Das Oratorio ist am Wochenende wie leergefegt ohne die Jungs, sodass man Sonntag nichts tun muss außer auszuruhen. Gleichzeitig ist es voller als unter der Woche. Angefangen Freitag, bei der Essensausgabe der JUS (Jóvenes Universitarios Salesianos), den Studenten die unter Don Bosco aktiv werden. Diesen Freitag wurde das Treffen auch genutzt um Pizzen zu backen, die Samstag und Sonntag nach den Gottesdiensten verkauft wurden. Dabei ist zwar immer Kochen, Backen und Essen vorhanden, aber das Beisammen sein, Musik und Mate machen die Abende aus.
"Aber warum Santiago?"
Wurde ich von einem Heimischen gefragt, der nicht verstehen konnte warum ich nach Santiago kommen wollte. Nicht, dass er selbst wegziehen würde, aber normalerweise würde man andere Städte in Argentinien vorziehen.
Auch wenn ich sehr gerne hier bin, muss ich zugeben, dass ich keine zufriedenstellende Antwort hatte. Es hat mich jedoch an etwas erinnert was Mitbewohner bei meiner Ankunft gesagt hat. Santiago habe keine besonderen Sehenswürdigkeiten, sei sogar etwas hässlich an manchen Stellen, aber die Menschen machen dessen Schönheit aus.
Eine Gruppe dieser Menschen sind die Kinder im Oratorio Papa Fransisco. Die letzten beiden Wochenenden haben wir uns mit der Thematik Mülltrennung und Recycling beschäftigt.
Auch mit der erdrückenden Hitze, die mich schnell verstanden hat lassen, warum man nachmittags nicht aus dem Haus geht, sind die Kinder hochmotiviert durch ihr Viertel gerannt. Dem Wettbewerb, welche Gruppe mehr Plastikflaschen sammelt, konnte die Hitze nichts anhaben.

Ich fand es beeindruckend wie viel sie gesammelt haben, wie viel Spaß sie dabei hatten und wie es ihnen am Ende dann doch egal war, wer in welchem Team war und wer gewonnen hatte. Dies könnte natürlich auch daran liegen, dass alle die versprochenen Süßigkeiten bekommen haben.
In den nächsten Treffen werden wir die Plastikflaschen zu Blumentöpfen recyceln, um vor Ort einen Garten anzulegen. Diesen Samstag haben wir alte Obstkisten angemalt um Mülltrennung einzuführen. Die Farbe die wir verwendet haben ist hoffentlich wasserlöslich, denn die Unterscheidung zwischen den Obstkisten und meinem T-Shirt hat leider nicht funktioniert.
Wenn es sich nicht rauswaschen lässt, findet zum Glück regelmäßig ein Kleidermarkt statt. Die Leitung des Oratorio Papa Fransisco hat bereits Tonnen an alter Kleidung gesammelt und letztes Wochenende den ersten Verkauf gehabt. Wahrscheinlich wegen der knallenden Sonne war der Markt nicht all zu besucht, aber die wenigen Menschen die vorbeikamen sind alle mit so vielen Kleidungsstücken wie sie tragen konnten gegangen.
Ein weiterer Moment an dem man die Schönheit der Gemeinschaft hier erkennen konnte, war der Samstagabend. Erst der Gottesdienst, bei dem die Kinder so laut Hallelujah schreien, dass man fast sein Gehör schützen muss, dann die Jugendandacht und abgeschlossen wird mit einem gemeinsamen Abendessen.
Das Abendessen nach meinem ersten Gottesdienst hier, war eines der ersten Momente an denen ich mich richtig wohl gefühlt habe. Mahlzeiten wie diese, bei denen mindestens drei Tische so aneinandergereiht werden, dass Michelangelos letztes Abendmahl nicht mehr mithalten kann, wirken wie Festmahle. Die Gespräche teilen sich auf, laufen dann wieder ineinander und es wird sich gefragt wie die eine Tischhälfte immer noch beim ersten Gesprächsthema sein kann. Die Unterhaltung wird aber noch länger weitergeführt, auch nach dem die Teller leer sind und alle mithelfen um den Tisch abzuräumen.
Solche gemeinsamen Mahlzeiten wirken wie Festmahle, sie sind aber mit genügend Anlässen unterschiedlicher Festlichkeit keine Seltenheit. Montag der 21. war Tag des Schülers, weshalb die Jungs erst am Dienstag wiedergekommen sind. Die Mitarbeiterschaft nutze den Feiertag für ein Asado (≈ Grillen), zur Feier der Erzieher und Lehrkräfte.
Dieser Samstag, der 26., war der Geburtstag von Padre Alex, dem Leiter des Oratorios. Insgesamt 6 verschiedene Kuchen bekam er über das Wochenende, genug um eine ganze Insel zu ernähren. Bei der Feier am Samstagabend waren unter anderem die Jugendleiter der verschiedenen Gruppen eingeladen. Es gab ein Kahoot über Padre Alex, Karaoke, Hotdogs und kurze Reden, die gezeigt haben, wie viel Padre Alex für die Pfarrei macht und wie sehr er wertgeschätzt wird.
Ich kann natürlich nicht genau wissen was mein Mitbewohner gemeint hat, aber wenn ich nochmal gefragt werde „Warum Santiago?“, wäre dieses Gefühl der Gemeinschaft meine Antwort. Die Menschen, die mich ohne zögern aufgenommen haben und mit mir ihr Mate, ihr Leben und Eis gemeinschaftlich teilen (man kauft hier nicht jeder ein Eis in der Waffel oder im Becher, sondern löffelt zu sechst aus einem gemeinsamen 1 Kilo Topf).

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