Jo, mal wieder ein kleines Update aus der Ferne.
Ich bin super ins neue Jahr gestartet, habe coole Trips hinter mir und jetzt ist wie im Nu auch schon wieder Mitte Februar. Verrückt, die Hälfte ist bald vorbei.
Ich hab den Blogeintrag in drei Teile unterteilt, falls man sich nicht alles in Einem durchlesen will. Er ist tatsächlich sehr lange geworden, tut mir leid.
Bevor ich mit 2026 starte, erzähl ich noch kurz von meinem Silvester. Wie auch an Weihnachten gab es einen Gottesdienst und ein gemeinsames Abendessen mit all den Don-Bosco-Einrichtungen aus dem Projekt. Es gab natürlich wieder Huhn mit Reis, wie immer. Danach wurde jedem Jungen eine Tüte mit Feuerwerk ausgeteilt, was für surreale Zustände im Hogar gesorgt hat. 8-jährige Kinder, die sich zum Teil gegenseitig mit Raketen oder anderen Feuerwerkskörpern abschießen – wie auch immer, gab es keine größeren Verletzungen. Um 0:00 Uhr, zurück im Volo-Haus auf dem Balkon, bin ich dann beim Anblicken von Feuerwerk ins neue Jahr geslided. Es war schon weniger schön als in Deutschland aber, trotzdem ganz nett.
Kurz darauf hatte ich dann auch die erste Woche frei. Vom 3. bis 20. Januar waren die Kinder aus dem Mano Amiga und Hogar nämlich im „Campamento“, also auf Ferienfreizeit. Ich habe in der zweiten Hälfte die Jungs betreut, weswegen ich in der ersten Woche dann frei hatte, sozusagen als Ausgleich. Ich wollte eigentlich mit einem Mitvolontär (Ingmar) verreisen, dieser musste dann aber Visumsterminen nachgehen, weshalb ich mich kurzerhand auf einen spontanen Solo-Trip eingelassen habe. Ohne festen Plan bin ich zum Busterminal in Santa Cruz gegangen, um dann kurze Zeit später neben dem Busfahrer auf ubefestigten Straßen an steilen Hängen Richtung Tarija zu düsen. Tarija liegt nah an der argentinischen Grenze und ist die südlichste Stadt Boliviens. Am ersten Tag habe ich mir dann die Stadt angeschaut, welche ähnlich wie Santa Cruz überschaubar viele Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Die Stimmung der Stadt hat mir aber trotzdem gut gefallen, da Tarija ein sehr lebendiges kleines Stadtzentrum zu bieten hat.
Am folgenden Tag habe ich eine geführte Tour hoch aufs Altiplano Tarijas gemacht. Um auf die Hochebene zu kommen, mussten wir, wie es der Name ja schon sagt, erstmal eine ganze Weile hochfahren. Dabei konnten wir die unglaubliche Aussicht auf die Gebirgsketten und auf das weit entfernte Tarija genießen. Nachdem wir dann auch auf der Hochebene noch ein gutes Weilchen durch karge weite Landschaften gefahren sind, an deren Enden sich große Berge in die Luft streckten, sind wir irgendwann im „Lama-Gebiet“ und dann auch an den Seen angekommen. Dort erwarteten uns die verschiedensten Vogelarten, darunter zum Beispiel auch eine kleine Gruppe Flamingos. Nahe der Seen gab es auch Sanddünen, welche wir besuchten. Das späte Mittagessen hieß „Charque de Llama“, was getrocknetes, zerrupftes Lamafleisch war, welches mit lila gefärbten Kartoffeln, Mais, einem Ei und speziellem Käse serviert wurde. Auf jeden Fall empfehlenswert. Nachdem wir uns dann also alles angeschaut hatten, sind wir auch wieder zurückgefahren. Wir mussten ja schließlich noch fast 2000 Meter runterfahren. Der Tag war auf jeden Fall sehr beeindruckend und hat mir sehr gut gefallen. Ich habe dort auch nochmal gemerkt, wie gut mittlerweile mein Spanisch ist, da mir so eine Tour dann doch überhaupt keine Verständnisprobleme mehr macht.


Der letzte Tag meiner Reise begann für mich im Zentralmarkt, wo ich mir zum Frühstück eine Empanada con Queso (also mit Käse) und einen Café geholt habe. Ich bin dann gequetscht mit so circa 17 anderen Menschen im Minivan in die Nähe eines Wasserfalls gefahren. Der noch zu bewältigende Fußweg war wunderschön und nochmal etwas ganz anderes als am Tag zuvor. Hier waren es grüne Andenausläufer, begleitet von einem Flüsschen, welche mich zum Wasserfall führten. Das zeigt glaub ich ganz gut wie schnell sich in Bolivien die Landschaft verändern kann und vor allem wie vielseitig sie ist. Nachdem ich mir dann dem Rauschen des Wasserfalls für ein Weilchen genossen habe, habe ich mich wieder zurück nach Tarija begeben, von wo ich dann abends mit dem Bus wieder abgefahren bin. Nach der ruckeligen zwölfstündigen Fahrt durch die Nacht bin ich mit dem Morgengrauen dann im aufwachenden Santa Cruz angekommen.

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Zwei Tage später ging es dann ins nächste Abenteuer. In einem doch sehr klapprigen Bus, der von einem Hinterhof irgendwo im Nirgendwo in Santa Cruz gestartet ist, habe ich mich mit Nico Richtung Postrervalle gemacht. Da das Techo Pinardi (wir erinnern uns, das Projekt, welches Jungs von der Straße Zuflucht gibt) kein Campamento macht, ist Nico beim Mano Amiga als Volontär mitgekommen. Das Mano Amiga hat ihre Ferienfreizeit im gleichen Ort wie meine Jungs gemacht. Auf dem Weg zu dem 1.000-Einwohner-Dorf sind wir unter anderem an weiten Felderlandschaften vorbeigefahren, welche für landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden. Hierher kommen große Mengen an beispielsweise Kartoffeln, Mais oder auch Äpfeln, welche auf den Märkten in Santa Cruz verkauft werden.
Angekommen in Postrervalle hat mich der Betreuer, welchen ich die Woche begleiten sollte, schon erwartet. Zusammen sind wir dann in der Dunkelheit über mit Pfützen übersäten Feldwegen zu der Unterkunft gelaufen, in welcher die Jungs schon auf uns warteten. Das Ankommen war wirklich schön, weil viele der Jungs direkt zu uns gerannt kamen, um uns herzlich zu begrüßen. In dem Moment habe ich richtig die Wertschätzung der Kids gespürt, was mich natürlich enorm gefreut hat. Es ging dann auch schon ziemlich schnell ins Bett, was für mich bedeuten würde, das erste Mal mit den Jungs zusammen zu schlafen. Das Gefühl, mit 13 Jugendlichen in einem Schlafsaal zu nächtigen, war auf jeden Fall spannend und eine ganz neue Erfahrung. Ich war überrascht, wie gut ich trotzdem einschlafen konnte.
Der erste Morgen begann für mich dann um 6:30 Uhr, als mich ein Junge zum Frühstückmachen geweckt hat. Frühstück für 50 Leute zu machen, stellte ich mir schwerer vor, als es letztendlich war. Wir mussten eigentlich nur einen großen Topf mit Wasser aufsetzen und schon gebackene, kleine Brötchen abzählen. Je nach Lust und Laune (ich habe das Frühstück nämlich dann jeden Tag gemacht) haben wir dann Kakao, Teebeutel oder Kaffeepulver ins kochende Wasser gegeben. Während des Vorbereitens habe ich dann alle anderen, inklusive den Betreuer, aufgeweckt. Das hat nur so mittelmäßig funktioniert, da Jugendliche eben nun mal nicht gerne direkt aus dem Bett springen, auch nicht, nachdem ich sie zum zweiten Mal wachgeschrien (wenn man das bei mir wirklich so nennen will – ich habe es sehr freundlich gemacht) habe. Da fehlt es mir zudem auch einfach an Autorität.

Weil es jetzt etwas zäh wäre chronologisch fortzufahren, berichte ich einfach so wie es mir gerade in den Kopf kommt. Ich probiere es bei den interessanten Geschichten zu belassen.
Was mir ebenfalls im Kopf geblieben ist, ist der Aufstieg auf einen großen Hügel am ersten Tag, welcher ohne bestimmte Vorbereitungen getroffen wurde. Ohne Proviant oder sowas wie ein kleines Notfallkit mitzunehmen, springen um die 50 Jugendliche mit ihren meist kaputten Crocs oder Adiletten den Berg bei ordentlichen Temperaturen hoch, zwingen sich durch verwirrtes Gestrüpp, und kommen am Ende dann aber tatsächlich alle unverletzt oben an. Meine Bedenken waren also völlig unberechtigt, vielleicht etwas zu deutsch. Das zog sich auch die ganze Woche durch. Und selbst wenn es mal Wehwehchen gab, dann waren die Jungs allesamt hart im Nehmen. Hat natürlich auch den Hintergrund, dass man in so einem Heim seine Schwäche nicht zeigen darf und weinen erst recht nicht geht. (Wer weint, auch bei den 5-Jährigen, dem wird befohlen, sofort damit aufzuhören.) Diese erzieherische Maßnahme ist natürlich etwas fraglich. Auch der Umgang mit Müll ist mir in der Woche nochmals verstärkt aufgefallen, weil wir jeden Ort super dreckig hinterlassen haben und auch den Müll, der so angefallen ist, einfach verbrannt haben. Dieses ungewohnte Vorgehen ist tatsächlich bei den ganzen ruralen Gegenden so, weil es dort kein Müllsystem beziehungsweise keine Müllentsorgung gibt.

Um ein bisschen Eigeninitiative zu zeigen, habe ich mich auch zweimal der Aufgabe angenommen, Teig vorzubereiten, welcher einmal für Pizza und einmal für Stockbrot verwendet wurde. Die Jungs, die selten Pizza oder Stockbrot essen, haben sich richtig gefreut und meiner Meinung nach auch richtig gut am Lagerfeuer performt. Die Stockbrote waren echt gut.
Nach so einem Lagerfeuer, gerade auch wenn es dann etwas kälter am Abend geworden ist (durch die Höhenlage hat sich das Klima deutlich von dem Santa Cruz‘ unterschieden), freut man sich ja normalerweise richtig auf eine schöne Dusche. In Postrervalle war das etwas anders, da das Wasser wirklich eiskalt war und ich, verwöhnter Volontär, wirklich kaum länger als eine Minute unter der Dusche aushalten konnte. Mein Vater würde jetzt sagen, dass mir das mal richtig gut getan haben muss, ich bin mir da aber nicht so sicher. Ein weiteres Hindernis waren tatsächlich die Toiletten, welche einfach nur ein Loch im Boden mit Spülung waren.
Auch wenn man noch viele weitere Geschichten erzählen könnte, geh ich jetzt nur noch auf einen Tag ein. Das war tatsächlich mein Geburtstag, der für mich um sechs Uhr morgens mit mehr oder weniger lieblichem Jungsgesang begann. Unter Anleitung einer der Licenciadas, also der Frauen im Projekt, die einen akademischen Abschluss erlangt haben, hat mir eine kleine Gruppe der Jungs ein Ständchen gehalten. Nachdem dann gefrühstückt worden war, sind wir an dem Tag zu einem Fluss gelaufen, in dem die Jungs (und ich) Wäsche waschen und baden konnten. Außerdem haben wir ein Feuer gemacht, auf welchem wir Grillspieße gegrillt haben. Auf dem Rückweg sind wir dann noch einer riesigen Spinne begegnet, welche so aussah wie eine dieser Vogelspinnen aus den Dokus, die ich früher geschaut habe. Wir haben die Woche über noch viele große Spinnen und einmal habe ich unter dem sozialen Druck der Jungs auch eine auf die Hand genommen. Der Ausflug war auf jeden Fall sehr schön und eine ganz gute Alternative zu einem kalten Wintertag in Deutschland. Trotzdem wird so ein besonderer Tag natürlich durch die Menschen geprägt, und an meinem Geburtstag nicht bei der Familie zu Hause zu sein, hat mir dann schon etwas zu schaffen gemacht. Nächstes Jahr dann hoffentlich wieder;)

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Nach dem Campamento sind dann ein paar von meinen Jungs ins Barrio Juvenil gewechselt und andernfalls aber auch wieder diejenigen wiedergekommen, die bei ihren Familien über die Ferien waren. Jetzt wurden außerdem die Gruppen gewechselt, also die ganzen, die in die weiterführende Schule gekommen sind, sind jetzt auch bei den Großen. Der Schulbeginn hat den alten Tagesrhythmus wieder herbeigebracht, was heißt, wieder mindestens zwei Stunden am Tag Hausaufgabenbetreuung zu geben und auch generell viel zu tun zu haben. Das gestaltet den Tag wieder deutlich spannender.
Jetzt am Wochenende (also das vom 14/15 Februar) und auch noch den Montag und Dienstag war hier Karneval.
Im Hogar haben wir Spiele veranstaltet, sowas wie „Reise nach Jerusalem“ zum Beispiel und es wurde ein Fußballturnier organisiert. Ordentlich verrückter war der Dienstag: Am Morgen haben die verschiedenen Altersgruppen des Hogars und das Mano Amiga jeweils eine kleine Parade vorgeführt. Angeführt von einem König oder einer Königin haben die jeweiligen Gruppen dann eine Runde in der Sporthalle gedreht, während sie von den anderen mit Sprühschaum besprüht wurden. Zum Mittag gab es dann Hähnchen vom Grill mit einem Reis-Käse-Gemisch, was richtig gut war. Nach dem Mittagessen wurden dann diejenigen, für die es der erste Karneval war, „getauft“. Also auch ich. Nachdem man seinen Kopf in einen Wassereimer stecken musste, wurde man mit Mehl beworfen und der Betreuer hat einem ein Ei auf dem Kopf zerschellt. Eigentlich müsste ich die Tradition nächstes Jahr mit meinen Schwestern weiterführen…

Bis hierhin also ein richtig cooler Tag, welcher aber noch so eine kleine Wendung haben sollte. Mit den Großen sind wir dann bei der knallenden Mittagshitze losgezogen auf die Straßen, bewaffnet mit Wasserbomben, Farbe und irgendwelchen zusammengemixten Flüssigkeiten, bei denen ich nicht wissen will, was drin war. Nach so eineinhalb Stunden, in denen wir kaum jemandem begegnet sind und bei einer dystopischen Stimmung die Straßen mit Musik beschallt haben, sind wir bei den Häuserblocks angekommen, wo sich die Menschen an Karneval treffen würden. Dadurch, dass es der letzte Tag Karneval war, war nicht viel los auf den Straßen. Hier und da gab es Getränkestände oder eine kleine Musikgruppe, die Karnevalsmusik spielte. Dann kam es zur ersten kleinen Schlacht (endlich) gegen eine andere Gruppe Jugendlicher, bei der dann die mitgebrachten Sachen verwendet werden konnten. Auch wenn am Ende nichts Ernstes passiert ist, hat man schon ein kleines, mulmiges Gefühl bekommen, da die anderen Jugendlichen etwas dubios wirkten. Nachdem wir weiteren zwei, drei solcher Gruppen begegnet sind, ist es dann schließlich zum unschönen Vorfall gekommen.
Als wir fast schon an der circa 15-köpfigen Jungsgruppe vorbeigegangen waren, bei welcher übrigens auch manche maskiert waren, wurde eine Wasserbombe unsererseits falsch aufgenommen und es kamen einige von ihnen aggressiv auf uns zu. Mit großer Wahrscheinlichkeit standen viele von ihnen auch unter Einfluss von Alkohol oder Drogen. Nicht zwei Minuten später gab es eine Massenschlägerei, wobei das eigentlich auch nicht ganz zutreffend ist. Vielmehr waren es die Anderen, die unsere Jungs zusammengeschlagen haben, und unter anderem auch von Gürteln samt ihrer metallenen Schnallen Gebrauch machten. Ich, an meiner Hand ein elfjähriger Junge, stand verängstigt daneben und konnte nur zusehen, wie unser Betreuer versuchte, die Situation zu deeskalieren – ziemlich erfolglos. Nach so vielleicht fünf Minuten konnten wir uns dann irgendwie aus den Aggressionen befreien. Als ich dann wieder etwas den Überblick gewonnen hatte, wurde geschrien, dass ein Junge von meiner Gruppe eine Platzwunde am Kopf hatte. Nach einem kurzen Verarzten sind dann auch die Polizisten am Straßenrande auf uns aufmerksam geworden und sind gekommen, um zu helfen. Die andere Gruppe war bis dahin natürlich schon längst weg. Nach kurzer Zeit kamen zwei Polizeiwagen. Auf einem dieser (hinten auf der Ladefläche) sind ich, der verletzte Junge und Sophie, eine andere Volontärin, kurz darauf zu einem Krankenwagen gefahren worden, in welchem der Junge dann mit drei Stichen genäht wurde. Schließlich sind wir drei dann zurück zum Hogar gefahren, wo die Geschichte ihr Ende findet. Dem Junge geht es, sowie dem Rest der Gruppe, gut.
Am 19. Februar, also heute, fliegen wir dann nach Buenos Aires. Zumindest hoffen wir das. Die Ankunft des Fluges musste nämlich jetzt schon auf den folgenden Tag gelegt werden, weil morgen ein 24-stündiger Generalstreik in Buenos Aires stattfindet. (Eine Busreise, welche mindestens 33 Stunden gedauert hätte, haben wir übrigens nach kurzen Überlegungen aus Komfort- und Zeitgründen ausgeschlossen.) In der argentinischen Hauptstadt schauen wir uns erstmal für ein paar Tage alles an und haben dann etwas außerhalb der Stadt unser Zwischenseminar mit den anderen Freiwilligen aus Südamerika. Es wird sicher spannend, zu sehen, wie sich so die Erfahrungen gleichen oder auch unterscheiden.
Im März bekomm ich dann Besuch von Freunden und dann auch Familie. Mal sehen ob da dann noch Zeit für einen Blog übrig bleibt.
Liebe Grüße und bis bald,
Yannick
Weil vieles, zum Beispiel auch das Feriencamp, von Spenden gestützt wird, kommt hier noch der Link zum Gutestun:
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