Muraho liebe Leser!

Seit gut drei Wochen bin ich jetzt wieder zurück in Ruanda. Zurück von unserem Zwischenseminar in Sambia. Zurück Zuhause. Denn Rango ist mittlerweile wirklich mein Zuhause (jenseits vom Dicken Turm 😉 )

Was macht man auf so einem Zwischenseminar? Zunächst einmal haben Lina und ich alle anderen Freiwilligen getroffen, die in Afrika einen Freiwilligendienst über Don Bosco volunteers machen. So trudelten 14 Volontäre aus Sambia, Uganda, Malawi, Benin, der Elfenbeinküste, Ghana und mit uns aus Ruanda in dem Provinzialat der Salesianer in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia ein. Nach fast sechs Monaten gab es natürlich viel Gesprächsbedarf. Was machen die anderen in ihren Projekten? Wo gibt es Unterschiede? Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Wie konnten die anderen Probleme lösen? Was für Spiele haben bei den Kindern gut funktioniert? Was für gute und was für schlechte Erfahrungen haben wir gemacht? Solche und ähnliche Fragen haben wir in gut einer Woche beantwortet. Und nochmals ist mir aufgefallen, dass Afrika nicht gleich Afrika ist. Jeder von uns erlebt in seinem Einsatzland doch ganz unterschiedliche Erfahrungen. Am Ende der Woche erstellten wir alle einen „Masterplan“ für die verbleibende Zeit in unseren Projekten. Schriftlich hielt ich so noch einmal fest, was ich in dieser Zeit noch alles erreichen möchte.

Nach der Woche in Lusaka, in der wir nicht besonders viel von Sambia mitbekommen haben, nutzten wir die Chance, eine Woche Urlaub an das Zwischenseminar anzuhängen. So sind wir zusammen mit 8 anderen nach Livingstone gefahren. Wem diese Stadt nichts sagt, kein Problem. Die Viktoriafälle sagen wohl jedem etwas. Und genau dort sind wir gewesen. Die Wassermassen des Sambesi stürzen hier, an der Grenze von Sambia und Simbabwe mehr als hundert Meter in die Tiefe. Ich war beeindruckt von dem Naturschauspiel, den vielen Regenbögen und der unfassbaren Kraft der Natur. Natürlich stand in unserem Urlaub auch Erholung auf dem Tagesplan. Wir nutzten die Zeit, um viel Schlaf nachzuholen, lange Gespräche zu führen und noch einmal ordentlich Kraft zu tanken, bevor es wieder zurück in unsere jeweiligen Länder ging.

Auf der Brücke geht es von Sambia nach Simbabwe

Auf der Brücke geht es von Sambia nach Simbabwe

Kleines Gruppenbild vor den Viktoriafällen

Kleines Gruppenbild vor den Viktoriafällen

Mit ganz viel neuer Motivation, neuen Ideen und neuer Kraft im Gepäck kamen Lina und ich nachmittags in Rango, unserem Zuhause, an. Wir wurden am Busbahnhof abgeholt und schon da gab es eine tolle Überraschung. Der Pater, der uns abholte, kam nicht alleine: Auf der Ladefläche des Autos waren drei „unserer“ Kinder, die uns herzlich begrüßten. Für mich war das ein ganz besonderer Moment, zu sehen, dass sich die Kinder wirklich freuten, dass Lina und ich zurück in Rango sind. Zwei Wochen waren eben doch eine lange Zeit. Hier bin ich nun also wieder. In Rango. Zuhause. In unserem Dorf, bei unserer Schule, unseren Kindern, unseren Freuden und, anders kann es ja auch nicht sein, unseren Problemen. Auch wenn ich gerade sehr stark betont habe, dass ich mich hier Zuhause fühle, gibt es immer noch Situationen, bestimmte Erlebnisse und Dinge, die für mich nicht verständlich sind, mich belasten oder eine gewisse Hilflosigkeit hervorrufen.

Eine dieser Erfahrungen, die ich lieber nicht machen würde, ist die Sache mit der Gewalt. Leider bekomme ich hier immer wieder mit, wie oft sich die Kinder gegenseitig schlagen oder von anderen Personen geschlagen werden. Auch wenn es offiziell verboten ist, Kinder zu schlagen, wird diese Regel in der Praxis leider nur selten umgesetzt. Gesellschaftlich ist es meistens ganz normal, einem Kind einen kleinen Klaps auf den Kopf zu geben – oder eben auch einmal mehr als einen Klaps. „Kubita ni bibi! – Schlagen ist schlecht!“ ist also einer der Sätze, die ich am Tag gefühlt hundert Mal sage. Oft fühlen sich die Kinder nämlich auch ein Stück weit füreinander verantwortlich und wollen oder müssen sogar die Rolle eines Erziehers erfüllen. Gerade die älteren Geschwister „erziehen“ ihre jüngeren Geschwister, da die Eltern wenig Zeit haben oder nicht jedem einzelnen der durchschnittlich 5 bis 6 Kinder in der Familie Aufmerksamkeit schenken können. Die Erziehungsmaßnahmen der älteren verläuft oft so, wie sie es gewohnt sind: Mit Schlägen. Darum sehe ich hier auch immer wieder Kinder mit Stöcken in der Hand herumlaufen. Die Stöcke dienen nicht zum Spielen, wie ich anfangs gedacht habe, sondern zum Zurechtweisen anderer Kindern. Allein mit den Stöcken in der Hand strahlen sie eine gewisse Macht aus und letztlich dienen die Stöcke auch zum Selbstschutz. Trotzdem ist es nicht so, dass sich die Kinder den ganzen Tag lang verhauen wollen (auch wenn ich da ab und zu das Gefühl habe). Auch in Deutschland verhauen sich Kinder gegenseitig.

Aber wie ich schon angedeutet habe, werden Kinder auch von anderen Personen, von Erwachsenen, geschlagen. Ob in der Familie oder in der Schule: Für viele Kinder ist es Alltag, mit Schlägen für „schlechtes Verhalten“bestraft zu werden. Mein ehemaliger Englischschüler, ein 9-jähriger Junge mit jeder Menge Unfug im Kopf, hat eines Tages seine Englischhausaufgaben vergessen. Für mich war das nicht weiter schlimm. Schließlich will er Englisch lernen und nicht ich. Er wollte aber, dass ich ihm als Bestrafung auf die Hände schlage, was ich selbstverständlich nicht getan habe. Aber etwas perplex war ich in diesem Moment schon.

Die Sache ist nämlich die, dass viele Kinder in der Schule von ihren Lehrern geschlagen werden. Gewalt in der Schule ist trauriger Alltag für viele Kinder. Ich habe schon viele Geschichten von den Kindern gehört, die mich traurig und wütend zugleich machen. Die Schulbildung ist nämlich für alle Kinder in Ruanda kostenfrei. Allerdings benötigen die Kinder Schuluniformen, die umgerechnet etwa 4 Euro kosten. Außerdem noch Stifte und Hefte. Hört sich großartig und fortschrittlich an, sieht in der Praxis aber mal wieder ganz anders aus! Manche Familien können sich die Schuluniformen der Kinder nicht leisten. Kommt das Kind dann ohne Uniform in die Schule, wird es ganz einfach nach Hause geschickt. Kommt das Kind ohne Heft, Stift oder einem schlechten Haarschnitt in die Schule (der Kopf muss – ob Junge oder Mädchen – kahlgeschoren sein!), dann wird das Kind oft zur Bestrafung geschlagen. Natürlich geht das Kind dann nur ungern oder unregelmäßig in die Schule. Die Folgen davon sind selbstverständlich verheerend. Wie sieht die Zukunft eines Kindes aus, das nicht einmal die Grundschule beendet hat, dessen Eltern finanzielle Schwierigkeiten haben und das von klein auf mit Gewalt konfrontiert ist?

Wenn mir die Kinder solche und ähnliche Geschichten erzählen, dann geht das an meine Substanz. Ich kann weder das ganze Schulsystem in Ruanda ändern, noch sämtliche Lehrer neu einstellen. Was Lina und ich aber tun können ist, für die Kinder da sein, ihnen zuhören (soweit das unsere Kinyarwanda-Fähigkeiten mitmachen) und ihnen in Kwiga-Stunden (=Lern-Stunden) Wissen vermitteln. Das alles natürlich ohne Bestrafungen, schließlich sollen sich die Kinder hier, bei Don Bosco, sicher fühlen und einfach einmal Kind sein dürfen.

Es geht auch ganz friedlich - hier beim Malen

Es geht auch ganz friedlich – hier beim Malen

Das Ergebnis sieht in etwa so aus

Das Ergebnis sieht in etwa so aus

Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich hier so wohl fühle. Die Arbeit mit den Kindern ist oft anstrengend und nervenaufreibend. Gleichzeitig kann ein einziges herzliches Lächeln einen ganzen Tag aufhellen und ich habe „unsere Kinder“ richtig ins Herz geschlossen.

Mir war es wichtig, in diesem Eintrag das Thema Gewalt anzusprechen. Kein einfaches Thema, ich weiß. Aber auch mein Leben in Ruanda besteht eben nicht nur aus Geburtstagsfeiern und Reisen. Genauso besteht Ruanda nicht nur aus traumhaften Landschaften und Fortschritt, aber das ist schon wieder ein ganz anderes Thema, über das ich vielleicht ein anderes Mal schreiben werde.

Gerade höre ich den Muezzin der nahe gelegenen Moschee rufen, es ist kurz nach 12 Uhr Mittag. Außerdem höre ich ein vertrautes Knacken. Die Sonne bringt mal wieder unser Dach durch ihre Hitze zum Sprechen. Die Krähen im Garten krächzen, der Fußball auf dem Fußballplatz ist mal wieder in Gebrauch…..“Valentina? Urarwaye?“ („Valentina. Bist du krank?“) Höre ich auf einmal ein Kind vor meinem Fenster fragen. Ein Hinweis dafür, dass ich jetzt wohl besser aufhören sollte mit dem Blogartikel und lieber wieder nach draußen gehen sollte. Bevor sich noch mehr Kinder fragen, warum ich nicht draußen, sondern in meinem Zimmer bin.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen noch einen schönen Tag. Auf Kinyarwanda das Ganze noch einmal: Umunsi mwiza!

 

Bis demnächst,

Valentina