So da bin ich wieder. Die letzten Wochen sind wie im Flug vergangen. Kaum zu glauben, dass jetzt schon Juli ist.
Als ich aus dem Urlaub zurückkam, fand ich eine ziemlich leere Einrichtung vor. Außer Brother Sujanthan und Friederike war niemand da. Die Schule hatte Osterferien und die Jungs ebenfalls. Leider wusste ich davon vorher nichts, aber wir drei haben uns trotzdem ein paar schöne Tage gemacht. Es waren auch die letzten zwei Wochen mit Friederike im Projekt. Wir haben die Zeit genutzt, um einfach gemeinsam Zeit zu verbringen. Wir sind mit dem Traktor ins Schwimmbad gefahren, haben Sujanthans Familie besucht und natürlich musste ich mich auch um meine Pflanzen kümmern. Friederike und ich haben uns gemeinsam auf den Abschied vorbereitet und waren irgendwie beide bereit, voneinander Abschied zu nehmen.
Doch leider verlief der Abschied ganz anders als geplant. Es ist etwas passiert, das mich in den vergangenen drei Monaten sehr beschäftigt hat. Mir ist es wichtig, dieses Thema hier anzusprechen, denn es gehört zu meinem Freiwilligendienst dazu und wird mich wahrscheinlich mein Leben lang auf die eine oder andere Weise begleiten.
Dieses Geschehen liegt bereits einige Monate zurück. Ich konnte diesen Beitrag nicht früher schreiben, da ich Zeit brauchte, um das Erlebte selbst zu verarbeiten. Mit etwas Abstand bin ich nun in der Lage, sachlich darüber zu schreiben. Ich versuche, dieses Thema so sachlich und respektvoll wie möglich zu behandeln und werde deshalb keine Namen nennen. Ende April ist eine Person, die ich auch persönlich kannte, durch Suizid verstorben. Dieser Beitrag behandelt das Thema Suizid. Bitte achte beim Lesen auf dich und entscheide selbst, ob du dich diesem Thema gerade widmen möchtest.
Sri Lanka gehört auch heute noch zu den Ländern mit einer vergleichsweise hohen Suizidrate. Vor allem in den 1990er-Jahren hatte das Land sogar eine der höchsten Suizidraten weltweit. Seitdem ist die Rate zwar stark gesunken, dennoch ist sie im vergleich zu anderen Ländern immer noch ziemlich hoch. Die heute am häufigsten angewandte Suizidmethode ist die Erhängung. Bis vor einigen Jahren war es vor allem die Vergiftung durch Pestizide. Durch das Verbot besonders giftiger Pestizide konnte die Suizidrate jedoch um fast zwei Drittel gesenkt werden. Besonders betroffen sind junge Männer. Auslösende Faktoren sind häufig psychische Erkrankungen, häusliche Gewalt, wirtschaftliche Krisen und gesellschaftlicher Druck. Hinzu kommt, dass der Zugang zu psychologischer und psychiatrischer Hilfe in Sri Lanka noch deutlich eingeschränkter ist als beispielsweise in Deutschland.
In Sri Lanka werden die verstorbenen anders behandelt als in Deutschland. Nachdem der Tod medizinisch festgestellt wurde und der Verstorbene vorbereitet worden war, wurde der offene und geschmückte Sarg für zwei Tage vor dem Haus der Familie aufgestellt. Hunderte Menschen, darunter auch unsere Schule und die Jungs aus dem Hostel, kamen, um gemeinsam zu beten und Abschied zu nehmen.
Zwei Tage nach dem Tod fand die Beerdigung statt. Normalerweise gibt es in Sri Lanka für Menschen, die durch Suizid verstorben sind, keine kirchliche Trauerfeier. In diesem Fall war es jedoch eine Ausnahme, da ein Familienmitglied Ordensbruder ist. Der Sarg wurde geschlossen und in die Kirche getragen. Das gesamte Dorf war bei der Messe anwesend und es kamen bestimmt zwanzig Fathers von Don Bosco. Um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, wurde eine verkürzte Messe gefeiert.
Der Tag der Beerdigung wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Es war mit Abstand der schlimmste Tag meines bisherigen Lebens. Dieses Leid, diese Trauer die ich an diesem Tag gespürt habe, kann man nicht in Worte fassen, meine Tränen flossen den ganzen Tag. Mir wurde erzählt, dass es kulturell eher unüblich ist, dass Männer ihre Gefühle öffentlich zeigen oder weinen. Doch an diesem Tag hat jede Person getrauert und ihre Emotionen gezeigt.
Nach der Beerdigung waren Friederike und ich fix und fertig. Ich war unendlich froh, dass sie an diesem Tag an meiner Seite war. Doch der Tag war noch nicht vorbei, denn am nächsten Morgen sollte ihr Flug zurück nach Deutschland gehen.
Trotz des erlebten Tag war für mich ganz klar, dass ich Friederike mit zum Flughafen bringe. Allerdings liegt dieser nicht gerade um die Ecke, weshalb wir uns noch am selben Abend auf den Weg Richtung Colombo machten. Father Wiljem und Father Rangajeewa fuhren uns netterweise. In Nochchiagama machten wir einen Zwischenstopp und aßen gemeinsam zu Abend. Wie ich bereits erwähnt habe, waren einige Fathers von Don Bosco bei der Beerdigung, unter anderem auch aus Negombo. Ab Nochchiagama war in deren Auto plötzlich ein Platz frei, weil dort ein Father ausgestiegen war. Ganz unerwartet mussten wir uns schon dort verabschieden. Ich muss allerdings sagen, dass ich in diesem Moment ganz froh darum war dass ich nicht mit zum Flughafen fuhr. Denn in diesem Moment war ich super Eifersüchtig auf Frie und wäre am liebsten mit in dieses Flugzeug gestiegen. Das Einzige, was ich an diesem Tag auf der Beerdigung immer wieder dachte, war: „Ich möchte nach Hause.“ Ehrlich gesagt hatte ich diesen Satz während meines gesamten Freiwilligendienstes zuvor kein einziges Mal gesagt.
Nun saß ich allein mit den beiden Fathers im Auto zurück nach Murunkan. Meine Gefühle waren völlig durcheinander. Das Einzige, was mir in diesem Moment half, war meine Mama anzurufen. Sie konnte mich wenigstens ein wenig beruhigen.
Der 29. April wird mir für immer in Erinnerung bleiben.
Der nächste Morgen war eine einzige Katastrophe. Ich konnte meine Tränen kaum zurückhalten und fühlte mich innerlich völlig zerbrochen.
Doch genau an diesem Tag hat sich etwas in mir verändert. Ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich hier in Murunkan bin und gleichzeitig gemerkt, was für ein unglaubliches Privileg es ist, leben zu dürfen. Ich darf dieses Leben schätzen und vor allem bewusst leben.
In den Tagen danach habe ich sehr viel reflektiert. Die Beerdigung war ein sehr einschneidendes Erlebnis und zugleich das schlimmste was ich je erlebt habe. Durch dieses Erlebnis habe ich gemerkt wie sehr die Menschen sich unteranderem respektieren und miteinander Leben. Ich wurde akzeptiert und bin in ihrer Kultur immer herzlich Willkommen. Ich schätze mittlerweile sehr das Leben hier und bin sehr Dankbar dafür, ein so tiefen Einblick in ihre Kultur haben zu dürfen. Heute bin ich dankbar, genau dort zu sein, wo ich jetzt bin. Ich glaube daran, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht und dass manches einfach so kommt, wie es kommen soll.
Seit diesem Tag hat sich mein Freiwilligendienst und auch meine Sicht auf das Leben hier in Murunkan verändert.
Wie sich mein Alltag seitdem entwickelt hat, erfahrt ihr im nächsten Blog.
Ich weiß, dieser Blog war kein leichter. Aber genau solche Erfahrungen gehören leider auch zum Leben dazu. Sie prägen uns, lassen uns wachsen und machen uns oft stärker.
Liebe Grüße
Johanna 😊
PS: Ein kleiner Rückblick von Friederike und mir.






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