So, jetzt ist es soweit. Dies ist mein letzter Blogeintrag aus Santa Cruz de la Sierra. Nach nun fast einem Jahr und unzähligen Erfahrungen schreibe ich gerade die letzten Zeilen des Blogs aus Bolivien. Übers Jahr hat man so viele neue Menschen kennengelernt, manche nur eine Minute, manche täglich ein paar Stunden, und ich glaube, jeder hat mindestens einen neuen Faden zu meinem Personalitätsteppich hinzugewoben, und dafür kann ich sehr froh und dankbar sein. Ich glaube, dass ich so übers Jahr sicherlich ein gutes Stück als Mensch wachsen konnte und jetzt mit „neuem Softwareupdate“ voller Vorfreude zurück nach Deutschland fliegen kann.
Nichtsdestotrotz sind meine Gedanken nicht nur bei der Rückkehr nach Hause, sondern auch beim Abschied von Bolivien und sogar schon bei meinem Studienbeginn in zwei Monaten. Die Gedanken wechseln sich stündlich ab und es ist, als wäre ich ein Punkt in einem dreidimensionalen Koordinatensystem, der sich fragt, auf welcher Ebene er gerade liegen will. Auch wenn es mir schwerfällt, probiere ich, trotz allem im Moment zu bleiben und einfach von Tag zu Tag zu leben und die Zeit mit den Jungs nochmal zu genießen. Ich weiß, dass ich sie sehr vermissen werde …
Rückblickend auf das Jahr hat es natürlich viele schöne Momente oder auch tolle Reisen gegeben. Eine, die sicherlich ganz oben einzuordnen ist, war die Reise nach Peru Ende Juli.
Gestartet haben wir unseren Trip in der 12-Millionen-Einwohner-Stadt Lima. Wenn man sich in Miraflores oder Barranco aufhält, ist Lima sehr schön. Vor allem das Gefühl, auf den Klippen an der Küste entlangzulaufen, hat uns gut gefallen. Weniger schön ist dagegen die Innenstadt, die auf uns ziemlich grau wirkte. Ach so, mit „uns“ meine ich übrigens Federico, Mariana und mich, Nico ist leider erkrankt vor der Reise. Von Lima haben wir uns auf einer vierstündigen Fahrt Richtung Paracas begeben. Dabei ist mir aufgefallen, wie kahl und trocken die Landschaft dort an diesem Teil der Küste ist. Wie dieser Kontrast zwischen Meer und Wüste entsteht, konnte ich zunächst nicht verstehen, bis ich mich im Internet schlaugemacht habe. Grund für die Trockenheit ist tatsächlich der Humboldtstrom – eine kalte Meeresströmung, die an der Westküste Südamerikas für eine geringe Verdunstung sorgt und wodurch weniger Wasserdampf in die Atmosphäre gelangt. Zwar bildet sich häufig eine dünne Wolkendecke (zum Beispiel über Lima), doch sie bringt meist kaum Niederschlag.

In Paracas haben wir dann morgens eine Bootstour zu den „weißen Inseln“ gemacht. Eigentlich führt die Tour zu einer anderen Inselgruppe, doch durch den diesjährigen El-Niño-Effekt, der das Aufsteigen des kalten, nährstoffreichen Wassers des Humboldtstroms stark abschwächt, gibt es jedoch bereits erste Auswirkungen und so sind die Tiere schon in Teilen migriert. Das Meer vor der Küste Perus ist deutlich wärmer als gewöhnlich und statt der sonst typischen Temperaturen von etwa 15 bis 18 Grad Celsius kann das Wasser während eines starken El Niño regional auch über 25 Grad erreichen. Das beeinflusst natürlich auch die Tierwelt und führt wie schon erwähnt zum Effekt der Migration. Verschiedene Arten wandern zunächst zu anderen Inseln und ziehen sich teilweise sogar weiter nach Süden zurück. Auf den „weißen Inseln“ konnten wir jedenfalls viele Vogelarten, darunter auch Pelikane, entdecken. Außerdem haben wir Seelöwen und sogar Humboldt-Pinguine gesehen. Alle waren auf derselben Insel zu beobachten und auch wenn es ziemlich grau war und die Fotos deshalb nicht besonders gut geworden sind, zeige ich euch unten trotzdem eins davon.

Übrigens wurde uns bei der Tour auch erzählt, dass Peru der weltweit größte Exporteur von Blaubeeren ist. Nicht etwa, weil diese dort natürlicherweise wachsen, sondern weil riesige Plantagen in den Wüsten angelegt wurden. Diese müssen künstlich bewässert werden, was den Wasserhaushalt in den ohnehin trockenen Regionen stark belastet. Zudem müssen die Früchte noch um den halben Globus verschifft werden, um in Deutschland anzukommen. Beim nächsten Einkauf lohnt es sich also vielleicht, einmal auf das Herkunftsland zu achten.. 🙂
Am Nachmittag haben wir dann neben dem extrem (extrem) spannenden WM-Finale den Ort Huacachina besucht, welcher an einer Oase liegt. Von dort sind wir dann auf eine der umliegenden Dünen gelaufen und haben den Sonnenuntergang genossen. Auf der einen Seite schimmerte die Stadt Ica im Abendlicht und auf der anderen Seite war die Dünenlandschaft zu beobachten. Es war für mich das Highlight des Urlaubs und obwohl der Ort so besonders war, waren kaum Menschen da.

Nach diesem Highlight sind wir dann abends von Ica mit dem Nachtbus nach Arequipa (2.300 ü. D. M.) gefahren. Arequipa, auch die “weiße Stadt” genannt, hat ca. 1,2 Millionen Einwohner und ist nach Lima die größte Stadt Perus. Die drei Vulkane, welche die Stadt umgeben, verleihen der Stadt eine besondere Atmosphäre und machen sie noch schöner als sie schon ist. Nachdem wir am ersten Tag gechillt haben haben wir dann am zweiten Tag eine Tour zu einem Sillar-Steinbruch gemacht. Das „Sillar“ ist ein weißes Vulkangestein, welches in Arequipa für das Erbauen vieler Gebäude genutzt wurde, weshalb Arequipa auch zum Namen „Die weiße Stadt“ gekommen ist. Auch wenn die weißen Straßen Arequipas super schön sind, muss man erwähnen dass in den Sillar-Steinbrüchen sehr schlechte Arbeitsbedingungen herrschen und zum Teil auch Kinder dort arbeiten um ihre Familien finanziell unterstützen zu können.

Von Arequipa sind wir dann in einem weiteren Bus über Nacht nach Cusco gefahren. Dort haben wir uns einen Tag die schöne, aber auch völlig (von Touris) überlaufene Stadt angeschaut. Am Tag darauf sind wir dann mit einem Bus 6 Stunden eine sehr kurvige Straße mit konstanten 80+ km/h nach Hydroelectrica gefahren. Wenn man da im Bus sitzt braucht man kein Netflix, die Action erlebt man hautnah. Von Hydroelectrica sind wir dann zusammen mit vielen weiteren Touristen nach Aguas Calientes gelaufen. Die Strecke, welche an Bahngleisen entlanggeht, ist 10,5 Kilometer lang und führt durch eine schöne, regenwaldähnliche Landschaft. Am Abend waren wir dann in Aguas Calientes überteuert essen.
Am nächsten Morgen ging es für uns wieder früh raus, um den Bus um 5:30 Uhr zu bekommen. Mariana und ich hatten Tickets für 6:00 Uhr, Route 3b, weil die im Internet als eine der besten angepriesen wurde. Beim Reinkommen ins Machu-Picchu-Dorf war dann ein Großteil in Wolken gehüllt und auch die Aussicht wurde uns komplett verwehrt. Das sollte also eins der sieben Weltwunder sein … Nach 45 Minuten waren wir mit unserer Route, bei der man nicht einmal die berühmte Sicht von oben hatte, auch schon am Ende. Da gerade aber erst der Himmel ein bisschen aufgebrochen ist, haben wir die Route dann nochmal in die andere Richtung gemacht. Auch wenn mich die Inka-Stätte also nicht so wirklich überzeugen konnte, war es trotzdem ein tolles Erlebnis. Federico, der die Rute 1a hatte, und Mariana waren total begeistert. Falls also jemand eine andere Sichtweise auf das Ereignis oder generell die letzten Wochen Bolivien haben will, kann er gerne den Blogeintrag von Mariana lesen.


Nachdem wir spät abends dann nach der Rückreise im Hostel eingecheckt haben, ging’s direkt ins Bett. Vier Stunden später hat dann auch mein Handy geklingelt und der Guide von der Rainbow-Mountains-Tour hat uns gesagt, dass er in 10 Minuten da sei. Daraufhin sind wir in unsere Klamotten gestiegen und ab ging’s zum nächsten Highlight. Schon auf der Fahrt hat uns wieder die Landschaft daran erinnert, wie schön das Hochland sein kann. Gegen kurz vor 10 waren wir dann auf dem Parkplatz auf ca. 5.200 Metern und konnten von dort dann den 40-minütigen Anstieg zu den Rainbow Mountains beginnen. Oben angekommen war die Aussicht überragend. Nicht mal der Regenbogen-Berg an sich, sondern vielmehr die Landschaft drumherum war super. Danach sind wir dann noch zum Red Valley gegangen, und das war echt die Kirsche auf der Sahnetorte. Nur eine Viertelstunde fußläufig von den Rainbow Mountains hat sich uns ein großes, in roten und grünen Farben gefärbtes Tal offenbart. Zu unserer Verwunderung waren dort nur sehr wenige Menschen und so konnten wir den Moment in aller Ruhe genießen. Das war zugleich auch das letzte Highlight des Urlaubs, denn am Abend sind wir dann von Cusco nach La Paz und den Tag drauf dann von La Paz nach Santa Cruz mit dem Bus gefahren. Die 36 Stunden Fahrt waren lang, aber einfach kostengünstiger und umweltfreundlicher als ein Flug. Zusammenfassend war der Peru Urlaub also ereignisreich, schön aber auch sehr anstrengend.


Während ich die letzten Tage an dem Blogeintrag geschrieben habe, ist die Zeit natürlich weiter verflogen und so sind es nun nur noch fünf Tage bis zum Abschied von den Jungs und der Stadt. Ich bin echt gespannt, wie die Jungs so drauf sein werden wenn ich ihnen das letzte Mal gute Nacht sage und ihnen meine Abschiedskarten überreiche. Neben den 50 Karten gilt es zudem auch noch einen Fotorahmen und ein Abschiedsvideo vor nächstem Mittwoch zu gestalten. Zudem müssen noch Souvenirs gekauft, Koffer gepackt und nebenbei auch noch ganz viele WG-Anfragen geschrieben werden, da ich zum Studium umziehe. Es wird in diesen letzten Tagen also nicht langweilig. Am Wochenende steht im Hogar auch nochmal Programm an, wenn am Samstag endlich, nach drei Monaten, das Schwimmbad wieder geöffnet wird und am Sonntag das „Encuentro de Hogares“ ist. Zwei Mal im Jahr werden hierzu mehrere Kinderheime eingeladen um zusammenzukommen, sich Tanzvorführungen zu präsentieren und zu essen. So gibt man den Kindern die Möglichkeit ihre Geschwister oder Freunde wiederzusehen und eine schöne Zeit zu verbringen.
Am letzten Mittwoch gibt es dann ein spezielles Mittagessen sowie ein spezielles Abendessen und einen ganz offiziellen, „großen“ Abschied von allen Leuten des Hogars. Puh, allein der Gedanke daran tut schon weh und ich bin echt gespannt wie schnell ich dieses „tschüss, auf wahrscheinlich Nimmerwiedersehen“ verkrafte. Der Trost dürfte dann aber direkt zwei Tage drauf zu Hause kommen, also wirklich ZU HAUSE. Verrückt, wie schnell es dann doch ging, dieses Jahr.
Vielen Dank an alle, die sich meine Blogeinträge über das Jahr gelesen haben. Ich hoffe, ihr macht kräftig Werbung bei euren Freunden, Bekannten, Kindern und so weiter – ich kann diese Erfahrung nur empfehlen.
Freiwilligendienst in Bolivien – Mission complete
¡Hasta luego!
Yannick
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