Ich sprinte los. Die erste Welle schlägt mir mit voller Wucht entgegen. Sie hat Kraft, doch ich renne weiter. Mein Körper taucht immer weiter ein. Nächste Welle, ich tauche unter, kraule weiter nach vorne. Ich sehe sie kommen, lege mich flach ins Wasser. Sie bricht tosend, ich lasse mich mitreißen.

Genau wie die Wellen des indischen Ozeans, so hat mich auch der Freiwilligendienst ergriffen. In den letzten Wochen konnte ich mich einleben und einbringen.
Mehr als einen Monat ist es nun. Dieser Monat war eine wichtige Orientierungsphase. Don Bosco hat in Vijayawada viele verschiedene Projekte: Den Shelter, das Chiguru, Deepanivas, Vimukthi sowie zahlreiche Schulprojekte in den Slums. In den vergangenen Wochen wurden wir in allen Projekten einmal herumgeführt. Ein paar wenige Projekte lerne ich genauer kennen. In vielen Projekten werden wir tatsächlich bis auf einen Fotos-machen-und-Autogramme-geben-Termin nicht wieder vorbeischauen. Denn wir Volos werden in manchen Projekten einfach nicht gebraucht. Letztendlich liegt die Projektwahl vor allem bei uns.
Zuerst möchte ich genauer auf meine persönlichen Favoriten eingehen:
Ein Schulprojekt in einem Slum in Tadepalli:
Außerhalb von der Stadt, auf der anderen Seite des Krishnas liegt Tadepalli. Vergangene Woche durften Annika und ich dort erste Erfahrungen sammeln. Treffpunkt ist ein wunderschöner Baum, umgeben von einer Steinplattform. Dieser ist sozusagen der Dorfplatz der Community. Die Familien leben teilweise in einfachen Häusern, teilweise in mit Schilf gedeckten Zelten. Viele von ihnen verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Müllsammeln oder durch den Verkauf von geangelten Fischen. 100m entfernt von dem Baum ist eine staatliche Schule mit 2 Lehrern. Hier gehen etwa 40 von 60 Kindern aus dieser Community zur Schule. Warum nicht alle? Dafür gibt es mehrere Gründe:
In Indien ist die sogenannte Aadhaar-Card Voraussetzung, um zur Schule gehen zu dürfen. Viele ärmere Familien besitzen diese Karte nicht. Don Bosco hat extra für die Beantragung dieser Card ein Büro in der Stadt. Denn diese Karte, die sich in etwa mit einem Personalausweis vergleichen lässt, ist im Gewirr der indischen Bürokratie gar nicht so leicht zu bekommen.
Ein weiterer Grund ist, dass manche Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken wollen. Stattdessen werden sie zum Angeln am Kanal unterhalb der Häuser geschickt. Andere Kinder müssen betteln oder Müllsammeln. Weitere waren bereits eine Zeit lang in der Schule und haben das Interesse verloren. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt an. All diese Kinder die nicht zur Schule gehen werden hier als Dropout children bezeichnet. Diesen Kindern will man das Kind-sein ermöglichen und sie zum Lernen motivieren. Pavani ist die Lehrerin dieses Projekts. Seit 7 Jahren bringt sie den Dropout-Children Grundkenntnisse in Mathe, Englisch und Telugu bei. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen, Kinder zu motivieren und den Kindern auch das ein oder andere beizubringen.
Ein Tag in Tadepalli:
Der Morgen begann mit einer 15 Minütigen TukTuk-Fahrt aus der Stadt heraus. Um 9:30 kommen wir an dem Projekt an. Um den Baum herum ist es leer. Wir setzen uns auf die Stufen und warten. Wenig später kommt Pavani mit einem kleinen Whiteboard und einem Rucksack voller Hefte und Schreibtafeln. Nach und nach trudeln die Kinder ein. Pavani läuft mit mir als Köder durch die Siedlung. Sie spricht alle Kinder an, die uns so auf dem Weg begegnen. Mit ein paar Kids mehr im Schlepptau kann der Unterricht nun beginnen. Da diese kommen und gehen wann sie wollen, schwankt die Gruppengröße teilweise stark. Sozusagen direktes Feedback, ob das mit dem Motivieren wirklich funktioniert hat. Die Kinder in einer Englischstunde bei Laune zu halten ist teilweise gar nicht so einfach. Heute ist das Thema Obst und Gemüse dran. Ich halte das Bild einer Banane in die Höhe und frage nach der englischen Bezeichnung. Die Antwort kommt erstaunlich schnell. Jedoch nicht von einem Kind, sondern von dem Klamottenverkäufer der gerade mit seinem Motorrad an dem Baum angehalten hat. Interessiert beobachtet er das Geschehen. Während Annika b-a-n-a-n-a buchstabiert, schaut sich Pavani nun die Klamotten des Verkäufers durch.
Im Matheunterricht eine Stunde später erkläre ich einer kleine Gruppe wie man schriftlich addiert. Sobald sie den Dreh raushaben, sind sie sehr motiviert dabei und schauen am Ende stolz auf das Blatt voller gelöster Rechnungen. Eine der „Schülerinnen“ ist 26 und rechnet mit ihrem Baby auf dem Schoß. Als Kind war sie nie in der Schule, ist aber sehr motiviert noch etwas zu lernen. Während der Telugu-Class versuche ich Puja, einen kleinen Jungen, dazu zu bringen, auf einer kleinen Tafel den ersten Buchstaben des Telugu-Alphabets nachzufahren. Das Ergebnis ist jedoch eine vollgekritzelte Tafel, und ein verschmitzt grinsender Puja. Plötzlich springt er auf, mit einem Babyhund im Arm kommt er zurück.

In der Mittagspause nimmt uns Pavani mit zu ihr nach Hause in der Nähe. Dort treffen wir ihre Mutter, die für sie gekocht hat. Auch ihre Schwester und ihre Tante schauen vorbei. Annika und ich werden für unser mitgebrachtes Essen ausgelacht. Dieses offene Auslachen passiert uns tatsächlich häufiger und gefällt mir sehr gut. Denn es ist nicht wie in Deutschland abschätzig gemeint, sondern meist ein sehr herzliches Lachen. Pavanis Mutter bietet uns deshalb von ihrem Essen etwas an. Wirklich deutlich besser als kalter Reis von gestern…
Nach der Mittagspause ist nochmal etwas Unterricht, danach Gamestime. In dieser Zeit spielen wir mit den Kindern UNO, tanzen zu Telugusongs oder malen Ausmalbilder aus. Während ich Wankatesh TicTacToe erkläre, kommt Edukondalu lachend angerannt und zeigt mir das Babystreifenhörnchen welches er gefangen hat. Ob man die Namen tatsächlich so schreibt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Die meisten Kinder können ihren Namen nur In Telugu schreiben. Deshalb haben wir uns alle Namen angehört ins andere Alphabet übersetzt. Nach Schulschluss kommen alle Kinder von der Schule rüber gerannt und spielen und tanzen mit. Nun herrscht hier ein buntes Treiben.

Das Vimukthi:
Umgeben von Mangobäumen, fernab von dem Chaos der Stadt liegt das Vimukthi. Hier leben aktuell 10 Jungs im Alter von 12-16, die auf Drogenentzug sind. Sie sind freiwillig hier. Wollen also selber etwas verändern. Hier werden sie aus ihrem Alltag für eine Zeit herausgenommen und von den Mitarbeitern liebevoll umsorgt. Zum einen sind da Mummy und Daddy. Diese heißen Worny und Anginelo und leben hier mit ihren 2 Söhnen Brem und Sam. Die 10 Jungs behandeln sie wie eigene Kinder. Dann gibt es Kowschick. Er ist 22 und arbeitet hier seit einem Jahr als Children-Caretaker, sozusagen als großer Bruder. In dieses Projekt gehen wir immer für eine ganze Woche, also von Montag bis Freitag und haben hier ein eigenes Zimmer. Man fährt mit dem Bus ca. 1,5h. Für einen Tag würde das keinen Sinn machen. Heute ist für Henry und mich der letzte Tag unserer ersten Woche hier. Unsere Aufgabe ist es, uns in der Gemeinschaft einzubringen. Als Lehrer, großer Bruder oder als Spielpartner. Generell gibt es hier deutlich mehr Struktur als in den meisten anderen Projekten.
In der früh um 7 leitet Kowschick den Morgensport an. Die Jungs sind dabei maßlos fasziniert von seinen Muskeln. Nachdem sich alle Kinder gewaschen haben gibt es Frühstück. Dafür stehen sie Schlange vor der Essensausgabe und beten ein Gebet. Dabei handelt es sich um ein religionsneutrales Gebet, das jeden Glauben mit einschließt. Um halb 10 beginnt dann der Unterricht. Zuerst bin ich für eine Stunde lang Englischlehrer. Für heute habe ich die ing-form vorbereitet. Die Jungs schreiben die Sätze in ihre Hefte und lesen sie an der Tafel vor. Im Anschluss testen wir mit dem Spiel „Sam sais“ ob sie es verstanden haben.

Den Matheunterricht leitet Henry an. Wir teilen die Gruppe auf und ich erkläre der schwächeren Gruppe nochmal ganz von vorne die Grundlagen von Schriftlich addieren. Die Telugu-Class unterrichtet Worny. Interessiert höre ich zu wie die Kinder das Alphabet aufsagen. Irgendwie hören sich manche Buchstaben für meine Ohren exakt gleich an. In der Craft-Class malen sich die Kids heute selbst. Am Ende schneiden wir die Figuren aus und kleben sie zu einer Girlande zusammen. Nach dem Mittagessen ist Resting Time. Zeit für Mittagschlaf, chillen und Blogeinträge schreiben. Um 16 Uhr spielen wir dann alle zusammen Volleyball. Als wir am Montag kamen, war das Volleyballfeld eingewuchert und ohne Linien. In der Zwischenzeit haben die Jungs das Unkraut weggespachtelt und eine Linie verlegt. Dem perfekten Spiel steht also nichts im Wege. Es ist wirklich schön zu sehen wie sehr die meisten in das Spiel eintauchen. Besonders Daddy beeindruckt mit seinen Triumphrufen. Ich hab meine Pocketkamera mitgebracht. Ein paar Jungs die nicht mitspielen wollten, machen jetzt Fotos von dem Spiel. Allerdings klappt das mit dem Scharfstellen und ruhighalten noch nicht so ganz.

Zurück am Haus schauen wir bei der Hündin mit ihren winzigen Hundewelpen vorbei. Diese haben sogar noch die Augen geschlossen und schmiegen sich an ihre Mutter in der Erdkuhle. Nachdem alle geduscht haben, malen wir zusammen Ausmalbilder und spielen Uno. Gestern haben wir angefangen, ein 500Teile Puzzle zu lösen. Von 10 motivierten Kindern blieben am Ende nur noch wir Alten übrig. Die Motivationskurve ist bei manchen stark gefallen, da war dann Uno doch spannender. Nach dem Abendessen schauen die Kinder gemeinsam mit Daddy fern. Da die Sendung auf Telugu ist, können wir leider recht wenig verstehen. Aber es scheint wohl lustig zu sein.
Der Shelter:
Dieses Projekt habe ich auch schon im letzten Blog erwähnt. Der Shelter liegt ganz in der Nähe vom Bahnhof. Hier kommen Kinder an die vor ihren Familien abgehauen sind, oder ausgesetzt wurden. Einer der Jungs ist von seiner Familie weggerannt, da er von seinen Eltern geschlagen wurde. Im Shelter versucht man nun die Eltern der Kinder ausfindig zu machen, und prüft ob sie zuhause sicher sind. Ohne triftige Gründe dürfen die Kinder aber meist nicht gegen den Willen der Familie im Projekt behalten werden. Als Alternativlösung gibt es Das Chiguru und Deepanivas. In diesen Projekten können Kinder dauerhaft wohnen und zur Schule gehen. Der Shelter ist nur als Übergangslösung gedacht. Spätestens nach 6 Monaten wird also über ihre Zukunft entschieden. Außerdem sei erwähnt, dass die Kids mehr oder weniger im Shelter eingesperrt sind. Die meiste Zeit verbringen sie drin. In einem Raum zum Schlafen, Unterrichten, Essen und Spielen. Nach hinten raus gibt es einen umgitterten Sportplatz. Hier spielen wir Cricket und Volleyball, wenn wir nicht gerade von Affen attackiert werden. Auf der anderen Seite gibt es einen kleinen Vorplatz auf dem Wäsche aufgehängt wird.
Morgens sind wir für den Unterricht zuständig. Dieser konzentriert sich, wie in den meisten Projekten, auf Englisch, Mathe, Telugu und etwas Kunst. Der Telugu-Unterricht wir von den Frauen im Shelter übernommen. Diese sind tagsüber dauerhaft da und für die Kinder verantwortlich. Nachts ist nur ein Security-Typ da und passt auf die Kinder auf. Einmal hab ich den Kindern gezeigt wie man Origamischwäne faltet. Da es hier aber gar keine Schwäne gibt, wusste auch niemand was das eigentlich ist. Staunend betrachteten sie ein Bild von einem Schwan auf dem Bodensee. Nachmittags in der Gamestime spielen wir sehr viel UNO und HalliGalli. Einmal wollten wir den Jungs Menschenmemory beibringen. Da diese sehr aufgedreht und laut sind ist das ganz schön anstrengend. Sobald sie das Spiel allerdings verstanden haben, waren sie motiviert dabei.
Der Shelter ist mitten in der Stadt. Doch die Shelter-Kids dürfen nicht einfach mal raus. Entsprechend groß ist die Aufregung als alle gemeinsam ins Kino gehen. Die 24Kids werden in 2 Rikschas gesteckt, wir treffen sie vor dem Kino. Die Jungs haben alle Grüne Don-Bosco-Shirts an, die man schon von Weitem sieht. Als wir dann alle ein Gruppenfoto machen, sind wir die Hauptattraktion für alle Umstehenden. In indischen Kinos wird gern und laut gepfiffen bei jeder Gelegenheit. Die Stimmung ist also schon Erlebnis genug, selbst wenn man von dem Telugufilm nur Bruchstücke versteht.

Chiguru:
Direkt am Krishna gelegen, mit gepflegtem Rasen, von Palmen gesäumt liegt das Chiguru-Kinderdorf. Als wir morgens zu Besuch kommen ist gerade Morgenappell. Dieser erinnert an eine Militärparade. Das Chiguru hat seit letztem Jahr die staatliche Anerkennung für den Unterricht bekommen. Das bedeutet, die Kinder gehen nicht auf weit entfernte Schulen sondern werden direkt im Chiguru unterrichtet. Hierbei handelt es sich gewissermaßen um das Vorzeigeprojekt Don Boscos. Direkt fällt auf, dass hierher auch die meißten Spendengelder fließen. Unter der Woche ist der Tag für die Kids streng durchgetaktet. Wir können hier am Sonntag vorbeikommen oder morgens für die Kindergartenkinder eine Art Vorschule anleiten. Bisher ist das aber noch alles Theorie, da wir erst einmal da waren.
Was sonst noch so passiert ist:
Bei einer nächtlichen Motorradfahrt kam es leider zu einem Unfall. Wir saßen zu dritt auf dem Motorrad, der Fahrer übersah einen Speedbump, wir stürzten. Zum Glück sind wir mit Schürfwunden davongekommen. Es war schön zu sehen, wie wir hier von allen versorgt wurden. Die Krankenschwester der Organisation ging mit uns ins Krankenhaus und kümmerte sich um Medikamente. Auch meine Mitvolos standen liebevoll zur Seite. Und so hatte ich auch mal den Einblick in ein indisches Krankenhaus. Auch wenn ich auf diese Erfahrung gern verzichtet hätte ist sie allemals sehr wertvoll und lehrreich für mich.
Wir haben von der deutschen Botschaft in Chennai eine Einladung zum Tag der deutschen Einheit bekommen. Die Gelegenheit wollten wir uns nicht nehmen lassen. Mit dem Zug sind wir für umgerechnet 2€ 7Stunden nach Chennai gefahren. Allein für die offenen Türen hat sich die Reise schon gelohnt. Wir haben ein Hostel für 3 Nächte gebucht. Die Veranstaltung fand in einem 5 Sterne Hotel statt. Wir Volos sind da zwischen den ganzen Anzügen und Krawatten etwas aufgefallen. Das Setting hat uns alle sehr überrascht. In einem riesigen Ballsaal mit Kronleuchtern, und einem Brandenburger Tor auf der Leinwand wurden wir empfangen. Eine der ersten Reden richtete sich an den Sponsor BMW, der unter anderem das Münchner Oktoberfestbier gesponsert und 3 Autos in den Saal gestellt hat. An diesem Abend hab ich mich mit den verschiedensten Leuten unterhalten. Was sie aber alle vereint hat: Sie waren sich sehr sicher, einen sehr wichtigen Job zu haben. Bei einer Tombola wurde ein Flugticket nach Frankfurt verlost. Ob das wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl an alle Deutschen war? Ich konnte jedenfalls nicht an der Tombola teilnehmen, dafür hat mir eine Visitenkarte gefehlt. Am Ende des Abends sind wir mit anderen jungen Leuten aus Indien zu einer Party im Untergeschoss gegangen. Eine halbe Stunde später wurden wir rausgeworfen. Erst dann erfahren wir, dass wir nicht auf irgendeiner Party sondern auf einer privaten Hochzeit getanzt haben…

Die restlichen Tage haben wir zum Sightseeing genutzt. Hier hatte ich die Gelegenheit, mich das erste mal in die Wellen des indischen Ozeans zu werfen. Außerdem waren wir morgens um 6 auf einem Fischmarkt als dutzende bunte Fischerboote ankommen und den frischen Fang abladen. Während am Horizont die Sonne aufgeht, herrscht hektisches Treiben. Überall wird gehandelt, gezogen, geschrien, gezankt, geschleppt. Inmitten dieses Gewusels sitzt in aller Seelenruhe ein Fischer auf seinem Boot und putzt seine Zähne.



Schreibe einen Kommentar