Marie-Luise in Benin

Ein "weltwärts"-Freiwilligendienst mit Don Bosco Volunteers

Fragen und Antworten- Einblick in ein Jahr Freiwilligendienst

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es geht auf das Ende meines Freiwilligendienstes zu. So wurde es Mitte Juli Zeit für Besuch. Nachdem mich mein ältester Bruder im Mai besuchte, kamen nun meine Eltern und mein Freund nach Benin. Es war mir sehr wichtig ihnen meinen Arbeitsplatz und mein Umfeld aus dem letzten Jahr zu zeigen. Die Wiedersehensfreude war sehr groß und wir verbrachten eine schöne Zeit zusammen. Ich konnte ihnen den Süden des Landes zeigen mit den Projekten der Don Bosco Schwestern, dem großen Markt in Cotonou und einigen umliegenden Städten. Zu viert machten wir auch eine 1-wöchige Rundreise durch Benin mit Safari, Einblicken in ein ursprüngliches Dorf, Schwimmen im Wasserfall,… Ich habe die Zeit sehr genossen.

Im Juli erschien ein Artikel über meinen Freiwilligendienst in der Kitzinger Mainpost. Für alle, die ihn nicht gelesen haben hier nochmal der Link:

https://www.mainpost.de/regional/kitzingen/Iphoefer-Ex-Weinkoenigin-arbeitet-jetzt-in-Afrika;art773,9997393

Als Grundlage für den Artikel habe ich schriftlich alle Interviewfragen beantwortet. Dies ist eine relativ gute Zusammenfassung über meinen Freiwilligendienst, deshalb möchte ich euch die ungekürzte Version des Interviews nicht vorenthalten. Gutes Durchhaltevermögen und viel Spaß beim Lesen!

1)Wie schwer ist Ihnen die Umstellung nach Ihrer Ankunft in Afrika gefallen? Wie weit ist Cotonou von Ihrer Heimat entfernt
(Kilometer/Flugstunden)? 4875 km Luftlinie

Es war eine große Umstellung. Das ist klar! 9 Flugstunden brachten mich 4875 km Luftlinie von Iphofen entfernt auf einen anderen Kontinent, in eine andere Kultur, zu vielen Fremden und viel Fremden, in das Umfeld einer anderen Sprache und anderer Religionen, weg aus der Heimat. Viele große Umstellungen von einer deutschen Schülerin zu einer Volontärin in Benin. Man könnte meinen es viel mir schwer. Ehrlich zugegeben war ich in den ersten Wochen auch etwas überfordert und erschlagen von allen Eindrücken. So richtig konnte ich mir meinen Einsatzort bis zur Ankunft nicht vorstellen. Dann waren auf einmal nur fremde Menschen um mich herum. Ich hatte Verständigungsprobleme, da Französisch (Amtssprache) von den Einheimischen mit starken beninischem Akzent gesprochen wurde und ein Anteil der Bevölkerung sich nur durch Stammessprachen wie Fongbe verständigen kann. Ab jetzt arbeitete ich ganztags bei täglich um die 30 Grad Celsius und einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit. Ab dem ersten Tag spürte ich aber schon die offene herzliche und warme Art der Menschen um mich. Mein Umfeld vereinfachte mir die große Umstellung. Verantwortliche, Arbeitskollegen, die Kinder und Jugendlichen in den

Gleich im ersten Monat wurden wir zum Essen eingeladen!

Projekten sowie zufällige Bekannte hießen mich sehr willkommen, waren sofort an meiner Person interessiert und darauf bedacht mich herzlich zu begrüßen. Die Einheimischen hier sind sehr gastfreundlich und aufgeschlossen. Die Menschen sind sehr ehrlich und sagen einem offen was sie über einen denken. So wurde ich auf Fauxpas hingewiesen z.B. dass man zur Begrüßung mit „Bonjour!“ oder „Bonsoir!“ jeweils noch je nach Geschlecht oder Alter Madame/Maman oder Monsieur/Papa hinzufügt. Sonst zählt es als Beleidigung. Ich habe hier schnell Anschluss und Freunde gefunden. Ich habe mich ab der ersten Woche wohl gefühlt.

Eine sehr große Hilfe bei der Umstellung war die Unterstützung von zuhause. An erster Stelle von meiner Familie. Alle halfen mir bei den Vorbereitungen und fieberten mit mir gemeinsam mit, was wohl auf mich zukommt. Meine Eltern erklärten sich sofort einverstanden mir den Freiwilligendienst zu erlauben, weil sie mich bei der Organisation Don Bosco Volunteers sehr gut aufgehoben wussten. Von Freunden und Bekannten bekam ich sehr viel Zuspruch und sie gaben mir viele gute Wünsche mit. Diese Rückenstärkung aus der Heimat hat auch zu der einfachen Umstellung mit beigetragen.

2) Was vermissen Sie am meisten?

An erster Stelle stehen die für mich wichtigen Menschen. Auf ein persönliches Gespräch und gemeinsame Zeit mit meiner Familie, meinem Freund und meinen Freunden freue ich mich wieder sehr. Dabei sind es die Alltäglichen Situationen, die mir hier fehlen. Ich merke wie wichtig mir die kleinen alltäglichen Situationen sind beispielsweise ein gemeinsames Mittagessen am Küchentisch mit meiner Familie oder ein Spaziergang durch meinen Heimatort bei dem man viele Bekannte trifft.

Was mir wirklich sehr fehlt sind meine Musikinstrumente. Meine Klarinette und meine Oboe habe ich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit hier in Cotonou in Deutschland gelassen. Das musizieren war für mich immer ein großer Ausgleich. Musik und Tanz habe ich mir hier sehr oft um mich herum, dennoch kribbelt es mich schon in den Fingern meine Instrumente einmal wieder in die Hand zu nehmen. Dabei freue ich mich dann auch wieder sehr auf das gemeinsame Musizieren mit dem Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Iphofen. Meine Mitvolontäre schmunzeln über mich wenn ich den Frankenlied-Marsch oder ein Polka über Youtube abspiele. Für mich ist es aber ein Stück Heimat, das ich mir ganz einfach hierherholen kann.

Kulinarisch gibt es hier ein großes Angebot an leckeren Speisen, Getränken oder Früchten, dennoch freue ich mich sehr auf einen Schoppen Iphöfer Wein und ein Schwarzbrot aus der Bio-Bäckerei meines Bruders dem Franzenbäck e.K. bei meiner Rückkehr.

Ich kann also schon sagen, dass es Personen oder Dinge gibt die ich vermisse. Richtiges Heimweh hatte ich aber in den vergangenen Monaten nur einaml. Das war am Iphöfer Winzerfest. 😀 (Dem Weinfest in meinem Heimatort) Sicher bin ich mir, dass ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland auch mal öfter Heimweh nach Benin haben werde. Es wird dann auch viele Personen und Dinge geben, die ich aus Benin vermisse.

3) Wie sah Ihr Alltag in den vergangenen Monaten in Benin aus? Was genau machen Sie dort für Don Bosco?

Meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst über das staatlich geförderte „weltwärts“-Programm leiste ich über die Trägerorganisation Don Bosco Volunteers.  Ich lebe hier auf dem Gelände der Don Bosco Schwestern und arbeite in den Einrichtungen der Schwestern. Meine Arbeitsstellen wechselte ich über das Jahr hinweg im vier-monatigen Rhythmus. Ab September arbeitete ich in einer Einrichtung, dem „Maison du Soleil“, für minderjährige Mütter, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. An den Vormittagen, an denen die 14-20-jährigen Mütter

Beim Singen mit Babys und Müttern

im Ausbildungszentrum der Schwestern ausgebildet wurden, war ich für die Betreuung der Babys zuständig. Das heißt gemeinsam mit anderen Erzieherinnen habe ich die Kinder gefüttert, gewickelt, schlafen gebracht und verschiedene Aktivitäten wie Singen, Tanzen oder Sprechlernübungen mit ihnen durchgeführt. In der Betreuung von Babys hatte ich bis dahin noch nicht viel Erfahrung konnte also selbst viel dazu lernen. Die Aufgabe hat mir große Freude bereitet, vor allem weil die jungen Mütter meine Anwesenheit sehr schätzten. Die Nachmittage verbrachte ich in der

Ein Marktmädchen sortiert gerade ihre Ware neu in der Baraque SOS

„Baraque SOS Vidomégon“. Das ist eine Einrichtung direkt auf dem Markt „Dantokpa“, der größte Markt Westafrikas. Viele Mädchen werden hier zum Verkauf von Waren aller Art wie Tomaten, Schmuck oder Stoffen gezwungen. Sie wurden von ihren Eltern an sogenannte „Tutrice“ verkauft meist aus finanziellen Nöten oder weil den Eltern der Schulbesuch des Kindes versprochen wurde. Diese Kinder im Alter von ca. 6-18 Jahren haben mit der Einrichtung der Schwestern eine Anlaufstelle. In der „Baraque SOS“ können sie sich ausruhen, Schutz suchen und beim Spielen, Tanzen und Basteln für einige Momente Kind sein. Täglich finden Alphabetisierungskurse für die Mädchen statt, regelmäßig gibt es eine warme Mahlzeit und Psychologen und Sonderpädagogen sind für ihre Betreuung vor Ort. Täglich führte ich dort eine Aktivität wie Basten oder Gruppenspiele durch.

Von Januar bis April arbeitete ich im „Maison de l‘Espérance“, dem Ausbildungszentrum der Don Bosco Schwestern. 60 Jugendliche (14-21 Jahre) in Schwierigkeiten, die zum Großteil aus Mangel an finanziellen Mitteln die Schule nicht beenden konnten, können dort innerhalb von neun Monate eine Ausbildung als Bäcker, Konditor, Koch oder in der Seifenmanufaktur absolvieren. Neben der praktischen und theoretischen Fachausbildung werden die Jugendlichen auch in Französisch, Hauswirtschafts- und Wirtschaftslehre unterrichtet. Betreut werden die Jugendlichen medizinisch durch eine Krankenschwester, psychologisch durch einen Psychologen und eine Sozialarbeiterin macht in den Familien Besuche um das Umfeld der Jugendlichen abzuklären. Jeden Nachmittag gibt es Sensibilisierungen für die Jugendlichen z.B. über Hygiene oder Sexualität. Im „Maison de l’Espérance“ verbrachte ich jeden Tag in einem anderen Ausbildungsbereich und folgte mit den jugendlichen dem Unterricht. Die Jugendlichen freuten sich immer über meine Anwesenheit, zeigten mir und erklärten mir was sie gerade lernten und freuten sich sehr wenn auch ich mit anpackte. Beispielsweise dienstags half ich in der Bäckerei beim Baguette machen. Dieser Tag hat mir besonders gut gefallen, weil mich der Geruch von Mehl und frisch gebackenem Brot sofort an schöne Momente in den Bäckereien meines Opas, Onkels und meines Bruders erinnerte. Von den Jugendlichen lernte ich viel über die beninische Kultur und es war spannend so viel Kontakt mit Gleichaltrigen zu haben. Neben dem Begleiten der Jugendlichen während der Unterrichtszeiten zählte die Nachmittagsgestaltung m Freitag zu meinen Aufgaben. An diesem Nachmittag soll der Zusammenhalt gestärkt werden. So veranstaltete ich alleine mit den 60 Jugendlichen Spieleturniere oder Quiz. Ich habe unter den Jugendlichen viele Freunde gefunden und wir schätzten uns gegenseitig sehr.

Für das letzte Drittel meines Freiwilligendienstes arbeite ich nun an den Vormittagen in einer Vorschule. Sie liegt in einem sehr armen Viertel der Stadt direkt in der Nähe des Marktes. Die Eltern der Kinder zwischen 3-5 Jahren arbeiten größtenteils auf dem Markt. In der Vorschule werden den Kindern die ersten französischen Vokabeln gelernt, da die Kinder nur Fongbe (Stammessprache) sprechen. Auch Sensibilisierungen für die Eltern und medizinische Betreuung für die Kinder sind Teil des Projekts. Die Arbeit in der Vorschule macht mir große Freude. Es ist schön den Kindern beim Lernen zu zusehen und ihnen dabei zu helfen. Während des Vormittags unterstütze ich eine Erzieherin beim Leiten der Gruppe. Wir singen und tanzen viel, aber auch Unterricht über die Gesundheit oder Sensorik gehören in das Programm. An den Nachmittagen bin ich wieder in der Baraque SOS. Dort verbrachte ich schon meine Nachmittage in den erste vier Monaten.

Über das Ganze Jahr verbringe ich immer einen Nachmittag in der Woche im „Foyer Laura Vicuna“. Das ist ein Heim für Mädchen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. An diesem Nachmittag basteln, spielen oder tanzen wir gemeinsam. Das Heim ist auf meinem Wohngeländen und so sehe ich die Mädchen täglich. Wir haben eine feste Bindung und ich bin zu einer großen Schwester für sie geworden.

4) Welche Erfahrungen haben Sie bisher in Benin gemacht? Wie sehr, glauben Sie, prägt Sie Ihr Aufenthalt dort für Ihren späteren Beruf und für Ihr
Leben?

Während der elf Monate, die ich bisher in Benin verbrachte, habe ich unzählige Erfahrungen gemacht. Was ich dazu sagen kann, dass die Erfahrungen durchweg positiv waren.

Beim Spielenachmittag an Ostern im Foyer

Es waren Erfahrungen dabei in denen mir gezeigt wurde mit wenig man einen Menschen glücklich machen kann. Beispielsweise als ich mit meinen Mitvolontärinnen am Ostersonntag einen Spielenachmittag im „Foyer Laura Vicuna“ veranstaltete und die Mädchen uns so dankbar waren, dass wir uns Zeit für sie genommen haben.

Genau so waren aber auch Erfahrungen dabei, die mich nachdenklich gestimmt haben. Wenn ich Jugendliche aus dem Ausbildungszentrum zuhause besucht habe oder mir ein Foyer-Mädchen aus seinem Leben erzählt hat. Dabei wurde mir immer klarer wie viel Glück ich in meinem Leben hatte.

Für meinen späteren Beruf wird mich mein Aufenthalt stark prägen. Es war nämlich in Benin an einem Nachmittag in der Baraque SOS als ich mich auf ein Studienfach festlegte. Schon seit Jahren war für mich klar, dass ich ein Studium und auch einen Beruf im sozialen Bereich ergreifen möchte. Allerdings konnte ich mich vor meiner Abreise nach Benin noch nicht auf ein Studienfach festlegen. Als ich mit zwei Marktmädels an der Tafel saß und ihnen Rechenaufgaben stellte legte ich für mich fest Sonderschullehrerin zu werden. So bewerbe ich mich im Moment auf ein Sonderpädagogik Studium auf Lehramt. Ich konnte während meines Freiwilligendienstes feststellen, dass ich das Durchsetzungsvermögen, die Geduld und die Beobachtungsgabe habe, die man in diesem Bereich braucht.

Mitbringen werde ich auf jeden Fall modische Eindrücke aus Benin.. 😉

Auch für mein Leben bin ich mir sicher, dass mich mein Aufenthalt in Benin sehr stark prägen wird. Im Moment finde ich es allerdings schwer einzuschätzen in welchen Bereichen genau.  In einem Punkt bin ich mir aber jetzt schon sicher. In diesem Jahr hatte ich Zeit mich selbst besser kennen zu lernen und auch viele andere Charaktere aus einer fremden Kultur gut kennen gelernt. Beeindruckend finde ich wie herzlich und fröhlich Beniner durch ihr Leben gehen, obwohl sie meist große familiäre oder finanzielle Problem haben. Auch wenn ich schon vor der Abreise ein positiver Mensch war bin ich überzeugt, dass diese Erfahrung die Sicht auf meine eigenen Probleme später etwas verändern wird.

5) Worin unterscheidet sich Ihr Leben dort am meisten von dem in
Deutschland?

Wenn man rein meinen Tagesablauf betrachtet unterscheidet sich mein Leben zu dem in Deutschland insofern, dass ich nun ganztags arbeite. So komme ich erst abends nach Hause und haben einen Arbeitsrhythmus. Ich habe nicht mehr den mir bisher sehr vertrauten Schulrhythmus.

Außerdem bin ich von zuhause ausgezogen muss mein Leben also ein ganzes Stück mehr selbst organisieren.

Gleichaltrige machen diese Umstellung wahrscheinlich auch gerade in Deutschland durch, allerdings kommt hier noch dazu das ich die Umstellung mit einer anderen Kultur um mich herum erlebe.

6) Wie eng ist der Kontakt zu Eltern und Freunden?

Mit modernen Medien ist es sehr einfach den Kontakt nach Hause zu halten. So telefoniere ich ungefähr einmal in der Woche mit meiner Familie und meinem Freund. Bei einem Video-Anruf kann man sich sogar sehen und sich so gut über das Erlebte und über Neuigkeiten austauschen. Auch zu meinen engen Freunden halte ich regelmäßig telefonisch oder per Nachrichten Kontakt. Über meine Eltern bekomme ich häufig Grüße von Bekannten ausgerichtet. Darüber und über Nachrichten von Freunden und Bekannten, die mich über E-Mail oder WhatsApp erreichen freue ich mich immer sehr.

7) Wie sind Sie auf die Idee für dieses FSJ und für die Reise nach Afrika
gekommen?

Die Idee einen Freiwilligendienst in einem afrikanischen Land nach meinem Abitur zu absolvieren habe ich schon so lange, dass ich mich nicht mehr genau daran erinnern kann wie ich darauf kam. Es war auf jeden Fall ein großer Wunsch von mir! Ich wollte in den sozialen Sektor hineinschauen, da ich auch meine berufliche Zukunft in einem sozialen Beruf sehe. Außerdem war es mir ein Bedürfnis für ein Jahr den Menschen zu helfen, die im Leben nicht so viel Glück hatten. Mich interessierte es eine neue Kultur kennen zu lernen und die Erfahrung zu machen, fremd zu sein. Nach den vergangenen neun Monaten kann ich sagen, dass die Entscheidung für einen Freiwilligendienst im Ausland genau die richtige Entscheidung für mich war!

8) Wieviel Gepäck und persönliche Sachen aus Deutschland haben Sie
mitgenommen?

Glücklicherweise darf man nach Afrika mit zwei großen Gepäckstücken reisen. Da ich meine Wäsche mit der Hand wasche und dies die Kleidung schnell ausleiert, war es gut ausreichend Kleidung für mich mit zu bringen. Daneben natürlich eine von den Ärzten empfohlene Reiseapotheke. Außerdem viele Bastelmaterialien für meine Arbeit mit den Kindern. Vor der Reise habe ich von Familien und Freunden liebe Erinnerungsstücke, Fotos und Schutzengel bekommen auch die mussten unbedingt mit ins Gepäck. Mit den liebevollen Stücken ist nun mein Zimmer dekoriert. Ein besonderes Highlight sind da die 52 Postkarten, die mir meine beste Freundin vor der Reise mitgegeben hat. Jede Woche kann ich eine Karte öffnen und hänge sie an einer Leine in meinem Zimmer auf. So kann ich gut sehen wie nun die Karten, die schon geöffnet sind mehr sind als die, die verbleiben.

9) Wie läuft die öffentliche Nahversorgung (Essen, Kleidung, Verkehr)?

Hier in Benin lebe ich in Cotonou. Die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum und Regierungssitz des Landes. Offiziellen Zahlen nach hat Cotonou ca. 1 Millionen Einwohnern, inoffiziell ist die Zahl dreimal so hoch. Hier in der Stadt ist die Nahversorgung auf einem wesentlich höheren Stand als in kleineren Orten.

Der Verkehr erschien mir in den ersten Tagen wie ein Ameisenhaufen-ein großes Gewusel. Mittlerweile habe ich beobachtet, dass es hier auch für den Verkehr Regeln gibt, die man nur nicht einfach auf den ersten Blick erkennt. An großen Straßen gibt es Ampeln, die beachtet werden und den Verkehr regeln. Das Überqueren der Straße an Hauptstraßen ist eine große Herausforderung. Es gibt hier keine Hilfsmittel für Fußgänger wie Zebrastreifen oder Fußgängerampeln, deshalb tastet man sich auf einer Straße vor. Man kann meistens nicht warten bis die ganze Straße leer ist und muss so meist am Mittelstreifen kurz warten. Das Verkehrsbild wird vor allem von vielen Mopeds und Rollern geprägt. Das am häufigsten verwendete Verkehrsmittel sind die Mototaxis, genannt Zem, die auch ich jeden Tag verwende um zur Arbeit zu kommen. Erkennbar an ihren gelben Hemden kann man bei Bedarf die auf ihren Mopeds herumfahrenden Männer rufen. Um am Wunschziel an zu kommen gibt man das Stadtviertel plus eine bekannte Apotheke, Schule oder ein Gebäude in der Nähe an und verhandelt den Preis. Am Ziel angekommen bezahlt man den Zem in bar. Neben den Mototaxis gibt es auch PKW-Taxis und Kleinbusse als öffentliche Verkehrsmittel. Natürlich gibt es auch Privatpersonen mit Auto. Das Straßennetz besteht aus zwei großen geteerten Hauptstraßen. Größere Straßen sind gepflastert und die kleinen Seitenstraßen sind aus Sand.

Für die traditionelle und typische Kleidung aus bunten Stoffen, die hier viele im Alltag und besonders auf Festen tragen, kauft man sich Stoff in Metern und lässt sich bei den zahlreichen Schneidern Modelle maßschneidern. Auf den Stoffen sind viele Farben mit vielen Formen gemischt. Ich habe die Stoffe sehr liebgewonnen und habe mittlerweile auch schon einige geschneiderte Teile. Die Stoffe haben immer eine warme und lebensfrohe Ausstrahlung. Die Kleidungsstücke werde ich bei uns im Sommer auf jeden Fall auch anziehen und so etwas von der Wärme Afrikas mit nach Deutschland bringen. Die Jugend kleidet sich mittlerweile im Alltag ehr in den cooleren prêt-à-porter Kleidungsstücken. Jeans und T-Shirts sehen sie an den Stars aus der USA oder auf Bildern aus der westlichen Welt, deshalb wollen sie sich auch so kleiden.

Die Esskultur des Landes kennen zu lernen ist sehr spannend. Die Menschen starten schon mit einer warmen Mahlzeit am Morgen in den Tag und essen auch mittags und abends warm. Typisches Essen

Hier die Yams-Wurzel noch unverarbeitet

sind hier „Pâte rouge“, „Pâte noire“, „Pâte blanche“, das sind eine Art Brei mit Maismehl und dann für „Pâte rouge“ z.B. Tomaten dazu. Nationalgericht und auch mein Lieblingsessen ist „Igname Pillé“. Das ist ein Brei aus gestampfter Yams-Wurzel den ich am liebsten zusammen mit Erdnusssoße und regionalem Käse esse. Es gibt viele Gerichte, die mit Yams-Wurzeln oder Reis als Beilage gegessen werden. Mais wird auf zahlreiche Arten zu Gerichten verarbeitet. Da Fisch aufgrund der Küstennähe deutlich günstiger als Fleisch ist gibt es häufig Fisch. Besonders lecker sind auch, die für uns

Ein Orangenverkaufsstand am Markt

exotischen Früchte wie Ananas, Papaya oder Mango, die hier sehr günstig und besonders lecker sind. Gerade ist Mangosaison, deshalb kostet eine große Mango auf dem Markt ungefähr 16 Cent. Das Essen kann an den zahlreichen Verkaufsständen auf den Straßen für wenig Geld gekauft werden. Gegessen wird meistens traditionell mit der Hand. Auch ich habe mittlerweile gelernt sogar Reis mit der Hand zu essen. Es gibt auch Restaurants wie bei uns zu Hause, die neben traditionellen Gerichten auch Europäisches wie Pizza anbieten. Der Preis ist hier aber deutlich höher. Ich bin sehr begeistert vom lokalen Essen. Es schmeckt mir sehr gut.

Landeswährung ist Francs CFA.

10) Wie würden Sie den Lebensstandard im Vergleich mit unseren wesentlichen Ländern beschreiben?

Benin lag 2016 im Index der menschlichen Entwicklung auf Platz 167 von 188 Ländern.

Ein Blick über einen Teil Cotonous

Generell muss man das Land in Norden und Süden unterteilen wenn man über den Standard spricht. Der Süden ist mit der Hauptstadt Porto Novo, der wirtschaftlichen Hauptstadt Cotonou und deren Umland besser Entwickelt als der  Norden. Man sagt, der Süden befindet sich gerade im Zeitalter der industriellen Revolution. Das heißt unter anderem es müssen viele Kinder arbeiten und gehen deshalb nicht in die Schule. Nach den aktuellsten Zahlen von 2015 liegt die Analphabetenrate bei den über 15-Jährigen bei 62 Prozent, bei Frauen sogar bei 73 Prozent. Durch zu großen Geldmangel schicken viele Familien ihre Kinder nicht in die Schule.

In den Lehmhütten wohnen die Menschen

Der Wohnstandard ist um einiges geringer zu unseren westlichen Standards. Natürlich gibt es auch hier sehr wohlhabende Menschen, die so große Häuser haben wie ich sie vorher in Deutschland noch nie gesehen habe. Auf der anderen Seite gibt es auch Familien, die in einer dünngemauerten Hütte mit Wellblechdach wohnen. Es gibt viele Familien, die so leben. Wenn ich die Jugendlichen aus dem Ausbildungszentrum zuhause besuche, haben sie mir gerne ihre Unterkunft gezeigt. Zusammen mit vielen Geschwistern teilten sie sich die wenigen Räume, zum Fernsehen schauen und essen setzte man sich auf den Boden. Die Küche war eine Feuerstelle mit Kohle vor dem Haus. Einige Familien leben ohne Stromanschluss und ohne fließendes Wasser. Auch hier in der Stadt in Cotonou. In den Dörfern Benins ist das fast noch der Regelfall.

Viel Entwicklungsbedarf ist noch im Punkt Müll. Das Land erscheint sehr dreckig, da auf den Straßen viel Abfall herumliegt. In Cotonou habe ich bisher noch keinen einzigen öffentlichen Mülleimer gesehen, sodass anfallender Müll einfach auf den Weg geschmissen wird.

Vor allem die Rolle der Frau hat mich geschockt. Mit wenigen Ausnahmen ist die Rollenverteilung noch sehr klar so geregelt, dass der Mann arbeitet und die Frau zuhause mit den Kindern bleibt. Es gibt eine klare Aufgabenregelung über die Hausarbeit. Eine der wenigen Aufgaben des Mannes ist dabei am Abend die Haustüre zu zuschließen. Viele Männern leben polygam.

Den Lebensstandard würde ich im Vergleich zu westlichen Ländern um einiges geringer einschätzen.

11) Wie lange werden Sie noch in Benin bleiben? Mit wie vielen weiteren
Mädels aus Deutschland sind Sie dort?

Ich werde am 26. August nach Hause zurückfliegen. Es bleiben mir nur noch zwei Wochen in Benin. Vor dem Tag der Abreise habe ich großen Respekt. Ich werde mich von vielen liebgewonnenen Menschen für eine lange Zeit verabschieden müssen. Nicht für immer, denn das ich noch einmal nach Benin zurück komme das ist klar für mich.

Mit mir machen noch zwei gleichaltrige Mädchen ihren Freiwilligendienst über Don Bosco Volunteers bei den Don Bosco Schwestern in Cotonou. Gina Gleissner und Barbara Dähn habe ich während unserer Vorbereitungsseminare in Benediktbeuern kennen gelernt. Mit ihnen wohne ich gemeinsam in einer Wohnung und gemeinsam unternehmen wir viel in unserer Freizeit. Sie sind zu guten Freundinnen für mich geworden.

Ich freue mich, dass ihr bis zum Ende durchgehalten habt.

Herzliche Grüße und bis bald,

Marie-Luise

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  1. Avatar

    Matteo Grube

    Über den Satz: Sogar Reis esse ich mit der Hand, musste ich doch sehr schmunzeln.
    Das mussten wir hier schon sehr schnell lernen.
    Vielen Grüße
    Matteo

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