So, da bin ich direkt wieder. Wie ich ja auch schon im letzten Blogeintrag angekündigt habe, schreibe ich jetzt einen Blog über die letzten Wochen im Heim und das sonstige Leben der letzten Zeit hier in Santa Cruz.
Nach meinem ganzen Urlaub war es Anfang April wieder Zeit, sich auf das eigentliche Volo-Sein zu fokussieren. Und das hat richtig gutgetan. Zur Arbeit gehen, bei Hausaufgaben in Englisch oder Mathe helfen und um 16 Uhr dann die Merienda, den Nachmittagssnack, genießen. Daraufhin dann je nach Tag beim Putzen oder Arbeiten helfen, anschließend Sport machen und wenn die Jungs dann schlafen gehen, dann darf sich jeder Schlafsaal ein Lied zum „Einschlafen“ aussuchen. Gerade hierbei entstehen echt schöne Gespräche mit den Jungs über Alltagsthemen oder ich erzähle ein bisschen von Deutschland.
Auch wenn das jetzt alles nichts Neues ist, erfüllt mich die Arbeit nach wie vor und ich merke wieder verstärkt, warum die Arbeit mit Kindern mir persönlich Spaß macht. Das Gefühl von Zuneigung, Neugierde und auch ein gewisses Maß an Liebe Tag für Tag zu spüren, tut einfach gut. Und natürlich kann die Arbeit auch sehr anstrengend und nervenaufreibend sein, doch wenn man weiß, damit umzugehen, und ein gutes Ventil dafür hat, dann geht das schon.
Den Respekt und, wie angesprochen, auch die Zuneigung ist ein Stück weit auch ein Verdienst der Arbeit über die letzten Monate, in denen man nach und nach an Vertrauen gewonnen hat. Oder vielleicht ist es auch einfach nur das Feedback zu meiner Pfannkuchen-Aktion, als ich den Jungs neulich Pfannkuchen gemacht habe und damit einen kleinen Teil der deutschen Kulinarik präsentiert habe. 🙂 Aber nochmal Spaß beiseite: zu sehen, dass man eine der wenigen Vertrauenspersonen der Kids ist, zeigt einem, was für eine Verantwortung man auch schon als Volontär hat. Und somit ist es wichtig, dieser auch gerecht zu werden, ohne aber ein zu enges Verhältnis zu knüpfen. Letztendlich ist man ja nur ein Jahr da, und man sollte es nicht extra schmerzhaft machen.
Für den April mussten wir, Volos, also Victor, Ingmar und ich, den „Cumpleaños del Mes“ organisieren. Dieser wird jeden Monat gefeiert und ist im Prinzip eine Geburtstagsfeier für all die Menschen aus dem Hogar, welche in diesem Monat Geburtstag hatten. Dazu haben wir dann mit den jeweils Verantwortlichen zusammen dafür gesorgt, dass jedes Kind ein cooles Geschenk bekommt, die Lebensmittel für das Abendessen bestellt wurden, die Dekoration vorhanden ist und so weiter. Am Tag selbst, am ersten Mai (auch hier Feiertag), gab es dann frittiertes Huhn zu Abend und daraufhin hat dann die Talentshow im „Teatro“ begonnen. Hier haben wir die Geschenke übergeben und dann waren die Jungs gefragt, ihre Talente zu zeigen. Ob Karaoke oder einstudierte Tänze, die Kids haben auf jeden Fall geliefert und haben als Belohnung für ihre Teilnahme dann zahlreiche Süßigkeiten abgestaubt. Der Abend wurde durch unseren Deutschrap-Auftritt unter tosendem Applaus beendet, woraufhin es dann ins Bett ging.


In letzter Zeit waren auch sehr oft wieder Studentengruppen da, um zum Beispiel über Themen wie zum Beispiel Mobbing aufzuklären. Auch wenn der Fokus der Jungs eher auf den Sodas und Häppchen liegt, welche die Studenten mitbringen, anstatt auf den Vorträgen und interaktiven Spielen, hat es auf lange Sicht sicher einen Effekt auf die Verhaltensweisen der Jungs. Gerade auch beim Thema Depression oder Umgang mit bestimmten Medikamenten dürfte ein Bewusstsein für die Themen geschaffen werden. Auch in Anbetracht der Vorgeschichten so mancher Jugendlicher ist es, glaube ich, wichtig, dass man solche Themen nicht tabuisiert, sondern ganz im Gegenteil aufarbeitet. Abgesehen von den Studentengruppen spielen hierbei natürlich die Psychologinnen im Hogar eine große Rolle, von deren Arbeit ich aber nicht allzu viel mitbekomme.

Ein Bewusstsein für ganz andere Probleme soll auch bei der Regierung geschaffen werden. Zumindest dürfte das das Ziel der vielen Blockaden und auch gewaltsamen Auseinandersetzungen rund um La Paz sein. Landesweit führt das aktuell zu Engpässen bei der Lebensmittel- und auch Kraftstoffversorgung, welche die Wirtschaftskrise weiter verstärken. Auch der Tourismus-Sektor wird große Teile einbüßen müssen.
Anliegen der Proteste sind vorangegangene Sparmaßnahmen, eine Steuerreform und die Privatisierung des Agrar- und auch Bildungssektors. Die Preise, vor allem bei Treibstoffen oder auch Lebensmitteln, sind gestiegen und erschweren so der ärmeren Bevölkerungsschicht den Alltag. Hinzukommt, dass der Treibstoff mit anderen Chemikalien gestreckt wird und somit die Motoren der Fahrzeuge beschädigt werden. Die Forderungen der Protestierenden haben sich nun soweit zugespitzt, dass am Ersten Mai (auch hier Feiertag) von der größten Gewerkschaft zum Generalstreik aufgerufen wurde. Das führte hier in Santa Cruz nun dazu, dass Lehrer gestreikt haben und somit die Schule für die Jungs im Hogar zwei Tage lang ausgefallen ist.
Im Verlauf der letzten Woche hat sich die Situation dann nochmal gravierend verschlechtert. Nun kommt es regelmäßig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und ihren Gegnern. Die Minenarbeiter haben nun angefangen, Dynamitstangen auf die Polizisten zu werfen, welche mit Tränengas antworten. Dadurch, dass es in La Paz durch die anhaltenden Blockaden an Lebensmitteln oder zum Beispiel auch Sauerstoff in den Kliniken fehlt, wurde letzten Samstag (16.05.) versucht, die Blockaden gewaltsam durch die Polizei und das Militär zu lösen. Nach nur wenigen Stunden hatten die Demonstrierenden aber wieder die Macht über die Blockaden zurückgewonnen.
Mittlerweile haben auch andere Länder ihre Unterstützung für Bolivien zugesagt und so hat ein Flugzeug des argentinischen Militärs, ebenfalls am Samstag, 12 Tonnen Hühnchenfleisch von Santa Cruz nach La Paz geflogen. Auch andere Lebensmittel werden über die Luftbrücke in die Großstadt gebracht.
Wir bekommen von der aktuellen Situation zum Glück nur wenig mit, da es hier in Santa Cruz keine größeren Blockaden oder Auseinandersetzungen gibt.
Um nochmal zu etwas weniger Kritischem zu kommen, möchte ich noch ein bisschen über meine Alltagsveränderungen sowie das WG-Leben schreiben. Zum einen hat sich mein Tagesablauf geändert, weil ich nun nicht mehr ins Basketballtraining gehe, da das Training von jeglichen Spaßfaktoren befreit wurde. Das führt dazu, dass ich nun wieder mit dem Joggen begonnen habe und so die Stadt von einer anderen Perspektive entdecke. (Im Juni wollen wir an einem Stadtlauf teilnehmen und uns so zusätzlich zum Laufen motivieren). Zum anderen weil ich, um meinen anhaltenden Magenproblemen entgegenzukommen, viel mehr Zeit mit Kochen und Backen verbringe. So vermeide ich es, auf dem Markt oder auf der Straße zu essen und meinen Verdauungstrakt unnötig zu belasten.
Das WG-Leben läuft sehr gut, auch wenn durch die verschiedenen Urlaubspläne nicht mehr so viel Zeit zu fünft bleibt. Seit dem Zwischenseminar sind wir die einzigen Volos im Volo-Haus und haben zwar einerseits dann ganz unsere Ruhe hier, andererseits fehlt es auch ein bisschen an anderen Freiwilligen, die neuen Wind in die WG bringen könnten. Das wird sich jedoch im Juni ändern, wenn neue Volontäre aus Spanien, Italien und Polen kommen sollen. Dann wird man auch sehen, in welche Zimmer diese kommen, da nun schon Victor und Nico ihre Zimmer aufgrund von funktionsunfähigen Toilettenspülungen, Duschen oder Schimmel wechseln mussten. Außerdem problematisch hier in Santa Cruz ist die Zimmerisolierung. Durch den Winter, welcher hier Temperaturen von bis zu 10 Grad nachts mit sich bringen kann, kann es in den Zimmern so echt kalt werden. Auch im Wohnzimmer ist es von Vorteil, einen guten Pulli zu tragen.
Eine der WG-Aktivitäten der letzten Zeit war es, auf den Bolzer zu gehen. Fußballspielen war in meinem Leben schon immer präsent, und deswegen gehe ich symbolisch sozusagen auf dieses Ereignis nun etwas detaillierter ein. Mit unserem Ball, der immer so ein bisschen die Luft verliert, sind wir erstmal auf den Markt gegangen, um ihn bei den Fahrradläden aufpumpen zu lassen. Dann sind wir bei schöner Abendsonne durch die abends umso belebteren Straßen zum Kickplatz gelaufen. Während man in den Gesprächen vielleicht schon über die Bewerbungsphasen der Unis geredet hat, verfolgen einen Gerüche von Grillspießen oder Burgern, welche auf der Straße zubereitet werden. Nebenbei sieht man vielleicht noch Straßenhunde spielen und vor allem viele Schüler in ihren Schuluniformen, die in den Micros nach Hause fahren. Angekommen beim Platz kann man dann direkt anfangen zu kicken. Wir lassen hierzu passend zum Vibe Musik laufen. Während man vielleicht auch gegen die Locals spielt, laufen hin und wieder Straßenverkäufer vorbei, die beispielsweise Backwaren verkaufen wollen. Wenn nicht gerade durch Megafone für Ware geworben wird, kann man dem Gehupe der Stadt lauschen. Zu unserem Glück ist der Platz immer gut beleuchtet, sodass wir auch nach Sonnenuntergang noch gut und sicher spielen können. Vollgeschwitzt gehen wir dann wieder heim und reden über all das, was wir in Deutschland wohl vermissen werden, an diesem besonderen Ort und der gemeinsamen Zeit hier.

Bis dahin ist es aber noch ein bisschen, deswegen haltet die Ohren steif und bis zum nächsten Mal!
P.S: Auch das Hogar ist aktuell mit Herausforderungen wie steigenden Lebensunterhaltungskosten konfrontiert. Zudem muss für warmes Duschwasser und warme Winterklamotten für die Jungs gesorgt werden. Jede Spende hilft, die Lage etwas zu entzerren, danke.
Yannick
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