Ich will diesen Eintrag mit einer ein wenig unangenehmen Anekdote anfangen: gestern Nacht besuchte mich eine Kakerlake in meinem Zimmer. Angewidert wendete ich mich dem Internet zu und fand heraus, dass Kakerlaken oft als ein Symbol für Anpassungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Widerstandsfähigkeit gelten. Ich fange mit Kakerlaken an, zum einen weil es das Schlimmste ist, was diese ersten eineinhalb Wochen hier passiert ist und ich finde das zeugt von einem sehr gutem Anfang. Zum anderen finde ich es schön, vor allem am Anfang meines Jahres hier, diesen Besucher als gutes Omen interpretieren zu können (Natürlich habe ich das gute Omen trotzdem schnellstmöglich aus meinem Zimmer entfernt).
Genug über die Kakerlake. Ich bin letzten Dienstag angekommen und fühle mich mit jedem Tag hier wohler. Am Anfang war vieles noch überfordernd und ich war teils sehr verloren, dies ist aber mit jeder Erledigung einer Aufgabe weiter gewichen. Geblieben ist vor allem Dankbarkeit für die Unterstützung durch die Mitarbeiter und meinen Mitbewohnern, die mir vieles zeigen, erklären und mir netterweise eine Stütze bieten.
Dabei habe ich, neben dem Aufbau des Projektes, zwei Dinge gelernt:
- Meine Arbeit unter der Woche besteht aus der Begleitung der Jungs, die von Montag bis Freitag hier wohnen. Vormittags haben sie Estudio, was eine Mischung aus eigenständiger Arbeit, Hausaufgaben machen und Nachhilfe ist. Nach dem Mittagessen gehen sie in die Schule und ich habe bis mindestens 18 Uhr frei. Ich dachte zuerst, ich könnte diese Stunden nutzen um Dinge zu erledigen, wie zum Beispiel meine Einkäufe. Ich musste aber auf die harte Art lernen, dass in Santiago die Siesta („Mittagsschlaf“) sehr ernst genommen wird. Als ich also das erste Mal los gezogen bin, habe ich keinen einzigen offenen Läden gefunden, da alle Mittags schließen und erst wieder ab 17 Uhr aufmachen.
- Am Abend finden im Oratorio Talleres („Workshops“) statt. Am ehesten gleichen sie den deutschen VHS-Kursen. Jeder der Jungs ist in einem angemeldet, aber die Kurse sind auch für Leute von außerhalb offen. Ich habe mich in den Schreiner-Kurs gesetzt und habe festgestellt, dass die Menschen hier tatsächlich zu jeder Möglichkeit Mate trinken und dabei sehr großzügig teilen. Es fühlt sich fremd, aber auch sehr gemeinschaftlich an, von jemandem, mit dem man nicht mehr als zwei Sätze ausgetauscht hat, ein Mate angeboten zu bekommen. Was mir dabei von meinen Mitbewohnern mitgeteilt wurde, ist dass ich auf diese Freundlichkeit nicht mit einem „Danke“ antworten darf, da es bedeutet, dass man kein weiteren Mate will. Es fühlt sich zwar falsch an, sich nicht zu bedanken, und trotzdem ist die Güte, die für selbstverständlich gehalten wird, sehr schön zu sehen.

Am Wochenende fahren die Jungs nicht nach Hause, weil dass teilweise eine 6 Stunden Fahrt bedeuten würde. Stattdessen sind sie bei Bekannten hier in Santiago untergebracht. Deswegen wird das Wochenende für Jugendgruppen und einem ein bisschen anderem Oratorio verwendet. Freitag Abend, wird alle zwei Wochen eine Essensausgabe für die Kinder aus der Gegend veranstaltet. Dafür kommen Ehrenamtliche, größtenteils Studenten und verbringen Zeit mit den Kindern. Im Moment wird organisiert ihnen zusätzlich dazu auch lesen und schreiben beizubringen.
Samstag findet dann das Oratorio Papa Francisco statt. Eine Gruppe Ehrenamtlicher begleitet einen Salisianer in das ärmere Viertel hier in der Nähe. Der Morgen wird dann mit den Kindern in einer offenen Halle verbracht. Es gibt Frühstück, ein kindgerechter Gottesdienst und Spiele oder andere Freizeitaktivitäten. Mein Mitbewohner meinte zu mir, dass dieses Oratorio der ursprünglichen Arbeit von Don Bosco am meisten ähnelt und ich kann verstehen was er meint.
Nach dem Mittagessen (der ersten Mahlzeit bei der sich für mich der Essensaal unglaublich leer angefühlt hat) ist es dann Zeit für die verschiedenen Jugendgruppen und einem gemeinsamen Gottesdienst am Abend.
Sonntag wird die Weisung des Ruhetages sehr ernst genommen, was mir jedoch sehr gelegen kam. Bei den Telefonaten mit meinen Freunden aus Deutschland und auch jetzt beim Schreiben, fällt mir auf, dass ich unglaublich viel tolles neues erlebt habe und erzählen möchte. Dabei sind erst 10 Tage vergangen und es wird noch viel mehr auf mich zukommen.
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