Unterwegs in einem stillen Land https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/ Fri, 22 May 2026 14:52:12 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Und alles neu macht der Mai https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/05/22/und-alles-neu-macht-der-mai/ https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/05/22/und-alles-neu-macht-der-mai/#respond Fri, 22 May 2026 02:31:46 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/?p=42 Mein letzter geschriebener Blogeintrag ist jetzt schon drei Monate her. Es hat sich viel verändert und viel ist gleich geblieben. Februar, März, April kamen und gingen, ohne dass man es je bemerkt hätte. Jetzt ist schon Mai, ich bin seit fünf Monaten hier, in drei wieder weg. Dieser Blogeintrag wird wohl eine Art Sammlung an […]

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Mein letzter geschriebener Blogeintrag ist jetzt schon drei Monate her. Es hat sich viel verändert und viel ist gleich geblieben. Februar, März, April kamen und gingen, ohne dass man es je bemerkt hätte. Jetzt ist schon Mai, ich bin seit fünf Monaten hier, in drei wieder weg. Dieser Blogeintrag wird wohl eine Art Sammlung an Geschichten und Dingen, die mir in den letzten paar Monaten aufgefallen sind. 

Samaipata:

Anfang April kam meine Familie zu Besuch. Wir trieben uns hauptsächlich im schwülen Santa Cruz herum, doch ein paar Tage verbrachten wir in dem circa hundertzwanzig Kilometer entfernten Bergort Samaipata. 

Samaipata ist insgesamt ein kleines Abenteuer, von der Anreise bis zum Ort selbst und seinem Umland. Die Anreise erfolgte in einem “Trufi,” einer Art Minivan, in den wir uns reinquetschen. Dann konnte die Reise losgehen. Der Fahrer kaufte sich noch an einem Stand eine grüne Plastiktüte voller grüner Blätter. Es waren Kokablätter, das ewige Lebenselixier des bolivianischen Volkes, diesmal mit RedBull Geschmack. Ein wenig unorthodox, doch eigentlich ganz lecker. Das Kauen dieser Blätter ist hierzulande eine tief verzweigte Tradition – seit tausenden von Jahren stopfen sich die Menschen Koka in die Backen. Und besonders in körperlichen Berufen oder in Tätigkeiten, die besondere Konzentration erfordern, ist der Konsum weit verbreitet. In einem Kleinbus prekäre Gebirgsstraßen zu befahren würde dazu wohl zählen, deswegen kauen viele Fahrer Koka. Der Konsum der Blätter verleiht dem Konsumenten eine erhöhte Konzentration, Aufmerksamkeit und Klarheit. Der Saft der Blätter betäubt den Mund und mischt sich mit Speichel zu einem braunen Saft, den man als Fahrer aus dem Fenster spuckt.

Wir fuhren los und der mittägliche Stadtverkehr von Santa Cruz floss dahin wie ein zäher Strom aus Melasse. Es waren ohnehin schon über dreißig Grad und der endlose Asphalt machte es nur schlimmer. Wir waren ein kleines Boot und fuhren unter Palmen auf einem Meer aus Benzin. Schwitzend saßen wir im Trufi, und von Bergen und Natur war weit und breit keine Spur. Der Fahrer machte noch einen Stopp, um zu tanken, wir mussten aussteigen. Denn die Trufis tanken Erdgas, und man will ja, falls etwas schiefgeht, keine Gringofamilie in die Luft jagen. Wir fuhren weiter raus aus der Stadt, vorbei an unendlichen ärmlichen Wohnvierteln, vorbei an geschäftigen Märkten, vorbei an den obligatorischen Massen an wartenden oder schlafenden Menschen. 

Als wir in die südlichen Vororte von Santa Cruz kamen, konnten wir am westlichen Horizont so langsam die Berge sehen, die auch aus der Ferne schon Imposant wirkten. Es wurde ländlicher und ländlicher und die Ortschaften flogen an uns vorbei. La Guardia, San Jose, El Torno, Taruma, San Luis. Schließlich kamen wir in La Angostura an, dem letzten Ort in der Ebene vor dem Fuße des Gebirges. Von hier türmen sich die Berge schon majestätisch über der Landschaft auf. Das ist der berühmte „Codo de los Andes,” der Ellenbogen der Anden. Hier macht dieses kolossale Gebirge eine Biegung nach Süden und folgt den natürlichen Konturen des Kontinents. 

Nach La Angostura beginnt dann die Bergstraße nach Samaipata, die Ruta Nacional 7. Auf zwei Spuren bewegt sich hier ein großer Teil des bolivianischen Trans-Anden Verkehrs. Wenn etwas vom Altiplano, also aus Städten wie La Paz und Sucre oder auch aus Peru oder Chile, die Anden überqueren muss, dann gibt es in Bolivien außer dieser nur eine handvoll anderer Routen. Die RN7 schlängelt sich durch das Gebirge, eng an riesigen Felsen und dicht bewaldeten Bergen hängend. Und prekär ist sie auch noch! Es half nicht, dass es viel geregnet hatte, und die Straße an vielen Stellen einfach von Erdrutschen oder Steinschlägen weggewaschen wurde. So fuhren wir dann nach Samaipata, auf einer Seite der Abgrund, auf der anderen der Dschungel, alle paar hundert Meter kleine Mahnmäler und Kreuze am Abgrund, manchmal wegen Reparaturarbeiten haltend, manchmal uns mit allem Verkehr auf einer Straßenseite durchquetschend. Die normalerweise ungefähr drei Fahrstunden dauernde Strecke schafften wir in knapp fünf.

Irgendwann kamen wir dann doch noch in Samaipata an, auf zirka 2000 Höhenmetern. Samaipata ist eine komische Mischung. Das Städtchen selbst scheint die Jahrtausendwende nie so richtig mitgemacht zu haben; die engen Straßen sind aus Sand oder Lehm, sie sind von braunen Adobe Häusern gesäumt, von braunen Häusern aus Lehmziegeln. So werden Häuser auf der ganzen Welt schon seit tausenden von Jahren gebaut. Diese altertümliche Ortschaft wird von vielen uralten Autos und umso mehr müden Straßenhunden besiedelt. Doch zwischen den Sandstraßen, den Lehmhäusern und den fahrenden Wracks treiben sich, den Umständen entsprechend, ausgesprochen uncharakteristische Menschen umher. Samaipata beherbergt nämlich eine blühende Tourismusindustrie, die hauptsächlich junge Backpacker aus dem Westen anlockt. So hat dieses eigentlich verschlafene, in der Zeit steckengebliebene Anden-Örtchen teilweise eine Atmosphäre, wie man sie aus stark gentrifizierten Vierteln in Berlin oder Brüssel, beispielsweise aus dem Prenzlauer Berg kennt. 

Ich hätte mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, dass ich in einem Ort wie Samaipata auf eine Cocktailbar namens „La Boheme” stoßen würde, in der eine Cloud-Ingineurin aus Kreuzberg (eigentlich aus Paderborn, seit sechs monaten in Berlin), ein DJ aus Melbourne und ein Barista aus Kopenhagen sitzen – und in der es auch noch Smashburger gibt! Besonders die Smashburger machten mich sehr zornig. Diese lächerliche, als Geschmackserlebnis getarnte Burgergentrifizierung, bei der der Burger immer kleiner und dünner wird, während der Preis aufgrund des Cool-Faktors steigt, ist schrecklich. Außerdem ziehen Smashburger, genau wie die des „La Boheme” in Samaipata es offensichtlich tun, ein mir höchst unsymphatisches Milieu an. 

Ansonsten war Samaipata sehr angenehm, und der Rest des Volkes, sowohl Einheimische als auch Touristen, waren eher behaglich. Wir machten eine Wanderung im Umland, auf der Suche nach Andenkondoren, dem größten fliegenden Vogel der Welt. Wir kehrten einen Tag früher als geplant nach Santa Cruz zurück, denn die Straße befand sich in einem so schlechten Zustand, dass jeder Regen ihre Schließung bedeuten könnte. Und wir wollten auf gar keinen Fall in den Bergen stecken bleiben. 

Mai:

Jetzt komme ich zu dem Titel des Blogs. Denn in der Tat macht der Mai scheinbar alles neu. Es ist kalt geworden in Santa Cruz. Bis vor ein paar Tagen dachte ich, diese Worte würde ich nie schreiben, geschweige denn überhaupt denken. Doch es ist wirklich wahr, es ist kalt geworden in Santa Cruz. Und so sitze ich nun in meinem Sessel und schreibe, ich trage zwei Pullover und eine Jacke, trage zwei Hosen und zwei Paar Socken. Nachts muss ich unter drei Wolldecken schlafen, denn mein Zimmer ist nicht gedämmt. Ich habe kein warmes Wasser zum Duschen, und wenn es windet, dann bewegen sich auch bei geschlossenen Fenstern meine Vorhänge. Doch man wage es nicht zu denken, ich würde mich beschweren! Ich begrüße meinen ersten und vorläufig letzten Tropenwinter mit offenen Armen, denn mein Drang nach der ewigen Hitze war schon lange geschwunden. Die Kälte brachte mir etwas Schnupfen, aber auch frische Energie und eine willkommene Abwechslung. 

Hier läuft der Winter sehr seltsam ab. In Zeiträumen von ungefähr drei bis fünf Tagen wird es kalt, circa 15-20 Grad, und dann genau so lange wieder warm, also etwa 27-30 Grad. Dies hängt vom sogenannten „Surazo” ab, einem kalten Wind, der aus der Antarktis und aus Patagonien nach Norden kommt. Südlich von Santa Cruz liegen für tausende von Kilometern nichts als flache, spärlich bewachsene oder ganz karge Ebenen – die paraguayischen Chacos und die berühmten argentinischen Pampas. So steht den eisigen Winden nichts im Wege. Außerdem ist die Luft hier sehr feucht, was natürlich nochmal erheblich zum Gefühl der gnadenlosen Kälte beiträgt. 

Beobachtungen nach fünf Monaten: 

Bereits in meinem ersten Blog im Januar schrieb ich ein wenig über gesellschaftliche Beobachtungen, die mein Bild von Bolivien und seinem Volk formten. Eine für mich definierende Charakteristik dieser Gesellschaft ist ihre tiefe Spaltung. Jeder Aspekt – so scheint es mir mehr und mehr –  des bolivianischen Lebens ist gespalten. In der Regel laufen diese Spaltungen auf ähnliche Faktoren aus: Arm und Reich, Gebirge und Ebene, Weiß, Indigen und „Mestizo,“ politisch links und rechts. Diese Kategorien sind nicht unbedingt voneinander abhängig, doch sie interagieren sehr oft miteinander, wie auf einem Spektrum.

Die erste Kategorie, Arm und Reich, ist zum Beispiel eng mit ethnischer Zugehörigkeit verwickelt, welche wiederum mit der geographischen Lage zu tun hat. Die indigenen Ureinwohner, von Stämmen wie den Quechua und Aymara leben hauptsächlich in der kargen, ruppigen Andenlandschaft der westlichen Hochländer, konzentriert in Städten wie La Paz, El Alto, Cochabamba und Potosí. Die indigenen Bevölkerungen sind allgemein die ärmste Schicht der bolivianischen Bevölkerung, sie werden und wurden historisch unterdrückt und ausgebeutet. Die Städte und Departements des Landes, in denen eine große indigene Minderheit oder gar Mehrheit lebt, sind Hochburgen des früheren, eher linken Präsidenten Evo Morales (dazu später mehr). Die sogenannten „Mestizen” sind das Produkt jahrhundertelanger Mischung von Europäischen und Indigenen Genen, und die mit Abstand größte Gruppe der Bevölkerung, was sie auch zur gesellschaftlich ambiguosesten macht. Die Mestizen besetzen das gesamte wirtschaftliche Spektrum und das gesamte Gebiet des Landes, sind also ein riesiger Teil der städtischen Mittelschicht. Der kleinste Teil der bolivianischen Bevölkerung sind Weiße, nur von Europäern abstammende Menschen. Diese Gruppierung ist mit Abstand die wohlhabendste und kontrolliert einen überproportional großen Teil der Finanzen und der politischen Macht Boliviens. Sie ist im Prinzip eine Bourgeoisklasse, die sich auf Kosten der breiten Massen ein dekadentes Leben leisten kann. Die weißen Bolivianer bewohnen hauptsächlich die östliche Flachebene, insbesondere Santa Cruz. Außerdem ist sie stark an rechte und neoliberalistische Politik gebunden, die ihre Existenz ermöglicht und speist. 

Dazu ein Beispiel: Im Moment wird unweit des Flughafens von Santa Cruz eine riesige neue Wohnsiedlung gebaut, Nueva Santa Cruz. Dabei handelt es sich um ein gigantisches, futuristisches Projekt, bei dem im Prinzip eine ganz neue Stadt aus dem Boden gestampft wird. Es dreht sich alles um schicke, große Wohnungen, Parks, Paläste und Hotels, moderne Sportanlagen, und alles andere, was einem solchen Prestigeprojekt nicht fehlen darf. Nur eine Sache fehlt: normale Menschen. Nueva Santa Cruz wird nämlich in seiner Gänze für die Beau Monde der Stadt gebaut. Dadurch werden dann alle sozialen und infrastrukturellen Probleme der alten Stadt beseitigt; denn wenn man sich einfach von den Problemen fortbewegt, dann gibt es sie ja schließlich nicht mehr. So kann sich die regierende Oberschicht weiter und weiter vom Rest des Volkes entfernen, bis ihre zwei Welten sich schließlich gar nicht mehr überschneiden. Dann verfällt das alte Santa Cruz endgültig – wie es ja eh schon an vielen Orten tut – und es entsteht eine Dystopie wie zum Beispiel in Dubai, ein Staat, in dem die sozialen Klassen vollkommen voneinander entfremdet sind. Offensichtlich ist das für manche auch ein völlig legitimes und erstrebenswertes Ziel, immerhin war „la Dubai de Sudamerica” ein Wahlslogan des Gouverneurskanditaten Otto Ritter, der vor kurzem knapp die wahl zum Provinzgouverneur verlor. Aber Nueva Santa Cruz ist noch nicht fertig, und damit auch nicht das Dubai von Südamerika. Doch auch im normalen Santa Cruz merkt man schon allzu oft die alarmierende Abschottung der Reichen vom Rest des Volkes. Wenn man sich mal zwischen diesen Welten bewegt, dann wird einem schnell klar, was für ein unglaublicher Unterschied es sein kann, in Bolivien zu leben. 

Meiner Meinung nach gibt es in diesem Land nur eine einzige Sache, einen vollkommen transzendenten Gegenstand, der alle Ecken und Enden des gesellschaftlichen Spektrums verbindet. Egal ob man arm oder reich ist, weiß oder indigen, ob man in Santa Cruz schwitzt oder in La Paz friert – in Bolivien gibt es immer einen Monobloc. Der Monobloc ist der Plastikstuhl, den man sich vorstellt, wenn man an einen Plastikstuhl denkt. Von dem erstmals in den 70er Jahren produzierten Plastikstuhl gibt es Schätzungen nach weltweit mittlerweile über eine Milliarden Exemplare, also etwa einen Monobloc für alle acht Menschen. Ich würde schätzen, dass es in Bolivien noch weit mehr davon gibt. Der Stuhl schert sich nicht um Klasse oder Hautfarbe oder irgendwelche erfundenen Normen und Kategorien. 

Egal ob vor einem Straßenstand der einem zusätzlich zu einem mittelmäßigen Hamburger noch E-Coli verkauft, im Speisesaal eines Kinderheims, oder auf der Terrasse eines schicken Cafes oder Restaurants, der Monobloc ist in Bolivien so omnipräsent wie die spanische Sprache oder die Berge am Horizont – und das finde ich toll. Dadurch verbindet dieses bescheidene Möbelstück doch irgendwie alle Menschen, selbst wenn es ihnen nicht bewusst ist. 

Im Moment spitzen sich die sozialen Unterschiede Boliviens immer mehr zu. Das Land kommt mir wie ein Pulverfass vor, das jeden Moment hochgehen könnte. Das hat insbesondere mit dem jüngsten Politikwechsel zu tun, der den künftigen Kurs des Landes offensichtlich um 180 Grad gewendet hat. Doch diese Kursänderung hatte für viele katastrophale Folgen und nun droht das Schiff zu sinken. Schon seit Monaten kommt es immer wieder zu Protesten, Gewalt und Straßenblockaden. Aufgrund der häufigen Treibstoffknappheiten, den steigenden Lebensmittelkosten und der liberalistischen, eher arbeiterfeindlichen Politik der neuen Regierung sind viele Menschen, besonders die Arbeitergemeinden – die Anhänger des Ex-Präsidenten Evo Morales – der westlichen Hochländer mittlerweile desillusioniert und gehen auf die Straße. Dabei werden die Demonstrationen von allen Lagern aus immer gewalttätiger. Zur Zeit sind fast alle Wege in und aus den beiden Hauptstädten, La Paz und Sucre, blockiert, es gibt große Engpässe mit der Lebensmittelversorgung. Hier in Santa Cruz merkt man vorerst nichts von dem ganzen.

Ich sitze auf einem Boot ein paar Meter entfernt vom sinkenden Schiff und schaue zu –  schaue zu, ob die Löcher noch geflickt werden können, ob die Besatzung meutert, was wohl als nächstes passiert. Beim Warten bekomme ich immer wieder Emails vom Auswärtigen Amt, die mich warnen: auf keinen Fall rüber rudern! So warte ich nach wie vor hier, während sich das halbe Land mit Steinen, Dynamit und Molotowcocktails bewirft und friere in meinem zugigen Wohnzimmer dahin.  

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Augenblicke in Buenos Airess https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/03/09/augenblicke-in-buenos-airess/ https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/03/09/augenblicke-in-buenos-airess/#respond Mon, 09 Mar 2026 01:17:59 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/?p=40 Diesmal habe ich statt einem schriftlichen Blog ein kleinen Kurzfilm über Buenos Aires hergestellt. Anbei der Link. Ihr könnt gerne an mich spenden, es würde mich sehr freuen! DON BOSCO MISSIONLIGA BANK MÜNCHENIBAN: DE66 7509 0300 0102 1418 76BIC: GENODEF1M05 Verwendungszweck: Ingmar Wetzel, S25VB021

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Campamento https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/02/01/campamento/ https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/02/01/campamento/#respond Sun, 01 Feb 2026 01:02:39 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/?p=24 Sonntag: In Santa Cruz regnete es in Strömen. Es waren 28 Grad, aber es regnete und mir war kalt. So fuhr ich an diesem Morgen frierend zum Busbahnhof. Es hatte zuvor tagelang nicht geregnet und ausgerechnet als ich fuhr, musste es regnen, vielleicht ein böses Omen für die kommenden neun Tage, vielleicht auch nicht. Ich […]

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Sonntag:

In Santa Cruz regnete es in Strömen. Es waren 28 Grad, aber es regnete und mir war kalt. So fuhr ich an diesem Morgen frierend zum Busbahnhof. Es hatte zuvor tagelang nicht geregnet und ausgerechnet als ich fuhr, musste es regnen, vielleicht ein böses Omen für die kommenden neun Tage, vielleicht auch nicht. Ich traf mich mit Mario, einem Erzieher – er verspätete sich um eine Stunde – und wir liefen durch den Regen, um unseren Bus nach San Carlos zu suchen. Und als wir das „Trufi” nach San Carlos fanden, waren wir wieder durchnässt und froren.

Wir kamen an und setzten uns, insgesamt waren es neun Leute in einem alten Minivan – mit nur acht Plätzen. Ausgerechnet ich durfte ganz hinten in der Mitte sitzen, auf einem Platz, der eigentlich nicht existierte, zwischen zwei normalen Sitzen. Und so fuhren wir los an diesen unbekannten Ort im Regenwald. Die Fahrt war alles andere als kommod. Fahrer und Beifahrer kauten fleißig Kokablätter, in der Mitte unterhielt man sich laut und der Mann neben mir wollte nicht aufhören zu beten und sich zu bekreuzigen. All dies verlieh mir ein leicht mulmiges Gefühl, das dann jedoch schnell verflog, als der Fahrer die Fenster aufmachte, sodass es nun tierisch windete und hineinregnete. So fror ich wieder, war wieder nass, und vor allem war ich ziemlich genervt.

Nach ein paar Stunden kamen wir dann auch in San Carlos an. Dort gab es erst einmal Mittagessen – wie immer Reis. Doch gerade diesen öden, alten Reis würde ich in den nächsten paar Tagen noch mit Herz und Seele vermissen. Nach dem Essen machte ich mich mit den Räumlichkeiten des Ferienlagers vertraut, kein besonders langes Unternehmen. Zwei Schlafsäle gab es, zwei Dusch- und Toilettenbereiche – ausgestattet mit hochmodernen Hockklos – eine Küche mit Speisesaal, einen Mehrzweckraum. Ich war sehr erfreut, als ich entdeckte, dass es neben den Schlafsälen noch ein Bad für Erzieher und Volontäre gab – ausgestattet mit einer Dusche und einer normalen Toilette. Ich bezog mein Bett und lag probe. Es war ungefähr zwanzig Zentimeter zu kurz und geformt wie eine Schüssel, sodass ich die Beine nicht ausstrecken konnte, ohne dass sie sich zu weit bogen und in den Gang ragten. Aber es musste wohl reichen. Der Rest des Tages geschah ohne wesentliche Ereignisse.

Montag:

Am ersten Tag war es schrecklich heiß. Schon morgens zur Frühstückszeit waren über dreißig Grad und dazu war es schwül. Den Morgen verbrachte ich auf einer Bank im Schatten und tat wenig, dafür war es zu heiß. Auch hatte ich keine klare Aufgabe, so konnte ich die Hitze ohne großen Stress ausharren. Das Mittagessen bildete die Erste in einer langen Reihe ernährungsbezogener Enttäuschungen. Denn der Reis war ausgegangen, es gab nur noch Nudeln. In Bolivien werden Nudeln vor dem Kochen noch in Öl frittiert, anschließend in einer fettigen brüheartigen Flüssigkeit noch zu einer homogenen Masse gekocht. Insgesamt handelt es sich hier um ein schweres Delikt, das gegen jegliche Konventionen des Essbaren verstößt und ausgesprochen ekelhaft ist. Das Wasser in San Carlos ist dem schwachen europäischen Magen nicht bekömmlich, deshalb mussten wir es aufkochen – ein starker Eisengeschmack war leider nicht wegzubekommen. So würgte ich meine Schandnudeln mit meinem nach Blut schmeckendem Wasser runter und fürchtete die kommenden Tage.

Nach dem Essen verließen wir das erste mal das Gelände des Ferienlagers und betraten die umringenden Viehweiden, die immer wieder zu unpassierbarem Dschungel übergingen. Nun begann die liebste Tätigkeit der Jungen. Mit Steinschleudern bewaffnet suchten sie Wespennester und schossen auf sie. Jeder – mir inklusive – rannte so schnell er konnte fort, um dem wilden Schwarm aus fetten, schwarzen Wespen zu entkommen. Manchmal schafften es alle in Sicherheit, manchmal nicht. Dann gab es Stiche, die zu der Größe eines Tennisballs anschwollen und viele Tränen. Dieser riskante Zeitvertreib beruhte auf dem darwinistischen Prinzip des Überlebens des Stärkeren; und ich konnte schneller rennen als die Kinder, ich entkam immer. Das erhöhte Risiko dieses Unternehmens war wohl auch die Ursache seiner Beliebtheit. Denn normalerweise führen die Jungen im Heim ein ausgesprochen geregeltes und durchgeplantes Leben, ohne Gefahren oder große Überraschungen. Die Wespenjagd war wohl eine Art infantiler Schrei nach Freiheit und Selbstbestimmung, auch angesichts eines großen Risikos – selbst wenn keiner von den Jungs es als solchen angesehen hat, sondern einfach als ein lustiges Spiel. 

Danach kehrten wir wieder in das Ferienlager zurück, wo schon das Abendessen zubereitet wurde. Wieder gab es die elenden Ölnudeln, wieder musste ich sie mit Blutwasser runterwürgen. 

Dienstag:

Am zweiten Tage gab es wenig zu tun. Nach dem Frühstück regnete es. Das war kein belgischer Sprühregen und kein Berliner Sommergewitter – das war ein Sturm, wie es ihn nur im Amazonas geben kann. Das waren Wassermassen, die einen ganzen Ozean füllen konnten, begleitet von einem ohrenbetäubenden Getöse, einem krachenden, vollen Rauschen. Es schien mir, als könnte jeder einzelne Tropfen ein Glas füllen, als breche jedes gleich Dach zusammen. In der Ferne waren die Felder und der Dschungel wie durch eine silberne Gardine verschleiert und die rote Erde und das grüne Gras ersoffen im bald knöcheltiefen Wasser. Es war ein herrlicher, kräftiger, wunderbarer Regen, der mich befriedigte und beruhigte, ein Regen, wie es ihn nur sehr selten gibt. Und am aller wichtigsten – der Regen kühlte ab. Bald hörte er auf und es legte sich über die Landschaft eine paradiesische Kühle. Die Vögel fingen wieder an zu zwitschern und die Mückenheere zogen ab und meine Kopfschmerzen verschwanden und meine müden Glieder waren wieder flink.

Meine Stimmung trübte sich wieder, als die Uhrzeiger sich dem Mittagessen näherten. Zerschlagen musste ich mein Schicksal akzeptieren und mal wieder die niederträchtigen Armutsnudeln wegstecken. Nachmittags wurde es wieder sehr heiß und wir gingen in den Park des Dorfes San Carlos. Zum Park musste man ungefähr zwanzig Minuten laufen, der Weg führte über eine Landstraße. Die langsam untergehende Sonne schien auf den Asphalt und ließ ihn in der Ferne flimmern. Wie ein schwarzer Faden trennte die Straße den dichten Regenwald, der sie zu beiden Seiten einschloss; jenes üppige, satte grüne Dickicht, das mir zu dieser Zeit noch so geheimnisvoll vorkam – und es auch immer noch tut. Beim Laufen wurde man von beiden Seiten mit den Geräuschen des Dschungels beschallt, es war geradezu laut. Kröten, Vögel, Frösche, Grillen und viel mehr schmolzen zu einer ständigen Geräuschkulisse zusammen, die mich fesselte. Im Park angelten die Jungen in einem kleinen, braunen Bächlein und fingen viele Fische. Es war ein schöner Nachmittag. Zum Abendessen gab es leider wieder Nudeln. 

Mittwoch:

Am Mittwoch lernte ich den für mich so faszinierenden Dschungel das erste Mal von innen kennen. Wir gingen wieder mit den Steinschleudern raus. Doch nach ein paar Minuten sah einer von den Jungen am Waldrand einen Affen, so hieß es: rein in den Dschungel! Mit einer Machete bewaffnet ging ich vor, um uns einen Weg freizuhacken. Ich fühlte mich wie Fitzcarraldo oder Aguirre, die sich und ihrem Gefolge den Weg auf die Spitze eines Berges bahnen. Doch nach nur einigen Minuten war ich alleine. Ich sah mich um und sah keinen anderen Menschen mehr und plötzlich war es sehr leise. Diese Stille war sehr gespenstisch, denn am Vortag hatte ich sehr regsam die Lautstärke des Regenwaldes wahrgenommen. Ich blickte umher; vor mir lag ein schwarzer, faul riechender Tümpel, dessen Tiefe ich unmöglich einzuschätzen vermochte. Über mir war kein Himmel zu sehen, nur Blätter und Äste. Auf den anderen Seiten meiner Gestalt befand sich eine undurchschaubare und undurchdringliche Einöde aus Grün und Braun, eine Art Wand, die ich ohne Hilfsmittel nicht passieren konnte.

Das Unterholz schien mir auf den ersten Blick seltsam tot und unbelebt. Vielleicht versteckte man sich vor mir, dachte ich. Doch dann bemerkte ich, dass sich alles bewegte. Der kleine Zweig unmittelbar neben meinem Kopf rührte sich etwas und ich merkte, dass es sich um eine Stabheuschrecke handelte. Vor meinen Augen flog ein großer, blauer Schmetterling, an einem Baum lief eine beängstigend große Spinne herauf, vor meinen Füßen verlief eine Ameisenstraße. Mir lief ein kalter Schauer bis tief ins Rückenmark und mich überkam der Drang, mich aus dem Staube zu machen. Gottseidank hatte ich noch meine Machete bei mir und so begann ich, wild umher zu schlagen, um mir einen Gang durch den dichten Busch zu hauen. So bewegte ich mich langsam voran, und nach einigen Minuten gedrosselten Fortschrittes stand ich plötzlich wieder auf einer Weide, vor mir ein paar magere Rinder. Ich hatte mindestens zwanzig neue Mückenstiche. So endete meine erste Exkursion in den Dschungel, ich hoffe, ihn in Zukunft noch besser kennenzulernen.

Freitag:

Am Donnerstag fuhren wir an den Río Surutú. Der Fluss war vom Ferienlager ungefähr zwanzig Minuten Fahrt entfernt, die wir aufgeteilt auf mehrere Ladungen auf der Ladefläche eines Pickups verbrachten. Auf der Fahrt ließen sich immer wieder die Berge blicken, die in der Ferne zu den Anden anwachsen.

Der Strom, an den wir fuhren, teilt das Flachland von den Vorbergen und nach vielen hundert Kilometern fließt er in den Amazonas. Als wir ankamen, zog ich meine Schuhe aus und stellte mich in das knietiefe Wasser. Hätte ich mich hingelegt und mich treiben lassen, dann wäre ich kurz hinter der brasilianischen Metropole Manaus mit dem Río Madeira in den Amazonas geflossen, nach noch etwa 1.500 km mehr bei Belem in den Südatlantik. Doch ich blieb stehen.

Das Wasser war rötlich braun, vollkommen opak. Zu beiden Ufern türmte sich das tiefgrüne Mauerwerk des Regenwaldes. Hier und da gab es Sandbänke, und manchmal bestand das Ufer aus hellen Kieselsteinen, was mich sehr an die Münchner Isar erinnerte. Im Laufe des Tages nahmen viele Teile meines Körpers, besonders meine Arme und mein Nacken eine krebsfarbige Rötung an. Die Kinder badeten im braunen Wasser und wir bauten Sandburgen und spielten Ball. Außerdem hatte an diesem Tag die schreckliche Nudelzeit ein Ende, denn es gab endlich wieder Reis. So mündete das Essen umso mehr, und ich war sehr zufrieden. 

Montag:

Samstag und Sonntag verliefen ohne nennenswerte Ereignisse, deshalb habe ich zu ihnen nichts geschrieben. Montag war der letzte ganze Tag, den wir im Ferienlager hatten. Vormittags wurde alles gründlich aufgeräumt und gewaschen. Ich überwachte alles, denn ich hatte genug Kleidung mitgenommen, um nicht waschen zu müssen. Abends bin ich mit ein einer Erzieherin und meiner Mitvolontärin Sophie zum Haus der Köchin gefahren, denn wir wollten Pizza backen. 

Die Köchin wohnte im Dorf, in einer Armseligen aber gemütlichen Gegend. Die Straße, in der das Haus lag, war unbefestigt und aufgrund des häufigen Regens kaum befahrbar.  Vor dem Haus standen erhabene Bäume, an denen Pampelmusen und andere lokale Tropenfrüchte wuchsen. Auch ein uralter Geländewagen stand davor. Der Vorgarten bestand aus einer tristen Schlammfläche und einem Grab; wer dort lag wagte ich nicht zu fragen. Der Hintergarten bestand auch aus rotem Matsch – der war mir in dieser Woche sehr vertraut geworden. Überall liefen hühner rum, die gackerten, irgendwo war auch ein Schwein zu hören. Es war an zufälligen und unnötigen Stellen Stacheldraht aufgespannt, scheinbar nur als Dekoration. Dächer und Zäune waren mit allerlei Materialien geflickt, Wände nicht verputzt.  Dieses Dorf war vollkommen in der Zeit stecken geblieben, es kam mir vor, als hätte sich hier seit Jahrzehnten nichts mehr geändert. 

An solchen stillen Orten überkommt mich immer ein allgegenwärtiges und gewaltiges Gefühl der Ohnmächtigkeit. Ich hätte mich am liebsten auf eine Bank gesetzt und den Hunden beim Bellen zugehört, hätte den Nachmittag am liebsten untätig verstreichen lassen. Dieses Gefühl kannte ich bereits von anderen Orten; von einem halb stillgelegten Gehöft in der finnischen Provinz, aus einem backsteinernen ostflämischen Nest, in dem der König immer noch Boudewijn ist, aus einem Berliner Hinterhof, in dem der Putz von den Brandwänden bröckelt. 

Die Pizza wurde in einem mächtigen Lehmofen gebacken, der wohl nicht für diese Anwendung gedacht war, sich aber erstaunlich gut dazu eignete. Als die Pizza fertig war, fuhren wir zurück in das Ferienlager. Die Jungs freuten sich sehr über diese neapolitanische Spezialität, die wir nicht besonders originalgetreu zubereitet hatten. 

Dienstag:

Am Dienstag fuhren wir endlich nach Hause, nach Santa Cruz. Ich freute mich sehr darauf, denn obwohl es im Ferienlager eine ausgesprochen schöne Zeit gewesen war, genieße ich stets die Trümpfe der Zivilisation, besonders die des Stadtlebens. Die insgesamt etwas primitiven Zustände, die teils frevelhafte Kost und mein zu kurzes Bett hätten mich auf Dauer langsam in den Wahnsinn getrieben. So war ich gut gelaunt, als ich das letzte Mal schwitzend in meiner Schüssel aufwachte.

Der Vormittag bestand aus dem Packen. Alles, was wir mitgebracht hatten, musste auch selbstverständlich wieder zurückgenommen werden. Dazu gehörten nicht nur Anziehsachen, Schuhe und der Besitz der Jungen, sondern auch eine große Menge an Matratzen und Küchengeräten. Selbst eine riesige, uralte Gefriertruhe, die scheinbar aus Tungsten hergestellt war, mussten wir in unseren Viehtransportwagen heben.

Als alles gepackt war, gab es noch ein letztes Mal Mittagessen – eine echte Rarität, denn es handelte sich um ein kulinarisches Bravourstück, bestehend aus frittiertem Hühnchen mit Pommes. Dann quetschten wir uns allesamt in den Lastwagen und fuhren los. Nach holprigen und ausgesprochen unbequemen drei Stunden erreichten wir endlich die Heimat. Es war eine schöne Zeit, das Ferienlager – und ich werde mich an viele Momente noch lange erinnern. Im tiefsten Winter, also im Juli, werden wir nochmal hinfahren und ich bin durchaus gespannt, wie ich es ein halbes Jahr später empfinden werde. 

Zuhause im Casa de Voluntarios angekommen, widmeten wir uns erst einmal der Rattenjagd, denn unsere Küche war infiltriert worden.

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Von Kafka, Kolumbus und Biermann https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/01/02/von-kafka-kolumbus-und-biermann/ https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/2026/01/02/von-kafka-kolumbus-und-biermann/#respond Fri, 02 Jan 2026 22:38:41 +0000 https://blogs.donboscovolunteers.de/unterwegs-in-einem-stillen-land/?p=12 Einführung: Da dies mein erster Blogeintrag ist, ist eine kleine Einführung wohl angebracht. Ich heiße Ingmar Wetzel, ich bin 19 Jahre alt, ich komme aus Berlin, ich habe die letzten paar Jahre in Brüssel gewohnt.  Ursprünglich plante man, mich für mein Auslandsjahr nach Südindien zu schicken; doch das indische Konsulat in München versäumte mein Visum […]

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Einführung:

Da dies mein erster Blogeintrag ist, ist eine kleine Einführung wohl angebracht. Ich heiße Ingmar Wetzel, ich bin 19 Jahre alt, ich komme aus Berlin, ich habe die letzten paar Jahre in Brüssel gewohnt. 

Ursprünglich plante man, mich für mein Auslandsjahr nach Südindien zu schicken; doch das indische Konsulat in München versäumte mein Visum und ließ mich vollkommen im Stich. Nach ungefähr drei Monaten Wartezeit, in denen ich mir wir Josef K. aus Kafkas Der Prozess – also vollkommen ohnmächtig und untätig – vorkam, beschloss man mich dann nach Bolivien zu schicken, nach Santa Cruz de la Sierra. Nun bin ich also eher wie Christoph Kolumbus; ich wollte nach Indien, landete schließlich in Amerika. (Witz von Richard Wetzel) Hier in der neuen Welt arbeite ich im Hogar Don Bosco, einem Kinderheim für Jungen im Alter von ca. 5-17 Jahren. Ich begleite die mittlere Gruppe, Jungen im Alter von ca. 9-14 Jahren. 

Dieser Blog wird wohl keine genaue Erzählung meiner Erfahrungen hier, ich werde nicht schreiben, was ich jeden Tag mache, es wird nichts chronologisch. Stattdessen wird es eine einfache Sammlung an Beobachtungen, Geschichten, und generell Sachen die mir Auffallen und die ich für schreibenswert Halte. Was ich hier schreibe ist keineswegs empirisch bewiesen, sondern rein subjektiv. Der Titel meines Blogs ist eine doppelte Hommage an Roger Melis und Wolf Biermann, beides Künstler, die mir sehr nahe liegen. Roger Melis veröffentlichte 2007 einen Fotoband mit Bildern aus der DDR, eines meiner liebsten Fotobücher. Dieses Buch heißt In einem stillen Land, ein Titel, der an Biermanns Lied Noch angelehnt ist, indem Biermann singt, “Das Land ist still, noch.” Das Buch sowie das Lied handeln von einer schläfrigen Landschaft und einem mattes Volk, die auf bessere Zeiten warten. Insofern finde ich, dass dieser Titel auch in gewisser Weise zu Bolivien passt. Übrigens werde ich wohl jede Woche oder alle zwei Wochen einen neuen Beitrag schreiben. 

Hogar Don Bosco:

Ich arbeite im Hogar Don Bosco. Hier gibt es einen lieben alten Padre namens Octavio – einen Italiener von mindestens 85 Jahren. Es gibt eine Cheffin namens Wilma, eine etwas konfuse, aber durchaus angenehme Frau. Es gibt die Educadores, die ich als Volontär unterstütze. Mario, Jose Carlos, Luís Fernando, Lourdes, um nur die zu nennen, mit denen ich oft zu tun habe. Es gibt einen Theatersaal in dem die Jungen manchmal Filme gucken oder Karaoke singen, es gibt einen großen Fußballrasen, zwei kleine Betonbolzplätze. Es gibt eine Küche, in der Huhn und Reis zubereitet werden, es gibt zwei Essensräume, in denen Huhn und Reis gegessen werden, es gibt zwei furchteinflößende Schäferhunde in einem Zwinger, die abgekaute Hühnerknochen zu essen bekommen. Es gibt sechzehn Schlafsäle und noch viel mehr. Und hier alles ist umrundet mit hohen Mauern und einem kilometerlangen Drahtverhau, der selbst einen Pioniersoldaten im Ersten Weltkrieg neidisch machen würde.

Insgesamt gibt es an die 90 Jungen hier, aufgeteilt in drei Gruppen. In der meinen sind momentan 18, im Alter von ca. 9-14. Ich wecke sie morgens auf, gebe Zahnpasta aus, dann frühstücken wir. Danach müssen die Kinder oft sauber machen, fegen, wischen, Müll aufsammeln. Dennoch liegt immer Müll herum, fast überall im Hogar. Dies scheint mir nicht wie fehlende Sorgfalt der mit der Räumung des Abfalls beauftragten Kinder, sondern eher wie grundsätzlich fehlende Bildung. Man bringt den Kindern zwar bei, den Müll aufzuheben, aber sie lernen nie, ihn nicht in die Gegend zu schmeißen.

Dies hängt auch mit einem scheinbar entscheidenden Element der Mentalität der Heimkiner zusammen – der Impulsivität. Diese Impulsivität ist bei den meisten Jungen omnipräsent und lässt sich in einer Vielzahl von Situationen beobachten. Da sind es die – eigentlich oft eng befreundet – die sich bei jedem Konflikt erstmal kräftig prügeln, statt vernünftig zu bleiben. Oder aber die, die in jeglichen sportlichen Aktivitäten vollkommen individualistisch geprägt sind. Generell ist Sport und besonders Fußball eine gute Repräsentation für die mentale Einstellung der Jungs. Das Ziel des Spieles ist, primär die eigene sportliche Exzellenz zu beweisen, nicht um den Belang der Mannschaft voranzubringen. Apropos, Sport wird meist nach dem Aufräumen betrieben. Irgendwann gibt es dann auch Mittagessen, Huhn und Reis, danach wird in der Regel eine Art Siesta gemacht. 

Essen:

Die bolivianische Küche – oder die, die man hier in Santa Cruz zu Gesicht bekommt – stellt für mich eine Enttäuschung dar. 

Ich vermute, dass durch jahrhundertelange Armut und Ausbeutung besonders die Kaufkraft des Volkes auf ein Minimales reduziert wurde. Natürlich übt sich dies auch auf das hier verfügbare Essen aus. Dieses scheint mir eher dazu gemacht, den Körper mit ausreichenden Nährstoffen zum Arbeiten zu stopfen, als ein geschmacklich anspruchsvolles Erlebnis abzuliefern. Reis, Kartoffeln, Huhn – jeden Tag mehrmals. Dazu wird auch so gut wie nie Wasser getrunken, immer Cola oder Fanta oder zuckrige Fruchtsäfte. 

Man muss den Bolivianern jedoch auch einige kulinarische Volltreffer zumuten, zum Beispiel Saltenas. Eines der besten Frühstücke, die ich je essen durfte, besteht aus einem süßlichen, mit salziger Hühnerfleischfüllung gefüllten Teig. Gegessen wird vertikal, von einem spitzen Ende zum Anderen. Doch ist die bolivianische Küche insgesamt nicht besonders vielfältig, deswegen kochen wir im Casa de Voluntarios auch oft Tag zu Abend. 

Ein weiterer Segen, der uns hier aufgrund unserer zivilisierten Lage zukommt, ist, dass es doch eine beachtliche Auswahl an internationalem und auch geliefertem Essen zur Verfügung steht. So kann man zu einem durchaus nachvollziehbaren Preis etwas bestellen und auch mal etwas außer Huhn und Reis bekommen.

Im Hogar reicht das Essen scheinbar willkürlich von haarsträubendem Fraß zu anständiger Heimküche. In der Regel gibt es natürlich Huhn mit Reis und Kartoffeln, oft auch diverse Eintöpfe, zum Beispiel mit Linsen. Wenn man großes Pech hat, muss man sich jedoch Kutteln oder frittiertem Panser ergeben – ein grauenhaftes Schicksal, das bis zum Feierabend schrecklichen Hunger garantiert. 

Santa Cruz: 

Bolivien scheint für mich ein Land unendlicher Wiedersprüche und Probleme zu sein, und Santa Cruz scheint dies ausgesprochen gut zu verdeutlichen. Für mich ist es wie in Belgien, wie in Brüssel, nur dass alle Probleme bis ins fast Absurde verzerrt sind. 

Da ist zum Beispiel die Infrastruktur in der Stadt. An jeglichen öffentlichen Diensten scheint es vollkommen zu mangeln, stattdessen gibt es private Unternehmen, die der wohlhabendsten Schicht der Bevölkerung vorbehalten sind. Die Straßen strotzen vor Dreck und Vermüllung, das Volk ist das ärmste in Südamerika, das Land steckt tief in einer scheinbar hoffnungslosen Wirtschaftskrise. Aber wenn man hinter den Mauern und dem Stacheldraht genug Geld übrig hat, dann kann man diese Engpässe so gut wie umgehen – mit genug “Plata” kann man hier sehr gut leben. Auch Zugang zu guten Schulen, Krankenhäusern, Sicherheit, usw. hängt primär vom Wohlstand ab. 

In Santa Cruz wird die unsichtbare Mauer, die die sozialen Welten trennt, sehr schnell sichtbar. Das Casa de Voluntarios befindet sich im Stadtviertel 3 de Mayo, einer eher wohlhabenden, doch gemischten Gegend. Direkt gegenüber von uns liegt der Mercado 4 de Noviembre, ein großer aber durchaus regulärer Markt. Da gibt es eine ungekühlte Fleischstraße, eine Gemüsestraße, eine Eisenwahrenstraße. Da verkaufen uralte indigene Frauen diverse Wurzeln, da liegen ein paar Bettler und Obdachlose. Irgendwo rennt auch eine Ratte herum. Im Obergeschoss kann man sich für umgerechnet ca. 1,30€ Huhn mit Reis und Kochbanane oder ein okkultes Suppengebräu kaufen. Alles ganz normal, alles ausreichend. 

Läuft man nun zehn Minuten die Straße hoch, kommt man nach Equipetrol, eines der wohlhabendsten Viertel in Santa Cruz. Dort befindet sich der IC Norte. Dies ist ein riesiger Supermarkt, der mich sehr an die in den USA erinnert, inklusive Foodcourt und co. Das ist eine andere Welt. Hier ist alles spiegelblank poliert – spiegelblank poliert von uralten indigenen Frauen. Auf dem Parkplatz stehen teure Importwagen, Marken wie Volvo, Cadillac, Mercedes. Aus den Autos steigen schick angezogene Menschen, oft Hellhäutige, die sehen aus wie Europäer – wohl ein fernes Erbe der Kolonialzeit. Drinnen gibt es alles was das westliche Herz begehrt, vor allem amerikanische Markenprodukte. Westliche Produkte zu westlichen Preisen. In einem Land, in dem mehr als ein Drittel der Bevölkerung mit unter vier Euro am Tag ist, ist das ganz schön teuer. Hier kann der Durchschnittsbolivianer nicht einkaufen. An den Kassen stehen Jungen und packen Einkäufe in Plastiktüten ein, schieben Einkaufswagen zu teuren Importwagen. Sie sind teilweise alarmierend jung, und sie bekommen keinen Lohn vom IC Norte – nur Trinkgeld von dem einen oder anderen Kunden. IC Norte

Santa Cruz ist eine komische Stadt. Hier herrscht ein heilloses Durcheinander, hier herrscht die Gegenüberstellung zwischen Neu und Alt, zwischen Tradition und Fortschritt. Diese Konfrontation erinnert mich auf viele Weisen an meine zwischenzeitliche Heimat, Brüssel. Dort wird – besonders im architektonischen Sinne – die Tradition auf eine fast barbarische Art und Weise zerschmettert. Die brutalen Strukturen der Europäischen Institutionen, oder die im Quartier Nord, wurden in ein existierendes städtisches Netz gestampft und koexistieren jetzt mit ihm. In Santa Cruz zeigt sich dieses Zusammentreffen von Alt und Neu eher auf der kulturellen Ebene. Denn das im spanischen Kolonialstil erbaute Stadtzentrum ist mehr oder weniger intakt. Der Kampf wird zwischen Mercado 4 de Noviembre und IC Norte gefochten, zwischen Pique Macho und Burger King, zwischen Papayasaft und Coca Cola. In Santa Cruz werden nicht plastische Strukturen ersetzt, sondern gesellschaftliche.

Auch wird in Santa Cruz der Gesamtzustand Boliviens klar. Hier wohnen fast zwei Millionen Menschen – es ist die größte Stadt des Landes. Es ist das wirtschaftliche Zentrum Boliviens, die größten Unternehmen und Banken sind hier angesiedelt. Doch wirkt die Stadt an vielen Ecken seltsam provinziell. Der historische Stadtkern ist sehr beschaulich, alles dreht sich um den zentralen Plaza 24 de Septiembre, der auch nicht wahnsinnig viel zu bieten hat. Santa Cruz fehlt jegliche Grandeur, die man in einer europäischen Stadt vergleichbarer Größe finden würde, oder für die viele andere südamerikanische Großstädte bekannt und gar berühmt sind. Die Straßen in den Barrios sind oft verschlafen und wirken eher, als liegen sie in einem Dorf oder in einer Kleinstadt, als in einer Millionenstadt. Vielleicht hängt dies aber auch mit dem generell recht gemächlichen Tempo des Lebens zusammen.  

Die Menschen stehen langsam auf, sie bewegen sich gemütlich – wie in Belgien. Abends sitzt man vor den Häusern auf der Straße oder spielt Billard. Man schaut den Straßenhunden zu, die einem über den Weg laufen. Man isst spät zu Abend; spät Huhn und Reis. Die Einwohner von Santa Cruz, oder Cruceños, reden mit einer lässigen, oft langsameren Mundart als Bewohner anderer Großstädte. Sie sind freundlich, hilfsbereit. 

Santa Cruz ist ein raues Pflaster mit viel Stacheldraht und Graffiti; es ist ein angenehmer, heißer, dreckiger Fleck voller leidenschaftlicher Menschen die einfach nur versuchen im skrupellosen Spätkapitalismus des modernen Boliviens zu überleben.

Ihr könnt gerne an mich spenden, es würde mich sehr freuen!

DON BOSCO MISSION
LIGA BANK MÜNCHEN
IBAN: DE66 7509 0300 0102 1418 76
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Ingmar Wetzel, S25VB021

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