes Unternehmen. Zwei Schlafsäle gab es, zwei Dusch- und Toilettenbereiche – ausgestattet mit hochmodernen Hockklos – eine Küche mit Speisesaal, einen Mehrzweckraum. Ich war sehr erfreut, als ich entdeckte, dass es neben den Schlafsälen noch ein Bad für Erzieher und Volontäre gab – ausgestattet mit einer Dusche und einer normalen Toilette. Ich bezog mein Bett und lag probe. Es war ungefähr zwanzig Zentimeter zu kurz und geformt wie eine Schüssel, sodass ich die Beine nicht ausstrecken konnte, ohne dass sie sich zu weit bogen und in den Gang ragten. Aber es musste wohl reichen. Der Rest des Tages geschah ohne wesentliche Ereignisse.

Montag:

Am ersten Tag war es schrecklich heiß. Schon morgens zur Frühstückszeit waren über dreißig Grad und dazu war es schwül. Den Morgen verbrachte ich auf einer Bank im Schatten und tat wenig, dafür war es zu heiß. Auch hatte ich keine klare Aufgabe, so konnte ich die Hitze ohne großen Stress ausharren. Das Mittagessen bildete die Erste in einer langen Reihe ernährungsbezogener Enttäuschungen. Denn der Reis war ausgegangen, es gab nur noch Nudeln. In Bolivien werden Nudeln vor dem Kochen noch in Öl frittiert, anschließend in einer fettigen brüheartigen Flüssigkeit noch zu einer homogenen Masse gekocht. Insgesamt handelt es sich hier um ein schweres Delikt, das gegen jegliche Konventionen des Essbaren verstößt und ausgesprochen ekelhaft ist. Das Wasser in San Carlos ist dem schwachen europäischen Magen nicht bekömmlich, deshalb mussten wir es aufkochen – ein starker Eisengeschmack war leider nicht wegzubekommen. So würgte ich meine Schandnudeln mit meinem nach Blut schmeckendem Wasser runter und fürchtete die kommenden Tage.

Nach dem Essen verließen wir das erste mal das Gelände des Ferienlagers und betraten die umringenden Viehweiden, die immer wieder zu unpassierbarem Dschungel übergingen. Nun begann die liebste Tätigkeit der Jungen. Mit Steinschleudern bewaffnet suchten sie Wespennester und schossen auf sie. Jeder – mir inklusive – rannte so schnell er konnte fort, um dem wilden Schwarm aus fetten, schwarzen Wespen zu entkommen. Manchmal schafften es alle in Sicherheit, manchmal nicht. Dann gab es Stiche, die zu der Größe eines Tennisballs anschwollen und viele Tränen. Dieser riskante Zeitvertreib beruhte auf dem darwinistischen Prinzip des Überlebens des Stärkeren; und ich konnte schneller rennen als die Kinder, ich entkam immer. Das erhöhte Risiko dieses Unternehmens war wohl auch die Ursache seiner Beliebtheit. Denn normalerweise führen die Jungen im Heim ein ausgesprochen geregeltes und durchgeplantes Leben, ohne Gefahren oder große Überraschungen. Die Wespenjagd war wohl eine Art infantiler Schrei nach Freiheit und Selbstbestimmung, auch angesichts eines großen Risikos – selbst wenn keiner von den Jungs es als solchen angesehen hat, sondern einfach als ein lustiges Spiel. 

Danach kehrten wir wieder in das Ferienlager zurück, wo schon das Abendessen zubereitet wurde. Wieder gab es die elenden Ölnudeln, wieder musste ich sie mit Blutwasser runterwürgen. 

Dienstag:

Am zweiten Tage gab es wenig zu tun. Nach dem Frühstück regnete es. Das war kein belgischer Sprühregen und kein Berliner Sommergewitter – das war ein Sturm, wie es ihn nur im Amazonas geben kann. Das waren Wassermassen, die einen ganzen Ozean füllen konnten, begleitet von einem ohrenbetäubenden Getöse, einem krachenden, vollen Rauschen. Es schien mir, als könnte jeder einzelne Tropfen ein Glas füllen, als breche jedes gleich Dach zusammen. In der Ferne waren die Felder und der Dschungel wie durch eine silberne Gardine verschleiert und die rote Erde und das grüne Gras ersoffen im bald knöcheltiefen Wasser. Es war ein herrlicher, kräftiger, wunderbarer Regen, der mich befriedigte und beruhigte, ein Regen, wie es ihn nur sehr selten gibt. Und am aller wichtigsten – der Regen kühlte ab. Bald hörte er auf und es legte sich über die Landschaft eine paradiesische Kühle. Die Vögel fingen wieder an zu zwitschern und die Mückenheere zogen ab und meine Kopfschmerzen verschwanden und meine müden Glieder waren wieder flink.

Meine Stimmung trübte sich wieder, als die Uhrzeiger sich dem Mittagessen näherten. Zerschlagen musste ich mein Schicksal akzeptieren und mal wieder die niederträchtigen Armutsnudeln wegstecken. Nachmittags wurde es wieder sehr heiß und wir gingen in den Park des Dorfes San Carlos. Zum Park musste man ungefähr zwanzig Minuten laufen, der Weg führte über eine Landstraße. Die langsam untergehende Sonne schien auf den Asphalt und ließ ihn in der Ferne flimmern. Wie ein schwarzer Faden trennte die Straße den dichten Regenwald, der sie zu beiden Seiten einschloss; jenes üppige, satte grüne Dickicht, das mir zu dieser Zeit noch so geheimnisvoll vorkam – und es auch immer noch tut. Beim Laufen wurde man von beiden Seiten mit den Geräuschen des Dschungels beschallt, es war geradezu laut. Kröten, Vögel, Frösche, Grillen und viel mehr schmolzen zu einer ständigen Geräuschkulisse zusammen, die mich fesselte. Im Park angelten die Jungen in einem kleinen, braunen Bächlein und fingen viele Fische. Es war ein schöner Nachmittag. Zum Abendessen gab es leider wieder Nudeln. 

Mittwoch:

Am Mittwoch lernte ich den für mich so faszinierenden Dschungel das erste Mal von innen kennen. Wir gingen wieder mit den Steinschleudern raus. Doch nach ein paar Minuten sah einer von den Jungen am Waldrand einen Affen, so hieß es: rein in den Dschungel! Mit einer Machete bewaffnet ging ich vor, um uns einen Weg freizuhacken. Ich fühlte mich wie Fitzcarraldo oder Aguirre, die sich und ihrem Gefolge den Weg auf die Spitze eines Berges bahnen. Doch nach nur einigen Minuten war ich alleine. Ich sah mich um und sah keinen anderen Menschen mehr und plötzlich war es sehr leise. Diese Stille war sehr gespenstisch, denn am Vortag hatte ich sehr regsam die Lautstärke des Regenwaldes wahrgenommen. Ich blickte umher; vor mir lag ein schwarzer, faul riechender Tümpel, dessen Tiefe ich unmöglich einzuschätzen vermochte. Über mir war kein Himmel zu sehen, nur Blätter und Äste. Auf den anderen Seiten meiner Gestalt befand sich eine undurchschaubare und undurchdringliche Einöde aus Grün und Braun, eine Art Wand, die ich ohne Hilfsmittel nicht passieren konnte.

Das Unterholz schien mir auf den ersten Blick seltsam tot und unbelebt. Vielleicht versteckte man sich vor mir, dachte ich. Doch dann bemerkte ich, dass sich alles bewegte. Der kleine Zweig unmittelbar neben meinem Kopf rührte sich etwas und ich merkte, dass es sich um eine Stabheuschrecke handelte. Vor meinen Augen flog ein großer, blauer Schmetterling, an einem Baum lief eine beängstigend große Spinne herauf, vor meinen Füßen verlief eine Ameisenstraße. Mir lief ein kalter Schauer bis tief ins Rückenmark und mich überkam der Drang, mich aus dem Staube zu machen. Gottseidank hatte ich noch meine Machete bei mir und so begann ich, wild umher zu schlagen, um mir einen Gang durch den dichten Busch zu hauen. So bewegte ich mich langsam voran, und nach einigen Minuten gedrosselten Fortschrittes stand ich plötzlich wieder auf einer Weide, vor mir ein paar magere Rinder. Ich hatte mindestens zwanzig neue Mückenstiche. So endete meine erste Exkursion in den Dschungel, ich hoffe, ihn in Zukunft noch besser kennenzulernen.

Freitag:

Am Donnerstag fuhren wir an den Río Surutú. Der Fluss war vom Ferienlager ungefähr zwanzig Minuten Fahrt entfernt, die wir aufgeteilt auf mehrere Ladungen auf der Ladefläche eines Pickups verbrachten. Auf der Fahrt ließen sich immer wieder die Berge blicken, die in der Ferne zu den Anden anwachsen.

Der Strom, an den wir fuhren, teilt das Flachland von den Vorbergen und nach vielen hundert Kilometern fließt er in den Amazonas. Als wir ankamen, zog ich meine Schuhe aus und stellte mich in das knietiefe Wasser. Hätte ich mich hingelegt und mich treiben lassen, dann wäre ich kurz hinter der brasilianischen Metropole Manaus mit dem Río Madeira in den Amazonas geflossen, nach noch etwa 1.500 km mehr bei Belem in den Südatlantik. Doch ich blieb stehen.

Das Wasser war rötlich braun, vollkommen opak. Zu beiden Ufern türmte sich das tiefgrüne Mauerwerk des Regenwaldes. Hier und da gab es Sandbänke, und manchmal bestand das Ufer aus hellen Kieselsteinen, was mich sehr an die Münchner Isar erinnerte. Im Laufe des Tages nahmen viele Teile meines Körpers, besonders meine Arme und mein Nacken eine krebsfarbige Rötung an. Die Kinder badeten im braunen Wasser und wir bauten Sandburgen und spielten Ball. Außerdem hatte an diesem Tag die schreckliche Nudelzeit ein Ende, denn es gab endlich wieder Reis. So mündete das Essen umso mehr, und ich war sehr zufrieden. 

Montag:

Samstag und Sonntag verliefen ohne nennenswerte Ereignisse, deshalb habe ich zu ihnen nichts geschrieben. Montag war der letzte ganze Tag, den wir im Ferienlager hatten. Vormittags wurde alles gründlich aufgeräumt und gewaschen. Ich überwachte alles, denn ich hatte genug Kleidung mitgenommen, um nicht waschen zu müssen. Abends bin ich mit ein einer Erzieherin und meiner Mitvolontärin Sophie zum Haus der Köchin gefahren, denn wir wollten Pizza backen. 

Die Köchin wohnte im Dorf, in einer Armseligen aber gemütlichen Gegend. Die Straße, in der das Haus lag, war unbefestigt und aufgrund des häufigen Regens kaum befahrbar.  Vor dem Haus standen erhabene Bäume, an denen Pampelmusen und andere lokale Tropenfrüchte wuchsen. Auch ein uralter Geländewagen stand davor. Der Vorgarten bestand aus einer tristen Schlammfläche und einem Grab; wer dort lag wagte ich nicht zu fragen. Der Hintergarten bestand auch aus rotem Matsch – der war mir in dieser Woche sehr vertraut geworden. Überall liefen hühner rum, die gackerten, irgendwo war auch ein Schwein zu hören. Es war an zufälligen und unnötigen Stellen Stacheldraht aufgespannt, scheinbar nur als Dekoration. Dächer und Zäune waren mit allerlei Materialien geflickt, Wände nicht verputzt.  Dieses Dorf war vollkommen in der Zeit stecken geblieben, es kam mir vor, als hätte sich hier seit Jahrzehnten nichts mehr geändert. 

An solchen stillen Orten überkommt mich immer ein allgegenwärtiges und gewaltiges Gefühl der Ohnmächtigkeit. Ich hätte mich am liebsten auf eine Bank gesetzt und den Hunden beim Bellen zugehört, hätte den Nachmittag am liebsten untätig verstreichen lassen. Dieses Gefühl kannte ich bereits von anderen Orten; von einem halb stillgelegten Gehöft in der finnischen Provinz, aus einem backsteinernen ostflämischen Nest, in dem der König immer noch Boudewijn ist, aus einem Berliner Hinterhof, in dem der Putz von den Brandwänden bröckelt. 

Die Pizza wurde in einem mächtigen Lehmofen gebacken, der wohl nicht für diese Anwendung gedacht war, sich aber erstaunlich gut dazu eignete. Als die Pizza fertig war, fuhren wir zurück in das Ferienlager. Die Jungs freuten sich sehr über diese neapolitanische Spezialität, die wir nicht besonders originalgetreu zubereitet hatten. 

Dienstag:

Am Dienstag fuhren wir endlich nach Hause, nach Santa Cruz. Ich freute mich sehr darauf, denn obwohl es im Ferienlager eine ausgesprochen schöne Zeit gewesen war, genieße ich stets die Trümpfe der Zivilisation, besonders die des Stadtlebens. Die insgesamt etwas primitiven Zustände, die teils frevelhafte Kost und mein zu kurzes Bett hätten mich auf Dauer langsam in den Wahnsinn getrieben. So war ich gut gelaunt, als ich das letzte Mal schwitzend in meiner Schüssel aufwachte.

Der Vormittag bestand aus dem Packen. Alles, was wir mitgebracht hatten, musste auch selbstverständlich wieder zurückgenommen werden. Dazu gehörten nicht nur Anziehsachen, Schuhe und der Besitz der Jungen, sondern auch eine große Menge an Matratzen und Küchengeräten. Selbst eine riesige, uralte Gefriertruhe, die scheinbar aus Tungsten hergestellt war, mussten wir in unseren Viehtransportwagen heben.

Als alles gepackt war, gab es noch ein letztes Mal Mittagessen – eine echte Rarität, denn es handelte sich um ein kulinarisches Bravourstück, bestehend aus frittiertem Hühnchen mit Pommes. Dann quetschten wir uns allesamt in den Lastwagen und fuhren los. Nach holprigen und ausgesprochen unbequemen drei Stunden erreichten wir endlich die Heimat. Es war eine schöne Zeit, das Ferienlager – und ich werde mich an viele Momente noch lange erinnern. Im tiefsten Winter, also im Juli, werden wir nochmal hinfahren und ich bin durchaus gespannt, wie ich es ein halbes Jahr später empfinden werde. 

Zuhause im Casa de Voluntarios angekommen, widmeten wir uns erst einmal der Rattenjagd, denn unsere Küche war infiltriert worden.

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