Nadeln gegen Schmerzen
Wer von euch hat schon einmal Akupunktur ausprobiert? Ich nicht. Und Gladys bis vor Kurzem auch noch nicht. Das änderte sich am 14. Februar, also am berühmt-berüchtigten Valentinstag. Der wird hier auch gefeiert und machte auch vorm Foyer nicht halt. Die ganzen letzten Wochen schon war „Love“ ein großes Thema und wurde auf diverse Liebesbriefe gemalt. Briefe, die alle gleich klangen und von dessen kitschigen Inhalten ich Brechreiz bekam. Ich war insgesamt auf das Thema Romantik und Sexualität gerade gar nicht gut zu sprechen, denn für Gladys und mich waren die letzten Wochen alles andere als romantisch verlaufen. Ich war an einem Tiefpunkt angekommen.
Aber zurück zur Akupunktur: Am Morgen des 14. Februars kam ein chinesisches Gesundheitsteam ins Foyer und führte eine allgemeine medizinische Untersuchung der Kinder durch. Die lief ungefähr so ab wie die „Visite médicale“ bei uns an der Schule. Messen und Wiegen, Atem und Herzschlag abhören, Sehtest. Außerdem noch eine Speichelprobe. Was allerdings fehlte, war der Hörtest. Sehr schade, denn bei einigen Kindern hege ich den Verdacht, dass sie schwerhörig sind, was sich natürlich unter anderem auf ihre schulischen Leistungen auswirkt.
Diejenigen, die über Schmerzen klagten, wurden mit Akupunktur behandelt. So auch Gladys, denn sie hat schon seit Längerem immer wieder Knieschmerzen, wenn sie Sport macht. Auch Père Jonathan und die Sekretärin Roberta bekamen Nadeln in die Haut gesteckt. Bei letzterer fand es ihre Tochter schlimmer als sie selbst, das arme Kind hatte richtig Angst um seine Mutter. Ich für meinen Teil war ebenfalls ganz froh, keinen Grund zum Gepikstwerden aufzuweisen.

Nach der Untersuchung und schätzungsweise tausend Fotos verabschiedete sich das chinesische Team und wir begannen mit unserem Valentinsprogramm.

Von Geburt an wertvoll
Vormittags war eine „Causerie éducative“, also eine Art Workshop zu einem Thema, für die Mädchen geplant, nachmittags für die Jungs.
Die Causerie der Mädchen hatte Roberta geplant, es ging um die Geschichte des heiligen Valentins und seine Bedeutung heute. Besonders schön fand ich, dass Roberta immer wieder betonte, dass ein Mädchen nicht erst durch eine Beziehung zu einem Jungen einen Wert bekommt, sondern von Geburt an wertvoll ist. Das war die zentrale Botschaft: Ich muss keinen Freund haben, um eine wertvolle, liebenswürdige und geliebte Person zu sein. Eine Botschaft, die angesichts der vielen Liebesbriefe und dem vielen Wetteifern um die Gunst von Jungs bei den Mädchen aus dem Foyer mehr als notwendig war.

Das Gegenteil von romantisch
Anders als die Causerie der Mädchen wurde die der Jungs nicht von Roberta, sondern von Gladys und mir vorbereitet und durchgeführt. Außerdem unterstützte uns Frère (wie die Erzieher genannt werden) Matthias.
Das Thema war alles andere als rosig, denn es ging um geschlechterbasierte und sexuelle Gewalt. Grund dafür war ein aktueller Anlass: In der Woche zuvor hatte auf der Straße vor dem Foyer ein sexueller Übergriff stattgefunden, was die ganze Woche über Thema gewesen war. Leider hatten viele Jungs nicht gut reagiert, sie hatten Witze darüber gemacht und insgesamt das Thema banalisiert. Deswegen war es Gladys und mir ein zentrales Anliegen gewesen, mit den Jungs darüber zu sprechen. An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass keiner der Foyer-Jungen an dem Übergriff beteiligt war und wir auch nicht glauben, dass sie es in Zukunft sein werden. Wir wollen lediglich, dass sie, sollten sie erneut Zeugen sexueller Gewalt werden, sensibler reagieren und sich aktiv für das Opfer einsetzen.
Den ersten Teil, zum Thema geschlechterbasierte Gewalt, machten wir mit allen Jungs. Dieser Teil war eher allgemein und leicht verständlich formuliert, damit auch die Kleinen mitkamen. Für den zweiten Teil, den zum Thema sexuelle Gewalt, schickten wir die Grundschüler raus. Jetzt ging es ans Eingemachte: Was ist sexuelle Belästigung, was ein sexueller Übergriff, was Vergewaltigung? Was sagt das togoische Gesetz dazu, welche Strafen sind wofür vorgesehen? Was bedeutet „einvernehmlich“? Wer kann seine Zustimmung zu sexuellen Handlungen überhaupt geben, wer nicht? Was tun, wenn in der Freundesgruppe Witze über sexuelle Gewalt gemacht werden? Macht es einen Unterschied, wenn das Mädchen nur einen Mini-Rock trägt?
Über all diese Fragen und noch viele weitere redeten wir mit den Jungs. Ich muss sagen, dass die Causerie besser lief als erwartet. Frère Matthias gab uns Rückendeckung, die Jungs waren offen und setzten sich ernsthaft mit dem Thema auseinander. Ich bin total dankbar für diese Möglichkeit und davon überzeugt, dass beide Seiten von dieser Einheit profitiert haben – die Jungs, aber auch Gladys und ich.
Noch mehr schwere Kost
Am Dienstagvormittag (es waren Ferien) ging es weiter mit den schweren Themen, denn es gab eine Causerie zu Kinderhandel. Leider ein Thema, das in ganz Westafrika und damit auch in Togo präsent ist. Die gezeigten Videos gingen mir sehr nahe, vor allem eine kurze Reportage der BBC, wo es um den Handel und die Ausbeutung behinderter Kinder ging. Gladys hatte ebenfalls Tränen in den Augen. Was ist diese Welt doch ungerecht und grausam!
Im Anschluss an den Input-Teil sollten die Kinder in Gruppen kleine Theaterstücke zum Thema vorbereiten und aufführen und ich sollte eine Gruppe betreuen und anleiten. Ich war überfordert: Meine Gedanken waren noch bei der Doku und jetzt sollte ich eine Gruppe zappeliger Kinder bei der Ausarbeitung eines kleinen Theaterstücks anleiten? Und das zu so einem Thema! Wie stellt man diese Grausamkeiten überhaupt angemessen dar? Wir haben dann schon etwas aufgeführt, aber richtig zufrieden war ich mit dem Ergebnis nicht. Man kann, glaube ich, diesem Thema unmöglich in so kurzer Zeit (wir hatten nur eine knappe halbe Stunde Vorbereitungszeit) gerecht werden.

Wenigstens konnten wir zum Ausgleich nachmittags wieder eine ganze Reihe Handballspiele veranstalten. Ich war Schiedsrichterin, Gladys schaute auf die Zeit und die Kinder lieferten sich ein Spiel nach dem anderen. Diesmal sogar mit einem echten Handball, denn Père Jonathan hatte, nachdem die kleinen Fußbälle bereits Risse bekamen, einen richtigen Handball organisiert. Merci beaucoup, mon père!
Anstrengende Anreise
Jetzt wisst ihr also in etwa, welche Themen mich kurz vorm Zwischenseminar beschäftigten und könnt euch sicher denken, dass ich mit dem Kopf ganz woanders war. Aber vielleicht war gerade deshalb eine Auszeit genau das Richtige.
Als wir am Mittwoch (Aschermittwoch!) frühmorgens aufbrachen, war ich vor allem eines: müde. Die emotionale Erschöpfung zeigte sich auch körperlich. Es half auch nicht, dass wir gleich zu Beginn über eine Stunde bei praller Hitze im Stau standen. Dank sei Gott für die Klimaanlage!
Jedenfalls kamen wir nach etwa zehn Stunden Fahrt in der Maison Don Bosco in Lomé an. Der erste Teil unserer Anreise war geschafft.
Am Donnerstag folgte dann Teil 2. Ein Salesianer fuhr uns zur ghanaischen Grenze, wir stiegen aus, holten unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum und machten uns auf den Weg. Zunächst mussten wir auf togoischer Seite unser Visum vorzeigen und ein Dokument ausfüllen, um ausreisen zu dürfen. Dann mussten wir auf der ghanaischen Seite ein Visum beantragen. Das ging erstaunlich schnell, kostete aber dafür eine halbe Niere und hinterher diskutierten wir noch eine ganze Weile mit den Grenzbeamten, weil sie nicht den kompletten Betrag, den wir gezahlt hatten, auf die Rechnung geschrieben hatten.
Dementsprechend wütend waren wir und als dann auch noch meine Kreditkarte Faxen machte (Ghana hat nicht Francs CFA, sondern Cedi als Währung, weshalb wir uns erstmal neu mit Geld ausstatten mussten), war meine Laune endgültig im Keller. Zum Glück fanden wir recht schnell ein Trotro nach Ashaiman, wo das Zwischenseminar stattfinden würde. Es war sogar ein ziemliches Luxus-Trotro, recht geräumig, mit bequemen Sitzen und Klimaanlage.
Trotro
Kleinbus und Sammeltaxi für Langstrecken. Fährt immer erst los, wenn er voll ist. In Ghana viel genutztes Transportmittel, in Togo hingegen kaum.
Um kurz vor drei kamen wir dann in Ashaiman an und wurden von Robert, der uns auch das Einladungsschreiben ausgestellt hatte, abgeholt. Thank you!
Angekommen
Bei der Ankunft im Provincial House, in dem unser Seminar stattfinden würde, konnte ich zum ersten Mal so richtig den Kopf ausschalten und durchatmen.
Angekommen. Hier kann ich loslassen, abgeben. Hier bin ich nicht „Tata“, „Tanti“ oder „Soeur“, hier bin ich einfach nur Christine. Hier brauche ich mich nicht verbiegen oder verstecken. Hier bin ich nicht nur eine Rolle, hier bin ich komplett ich.
Als ich Ulla und Gregor entdeckte, kickte die Vorfreude aufs Seminar erst so richtig. Ulla und Gregor waren unsere Teamenden. Während Ulla bei Don Bosco arbeitet und unter anderem für Krisensituationen bei uns Freiwilligen zuständig, ist Gregor ein ehemaliger Don Bosco Volunteer, der 2014/15 seinen Freiwilligendienst in Kara (!) gemacht hat. Vielleicht könnt ihr euch an den Namen noch erinnern, er war derjenige, der uns so wahnsinnig viel mit dem Visum geholfen hatte. Mehr dazu findet ihr hier. An dieser Stelle nochmal ein riesiges Dankeschön!!!
Jetzt trafen wir den Typen, mit dem wir wegen dem Visum bereits stundenlang telefoniert hatten, also zum ersten Mal live. Ich hatte ungefähr tausend Fragen an ihn. Doch erstmal kümmerten wir uns um die praktischen Dinge: Unsere Sachen in unserem Zimmer abstellen, etwas essen…
Wir waren die Ersten und konnten uns so den Nachmittag nehmen, um uns auszuruhen.
Kurz vor dem Abendessen kamen die nächsten Volos an. Die Wiedersehensfreude war riesig! Das Abendessen selbst war ebenfalls lecker. Und nach dem Essen ging es dann offiziell los mit dem Seminar. Doch zum Seminar selbst komme ich im nächsten Blogeintrag. Ich habe mich nämlich schon wieder verquatscht. Eigentlich wollte ich alles nach den Weihnachtsferien bis jetzt in zwei Einträgen erzählt haben. Nun sind es jedoch schon drei Einträge und ich bin noch nicht einmal ansatzweise fertig…
Eure Aufgabe
Na ja, ich muss es ja nicht lesen. Das ist eure Aufgabe. Ich freue mich total über euer Interesse und erst recht über Kommentare. Fragen, Anmerkungen, was bei euch so los ist. Schreibt es mir!
Ihr kennt es schon, jetzt kommt wieder der Spendenaufruf. Ja, das ist wichtig, ihr Lieben! Ich freue mich weiterhin riesig über eure Unterstützung!!! Spenden könnt ihr ganz einfach über diesen Link. Ganz, ganz großes Dankeschön an alle, die bereits gespendet haben und an alle, die es noch tun werden! Euer Beitrag zu meinem Freiwilligendienst bedeutet mir unglaublich viel!
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