Hier bin ich mal wieder. Es ist jetzt ja wirklich ein Weilchen her (5Moante Ohjemine) seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Aber irgendwann in den letzten Monaten gab es einfach diese Umstellung in meinem Kopf. Das hier ist nichts Besonderes oder Neues. Das ist mein Leben. Das ist meine Realität. Ohne Helm mit 100 auf dem Motorrad mitfahren, Hühnern zuschauen wie sie auf der Straße geköpft werden, angestarrt werden. All das hat irgendwann aufgehört besonders zu sein. Es ist faszinierend wie schnell sich die menschliche Psyche an neue Gegebenheiten anpassen kann.

Das jedoch nur zum Verständnis für die Leute die das hier lesen, weshalb so lange nichts mehr kam. Wenn ihr noch mehr mitbekommen wollt von meinem Jahr würde ich euch empfehlen mir auf Instagram zu folgen (le.inder). Auch was das Foto posten angeht hat mein Mitteilungsbedürfnis zwar nachgelassen, aber dort zu posten ist weniger aufwendig als diesen Blog zu schreiben, vor allem für mich der echt kein großer Fan von schreiben ist.

Ich habe grad nochmal nachgeschaut. Der letzte Blog kam im November. Seitdem ist so unfassbar viel passiert, dass ich unmöglich alles Erzählenswerte hier unterbringen kann. Deswegen erzähle ich euch glaube ich einfach von den schönsten Erinnerungen der letzten Monate.

Spontan, nach dem durchschauen meiner Fotogalerie fällt mir zum Dezember eine Sache ein: Torino. Dieses Wort, welches entweder für den italienischen Namen der Stadt Turin, oder eine indische Orangenlimonade stehen kann, ist der Name eines Katers. Zu Beginn des Monats sah ich ab und zu dieses Tier auf dem Gelände. Zuerst scheu, entwickelte er schnell Mut und verbrachte sehr viel Zeit in unserer behelfsmäßigen Küche die, bis heute aufgrund von Renovierungen draußen ist. Mit der Zeit entwickelte sich Torino wirklich zu einem größeren Teil meines Freiwilligendienstes. Nach der Schule bin ich aufgrund der Temperaturen immer sehr ausgelaugt. Eines Tages als ich meine Türe nicht richtig geschlossen hatte, kam Torino reingeschlichen und legte sich einfach neben mich um selbst zu schlafen. Das ist seitdem so eine Art Routine geworden. Torino ist zwar eine Katze aber am Ende des Tages doch irgendwo auch mein Mitvolontär.

Im nächsten Monat, beziehungsweise nächstem Jahr ging es aber wieder richtig los mit der Arbeit. Nach Weihnachten, dass ich am Strand bei über 30 Grad verbracht habe ging es direkt los mit einem Großprojekt. Der Annual Day der Schule stand an. Ein Annual Day ist, salopp gesagt, ein Schwanzvergleich der Privatschulen. Es geht eigentlich ausschließlich um Selbstdarstellung, wer die besten Schüler hat, wer die besten Lehrer hat und wer am meisten Geld ausgibt. Eines Abends war ich mit den fathers in einem Laden für Instrumente. Irgendwie wollte ich in dem Moment wissen, wie hoch ich noch komme, nachdem ich vier Jahre lang keine Trompete mehr angefasst hatte. Und nach einer Tonleiter von C bis C waren die fathers absolut begeistert. So begann meine Karriere als Bandmaster der DBSE.

Bald begann also die Übungsphase. Ehrlich gesagt hatte ich keinerlei Vertrauen in den Plan. Ich sollte in 3 Wochen für 12 Jugendliche parallel 5 Instrumente beibringen: Trompete, Bugle, Sidedrums, Bassdrums und Cymbal. Und das mehr als 4 Stunden täglich. Diese Wochen waren extrem auslaugend und intensiv. Jeden Tag Musikunterricht und danach bis in den Abend hinein Dekorationen oder ähnliches vorbereiten. Allerdings war der Annual Day am 23. und 24. Januar auch ein voller Erfolg. Außerplanmäßig habe ich selbst in der Band mitgespielt. Der Marsch zu Beginn des Tages war noch entspannt, da war ich ja nur ein Teil der Band. Aber als ich zum Ende des Programms vor über 1000 Personen die DonBosco Hymne spielen musste lagen die Nerven schon blank. Zum Glück sind Inder eigentlich immer zu spät, weshalb das Programm eine Stunde zu spät begann und dadurch auch immer eine Stunde zu spät endete und viele Eltern schon früher gingen. Ansonsten weiß ich wirklich nicht ob ich es geschafft hätte. Als dann aber der zweite Annual Day vorbei war und die ganze Last von meinen Schultern fiel war ich so unfassbar glücklich. Also formte ich in Fußballtrainer Manier einen Teamkreis mit meiner Truppe, die ich mittlerweile wirklich ins Herz geschlossen hatte und hab einfach Danke gesagt. Ich war so unfassbar stolz in der Situation und nach meiner Rede haben wir gefeiert als hätten wir gerade die Weltmeisterschaft gewonnen. Es ist schwer diesen Moment in Worte zu fassen, aber es war der Beste Moment im Projekt bis heute, sowie einer der schönsten Momente meines Lebens.

Zum Ende des Monats kamen wir als Band nochmal zusammen für das Don Bosco Fest und auch der Abend war echt schön. Seitdem ruht meine Trompete allerdings wieder, bis zum Sommer Camp nächste Woche, bei dem ich wieder die Band anleiten werde.

Im Februar habe ich vor allem wieder gearbeitet. Am Valentinstag habe ich mich dann auf den Weg nach Madurai, die nächste Großstadt, knapp zweieinhalb Stunden entfernt. Und dort habe ich, nach sage und schreibe 161 (hehe) Tagen wieder mal andere Weiße Personen getroffen. Durch einen Zufall bin ich Kontakt mit vier Volos einer anderen Organisation gekommen. Und ich habe das Treffen sehr gebraucht. Nach so einer langen Zeit unter Indern war es sehr erfrischend mal wieder unter Landsleuten zu sein. Womöglich hat der vorherige Satz für manche einen komischen Unterton, daher stelle ich jetzt nochmal klar was ich damit meine.

Natürlich kann ich nicht generell über „die Inder“ reden, es gibt allerdings doch Aspekte die auf viele Personen hier, vor allem in der ländlichen Region zutreffen. Beispielsweise ist die Kommunikation sehr anders und eher oberflächlicher als in unserer Kultur. Vielleicht ist das aber auch nur ein Gefühl und eigentlich anders. Ein weiteres Problem das ich habe ist, dass eine Vielzahl an Themen Tabu sind. Ich würde mich über Vieles gerne austauschen, die Personen hier aber eher weniger. Es wird hier auch seltener über die eigenen Emotionen, Gedanken oder Probleme geredet. Das liegt denke ich aber daran, dass ich diese Gesellschaftsform, in der der Individualismus erst schleichend den Kollektivismus ablöst nicht gewöhnt bin von Zuhause. Sonst gibt es einfach viele Dinge die für mich normal sind, für die Inder aber absolut undenkbar. Genauso gibt es das andersherum. Das ist natürlich normal aber manchmal doch störend.

Das sind nur ein paar der Aspekte die mich ab und zu stören. Und natürlich liegt das nicht daran, dass es Inder sind, sondern an ihrer Sozialisierung und ihrem Aufwachsen. Ich hoffe man versteht was ich ausdrücken möchte. Falls das eine Person aus dem Projekt liest, das ist keinesfalls als Vorwurf oder böse gemeint, sondern lediglich meine Meinung nach acht Monaten der Observation.

Aufgrund aller dieser oben genannten Aspekte war es enorm erfrischend einfach als Runde zusammen zu sitzen und über das Volontariat zu reden, die Parallelen und Unterschiede, die Schönen sowie die harten Momente.  Und das, während Musik lief in der „swearing words“ vorkamen. Auch sich das ein oder andere Spaßgetränk in dem setting zu genehmigen war echt mal wieder schön. Und einfach diese Möglichkeit zu haben über fast alles zu quatschen obwohl man sich so wenig kennt. Auch das sonstige Programm war echt sehr schön. Normalerweise ist das Wochenende ein bisschen langweilig und ich bin meistens einfach im Zimmer. Da ist es schon deutlich interessanter einen Hindu Tempel zu besichtigen und auf einem Berg rumzukraxeln und die Natur zu genießen.

In den folgenden Tagen, zurück im Projekt bin ich vor allem einer Aktivität nachgegangen. Und das war Deutschunterricht. Die Examinations standen an und dieses Mal sollte es eine ganz besondere Examination geben: Ich habe für Klasse 4 bis 8 also jeweils Deutscharbeiten vorbereitet, die in 3 Wochen geschrieben werden sollten. Der Grund warum ich so früh schon so gestresst war lag an einem anderen großen Ereignis welches zwischen der Übungsphase und dem Exam lag.

Am 28.02. war es endlich so weit. Ich machte mich auf den Weg zum Zwischenseminar des Freiwilligendienstes. Dieses fand in der Stadt Hyderabad statt. Problem: Hyderabad liegt 1100 Kilometer entfernt von Sayalgudi. Also teilte ich die Reise auf. Erstmal ging es nach Salem. Dort habe ich mich dann mit einer anderen Freiwilligen getroffen. Alleine dorthin dauerte es 10 Stunden. Nach einem Tag in ihrem Projekt ging es die nächsten 16 Stunden im Bus durch Karnataka und Andhra Pradesh bis nach Telangana.

Dort angekommen war die gesamte Stimmung direkt richtig schön. Wobei, zumindest für mich, dass eigentlich Programm weniger wichtig war als die gemeinsamen Abende. Diese Stunden auf dem Dach des dortigen DonBosco Provincial Hauses waren nach langer Zeit ohne die Möglichkeit einfach mal wieder da um wirklich zu reflektieren, sich auszutauschen und neue Leute kennenzulernen, da ich viele der Bonner Volos praktisch nicht kannte. Sie waren aber auch da um Spiele zu spielen und zu singen. Das hat mir deutlich mehr Spaß gemacht als ich dachte. Womöglich waren wir an einem Abend mal ein klein wenig zu laut (Huch).

Auch der Ausflug war top. Auf kulturelles Programm, unter anderem einen Palast und eine sehr bekannte Moschee folgte ein gemeinsamer Abend in einem Restaurant. Die allgemeine Laune war fabelhaft und irgendwann lief dann „Griechischer Wein“. Dann durften die locals mal begutachten wie die Deutschen feiern. Gefeiert wurde auch im Teamtransporter der uns durch die Stadt gebracht hat. Irgendwann lief dann Bibi und Tina. Aber ich habe natürlich nicht mitgesungen. Ich doch nicht.

Allgemein kann ich denke ich voller Überzeugung sagen, dass ich das Zwischenseminar sehr gebraucht habe, wenn auch in meinem Fall mehr für die Gespräche als dem Programm. An der Stelle auch nochmal danke an alle die da waren. Falls ihr das lest, ich habe das Zwischenseminar sehr genossen.

Doch mit dem Zwischenseminar war nicht Schluss. Nach 5 Tagen Hyderabad ging es mit der fast vollständigen Gruppe nach Goa. Goa ist ein kleiner Bundesstaat, angrenzend an Karnataka und Maharashtra. Der Ort ist eine bekannte Urlaubslocation. Dort waren wir dann nochmal eine Woche. Ich habe den Urlaub allerdings nicht als Erholung genutzt. Ich wollte das meiste herausholen aus dieser Woche. So waren wir als Gruppe surfen, Kayak fahren, Beachvolleyball spielen und die Sehenswürdigkeiten besichtigen. Abends nach dem Programm ging es dann noch in die lokalen Bars und Clubs. Die Inder dort haben wirklich eine einzigartige Art zu tanzen, mir gefällt aber, dass sie eher ihren Körpern machen lassen, anstatt drüber nachzudenken ob die Moves peinlich sind. Nach den langen Abenden war ich am Ende der Woche fast ein bisschen erstaunt von meinem Körper. Nach 5 Tagen Schlafmangel, hat mein Körper doch tatsächlich auch Goa mit ca.4 Stunden Schlaf pro Nacht durchgehalten.

Vor allem ein Abend bleibt mir in Erinnerung. Nach dem Club wurden ich und Zwei andere Volos von zwei indischen Paaren aus dem anderen Ende des Landes zum „Abendessen“ eingeladen (um 3 Uhr). Solche Ereignisse sind dann doch immer schön, wenn man sich auch mal auf Augenhöhe interkulturell austauschen kann. Es gab aber auch weniger angenehme Interaktionen. Vor allem im Kopf geblieben ist das Gespräch mit einem Israeli, dessen Name ich vergessen habe. Ich hatte wirklich das Gefühl ich sitze einem Dämon gegenüber. Er hat konstant versucht sich einer weiblichen Mitvolontärin zu nähern und hat uns beide in sein Hotel eingeladen. Als er sein Handy angemacht hat und ich sein Hintergrundbild gesehen habe erklärte er mir, dass das seine beiden Töchter seien. Ich habe mich selten so vor einer Person geekelt.

Nach dem letzten Tag, den wir nur noch in kleiner Gruppe sehr entspannt verbracht haben, ging es mit dem Zug zurück, erst nach Bangalore, von dort nach Salem. Und nach 3 Tagen war ich dann endlich zurück in der Heimat. Mittlerweile ist Sayalgudi wirklich meine Heimat. Der Teeverkäufer im örtlichen Kaffee kennt mittlerweile schon meine Bestellung.

Wieder angekommen ging es direkt los mit den vorher erwähnten Deutscharbeiten. Das gibt es aber gar nichts wirklich zu erzählen. Genauso wenig zur darauffolgenden Woche. 5 Tage lang habe ich von früh bis spät korrigiert und berechnet. Natürlich haben mich manche Arbeiten auch ein bisschen runtergezogen, vor allem wenn die Kinder auf jeden Fall eine gute Arbeit hätten schreiben können aber offensichtlich keine Sekunde gelernt haben. Andere Arbeiten haben bei mir aber auch das gegenteilige Gefühl ausgelöst. Viele denen ich es nicht unbedingt zugetraut habe, haben sehr gute Arbeiten geschrieben. Generell war ich mit Abschluss dieses Projekt wie bei der Band vor allem stolz und gut gelaunt. Es ist für mich sehr befriedigend, wenn ich etwas erkläre und die Kinder das Gehörte dann auch anwenden.

Seitdem war vor allem wieder Arbeit. Ostern war natürlich auch, aber darüber habe ich nicht so viel zu erzählen. Egal ob auf Tamil oder Deutsch, katholische Gottesdienste sind nun mal katholische Gottesdienste. Anfang April habe ich Phasenweise Englisch für die 7. Klasse übernommen, da eine Lehrerin nicht anwesend war. Nachdem sie nun aber zurück ist und ich eh grade krank bin ist die letzten Tage eh nichts los.

Heute findet die Parlamentswahl Tamil Nadus statt, dessen Ergebnis sehr offen ist. Vielleicht kommt nach über 50 Jahren eine neue Partei an die Macht. Ansonsten werde ich aber nicht weiter in die Zukunft schauen, da diese sehr offen ist. Es geht auf jeden Fall nochmal in den Urlaub. Grüße auch nochmal an Mama, ich hoffe du genießt es das hier zu lesen, dass wird für ein Weilchen erstmal der letzte Blog bleiben. Ansonsten auch Grüße an alle andere die das lesen. Ehrlich gesagt habe ich gar keinen Plan wer das liest. Aber auch egal. Euch einen schönen Tag noch.  

Ach und ich habe auch dieses Mal den Blog einfach runtergeschrieben ohne ihn zu korrigieren. Würde ich den Text nochmal durchlesen würde ich den Text nicht mehr mögen und nochmal komplett umschreiben und ihn danach immer noch nicht mögen.