Leonews aus Benin

zwischen Motorradtaxis und Markt-Gewusel

Parallelwelt

(Info vorab: das Erzählte liegt schon einen Monat zurück… Der Eintrag lag etwas länger in meinen Entwürfen)

Nachts auf dem Marché Dantokpa unterwegs zu sein, ist als würde man sich auf einem anderen Planeten in einem anderen Universum befinden. Dabei ist Benin „nur“ rund 5000 km (Luftlinie) von Deutschland entfernt. Wie ist das möglich? Wo ist der Fehler im System? Diese Fragen schwirren mir seit Freitag Abend durch den Kopf und mein letzter Marktbesuch will mich nicht so richtig loslassen. Daher möchte ich ihn hier gerne teilen.

Treffpunkt 21 Uhr am Maison de l’Esperance. Dauer bis ca. 23:30 Uhr. So ungefähr lautete die Nachricht von Christoph an Maria und mich. Christoph hat bis vor einem Jahr die „Jungs-Baraque“ auf dem Dantokpa geleitet (Pendant zu dem Projekt, in dem ich mit den Markt-Mädchen arbeite, nur eben für Jungs), bis er letzten Juni seine eigene ONG „Enfants&Jeunes Champions“ – kurz EJC – gegründet hat. Diese setzt sich – ähnlich wie die Baraque auch- für Straßenkinder ein und versucht ihnen, eine Ausbildung ihrer Wahl zu ermöglichen, Aufklärungsarbeit zu leisten und regelmäßig Essen und Trinken zu verteilen. Von Montags bis Mittwochs ist er vor Ort und empfängt die Kinder, an den anderen Tagen (Donnerstag – Samstag) macht er Touren auf dem Markt und trifft dort die Kinder direkt. Maria und ich hatten das Glück, bei so einer Tour dabei sein zu dürfen.

So machten wir uns also am Freitag Abend mit dem Zem auf den Weg zu besagtem Treffpunkt, ganz aufgeregt, weil wir überhaupt nicht wussten, was uns erwarten würde. Vom Treffpunkt aus ging es mit dem Auto noch einige Meter weiter, bis wir am Straßenrand anhielten und ausstiegen.

Zusammen mit Christoph, einem Kollegen und David, einem Jungen, den er betreut, machten wir uns auf den Weg ins Innere des Marktes – rein in das Gewusel von Menschen und Ware. Mittlerweile fühle ich mich bei Touren über den Markt sehr sicher und habe eine gute Orientierung, aber nachts bei Dunkelheit ist das dann doch noch mal eine ganz andere Nummer. Abgesehen von erhöhter Diebstahlgefahr, etc. ist es total unangenehm, nicht zu sehen, wo man hintritt. Tagsüber hatte es auch noch geregnet, weswegen man auch noch sämtlichen Schlammpfützen ausweichen musste.

Vorbei an Marktständen, die dabei waren, die Ware abzudecken und bereit für die Nacht zu machen, kamen wir in einen Bereich, in dem Laster Paletten voller Zwiebelsäcke lieferten. Auf diesem Platz waren überall abgedeckte „Zwiebelsack-Türme“ zu sehen und eh ich mich umsah befanden wir uns auch schon in mitten des Labyrinths. Zuerst hörte ich Musik, dann Stimmen und im nächsten Moment sah ich ein Haufen von Jungs, die auf einem der Türme saßen. Als sie Christoph erblickten, freuten sie sich alle riesig und fielen ihm um den Hals. Mir stieg sofort ein stechender Geruch von verfaulten Zwiebeln in die Nase, der mir das Atmen erschwerte. Doch ich war total gefesselt von der ganzen Situation und der Stimmung. Die Jungs begrüßten uns freundlich, waren schon fast schüchtern – wo ich doch die meiste Zeit von Männern angemacht werde, wenn ich auf dem Markt unterwegs bin. Christoph erkundigte sich, wie es ihnen allen ging, und quatschte ein bisschen – das alles natürlich auf Fon. Maria und ich hatten das Glück, dass uns der Kollege immer mal wieder eine Simultanübersetzung gab. So bekamen wir auch etwas von den Geschichten mit, die Christoph den Jungs zu erzählen hatte.

Irgendwann wurde aus dem lockeren Rumwitzeln eine Aufklärungseinheit. Christoph erklärte den Jungs, dass sie jetzt besonders in der Regenzeit darauf achten sollen, wo sie die Nacht über verbringen. Denn der Ort der „Zwiebel-Türme“ ist in der Nähe der Müllhalde des Dantokpas. Das Regenwasser, das in in die Mülltonnen gelangt, sickert durch und fließt als total verdrecktes Schmutzwasser auf besagten Platz und verursacht Krankheiten und Infektionen. Während Christoph so erzählte, wurde der Kreis an Jungs immer größer und größer. Alle hörten sie ihm gespannt zu, als er eine Geschichte nach der anderen erzählte.

Irgendwann packte er dann aus seinem Rucksack ein Erste-Hilfe-Set aus, um nach und nach die Wunden der Jungs zu verarzten. Mit höchster Genauigkeit und einer Engelsgeduld säuberte er Wunde für Wunde und schützte sie anschließend vor Schmutz und Dreck mit einem Pflaster. Die ganze Situation wirkte ziemlich routiniert und alle Jungs warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren. Kurz bevor wir uns auf den Weg machten, um unsere Tour fortzuführen, bekam jeder noch eine Portion Reis mit einem Saft dazu. Manche der Jungs hatten seit Tagen keine warme Mahlzeit gehabt (wenn sie überhaupt Geld für Essen hatten…).

Als wir uns in andere Ecken des Marktes begaben, trafen wir auf 3 Mädchen, die vor einem Müllcontainer sitzend auf ihren Müllsäcken warteten. Christoph erklärte uns, dass es oft die Aufgabe der Mädchen ist, die Marktstände zu kehren und anschließend auch den Müll zu den Container zu bringen. Das kann sich oft bis tief in die Nacht ziehen und ist zudem auch ziemlich gefährlich, so ganz alleine im Dunkeln. Sie erzählten uns, dass sie normalerweise auch bezahlt werden, sie aber das Geld nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Christoph trug ihnen auf, am Montag bei der Baraque der Mädchen vorbei zu schauen und mit den Tatas zu reden. Nachdem wir den Müll entladen hatten, begleiteten uns die drei auf unserem weiteren Weg durch verschiedene Marktgassen. Die Straßen wirkten viel breiter, da zum einen viel weniger Menschen unterwegs waren, zum anderen aber auch so gut wie jede Ware eingepackt war. Mir viel auf, dass erstaunlich viele Kinder unterwegs waren, weit mehr als Erwachsene. Mittlerweile war es schon 22:45 Uhr.

In einer Seitenstraße machten wir Halt. Sogleich bildete sich wieder eine Menschentraube um Christoph und alle freuten sie sich riesig, ihn wieder zu sehen. Auf dem Markt ist er übrigens nicht unter dem Namen „Christoph“ bekannt sondern die Kinder haben ihm den Namen „xùta“ – „Fischkopf“ gegeben. Im nächsten Moment hatte er wieder sein Erste-Hilfe-Set ausgepackt und verarztete Wunde für Wunde. Mittlerweile waren wir auch schon fast zu Arzthelferinnen geworden, indem wir Pflaster in Streifen und Mullbinden zurechtschnitten. An einen Jungen kann ich mich besonders erinnern, da er mit einer Wunde vor Christoph saß, die schon 6 Monate alt war… Da fehlten mir die Worte. Welche Schmerzen er erlitten haben muss…. Als nach einer Weile alle verarztet waren, wollte uns Christoph noch zur Lagune führen. Denn dort befindet sich eine große Freifläche, auf der viele Menschen die Nächte verbringen.

Mit neuer Begleitung ging es weiter durch Marktgassen, die kaum beleuchtet und menschenleer waren. Nach kurzer Zeit erreichten wir auch schon das Auto. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit wollte uns Christoph relativ zügig nach Hause bringen, weswegen er uns die Schlafplätze am Wasser vom Autofenster aus zeigte. Mir fehlten zum wiederholten Mal an diesem Abend die Worte. Da wurde mir wieder einmal bewusst, welch priviligiertes Leben ich führen darf. Dach über dem Kopf, sauberes Zimmer, fließend Wasser und Strom. Wenn überhaupt wird das Wasser hier für eine Woche abgestellt oder hin und wieder ist Stromausfall, aber was sind das schon für „Probleme“…

Die Kinder auf dem Markt werden entweder von ihren Familien vom Dorf in die Stadt nach Cotonou geschickt, um dort zu arbeiten und Geld zu verdienen. Das sind vor allem Mädchen, von denen auch einige die Baraque entdeckt haben. Wenn die Kinder nicht von ihren Familien geschickt wurden, sind sie meist aus häuslicher Gewalt geflohen und auf der Suche nach Arbeit auf dem Markt. Viele Mädchen, die auf der Straße leben, verdienen ihr Geld meist mit „Travail de la nuit“ – Prostitution – und das bereits im Alter von 13 Jahren!!!! Die Jungs, die wir bei den „Zwiebeltürmen“ getroffen haben, verdienen ihr Geld damit, entsorgte aber noch gut erhaltene Zwiebelware aus den Containern zu fischen, zu säubern und nochmal zu verkaufen. Andere machen Gelegenheitsjobs wie beispielsweise Ware zu transportieren.

Auf der Rückfahrt ratterte es in meinem Kopf. Ich musste erst einmal die ganzen neu gewonnen Eindrücke, die Bilder, die ich gesehen habe, verarbeiten, sortieren und einordnen. Denn was ich an diesem Abend erlebt habe, war kein Traum – das war die pure Realität. Viele Kinder leben auf der Straße, sind auf sich alleine gestellt, weit weg von ihren Eltern, kämpfen ums pure Überleben und hoffen, wenigstens ein bisschen Geld für eine warme Mahlzeit am Tag zu finden. Das Leben auf dem Markt ist hart – keine Frage. Und doch habe ich an diesem Abend so viele Kinder lachen hören. (Das soll diese Lebensrealität nicht weniger besorgniserregend machen!)

Ich bin so dankbar für diese Erfahrung, für diesen kleinen Einblick in das Leben der Straßenkinder auf dem Dantokpa. Denn wir, die ein Leben in Europa führen dürfen, dürfen auf keinen Fall die Augen gegenüber dieser Lebensrealität verschließen.

Wir müssen hinsehen. Nur durch das Hinsehen erkennen wir die Ungerechtigkeiten und kommen vom Zuschauen zum Handeln.

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Ein kleines Lebenszeichen

  1. Nowecki Caroline

    Liebe Leonie,
    ich bin so stolz auf dich, wie auch Papa. Du hast dich getraut die Augen zu öffnen und deine Erlebnisse in Afrika in die westliche Welt zu tragen. Hab Dank dafür und einen großen Respekt.
    Ich drücke dich von Herzen. 🥰

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