Hallo,

nachdem ich meinen letzten Eintrag gerade wiedergefunden habe, fällt mir
auf, wie schnell die Zeit vergangen ist. Bevor ich erzähle, wo und wie ich
meine letzten drei Monate verbracht habe, möchte ich noch einmal mehr über
mein Projekt, mein Einsatzland und die anstehenden Dinge sprechen.

Für alle, die sich nicht ganz sicher sind, was ich hier eigentlich mache,
nochmal kurz als Überblick: Don Bosco Global Education ist eine
deutschsprachige Schule in Kerala, die sich mittlerweile auf drei Standorte
verteilt. Gegründet wurde sie im Jahr 2020, nachdem die Nachfrage nach
Deutschinstitutionen immer weiter stieg. Dieser Anstieg ist vor allem auf
die starken Gehaltsunterschiede zwischen In- und Ausland und die fehlenden
Arbeitsplätze in Kerala zurückzuführen. Besonders betrifft das
KrankenpflegerInnen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatslohn für
eine/n Krankenpfleger/in liegt hier bei circa 23.000 Rupee pro Monat, ohne
Erfahrung dagegen nur bei knapp 15.000 Rupee. Umgerechnet also circa 210
bzw. 135 Euro. Bei diesen Werten handelt es sich um das Nettogehalt, denn
Steuern müssen bei einem durchschnittlichen Einkommen noch nicht gezahlt
werden und die meisten Menschen sind auch nicht krankenversichert (die
Behandlung in Government Hospitals ist kostenlos).
Um mit diesen Zahlen etwas anfangen zu können, muss man das ins Verhältnis
setzen und die Lebenserhaltungskosten betrachten. Das ist natürlich
komplexer, als einfach die Preise einzelner Produkte zu vergleichen.

Hier trotzdem ein paar Beispiele, um einen Eindruck für die Währung zu bekommen:
Kaffee beim Teeladen an der Ecke 15/20 Rupee
1 kg Reis 40 Rupien
1 l Benzin 113 Rupien
Auswärts essen in einem normalen Restaurant 100 Rupien
No-Name-T-Shirt, 100–150 Rupien

Unabhängig von diesen Werten ist jedoch offensichtlich, dass der Wohlstand
der eigenen Familie immens ansteigt, wenn ein oder mehrere
Familienmitglieder im Ausland arbeiten und Geld zurück nach Hause schicken
können. Das ist einer der Gründe, warum der MIP (Multidimensionaler
Armutsindex) Keralas der geringste in ganz Indien ist. Laut dem Index sind
ca. 0,55 % als „multidimensional poor“ einzustufen. Zum Vergleich: Im
angrenzenden Karnataka sind es 7,8 %, in Bihar liegt der höchste Wert mit
33,76 %. Der Index berücksichtigt drei Kategorien: Bildung, Gesundheit und
Lebensstandard. Diese sind gleich gewichtet (je 1/3) und stützen sich auf
Indikatoren wie die Anzahl der Schuljahre, Kindersterblichkeit,
Vermögenswerte, Zugang zu Trinkwasser … Der Wert ist also komplex und das
gute Abschneiden Keralas hat viele Gründe, die sich untereinander
beeinflussen (z. B. gute Bildung → Geld für Sprachkurs → Job im Ausland →
hohes Vermögen der Familie → gute Bildung → …). Was auch wichtig zu
wissen ist, ist, dass Kerala die letzten 10 Jahre von der LDF (Left
Democratic Front) regiert wurde, die sich die Bekämpfung der absoluten
Armut konkret als Ziel gesetzt hatte. Außerdem wird Bildung hier von vielen
als die Grundlage angesehen, was sich auch in der extremen
Kommerzialisierung der Bildung zeigt (private Tutorings, private Colleges,
…). Auf den Punkt der Bildung lohnt es sich auf jeden Fall, später
nochmal einzugehen.


Um das Ganze mit meinen eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen und
zurück zum Arbeiten im Ausland zu kommen: Was auffällig ist, ist, dass
eigentlich in jeder Familie mindestens eine Person bereits im Ausland
arbeitet oder plant, es in der Zukunft zu tun. Dieser Eindruck ist
vermutlich deutlich durch das Umfeld, in dem ich mich bewege, verstärkt,
aber auch außerhalb des Projekts bestätigt sich diese Beobachtung. Wenn wir
auf der Straße angesprochen werden und gefragt wird, wo wir herkommen, wird
im Laufe des Gesprächs eigentlich immer ein Verwandter erwähnt, der bereits
in Deutschland, im UK oder in den Golfstaaten arbeitet. Und auch in den
Sheltern fragen die Kinder immer halb aus Spaß, halb ernst, ob wir sie
nicht mit nach Deutschland nehmen könnten.
Dieser Wunsch, ins Ausland zu gelangen, ist deutlich ausgeprägter als bei
uns in Deutschland, was die Chancenungleichheit noch einmal ins Bewusstsein
ruft. Der Wunsch geht außerdem überwiegend auf die Hoffnung auf einen
besseren bzw. guten Lebensstandard zurück und nicht unbedingt auf die
Abenteuerlust, ein neues Land zu erkunden. Und um kein falsches Bild der
Situation im Kopf zu haben, ist noch einmal wichtig zu betonen, wie stolz
viele Menschen sind. Stolz auf ihre Sprache, ihre Filme, ihre Kultur und
besonders auch auf das Essen, auch wenn gleichzeitig die Enttäuschung über
ein zunehmend korruptes System wächst.


So, das waren ein paar Gedanken zur generellen Situation hier in Kerala.
Das Hauptthema bei uns ist aber gerade ein ganz anderes: Onam steht vor der
Tür. Und damit auch die Frage, was man anzieht, welche Tänze aufgeführt
werden und welche Spiele alle in dem zweitägigen Programm untergebracht
werden können. Traditionell ist Onam das Erntedankfest der Hindus und wird
Ende August für über eine Woche gefeiert. Mittlerweile ist es aber zum
größten Fest Keralas geworden, das religionsübergreifend gefeiert wird.
Fest zum Programm gehören dabei verschiedenste Spiele, Onam Sadhya, ein
Gericht mit 20 bis 30 verschiedenen Currys, Thiruvathira und Flower Carpet.
Für uns heißt das, ab dem 20. August sind zehn Tage Ferien für alle
SchülerInnen, jedoch nicht ohne vorher auch in der Einrichtung groß zu
feiern. Die nächsten Wochen sind also voll von Vorbereitungen, Tanzproben
und Dekoration, während zeitgleich auch die finalen Prüfungen jedes Levels
anstehen.


Das war es erstmal von mir. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und bis
ganz bald wieder in Deutschland.

Eure Julia