Ready for Togo

über meinen Auslandsfreiwilligendienst in Kara

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„Fiass am Bodn, Herz im Himmel“

180 Tage, 4 320 Stunden und 259 200 Minuten sind vergangen – es ist Zeit, um Zurückzublicken und Vorauszuschauen.

Mitte Februar machten Jeremias und ich uns auf den Weg zum Zwischenseminar nach Ghana. Was uns erwartet, wussten wir nicht wirklich. Wir wussten nur, dass aus unserer Vorbereitungsgruppe aus Bonn keiner anreisen wird, sondern nur Freiwillige aus Benediktbeuern.

So wie ihr vielleicht schwer die Überschrift meines Blogeintrages verstehen könnt, so erging es uns auch in den ersten Tagen. Ursprünglich kommen unsere Mit-teilnehmerInnen nämlich aus dem tiefsten Bayern oder dem Schwabenland, einer der beiden Seminarleiter sogar aus Österreich, und die fremdsprachenähnlichen Dialekte machten uns anfangs doch zu schaffen. Schnell versuchten wir uns anzupassen, denn wie der Schwabe sagen würde: „S´Läbe isch koi Schlotzer“ (Das Leben ist kein Zuckerschlecken!).


Die ersten beiden Seminartage beschäftigten wir uns mit dem, was in den letzten sechs Monaten passiert ist. Was sind meine Aufgaben? Welche Rolle nehme ich in meinem Projekt ein? Wie sah meine Gefühlskurve aus und gab es Probleme, die es zu lösen heißt? Es war sehr wichtig, sich alles von der Seele zu sprechen, verstanden zu werden und Lösungsansätze zu bekommen. Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht alleine bin. Jeder und jede von uns machte ähnliche Erfahrung, trat genau wie ich in Fettnäpfchen oder hatte Schwierigkeiten mit der Sprache. Wir alle fanden aber unseren Platz im Projekt und haben angefangen, in unserer neuen Heimat zu leben.

Ein typisches Kooperationsspiel

Am dritten Tag machten wir uns auf den Weg nach „Ada Flaow“, wo wir für einen Tag die unglaublich schöne Natur der ghanaischen „Volta Region“ genießten. Mit einem kleinen Bötchen tuckerten wir von der Krokodilinsel, zur Schnapsinsel bis zur Kokosnussinsel und ließen den Ausflug am Strand ausklingen. Unser österreichischer Seminarleiter, der momentan als Salesianer in Ghana lebt, brachte uns Prostgesänge bei und als Dank an die Einheimischen, sangen wir neu erlernte „Don Bosco Songs“. Es fühlte sich an, als seien wir schon Ewigkeiten in dieser Konstellation zusammen unterwegs.

Gut gestärkt, widmeten wir uns in den folgenden zwei Tagen den sechs Monaten, die noch vor uns liegen. Was sind meine Pläne und Ziele? Was möchte ich an meinen Aufgaben verändern oder beibehalten? Wie stelle ich mir den Abschied vor und was kommt danach? In einem Einzelgespräch mit Rebecca, die vor fünf Jahren als Don Bosco Volunteer in Ghana war, kamen mir viele neue Ideen und Gedanken, auf die ich ohne diese ganz individuelle Reflexion wahrscheinlich nicht gekommen wäre. Sie regte mich dazu an, mal nur auf mich und meine Rolle hier in Kara zu schauen. Wie geht es mir? Fühle ich mich wohl? Bin ich bereit für die nächsten sechs Monate?

Zwischen den vielen intensiven Einheiten durften aber so einige Don-Bosco-Seminars-Traditionen nicht fernbleiben. Wie immer wurde viel in der Gruppe gespielt, Energizeer zum Wachwerden durchgeführt und bis spät in die Nacht gequatscht oder gesungen. Die täglichen Kaffeepausen und das viel zu gute Essen haben selbstverständlich auch nicht gefehlt. Und was uns dieses Seminar wohl am meisten verbunden hat, war das endlose Schwitzen und der Erwerb eines Baumwoll-Schweißtuchs. Der Dank geht raus an Miri und Maggi!

zum Abschluss noch das obligatorische Gruppenbild


Nach sehr erfolgreichen Seminartagen sollte der Aufenthalt in Ghana noch nicht zu Ende sein. Ursprünglich waren es nur Jeremias und ich, die noch eine Woche „Urlaub“ hinten dranhängen wollten. Nachdem die Anderen mitbekamen, was für geniale Ziele auf uns warteten, wurde spät abends noch der Projektleiter oder die verantwortliche Salesianerschwester angerufen, um ganz vorsichtig nach kurzfristigem Urlaub zu fragen.

Am Freitagabend machten wir uns mit einer Reisegruppe von neun Freiwilligen auf den Weg. Von dieser unvergesslichen Zeit werde ich in Stichpunkten und Bildern berichten.

Die Reise – kurz und knapp

1. Cape Coast: Die ersten drei Tage besuchten wir eine kleine, aber doch sehr touristische Stadt an der Küste Ghana´s. Wir entdeckten die frisch aufgeschnittene Mango am Morgen und Reis mit Chicken am Abend für uns und verabredeten uns nachts für das „Workout“ in der Früh. Wir wurden von Wellen umgehauen und genossen an der Hostelbar das ein oder andere Erfrischungsgetränk. An unserem letzten Tag besuchten wir das „Cape Coast Castle“ – zunächst wurde diese „Burg“ als Handelsstützpunkt gegründet, dann als Ausgangspunkt für die Verschiffung des Großteils der ghanaischen Sklaven verwendet. Wir standen bei unserer Führung plötzlich in dunklen Kellerverliesen, in denen Gefangene monatelang auf das nächste Sklavenschiff warteten. Die Stimmung war sehr erdrückend und ein sehr grausamer Teil der Geschichte wurde uns vor Augen geführt.

im Cape Coast Castle

2. Busua: Für einen Tag machten wir uns auf den Weg zum südlichsten Punkt Westafrika´s. In einem kleinen Dorf mit traumhaftem Strand probierten wir uns am Wellenreiten. Während manche von uns schon weit draußen versuchten, die Wellen zu „catchen“, hielt ich mich eher vorne auf und rutschte über flaches Wasser – mal im Stehen, mal im Sitzen, mal voll im Fall.

3. Kakum/Nationalpark: Um die Natur auf unserer Reise mal so richtig zu spüren, entschieden wir uns dazu, eine Nacht in einem Baumhaus zu verbringen. Mit einiger Verspätung kamen wir in der Dämmerung an der Rezeption an und hatten noch einen langen Weg durch den dunklen Wald vor uns. Unwissend, dass wir weder Wasser noch Licht haben werden, wanderten wir mit unseren großen Reiserucksäcken los und stellten beim Erreichen fest, dass zwei Liter Wasser für neun Personen wohl doch eher wenig ist. Ausgestattet mit Brot, Schokoladencreme und Ananas stillten wir unseren Durst mit Essen und frühem Schlafengehen. Eine Runde „Werwolf“ durfte in dieser Idylle – 12 Meter überm Boden – nicht fehlen. Am nächsten Morgen begaben wir uns auf die wackeligen Hängebrücken und hatten einen beeindruckenden Ausblick über den Dschungel und staunten über die gewaltige Größe der Bäume.

hier, die vollständige Reisegruppe in der Höh‘

4. Accra: Aus dem „Nichts“ in den Trubel. Zwei Tage wollten wir uns einen Eindruck der Hauptstadt Ghana´s verschaffen, die mit 1,5 Millionen EinwohnerInnen, die größte im Land ist. Wir besichtigten das „Brandenburgertor“ von Accra, was zum Zeichen der Unabhängigkeit 1957 errichtet wurde, sowie ein Monument für den ersten Präsidenten Kwame Nkrumah. Auf der Oxfordstreet besuchte ich nach langer Zeit mal wieder einen Supermarkt und war absolut überfordert mit dem, was ich alles hätte kaufen können.

In einem kleinen Hostel mit Dachterrasse ließen wir unsere gemeinsame Zeit ausklingen und gestalteten ein letztes „Good Night“. Jeder und jede ließ seinen Gedanken freien Lauf und teilte mit allen, was sein/ihr Highlight war. Am nächsten Morgen wachte ich auf und fünf Betten, die abends noch belegt waren, waren frei. Die Mädels aus Benin und der Cote D’vorer haben sich schon, während ich noch tief in meinen Träumen war, auf den Weg nach Hause gemacht und es blieben mir zum Weiterreisen Max, Toni und natürlich Jeremias.

5. Kpando: Nach einer vierstündigen Trotro- Fahrt (Minibus) kamen wir in der Volta-Region, Nähe des Volta Lake’s an. Von hier aus besuchten wir eine „Monkey Sanctuary“, wo uns kleine und große Affen auf den Arm sprangen, um die mitgebrachten Bananen zu schälen, später genüsslich zu essen. In einem kleinen Fischerdorf schlenderten wir über den Markt, statteten uns mit noch mehr Schweißtüchern aus und probierten das „ghanaische“ Foufou. Abends blamierten wir uns in einer Bar, gleich neben unserer Unterkunft, im Billard spielen, hatten aber sichtlich Spaß am Ausgelachtwerden.

6. Wli: Der Abschluss unserer Reise raubte uns die Kräfte. Unser Ziel: die größten Wasserfälle Westafrikas, zu denen wir erst einmal 1 ½ Stunden hinwandern oder besser gesagt, hochklettern, mussten. Bei 37 Grad war das mal wieder eine schwitzige Angelegenheit, aber es hat sich gelohnt. Bei traumhafter Aussicht und gewaltigen Mengen Wasser, die aus der Höhe hinunterstürzten, ruhten wir uns aus für den Rückweg.

Auf dem Weg…

ANGEKOMMEN!

Sonntags verabschiedeten wir unsere letzten beiden Reisebegleiter Max und Toni filmreif auf der Straße unserer kleinen Unterkunft, mit Bergen und Wasserfällen im Hintergrund. Max und Toni mussten einen längeren Weg auf sich nehmen, um an der „Hauptgrenze“ bei Lome ein Visum für Togo kaufen zu können. Jeremias und Ich konnten über die kleine „Dorfgrenze“ zurück in unser Einsatzland, wo wir freundlich von französischsprachigen Einheimischen empfangen wurden. Es fühlte sich an, wie nach Hause kommen.

Bonne arrivee

Als ich die Straße des Foyers mit meinem großen Rucksack hochlief, sah mich als erstes Roberta, die draußen mit einem Freund quatschte. Sie sprang auf und schrie meinen Namen. Ein paar Sekunden später öffnete sich das Tor und über 15 Mädchen rannten auf mich zu. Ich konnte ihre Freude über mein Ankommen in ihren Gesichtern sehen. Es erleichterte mir selbst auch das Ankommen hier in Kara und vor allem in meinem Projekt, in meinem Alltag.

Jetzt bin ich seit einer Woche wieder voll dabei, habe meine Reisemüdigkeit ausgeschlafen und starte mit neuer Motivation in die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes. Die vergangene Zeit werde ich so schnell nicht vergessen.


Heute an diesem besonderen Montag verabschiede ich mich mit einem dreifachdonnernden Helau & denke an Euch alle, die sicher gerade verkleidet in den Straßen von Mainz herum(schw)irren. Und wer noch nichts zum „Fasten“ gefunden hat, der kann auf Sophie fasten, denn bis ich wieder komme, dauert es noch ein wenig.

Bis dann, Sophie

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