Sommer, Sonne, Sommercamp

Ende April begannen für die Schüler:innen hier in Vijayawada die siebenwöchigen Sommerferien. Einige Kinder und Jugendliche der Projekte Navajeevans fuhren in den ersten Tagen zu ihren Eltern nach Hause, um dort nun ihre Ferien zu verbringen. Für ein paar Jungs aus dem Deepa Nivas (dem Projekt, in welchem ich unter anderem arbeite) und dem Großteil der Kinder aus dem Chiguru (ebenfalls eine Art Heim für aber eher jüngere Mädchen und Jungen) bedeutete dies jedoch, über diesen Zeitraum im Projekt zu bleiben, da sie aus verschiedenen Gründen nicht nach Hause können. Um ihnen trotz dieser Gegebenheit die Sommerferien zu verschönern, findet derzeit das Sommercamp im Chiguru statt. Zu den etwa 100 Kindern aus dem Chiguru selbst, kamen zusätzlich sieben Jungen aus dem Deepa Nivas und dann für die ersten eineinhalb Wochen noch etwa 70 Kinder und Jugendliche aus anderen Teilprojekten und umliegenden Communities hinzu. Zu meiner Freude zählten darunter auch ein paar Kinder und Jugendliche „unserer“ Community in Penamaluru. Obwohl die große Anzahl an Kindern mittlerweile deutlich geschrumpft ist, sind es immer noch etwa 110 Kinder die am Sommercamp teilnehmen.

Fast alle Kinder zu Beginn des Sommercamps
Die Kinder mittlerweile

Ein Tag im Sommercamp ist theoretisch wahnsinnig durchstrukturiert. Es gibt sowohl vormittags, als auch nachmittags je zwei Classes, welche wir Volontär:innen übernehmen. Der Rest des Tages ist mit Yoga, Cleaning und Bathing sowie den verschiedenen Mahlzeiten und Snacks durchgetaktet. Dass das alles über so viele Wochen hinweg nicht so ganz realistisch umsetzbar ist, war uns schon zu Beginn relativ klar und doch lief der Start recht gut. Alle waren höchst motiviert, sowohl Kinder als auch Staff Members, als auch wir und so waren die Tage zwar wahnsinnig voll und lang, aber auch sehr erfüllend und schön.

In der ersten Class übernehmen wir alle Kinder und Jugendlichen und unterrichten in vier verschiedenen Gruppen, in welche wir die Kinder zu Beginn nach ihrem Alter aufgeteilt haben, mal mehr, mal weniger Englisch und Mathematik. Hier haben Lice und ich am Anfang mit einer der älteren Gruppen gestartet und so hatten wir zumindest in den ersten eineinhalb Wochen auch einige Mädchen und Jungs dabei, die schon gute Englischgrundkenntnisse hatten, was uns den Unterricht enorm erleichterte und echt Spaß machte. Mit für alle Gruppen abgestimmten Wochenthemen, nahmen wir beispielsweise den menschlichen Körper mit unter anderem den Sinnen durch oder zeigten ihnen die verschiedenen Kontinente mit unterschiedlichen Begebenheiten, Tänzen, Musik und noch weiteren Dingen auf. Mittlerweile haben wir durchgewechselt und ich betreue mit Anna die Kleinsten, welche so zwischen vier und acht Jahre alt sind. Hier ist Unterrichtvorbereitung leider vergeudete Liebesmüh, denn schon allein für einen Kreis bilden kann man etwa fünf Minuten einrechnen, wenn kein Staff Member anwesend ist. So basteln oder malen wir jeden Tag etwas Neues und tanzen dann die restliche Stunde. Das klappt mal besser, mal schlechter und manchmal muss man aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen und trotzdem sind sie alle sehr lieb und ich freue mich auf diese Zeit des Tages. In der zweiten Class haben wir Volos dann nur die unter zehn Jährigen, da für die Class der Älteren jemand von außerhalb kommt. Hier dürfen sich die Kinder aussuchen, ob sie lieber basteln oder in die aktive Gruppe möchten. Den größten Teil der Zeit verbringt die aktive Gruppe eigentlich damit, zu Tanzen oder Springseil zu hüpfen, denn die Kinder wollen quasi nichts Anderes machen. Ich bin hier meist für das Tanzen verantwortlich, was ich die meiste Zeit auch sehr gerne mache. Mittlerweile habe ich nämlich, auch durch das tägliche Tanzen in der Community, die indischen Tanzmoves schon ziemlich raus und kann somit bei vielen Liedern gut mittanzen. Hierzu muss man wissen, dass es so ziemlich für jedes Lied auch einen passenden Tanz gibt, den viele der Kinder und Jugendlichen kennen. Ich habe das Gefühl, dass das Tanzen hier viel mehr zum Alltag dazugehört und alle es, sowohl Mädchen, als auch Jungen sehr gerne mögen und meist höchst motiviert sind. Tanzen ist dann nämlich auch noch Bestandteil unserer vierten Class. Hierbei handelt es sich um eine Gamestime mit allen Kindern und Jugendlichen, in welcher wir sie mittlerweile einfach frei spielen lassen was sie möchten und zusätzlich Hula Hoop Reifen und hin und wieder Nagellack oder Henna-Cones mitnehmen. Die dritte Stunde, also die Stunde direkt nach dem Mittagessen halten wir eigentlich schon seit der zweiten Woche nicht mehr ab. Wir hatten hier ausschließlich die Jüngeren, welche uns beim Basteln reihenweise eingeschlafen sind, weshalb wir beschlossen, sie über diese Zeit einfach sofort schlafen zu schicken. Dadurch haben auch wir selbst alle täglich Zeit für einen Mittagsschlaf und mittlerweile merken wir, wie wichtig das ist, denn obwohl mir die Arbeit sehr viel Spaß macht, ist es anstrengend und wenn dann noch die derzeitige Hitze dazukommt, schläft man mittags schon mal die zwei Stunden lang durch und kann trotzdem Abends noch gut einschlafen. Auch wenn die Temperaturen zurzeit schwanken und wir, untypisch für den Sommer, auch mehrere Regentage mit „kühlen“ unter 40°C hatten, gibt es noch genug heiße Tage mit 45 bis 50°C, an denen wir mit der zusätzlich sehr hohen Luftfeuchtigkeit quasi dahinschmelzen.

Die Kinder mit ihren selbstgebastelten Masken

Die gemeinsame Zeit mit den Kindern und Jugendlichen genieße ich sehr. Mit der Sprache funktioniert es schon immer besser, so können wir einfache Anweisungen geben, sie nach simplen Sachen fragen und mit den Staff Members kurze organisatorische Dinge in Telugu besprechen, obwohl hier Hand und Fuß natürlich ebenfalls noch Bestandteil sind. Da jedoch längere Gespräche über ihr Befinden oder andere Themen leider noch nicht funktionieren, geht viel über Umarmungen, auf dem Schoß sitzen oder auf den Arm nehmen, wo auch immer mal wieder Kinder einschlafen. Teilweise kommen die Kinder nur zu uns, um einfach ein bisschen „Kuschelzeit“ zu haben, in der mal nur sie im Vordergrund stehen. Denn mit 110 Kindern und Jugendlichen bleibt für die Staff Members natürlich nicht viel Zeit sich um den Einzelnen zu kümmern.

Mit all meinen Mitfreiwilligen so eng zusammen zu arbeiten ist ebenfalls mal eine ganz andere Erfahrung. Wir hocken quasi 24/7 aufeinander. Dass da mal die ein oder andere Diskussion ausbricht ist ganz normal und doch verstehen wir uns alle wahnsinnig gut und statt einfach engen Freunden, ist es irgendwie schon viel mehr ein „Geschwister-Feeling“. Man kennt sich nun nach so langer Zeit eben doch schon recht gut und weiß über die Stärken und Schwächen der Anderen Bescheid. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut das Zusammenleben eigentlich funktioniert bei uns. Wir sind im Grunde alle so unterschiedliche Charaktere und haben uns deshalb schon öfter gefragt, ob wir unter normalen Umständen überhaupt annähernd befreundet wären. Wahrscheinlich nicht. Aber dafür kann ein Volontariat eben auch gut sein, denn ich weiß, dass ich mit den meisten sicher auch nach diesem Jahr noch sehr eng sein werde und das auch, wenn man sich sicher mal für längere Zeit nicht sieht.

Da uns nun leider bald drei Volos aus Österreich verlassen werden, denke ich immer mal wieder etwas mehr an mein „deutsches“ Zuhause. Das „deutsch“ schreibe ich absichtlich in Anführungszeichen, denn auch hier in Indien ist mittlerweile mein Zuhause und ich habe es so lieb gewonnen und würde manchmal am liebsten noch länger hier bleiben. Ich finde den Gedanken, von hier wegziehen zu müssen und wieder in Deutschland zu leben phasenweise komisch. Das Leben hier ist kaum zu vergleichen mit dem in Deutschland und auf eine ganz andere Art und Weise einfach schön. Obwohl ich schon ein paarmal mit dem Gedanken gespielt habe, einfach ein bisschen länger hier zu bleiben, freue ich mich natürlich im August zurückzukommen, alle wiederzusehen und wieder durch die gewohnte Gegend spazieren zu können und gleichzeitig werde ich das hier alles sehr vermissen, sowohl die Leute, als auch die Lebensweise und einfach die Stadt.

Doch bis dahin sind es immer noch knapp drei Monate und in diesen werde ich meinen Alltag mit meinen Mitvolos, den Kindern und noch vielem mehr einfach genießen.

Auch ein erfüllender Tag am Strand durfte nicht fehlen

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Indien – anders als erwartet

  1. Ulla

    Hallo antonia, was für ein schöner Beitrag! Ich wußte, dass ihr im Camp richtig viel arbeiten müsst aber was und wie genau hast du mir jetzt durch diesen informativen Bericht gezeigt. Toll, dass eure Volo Gemeinschaft so zusammengewachsen ist. Herzliche Grüße aus der Bonner Don Bosco Mission
    Ulla

  2. Felix und Sara

    Hey, hier sind Felix und Sara. Tatsächlich konnten wir gerade zu deinen Ausführungen über das „Geschwister-Feeling“ unter Freiwilligen voll relaten weil bei uns viele Freundschaften auch über den Freiwilligendienst hinaus gehalten haben. Mittlerweile sehen wir uns mit ein paar Indien Volos auch noch regelmäßig und haben vor 3 Jahren die kleine Spendengruppe JUJUIN (Jugend für Jugend Indien) gegründet, um uns auch ein kleines bisschen Indien Feeling im deutschen Alltag zu erhalten und Projekte weiterhin zu unterstützen. Vielleicht hast du ja nach deiner Rückkehr auch Lust dabei zu sein. Wir würden uns freuen!
    Viele Grüße
    Felix und Sara

    • Hallo Felix und Sara, ich freu mich sehr über eure Nachricht! Eure Spendengruppe klingt ja toll und ich würde mich sehr freuen, nach dem Jahr mal bei euch vorbeizuschauen.
      Schöne Grüße, Antonia

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