Namaskaram Vijayawada! (Hi auf Telugu)

Ich beginne diesen Eintrag so, wie ich die letzten 8 Tage auch immer in meinem Tagebuch begonnen habe. Dafür beschreibe ich immer erst, wo ich gerade in genau diesem Moment bin und was so um mich herum geschieht. Irgendwie hilft mir das, mir mal kurz einen Realitätscheck zu geben und mich ganz auf meine Sinne hier und jetzt zu fokussieren. Ich sitze gerade am Boden vor dem Büro, wo wir 4 gleich unsere Registration für das Visa machen sollen und auf Josef warten, der den dritten Versuch mit uns wagt, das Ganze anzugehen. Die anderen 3 sitzen neben mir und quasseln durcheinander. Nebendran im dining room klappert Geschirr, in dem gerade Rice and Curry geschlemmt wird. Ich höre wildes Hupen, Menschen hitzig diskutieren und rieche das Gesamtpaket von diesem speziellen indischen Geruch, den man einfach überhaupt nicht beschreiben kann. (Vielleicht versuche ich es irgendwann einmal)

Ich dachte eigentlich, dass ich vor meiner Abreise auch einen Blog schreiben werde, indem ich teile, was meine Erwartungen sind, wie unfassbar vorbereitet ich bin und wie ich meine letzten Tage vor der Abreise gestalte. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann bin ich einfach völlig überstürzt abgereist. Ich dachte erst, dass mich das stört, dass es gut gewesen wäre, wenn ich mir etwas bewusstere Zeit gegeben hätte, um mal in mein Annika Herz zu spüren, wie es mir eigentlich mit diesem riesen Abenteuer, das jetzt auf mich zu kommt, geht. Gestern bin ich nach einer guten Woche hier, das erste Mal so richtig alleine raus. Hab mich auf meinen pink-roten Flitzer geschwungen, meine ersten Briefe nach Deutschland zur Post gebracht und hab mich dann mit einem Chai vom Straßenrand auf eine Treppenstufe gesetzt und mal ganz tief durchgeatmet. Da ist mir dann aufgefallen, dass das schon alles so gut war, wie es lief. Der erste Tag hier in Vijayawada, war zwar überfordernd viel zu viel und überstürzt. Aber letztendlich war es gut so, wenig Erwartungen zu haben und hier völlig reingepfeffert zu werden. Reingepfeffert in eine voll und ganz andere Welt. Eine Welt, in der es wuselt. Wuselt von, hupenden Rikscha Fahrern, herzlichen Menschen, Kühen, neuen Gerüchen, Monsunplatzregen, tanzenden Menschen, scharfen Gerichten, Granatapfelverkäuferinnen und und und.

Wir hatten ganz gut Zeit, um schon die 11 Jungs aus dem Open Shelter (eines der Projekte, in denen wir sein werden) viel zu schnell lieb zu gewinnen, unser neues Zuhause einzurichten, tanzend am Ganesha Festival teilzunehmen und frei Schnauze, ganz ohne Navi unsere Umgebung zu erkunden. Ich bin sehr erschrocken, wie mir aufgefallen ist, als ich mit einem Freund aus Deutschland telefoniert habe und er mich gefragt hat, wo ich gerade bin, „zuhause“ gesagt zu haben. Natürlich ist es noch kein Ort hier, an dem man jede Ecke kennt. Aber irgendwie auf absurde Art und Weise ist es schon ein klitzekleines bisschen wie unser Zuhause. Unser Indienzuhause. Haben es uns sehr gemütlich eingerichtet, Hängematten auf dem Dach aufgehängt, die erste Wäsche auf dem Dach gewaschen, lesen uns abends gegenseitig aus unserer gemeinsam Lektüre Siddharta vor und zünden Räucherstäbchen zum einschlafen an. Wenn Menschen aus meinem Deutschland Zuhause mich fragen, wie es mir geht, passt das Wort „absurd“ glaube ich am meisten. Etwas unreal, verrückt, wunderschön aber noch teilweise ungreifbar. Ich mag es, wie groß dieses Gefühl sich gerade noch anfühlt. Gleichzeitig freue ich mich aber dolle darauf, wenn ich das Gefühl habe, hier richtig richtig angekommen zu sein, Alltag zu führen, eine zumindest kleine Bandbreite von Telugu sprechen zu können, ohne groß nachzudenken, wo es lang geht, mit meinem Fahrrad durch die Gassen zu flitzen, die Namen von den Menschen aus unserem Haus zu kennen, die Projekte zu kennen und absurde, neue Erfahrungen, immer normaler zu empfinden. Ich spüre große Neugierde für dieses Land und wie die folgenden Tage sich hier so ganz von alleine füllen werden.