Hallo,

Ich möchte euch in diesem Blogbeitrag in meine aktuelle Gedankenwelt mitnehmen und berichten, was in den letzten Wochen alles passiert ist, aber auch schon auf das Jahr zurückblicken. Wer weiß, ob im August zwischen dem Abschiedsstress dafür noch so viel Zeit bleibt? Der Titel meines Blogs ist im Übrigen an ein gleichnamiges Lied von Apache 207 angelehnt.

Es sind nun nicht mal mehr zwei Monate bis zur Abreise aus Bolivien, beziehungsweise eben gleichzeitig auch zur Rückkehr nach Deutschland, und damit einhergehend häufen sich die Momente der Realisation, das aufgebaute Leben bald zurücklassen zu müssen. Sei es die Gemüseverkäuferin beim Markt oder das Go-to-Café an einem Vormittag vor der Arbeit. All diese Dinge werden mir zu Hause unglaublich fehlen, gemeinsam mit den Menschen, welche das Abenteuer „Auslandsjahr“ mitgestalten haben, egal in welcher Rolle. Vor allem natürlich werden mir die Arbeitsnachmittage im Hogar fehlen, ja ganz besonders die, an denen die Jungs nur um einen so herumgeschwirrt sind und man kaum mal eine Pause bekommen hat. Generell wird mir das Hogar fehlen, genauso wie das Volo-Haus trotz all seiner kleinen Makel. Um nun aber nicht schon in Abschiedstrauer zu verfallen, gilt es, sich noch einmal bewusst die Sachen zu verinnerlichen, die einem die Zeit hier in Bolivien besonders schön gemacht haben.

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Volontär beim Hogar Don Bosco

Ich glaube, ein Grundstein dieses erfolgreichen Jahres waren erstmal die anderen Volos. So einen großen Schritt von zu Hause aus zu gehen, wird von vielen Fragen und Zweifeln begleitet, welche einen trotz riesiger Vorfreude auch eine gewisse Unsicherheit spüren lassen. Wenn man aber merkt, dass man gerade nicht der Einzige ist mit den Gefühlen, und auch dann in der Anfangszeit das neue Umfeld mit anderen Menschen erkunden kann, fällt eine ganz schöne Last ab. Bis jetzt, seit Dezember dann ja einer mehr, kommen wir super zusammen klar. Auch der italienische Volontär, der Anfang Juni gekommen ist, hat sich super eingegliedert, genauso wie die vier spanischen Volos, welche letzte Woche gekommen sind. (Mittlerweile wurde die Anzahl der Volos nochmal um zwei Italienerinnen erhöht.)

Was dann offensichtlich auch sehr wichtig ist, um so ein Jahr in positiver Erinnerung zu behalten, ist der Arbeitsort. Auch wenn ich das schon sehr oft in meinen Blogeinträgen erwähnt habe, muss ich nochmals festhalten, warum das Hogar so ein besonderer Platz ist. An erster Stelle ist es das Heim an sich, welches als farbenfroher Ort mit seinen Fussball-, Volleyball- und Basketballfeldern und zudem den vielen Bäumen und Palmen nur so an Wärme strahlt. Dieses Gefühl strahlen (zumindest die meisten) Mitarbeiter auch aus und sorgen so für eine gelassene „Arbeitsatmosphäre“. Das Wort „Arbeitsatmosphäre“ muss man hier aber glaube ich sowieso in Anführungszeichen setzen, weil die Atmosphäre natürlich allen voran von den knapp 100 Jungs im Heim geprägt wird. An manchen Tagen ist es etwas ruhiger, sonst aber herrscht im Hogar immer ein ordentlicher Geräuschpegel, welcher von Kindergeschrei, Jubel (z. B. beim Fußball), dem Schrillen der Klingel oder lauter Musik gebildet wird. All das ist es, was das Hogar für mich auch so liebenswert macht. Natürlich ähnelt das sehr der Dynamik, wie man sie auch an einer Schule erlebt, nur dass sich im Hogar alle Personen untereinander kennen und verbunden sind. Der Mitarbeiterstab beschreibt es immer als Familie, und ich glaube, nach den 10 Monaten schon verstehen zu können, warum, und auch meinen Platz in ihr gefunden zu haben.

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Kulturverständnis

Was sich in den 10 Monaten ebenfalls verändert hat, ist das Verständnis der Menschen. Nicht nur auf Sprachebene, sondern auch auf kultureller Ebene hat man sehr viel lernen können. Man lernt in einer gewissen Weise den Rhythmus der Menschen besser kennen. Ich habe die vielen Hähnchen-Läden am Anfang irgendwie skeptisch gesehen und nicht verstanden, wer sich denn Tag für Tag so ein in der Qualität minderwertiges Essen holt. Das „Pollo económico“ (übersetzt günstiges Hühnchen), welches umgerechnet 1,30 € kostet, bietet für viele Menschen aber einfach ein sättigendes, billiges Mittagessen und wird aufgrund des geringen verbundenen Aufwand deswegen oft von den Marktverkäufern gegessen, welche natürlich keine Möglichkeiten haben zu kochen. Auch an Sonn- und Feiertagen kommen viele Menschen zum „Jardin de Donald“, dem Pollo-Stand an der Ecke. Für viele Familien ist es ein Ort, um in Gemeinsamkeit zu essen, da Restaurants oft zu teuer sind. Es ist ein bisschen der bolivianische McDonald’s und auch ich habe mittlerweile ein paar Mal mit schlechtem Gewissen dort gegessen und mir so Kochen und Abwaschen gespart.

Eine Sache, die in Bolivien sehr anders ist, ist die Einkaufskultur, da es die von Deutschland gewohnten Supermärkte nur selten gibt und sie quasi nur von den Reichen genutzt werden. Viel öfter gibt es Märkte, welche ich sehr zu schätzen gelernt habe. Egal was ich brauche, von Lebensmitteln über Schreibwaren bis hin zu Hygieneartikeln, die Lösung ist eine Minute von meinem Zimmer entfernt. Und während man dann auf den Markt läuft, begegnet man hin und wieder bekannten Gesichtern, die einen freundlich grüßen oder mit einem kurz übers Leben schnacken. Außerdem begeistern mich auf den Märkten die Essensstände. Es gibt welche, die morgens süße oder salzige Backwaren verkaufen und bei denen die Menschen ein schnelles Frühstück genießen können. Bei den anderen kann man mittags für 1,50€ verschiedene Gerichte wie „Pique Macho“, Bohnen mit Reis oder Lasagne zum Mittagessen. Wie schön wäre es, das als Student auch zu haben.

In dem Bild sieht man eine Empanada de Pollo und einen Api. Ein Anden-Getränk für kalte Tage, das aus Maispulver hergestellt wird.

Was wir in letzter Zeit auch wieder gemacht haben, ist, Billard zu spielen. Billiard wird hier sehr gerne gespielt und bietet gerade für etwas jüngere Menschen eine Möglichkeit, um gemeinsam eine schöne Zeit zu haben. Begleitet von Reggaeton- oder brasilianischer Funk-Musik wird oft Bier und Koka konsumiert, also die Kokablätter. Auch nutzen viele Leute die Möglichkeit zu rauchen, was sonst auf offener Straße gesellschaftlich wenig akzeptiert beziehungsweise verbreitet ist. Wie man auf dem Bild sieht, sind die Matches zum Teil sehr knapp, wobei sich bei diesem Spiel am Ende schon Deutschland durchgesetzt hat. 🙂

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WM 2026

Rückblickend auf die 10 Monate frag ich mich hin und wieder mal, was denn mein Highlight war, und da hat sich im Monat Juni tatsächlich ein Event nach vorne geschoben. Am 10. Juni, einen Tag vor dem Beginn der WM 2026, hat unsere „Hogar WM“ begonnen. Wir haben die großen Kids, also meine Gruppe, in acht Teams eingeteilt und jeweils einen Kapitän gekürt. Diese haben dann ihr Land zugelost bekommen, welches sie für die WM repräsentieren durften. Zwei- bis dreimal die Woche wurden abends dann zwei Spiele ausgetragen, bei welchen die Jungs vor Spielbeginn dann mit ihren Nationalflaggen eingelaufen sind, die wir vor der WM noch gebastelt haben. Wir Volontäre sind bei den Spielen die Schiedsrichter gewesen und mussten dabei lernen, wie schwer es ist, Schiedsrichter zu sein, gerade bei den Jungs, die geladen mit ihrem Ehrgeiz nicht immer die freundlichsten Worte für uns übrig hatten. Am Ende der Gruppenphase haben sich Argentinien, Kolumbien, Deutschland und Spanien durchgesetzt. In der KO-Phase haben sich dann daraufhin Argentinien und Kolumbien fürs Finale qualifiziert. Dieses haben wir dann in der Sporthalle von der Schule aus ausgetragen mit den kleinen Kids und den „Padres“ (= Patern) als Zuschauern. In einem umkämpften Spiel hat sich am Ende Kolumbien mit elf zu sieben durchgesetzt und sich einen Gutschein für einen Erlebnispark sichern können. Und den Pokal natürlich. Die Hogar-WM hat sowohl mir als auch den Jungs richtig Spaß gemacht und dürfte bei allen Beteiligten noch länger in Erinnerung bleiben.

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Campamento San Carlos

Letzte Woche war ich dann noch im Campamento, also im Feriencamp. Eine Woche vor Abfahrt habe ich erfahren, dass ich dort fest eingeplant sei und die Erzieherin sowie die anderen Volos unterstützen soll. Meine Gruppe, die großen Jungs, muss die Ferien nämlich arbeiten (Gartenarbeit, streichen …), weil das Geld nicht gereicht hat, um alle in den Ferien wegfahren zu lassen. Sonst wäre ich natürlich bei denen mitgegangen. Aber so habe ich jetzt eine Woche in San Carlos mit den kleinen bis mittelgroßen Kids verbracht und Einblicke in die Arbeit von Victor und Ingmar erlangen können. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass gerade mit den ganz Kleinen, die zwischen fünf und acht Jahren alt sind, ganz banale Sachen wie Duschen oder in Ruhe zu essen schon Hindernisse darstellen können, und auch bei Ausflügen brauchen diese Kids einfach nochmal ein Augenpaar mehr zur Beaufsichtigung.

Eine weitere Umgewöhnung war der Geruch beim Einschlafen, der von Urin geprägt worden ist. Viele Kids haben ihre Blase einfach noch nicht so unter Kontrolle oder leiden auch an Angststörungen, weswegen sie dann ins Bett machen. Hinzu kommt, dass die Kids teilweise enorm stur sind und wenn man da dann nicht das richtige Fingerspitzengefühl hat, direkt anfangen zu weinen. Abgesehen davon war die Woche aber von schönen Erlebnissen übersät, wie Fußball zu spielen, Pfannkuchen oder Pizza für die Kinder zu machen oder Stockbrot am Lagerfeuer anzubrennen. Ja, die Jungs hatten den Dreh noch nicht ganz so raus. 🙂 Der schönste Tag vom Campamento war der Tag am Fluss. So sind wir morgens von einem (wie schon gewohnt halb zerfallenen) LKW abgeholt worden und dann eine halbe Stunde durch die schöne, grüne Natur Richtung Fluss gefahren. Am Ende waren wir richtig im Dschungel drin, umgeben von Bananenpflanzen und Schmetterlingen. Wir mussten dann, um zum Fluss zu gelangen, noch 20 Minuten samt den schweren Töpfen mit dem Essen durch eben diesen Dschungel laufen und zudem noch ein enorm matschiges Gebiet durchqueren, um an den Fluss zu gelangen. Angekommen waren nicht nur unsere Beine, sondern auch der ganze Grill in Matsch gehüllt. Der Fluss war nicht sehr tief, vielleicht so plus minus einen Meter, hatte aber an der ein oder anderen Stelle etwas Strömung, weshalb wir Volontäre die kleinsten Jungs auf unseren Schultern den 15 Meter breiten Fluss zur anderen beschatteten Uferseite tragen mussten. Den Nachmittag über wurde dann gebadet und auch gefischt, was den Kindern sehr viel Spaß bereitet hat.

Auf dem unteren Bild bin ich dabei, das Campamento-Denkmal zu gestalten. Die Jungs im Hintergrund haben sich da gerade eine kleine Pause gegönnt, waren sonst aber auch mit vollem Einsatz dabei. Auf dem zweiten Bild sieht man das Endergebnis.

Das Campamento hat mir also wieder richtig viel Spaß gemacht, weil ich einfach enorm viel sehen und erleben konnte.

Zu meinem Glück wartet auf mich das nächste Highlight nur wenige Stunden entfernt. Gemeinsam mit Federico (dem Italiener), Nico und Mariana gehe ich nach Peru und schließe dort das Reisekapitel für das Jahr hoffentlich mit vielen coolen Momenten ab.

Liebe Grüße,

Yannick

Hier noch einmal der Spendenlink für das Hogar: